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Kreta Mai 1941 Das Gefecht um Maleme

Die Entscheidung im Zweiten Weltkrieg über Sieg oder Niederlage in der Schlacht um Kreta im Mai 1941 fiel im Raum Maleme, im westlichen Nordteil der Insel gelegen. Insgesamt waren zur Einnahme Kretas auf deutscher Seite über 22 000 Soldaten eingesetzt. Rund 42 000 Soldaten standen auf alliierter Seite zur Verteidigung der Insel bereit. Die von deutschen Luftlande- und Fallschirmjägerverbänden durchgeführte Operation, auch Unternehmen "Merkur" genannt, war zugleich die erste große Luftlandeoperation der Geschichte. Trotz der strategischen und operativen Fehler in der Einsatzvorbereitung und der großen Mängel bei der Aufklärung entschieden letztlich das Gefecht um Maleme der Einsatzwille der deutschen Soldaten und die taktischen Fehler der neuseeländischen Brigade auf alliierter Seite. Dieser Beitrag stellt primär die taktischen Entscheidungen und Handlungen dar.

Britische Beurteilung und Maßnahmen

Die Briten vertraten die Ansicht, dass derjenige, der Kreta besetzt hält, die Zufahrt zum Dodekanes (griechische Inselgruppe in der südlichen Ägäis mit der Hauptinsel Rhodos) sowie das östliche Mittelmeer kontrolliere. Zudem begünstige der Besitz der Insel aus strategischer und geografischer Sicht einen Einsatz in Malta und Ägypten. Britische Truppen bereiteten daher frühzeitig die Besetzung Kretas vor. Sie landeten bereits am 1. November 1940 auf der Insel, ein paar Tage nach dem Beginn des italienischen Angriffs auf Griechenland (28. Oktober 1940), nachdem die griechische Regierung von London Hilfe erbeten hatte.

In den folgenden Monaten wurden einige britische Infanterieverbände und Fliegerabwehreinheiten nach Kreta verlegt. Die Briten bauten den Hafen in der Souda-Bucht als Versorgungsstützpunkt für ihre Mittelmeerflotte aus. Bis Februar 1941 wurden in Maleme, Rethimnon und Iraklion (Heraklion) drei Einsatzflugplätze für die Royal Air Force (RAF) errichtet. Im Zuge der gegen Ende April vollzogenen Besetzung des griechischen Festlandes durch die Deutsche Wehrmacht waren der König, die Regierung und Teile der Armee auf die Insel Kreta geflohen. Auf Anweisung des britischen Premierministers Winston Churchill wurde ein Teil des britischen Expeditionskorps nach Kreta verbracht, um eine wirksame Verteidigung zu gewährleisten. Der bisherige Kommandant der neuseeländischen 2. Division, General Bernard Freyberg, wurde vom britischen Oberkommandierenden Nahost, General Archibald Wavell, zum Kommandanten auf Kreta ernannt.

Es wurde sofort mit der Planung und dem Ausbau der Verteidigung begonnen. Am Vorabend der deutschen Invasion waren auf Kreta rund 42 000 alliierte Soldaten (überwiegend Neuseeländer, dazu kamen noch Australier, Engländer und Griechen) stationiert. Sie waren nicht ausreichend ausgerüstet, insbesondere fehlten Flugzeuge und schwere Waffen. Zusätzlich verteidigten noch ca. 8 000 kretische Partisanen die Insel.

General Freyberg erwartete einen kombinierten Angriff vom Meer und aus der Luft. Er legte die Masse seiner Truppen an die Nordküste in den Raum Maleme, Chania, Souda-Bucht, Rethimnon und Iraklion, um die dort liegenden Flugplätze, Häfen und Städte zu verteidigen. Dabei wurden

  • im Raum Maleme und Galatas die neuseeländische 2. Division (plus 3 500 Griechen),
  • im Raum Chania und Souda eine divisionsstarke Kampfgruppe (britische, australische und griechische Einheiten),
  • im Raum Rethimnon die australische 19. Brigade (plus 3 200 Griechen) sowie
  • im Raum Iraklion die britische 14. Brigade (plus 2 700 Griechen) eingesetzt.

Deutsche Beurteilung und Maßnahmen

Das deutsche Oberkommando ging davon aus, dass mit einer Inbesitznahme von Kreta die Transportwege von Griechenland und Afrika nach Italien gesichert und die deutsche Lufthoheit bis an den Suez-Kanal erweitert werden könnte. Darüber hinaus wollte man britische Luftoperationen in Richtung Rumänien unterbinden. Die rumänischen Ölfelder waren für die deutsche Energieversorgung und Kriegsführung von entscheidender Bedeutung.

