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Elf Jahre gefechtsbereit

Einer der insgesamt vier Ausweichgefechtsstände der ehemaligen DDR-Armee befand sich in der Dübener Heide, rund 60 km nördlich von Leipzig. Das Bunkerdenkmal aus der Zeit des Kalten Krieges zeugt von den damaligen Kriegsvorbereitungen der Staaten des Warschauer Paktes und war eines der bestgehüteten Geheimnisse der Nationalen Volksarmee der DDR.

Gut getarnt liegt die 75 ha große Anlage der ehemaligen Nationalen Volksarmee der DDR (NVA) inmitten der Dübener Heide. An der Straße zwischen Söllichau und Kossa biegt nach der Bahnlinie eine schmale Betonstraße ab. Nach fünf Kilometern Fahrt durch den Wald erreicht man ein Wachgebäude und die äußere Umzäunung des Gefechtsstandes. An dieser Stelle sind die Reste der Hochspannungssicherungsanlage sichtbar, umgeben von einem Doppelzaun. Dahinter befanden sich Dienst- und Unterkunftsgebäude der Wach- und Wartungseinheiten. Das Wachpersonal rekrutierte sich aus NVA-Wehrdienstpflichtigen, die permanente Wartungseinheit 13 (WA 13) der Anlage bestand aus 48 Berufssoldaten der NVA.

Gesicherte Kernzone

Die Kernzone der Anlage bildete die innerste Zone. Die hier Dienst leistenden Wehrdienstpflichtigen der NVA haben nie gewusst, was sich hier wirklich befand. Nochmals gesichert durch einen Sicherheitszaun und eine Personenschleuse erreicht man den Gefechtsstand mit seinen sechs Bunkern, bestehend aus
  • vier unterirdischen Stabsbunkern,
  • einem technischen Bunker und
  • einem Nachrichtenbunker.

Insgesamt haben 545 Soldaten (240 Stabsoffiziere, 220 Nachrichtenoffiziere und -unteroffiziere und 85 Sicherstellungskräfte) in dieser abgeschotteten NVA-Gefechtsstelle Platz gefunden. Um vor der NATO-Luftaufklärung sicher zu sein, erhielten sogar einige Zufahrtswege einen Tarnanstrich. Die Eingänge der Stabsbunker gleichen kleinen, mit Tarnanstrich versehenen Waldhütten und sind durch ein ABC-Schleusensystem sowjetischer Herkunft geschützt. Die Belüftungs- und Klimaanlagen sind mit Spezialfiltern ausgerüstet, die gegen alle damals bekannten Einwirkungen von ABC-Waffen schützen sollten.

Verbindung zur Sowjetarmee

Die zweistöckige unterirdische Kommandozentrale war für die Aufnahme eines operativen Stabes der oberen Führungsebene des Warschauer Paktes (WAPA) bestimmt. Das Herz der Anlage war das operative Führungszentrum. Rund 20 hohe Stabsoffiziere zur Führung der Truppen der NVA haben im Führungsraum Platz gefunden. Die Telefone für die damals wichtigsten Verbindungen stehen noch an ihrem Platz: zu den militärischen Kommandozentralen der DDR, zu den Kommandozentralen des Warschauer Paktes und das grüne Telefon zum Oberkommando der in der DDR stationierten sowjetischen Streitkräfte. An den Wänden hängen Karten und Pläne von NVA-Stabsübungen, auf einem Korpus steht einsam ein UdSSR-Wimpel.

Die bis zu 200 Meter auseinander liegenden Bunker waren durch verschiedene Kommunikationsmittel untereinander verbunden - Verbindungsstollen bestanden jedoch keine. Damit sollte der Totalausfall des Gefechtsstandes bei einem direkten Bombentreffer verhindert werden. Mit einer damals seltenen und aufwändigen Kabel-TV-Anlage und handelsüblichen TV-Geräten konnte Kartenmaterial von den Planungsstäben der umliegenden Bunker in den Führungsraum übertragen werden. So war der gesamte Stab in der Lage, per Videokonferenz die operative Planung gemeinsam durchzuführen. Jeder Stab in seinem Bunker war mit unterschiedlichen technischen und operativen Aufgaben betraut. Jedoch konnte keine NVA-Planung ohne Einbezug der Stäbe der Sowjetarmee durchgeführt werden.