Am 25. April 1941 wurde die Weisung Nr. 28 des Oberkommandos der Wehrmacht (OKW) erlassen, welche die Eroberung Kretas unter dem Decknamen "Merkur" anordnete. Der Luftflotte 4 (Befehlshaber Generaloberst Alexander Löhr) standen das VIII. Flieger-Korps unter General Wolfram von Richthofen und das XI. Flieger-Korps unter General Kurt Student zur Verfügung. Für die eigentliche Landung war die 7. Flieger-Division unter Generalleutnant Wilhelm Süßmann und die 5. Gebirgs-Division unter Generalmajor Julius Ringel vorgesehen. Zum Einsatz sollten etwa 25 000 deutsche Soldaten und fast 1 000 Flugzeuge kommen.

Der militärische Nachrichtendienst unterschätzte die Stärke der Alliierten auf Kreta, da er mit etwa 15 000 britischen Soldaten und nur wenigen griechischen Truppen rechnete. Auch sollte die Bevölkerung der Deutschen Wehrmacht angeblich wohlgesinnt sein. Außerdem konnte die Luftaufklärung viele britische Stellungen nicht finden, wodurch ein falsches Feindlagebild entwickelt wurde.

Wegen fehlenden Transportraumes sah die deutsche Planung vor, die vier Angriffsziele mit insgesamt drei Gruppen in zwei Wellen zu nehmen.

  • Die erste Welle sollte am 20. Mai 1941 um 0715 Uhr den Raum Maleme (Gruppe West) sowie den Raum Chania und die Souda-Bucht (Gruppe Mitte) angreifen.
  • Die zweite Welle sollte später um 1515 Uhr die Räume Rethimnon (Gruppe Mitte) und Iraklion (Gruppe Ost) einnehmen.

Die erste Welle bestand aus dem

  • Luftlande-Sturm-Regiment und dem
  • Fallschirmjäger-Regiment 3.

Die zweite Welle bestand aus dem

  • Fallschirmjäger-Regiment 2 und dem
  • Fallschirmjäger-Regiment 1.

Außerdem sollten am Morgen des 20. Mai zwei Seetransportstaffeln mit dem

  • verstärkten III. Bataillon des Gebirgsjäger-Regimentes 100 und dem
  • verstärkten II. Bataillon des Gebirgsjäger-Regimentes 85

in See gehen. Als entscheidend für den Erfolg der Operation wurde die schnelle Inbesitznahme der Flugplätze und der wichtigsten Städte angesehen.

Flugplatz Maleme

Verteidigung durch die neuseeländische 5. Brigade

Die im Raum Maleme und Platanias eingesetzte neuseeländische 5. Brigade (5. NZBrig) hatte folgenden Auftrag:

  • Verteidigung des Flugplatzes Maleme;
  • Vernichtung der luftgelandeten Kräfte durch Gegenangriffe;
  • Durchführung einer beweglichen (aktiven) Verteidigung.

Aufträge an die Bataillone

  • 21. Bataillon (Baon) vernichtet die luftgelandeten Kräfte im Bataillonsbereich und hält sich für Gegenangriffe zum 22. Bataillon bereit.
  • 22. Bataillon verteidigt den Flugplatz Maleme, hält die Höhe 107 und überwacht den Flussübergang Tavronitis.
  • 23. Bataillon vernichtet die luftgelandeten Kräfte im Bataillonsbereich und hält sich für Gegenangriffe zum 22. Bataillon bereit.
  • 28. Bataillon verteidigt die Ortschaft Platanias und schützt den Brigadegefechtsstand.
  • Pionierabteilung (PiAbt) mit zwei Kompanien, als Artillerieeinheiten infanteristisch eingesetzt, sperrt die Landstraße zwischen dem 23. Bataillon und dem 28. Bataillon.

Weitere Verstärkungen:

  • Zehn Bofors 40-mm-Kanonen beziehen an den Rändern des Flugplatzes Maleme Stellung. Dazwischen sind mehrere Fliegerabwehrmaschinengewehre (FlAMG) mit RAF-Bedienungen eingesetzt.
  • Zwei 9,7-cm-Fliegerabwehrkanonen (FlAK) befinden sich nahe der Höhe 107 in Stellung.
  • Zwei 10,5-cm-Küstengeschütze sind auf einer nordwestlich der Höhe 107 befindlichen Kuppe, mit Schussrichtung Flugplatz und Küste, in Stellung zu bringen.
  • Zwei Kampfpanzer "Matilda", drei Aufklärungspanzer und ein Infanteriezug bilden die Bataillonsreserve.

Zur unmittelbaren Feuerunterstützung stehen

  • vier französische 75-mm-Feldkanonen,
  • zwei britische 9,4-cm-Haubitzen und
  • drei italienische 75-mm-Geschütze
  • zur Verfügung.

Beobachtungsstellen sind nahe der Höhe 107 eingerichtet.

Aufträge an Kompanien/22. Bataillon

  • Stabskompanie (StbKp) verteidigt die Ortschaft Pirgos und sperrt die Straße nach Chania.
  • A-Kompanie (A-Kp) verteidigt die Höhe (H) 107.
  • B-Kompanie (B-Kp) verteidigt den Raum ostwärts der Straße Maleme-Vlaheronitissa.
  • C-Kompanie (C-Kp) verteidigt den Flugplatz Maleme, hält den Strand nördlich davon und ebenso das Ostufer bis zur Brücke über den Tavronitis-Fluss.
  • D-Kompanie (D-Kp) verteidigt die Tavronitis-Brücke und hält das Ostufer des Tavronitis-Flusses.
  • I. schwerer Maschinengewehr-Zug (sMGZg) überwacht mit Feuer die Tavronitis-Brücke und Teile des Flussbettes sowie den südlichen Abschnitt des Flugplatzes.
  • II. sMGZg überwacht mit Feuer den ostwärtigen Abschnitt des Flugplatzes und den Strand nördlich des Flugplatzes.

Angriff des deutschen Luftlande-Sturm-Regimentes

Die Gruppe West der ersten Welle des deutschen Angriffs wurde durch das verstärkte Luftlande-Sturm-Regiment (verstLLSturmRgt) gebildet und hatte den Auftrag,

  • handstreichartig den Flugplatz Maleme in Besitz zu nehmen,
  • etwaige Landehindernisse zu beseitigen und
  • den Platz für nachfolgende Landungen offen zu halten.
  • Zusätzlich sollte nach Kastelli (ca. 17 km westlich von Maleme) aufgeklärt und schließlich
  • mit der Gruppe Mitte im Raum Chania, Souda die Verbindung hergestellt werden.

Zur Erfüllung des Auftrages wurde das Luftlande-Sturm-Regiment verstärkt durch

  • 3. Kompanie/Flugabwehr-Maschinengewehr-Bataillon 7 (3./FlaMGB 7) mit fünf 20-mm-Geschützen,
  • 1. Batterie/Fallschirm-Artillerie-Abteilung 7 (1./FschArtAbt 7) und
  • 3. Kompanie/Fallschirm-Sanitäts-Abteilung 7 (3./FSchSanAbt 7).
  • Die 1. und 2. Kompanie (I. Bataillon) des Luftlande-Sturm-Regimentes wurden an die Gruppe Mitte abgegeben.

Aufträge an Fallschirmjäger-Bataillone:

  • I. Bataillon (Kommandeur Major Koch; 3. - 4.Kp) landet um Y-Uhr mit Lastenseglern nordwestlich des Flugplatzes Maleme, kämpft die Fliegerabwehr-Kräfte nieder und nimmt die Höhe 107.
  • II. Bataillon (Kommandeur Major Stentzler; 5. - 8.Kp) springt um Y-Uhr plus 5 Minuten ostwärts Spilia ab, sichert nach Westen und steht dann als Regimentsreserve zur Verfügung.
  • III. Bataillon (Kommandeur Major Scherber; 9. - 12.Kp) springt um Y-Uhr plus 15 Minuten im Raum Maleme, Pirgos ab, nimmt die Ortschaft Maleme und sichert gegen Angriffe aus Osten. Die 9. Kompanie unterstützt das I. Bataillon im Kampf um den Flugplatz von Osten her.
  • IV. Bataillon (Kommandeur Hauptmann Gericke; 13. - 16.Kp) mit dem Regimentsstab springt um Y-Uhr plus 15 Minuten westlich der Tavronitis-Brücke ab und greift zur Unterstützung des I. Bataillons den Westrand des Flugplatzes an.
  • Der Regimentsgefechtsstand (RgtGefStd) wird im Nordzipfel des Olivenhains errichtet. Die 16. Kompanie, etwa 600 m südwestlich im Flussbett eingesetzt, unterstützt das I. Bataillon beim Angriff gegen das Zeltlager und die Höhe 107; anschließend erfolgt die Sicherung an der Straße Richtung Kandanos (ca. 23 km westsüdwestlich von Maleme).
  • Kampfgruppe "Braun" (Teile des Regimentsstabes und Kampfzug des Regimentes) landet mit Lastenseglern bei der Tavronitis-Brücke, nimmt die Brücke und verhindert die Sprengung. Anschließend erfolgt die Unterstützung des I. Bataillons beim Angriff gegen die Fliegerabwehrstellungen südwestlich des Flugplatzes.