Kurze Überlebensdauer

Im technischen Bunker wurde die Versorgung des gesamten Gefechtsstandes sichergestellt. Ein Schiffsdieselmotor gewährleistete den autonomen Betrieb aller Bunker unter Volllast bis zu 17 Tage, bei reduziertem Betrieb bis maximal 34 Tage. Der unterirdische Dieseltank fasst 20 000 Liter. Die Verpflegungsautonomie im Gefechtsstand reichte allerdings nur für drei Tage, die Isolationszeit ohne Frischluftzufuhr über die Filteranlagen betrug nur sechs Stunden. Bei einer Beschädigung oder Sättigung der ABC-Filteranlagen musste daher rasch gehandelt werden.

Der Nachrichtenbunker mit sechs geschützten Fahrzeugunterständen ist das größte Bauwerk. Hier sind die mobilen Sende- und Empfangsanlagen untergebracht. Im Rechnerbunker erfolgte die computergestützte Berechnung taktischer Daten und Statistiken zur Truppenführung.

Wie alles begann

1935 errichtete die Westsächsisch-Anhaltinische Sprengstoff AG (WASAG) in Kossa eine Munitionsfabrik. Tausende von Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen produzierten während des Zweiten Weltkrieges in einem Arbeitslager vor Ort Granaten. Nach dem Krieg sprengte die Sowjetarmee gemäß den Beschlüssen der alliierten Siegermächte die Anlagen. Rund 15 Jahre später zeigte die NVA Interesse am Gelände und errichtete Werkstätten für eine Pionier- und eine chemische Einheit. Mit der Planung einer dreistöckigen Führungsstelle wurde 1973 begonnen. Aus Kostengründen wurden Anfang 1975 die Planungen geändert und das Projekt mit einer dezentralen Anordnung der nur mehr zweistöckigen unterirdischen Bunker umgesetzt.

Bunkerbau

Unter strikter Geheimhaltung wurde sämtliches Baumaterial nachts transportiert. Zeitzeugen berichten, dass während der Bauzeit oft lange Militärkonvois bestehend aus Planen-LKWs durch die Dörfer der Dübener Heide gefahren sind. Stahl, Zement und Baumaterial wurden, weil nur knapp vorhanden, aus der ganzen DDR antransportiert. Teile der Technik wurden aus der UdSSR importiert oder in Lizenz produziert. Am 17. Juli 1979 wurde die damals fast 24 Millionen DDR-Mark teure Führungsstelle der NVA übergeben. Gemäß dem von Verteidigungsminister Armeegeneral Heinz Hoffmann unterzeichneten Übergabeprotokoll sollte die Anlage die Detonation einer 100 Kilotonnen-Kernwaffe in einer Entfernung von 1 200 Metern überstehen.

Ständige Gefechtsbereitschaft

In der NVA gab es vier Stufen der Gefechtsbereitschaft:
  • Die erste Stufe war die Ständige Gefechtsbereitschaft, was bedeutete, dass mindestens 85 Prozent des NVA-Bestandes und der Kampftechnik präsent waren.
  • Die Erhöhte Gefechtsbereitschaft bedeutete, dass die Marschbereitschaft der Führungsorgane und Truppen in Kasernen und im Übungsraum hergestellt war.
  • Bei Gefechtsbereitschaft bei Kriegsgefahr hatten die Führungsorgane und Truppen einen zehn bis 15 Kilometer entfernten vorläufigen Dezentralisierungsraum (Verfügungsraum) zu beziehen.
  • Die Volle Gefechtsbereitschaft war die höchste Stufe der Gefechtsbereitschaft. Damit wurde die höchste Bereitschaft zur Erfüllung von Gefechtsaufgaben erreicht.