Kampfführung der Gruppe West

20. Mai

Während der Morgendämmerung des 20. Mai starteten ab 0415 Uhr Jagd-, Kampf- und Transportflugzeuge in Richtung Kreta. Unmittelbar vor der Landung der Lastensegler und Transportflugzeuge bombardierten die Sturzkampfbomber (Stuka) Ju 87 und beschossen Zerstörer Me 110 die erkannten Stellungen der alliierten Streitkräfte (Cre-Force) noch einmal 20 Minuten, um die schweren Waffen im Absetz- und Landegebiet auszuschalten.

Um 0715 Uhr landete das verminderte I. Bataillon/Luftlande-Sturm-Regiment (vermI./LLSturmRgt) mit Lastenseglern, die 3. Kompanie bei den befohlenen feindlichen Fliegerabwehrstellungen am West- und Nordwestrand des Flugplatzes und der Bataillonsstab (BStb) mit der 4. Kompanie (BKdt Major Koch) unter großen Verlusten an den Hängen der Höhe 107 mitten in den feindlichen Stellungen der B-Kompanie/22. Bataillon.

Die Gegenwehr beim Flugplatz Maleme war stärker als angenommen. Die gut ausgebauten Stellungen waren ausgezeichnet getarnt und mit Drahthindernissen verstärkt. Von der Höhe 107 hatten die neuseeländischen Truppen eine hervorragende Waffenwirkung auf den Flugplatz. Dadurch entstanden gleich nach der Landung der Lastensegler des I. Bataillons große Verluste, so dass der Auftrag nicht erfüllt werden konnte. Nur Teile der 3. Kompanie konnten am Westrand des Platzes einige Stellungen und das Zeltlager (RAF-Lager) freikämpfen. Der Kommandeur des I. Bataillons, Major Koch, wurde schwer verwundet und konnte sich mit einer Gruppe nach Westen zu den dort inzwischen abgesprungenen Teilen des Luftlande-Sturm-Regimentes durchkämpfen.

Das II. Bataillon wurde im Raum Karmisiana, Rapaniana abgesetzt und sammelte sich bei geringem Feindbeschuss auf den befohlenen Höhen ostwärts Spilia. Die 6. Kompanie, als Reserve des Luftlande-Sturm-Regimentes bestimmt, übernahm im Raum Kolimbari die Sicherung nach Westen und am Pass bei Spilia nach Süden.

Der verstärkte Zug "Mürbe" wurde viel zu nah am Dorf Kastelli abgesetzt, durch Partisanen bekämpft und aufgerieben. Ein paar Tage später wurden 40 Leichen verstümmelt aufgefunden. Von den 73 Mann konnten etwa 30 von den Gebirgsjägern aus der Gefangenschaft lebend befreit werden.

Das III. Bataillon konnte durch schlechte Sicht (Staubwolken) erst verspätet um 0715 Uhr vom Flugplatz Megara (ca. 30 km westlich von Athen gelegen) starten und wurde im Raum Maleme, Pirgos, Kondomari und Modi (Modhion) weit auseinander gezogen abgesetzt. Dabei fiel die Masse des Bataillons aus, da es mitten in die gut ausgebauten Feindstellungen des neuseeländischen 23. und 21. Bataillons hineinsprang und sofort unter starken Beschuss kam. Viele der Fallschirmjäger konnten die Waffenbehälter nicht erreichen und waren daher fast wehrlos. Der Bataillonskommandeur Major Scherber und fast alle Offiziere fielen oder wurden schwer verwundet. Durch das falsche Absetzen des Bataillons waren so große Verluste entstanden, dass der Auftrag nicht mehr erfüllt werden konnte. Lediglich der 9. Kompanie gelang es, mit Teilen die Verbindung zum Regiment aufzunehmen.