Die permanenten Forderungen nach einer hohen Gefechtsbereitschaft bedeuteten für die NVA-Soldaten erhebliche Belastungen und Einschränkungen. Alle Planungen gingen von einer Aggression durch die NATO aus. Je nach Ausgangslage mussten die NVA-Angehörigen zwischen 30 Minuten und zwei Stunden nach der Alarmierung abmarschbereit sein, die Fahrzeug-Besatzungen waren je nach Auftragslage mit ständig voll aufmunitionierten Kampffahrzeugen im Gefechtsfahrzeugpark abmarschbereit.

Die Anlage in Kossa unterstand der territorialen Führung des Militärbezirkes III Leipzig und wurde von diesem gefechtsbereit gehalten. Die Anlage wurde aber nur für einige wenige Stabs- und Nachrichtenübungen genutzt. So übte die Territorialführung Szenarien zur Sicherstellung der Landesverteidigung, der Mobilmachung oder zur Sicherstellung der Bewegung der Vereinten Streitkräfte der Warschauer Pakt-Vertragsstaaten. Z. B. war das Ziel der Mobilmachungsübung "EICHRAUM-83" vom 13. bis zum 30. Juni 1983 "die Aufstellung und Herstellung der Geschlossenheit von Teilen der 16., 20., und 27. Mot-Schützendivision sowie die "Vorbereitung der Führungsorgane zur Lösung von Führungsaufgaben bei der Formierung und Felddienst." Bei der fünftägigen Kommandostabsübung "GRENZSCHICHT-81" ging es um "die Führung der Mobilmachung, Erfüllung territorialer Aufgaben und personelle Auffüllung der Führungsorgane und Truppen zur Deckung von Gefechtsverlusten, ohne und mit Einsatz von Massenvernichtungswaffen durch den Gegner." Diese Stabsübungen entsprachen exakt den Aufgaben dieser Führungsstelle im Verteidigungsfall.

Kampf auf NATO-Gebiet

Die in der DDR stationierte Sowjetarmee (Westgruppe der Truppen - WGT) mit über 360 000 Soldaten (Stand 1990) hätte im Falle eines Einsatzes zusammen mit der NVA und den übrigen WAPA-Staaten unter sowjetischem Oberbefehl und unter sowjetischer Planung den Kampf gegen die NATO aufgenommen und versucht, den Krieg auf deren Territorium siegreich zu beenden. Vom Gefechtsstand Kossa aus wäre vermutlich ein Angriff in den bayrischen Raum geführt worden - mit weitreichenden Konsequenzen auch für angrenzende neutrale Staaten wie Österreich.

Neue Nutzung

Nach der Wende übernahm die Bundeswehr die Führungsstelle und stellte sie 1993 außer Dienst. Danach entstand die Idee, die Bunkeranlagen als Zeitzeugnisse zu erhalten. 1997 wurde der Verein "Eurocenter Sächsische Militärgeschichte Leipzig/Dübener Heide e.V." gegründet. Nach fünfjährigen Vorbereitungen, mit Unterstützung der Bundeswehr und des Militärhistorischen Museums Dresden eröffnete das Militärmuseum Kossa am 24. Mai 2002. Es ist die einzige erhaltene geschützte Führungsstelle der NVA. Die anderen drei baugleichen NVA-Gefechtsführungsstellen wurden für immer geschlossen.


Autor: Hauptmann Andreas Hess, Schweiz, Jahrgang 1964; erlernter Beruf Speditionskaufmann (Eidgenössischer Speditionsfachmann FA); Fachoffizier/Hauptmann (Milizoffizier, aktiv), Chef Medien Infanteriebrigade 7, Präsident EMPA Schweiz, redaktioneller Mitarbeiter der Zeitschrift Schweizer Soldat.

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