Die Kampfgruppe "Braun" erreichte mit allen neun Lastenseglern die Straßenbrücke über den Tavronitis, kämpfte MG-Nester nieder und nahm mit Teilen der 3. Kompanie Verbindung auf. Major Braun war schon bei der Landung durch einen Kopfschuss gefallen. Durch den starken feindlichen Beschuss von der Höhe 107 blieb der Vorstoß am Flussbett und im Olivenhain liegen.

Der Regimentsstab (RgtStb) und das IV. Bataillon wurden westlich der Ortschaft Tavronitis abgesetzt. Sie errichteten den Regiments-Gefechtsststand (RgtGefStd) und gingen gegen den Westteil des Flugplatzes vor. Auch ihr Vorrücken litt stark unter dem Feuer der neuseeländischen Verteidiger, die von der Höhe 107 aus agierten. Beim Vorgehen wurde im Bereich der Brücke der Regimentskommandeur Generalmajor Meindl schwer verwundet, als er die Verbindung zur Kampfgruppe "Braun" und zum I. Bataillon herstellen wollte. Major Stentzler (Kommandeur des II. Bataillons) übernahm daraufhin auf Befehl des Regimentskommandeurs die Kampfführung in diesem Abschnitt. Die Leitung der Gesamtoperation blieb jedoch weiter in den Händen des verwundeten Generalmajors Meindl.

Die 16. Kompanie wurde richtig abgesetzt, übernahm etwa drei Kilometer südwestlich des Flugplatzes im Raum Polemarhi die Sicherung nach Süden und versuchte mit dem I. Bataillon (3. und 4. Kompanie) bei Höhe 107 Verbindung aufzunehmen.

Die Lage beim Luftlande-Sturm-Regiment stellte sich am Abend des 20. Mai wie folgt dar:

Hauptmann Gericke führte mit Teilen seines IV. Bataillons und der 3. Kompanie/Luftlande-Sturm-Regiment (I. Bataillon) den Angriff gegen den nördlichen Teil des Flugplatzes. Die schweren Waffen des II. Bataillons, die im Laufe des Nachmittags westlich des Flugplatzes eintrafen, wurden dem IV. Bataillon zur Unterstützung des Angriffs gegen den Nordhang der Höhe 107 unterstellt. Ein Gegenstoß eines verstärkten neuseeländischen Infanteriezuges mit zwei Kampfpanzern "Matilda" um ca. 1700 Uhr wurde von den Fallschirmjägern abgewehrt und der im Flussbett vorgehende Panzer durch eine 3,7-cm-Panzerabwehrkanone zum Stehen gebracht.

Zur Inbesitznahme der Höhe 107 holte der Regimentskommandeur Teile des II. Bataillons von Spilia heran. Diesen Kräften gelang es in den Nachmittagsstunden, durch eine großräumige Umfassung - von Süden mit der 7. Kompanie und von Westen mit der 5. Kompanie - gegen die Höhe 107 vorzustoßen und den Südteil zu besetzen. Doch die Höhe selbst konnte am ersten Tag nicht voll in Besitz genommen werden. Hier leistete die neuseeländische A-Kompanie/22. Bataillon erbitterten Widerstand.

Am ersten Tag wurde deutlich, wie sehr man bei der deutschen Führung die Stärke und die Kampfkraft des Gegners entlang des Küstenstreifens ostwärts des Flugplatzes von Maleme unterschätzt hatte. Von den bei der ersten Welle eingesetzten etwa 2 000 Fallschirmjägern waren viele gefallen und verwundet worden oder in Gefangenschaft geraten. Mehr als bei bisherigen Kampfhandlungen befanden sich die deutschen Truppen während der ersten Tage der Schlacht um Kreta am Rande des Chaos. Es kämpften in der Anfangsphase nicht fest zusammengefügte Kompanien, sondern oft nur zusammengewürfelte Haufen. Teilweise verteidigte man nur aus Widerstandsnestern. Der Kampferfolg sollte letztlich davon abhängen, wie viele Männer sich einem der "Haufen" angeschlossen hatten und welche Entschlussfreudigkeit der Kommandant hatte. Meistens waren die Kommandanten erfahrene Unteroffiziere oder junge Offiziere - manchmal sogar Militärärzte.

21. Mai

In den frühen Morgenstunden des 21. Mai griff Oberstabsarzt (Mjr) Dr. Neumann mit den verfügbaren Kräften des I. Bataillons/Luftlande-Sturm-Regiment über den Nordhang die Höhe 107 an. Diese zusammengeraffte Truppe stieß mitten in die Absetzbewegungen der A-Kompanie/22. Bataillon hinein, säuberte die Höhe und besetzte sie. Nur am Rand der Höhe hielt sich noch ein neuseeländisches Widerstandsnest (WN).

Mit einer Transportmaschine Ju52 wurden die ersten Verwundeten ausgeflogen, darunter auch Generalmajor Meindl. Um 1400 Uhr schalteten im Raum Modi drei Me 110 eine neuseeländische Batterie aus, die noch immer den Flugplatz beschoss. Später griffen auch Sturzkampfbomber in die Kämpfe ein, um den weiteren Angriff auf den Flugplatz und das Dorf Maleme zu unterstützen. Um etwa 1500 Uhr wurden zur Verstärkung die 5. Kompanie und 6. Kompanie/Fallschirmjäger-Regiment 2 (5.Kp u. 6.Kp/FschJgRgt 2) sowie zwei Fallschirm-Sanitäts-Züge (2 San-Züge) zwischen Gerani und dem Platanias-Bach abgesetzt. Beide Einheiten wurden kurz nach der Landung von der Pionierabteilung und dem 28. Bataillon aufgerieben. Zusätzlich bekämpften die Neuseeländer mit Kanonen (Artilleriezug C/27) die Fallschirmjäger im Direktbeschuss. 80 kampffähige Fallschirmjäger konnten sich jedoch unter dem Kommando von Oberleutnant Nagele bei Dunkelheit bis in die Ortschaft Pirgos durchschlagen. Ab 1600 Uhr landeten am Flugplatz Maleme die ersten Gebirgsjäger, die von der 3. Kompanie/I. Bataillon eingewiesen wurden. Mit den Gebirgsjägern kamen auch die Kanoniere der 2. Batterie/Flugabwehrbataillon (mot) 609 des Heeres und übernahmen sofort den Fliegerabwehrschutz am Flugplatz Maleme.

Um etwa 1700 Uhr sprang Oberst Ramcke, Kommandant der Fallschirmschulen im Stab des XI. Fliegerkorps (Luftlande-Truppen), mit seiner Kampfgruppe (550 Fallschirmjäger) über Maleme ab. Fünfzehn Minuten nach der Landung auf Kreta übernahm Oberst Ramcke die Führung des Luftlande-Sturm-Regimentes. Die Lage sah am Abend des 21. Mai folgendermaßen aus:

Das II. Bataillon lag mit vorderen Teilen auf der Kuppe und den Südhängen der Höhe 107. Das IV. Bataillon, verstärkt mit Teilen des I. und III. Bataillons (ab jetzt Kampfgruppe Gericke), lag im Anschluss am Nordosthang der Höhe 107 und kämpfte um das Dorf Maleme. Die erste gelandete Gebirgsjäger-Kompanie wurde zunächst der Kampfgruppe Gericke unterstellt und lag mit den vordersten Teilen zwischen dem Dorf Maleme und der Küste. Mit Hilfe der Luftwaffe und durch den unermüdlichen Einsatz der Fallschirmjäger gelang es Oberst Ramcke, den Flugplatz endgültig unter deutsche Kontrolle zu bringen.

Die 16. Kompanie/Luftlande-Sturm-Regiment (IV. Bataillon), verstärkt durch Teile des Gebirgsjäger-Regimentes 100 (GebJgRgt 100), ging auf der Passstraße nach Süden in den Raum Mulette vor. Die ebenfalls mit Gebirgsjägern verstärkte 6. Kompanie/Luftlande-Sturm-Regiment (II. Bataillon) marschierte Richtung Kastelli, um die Verbindung mit dem dort abgesprungenen verstärkten Zug "Mürbe" herzustellen. Die Panzerjäger-Abteilung sammelte sich mit Masse beim Regiments-Gefechtsstand und war mit ihren kampfbereiten Teilen zur Unterstützung des IV. Bataillons (Kampfgruppe Gericke) nach Maleme und gegen die Höhe 107 vorgestoßen.

Das Luftlande-Sturm-Regiment konnte in der Nacht vom 21. auf den 22. Mai seine Kräfte entlang der Linie Ostrand Flugplatz-ostwärts Maleme-Osthang Höhe 107-ostwärts Xamoudhohori ordnen und sicherte nach Osten.

22. Mai

In der beginnenden Morgendämmerung des 22. Mai fühlten die Kampfgruppen Gericke und Stentzler weiter nach Osten vor und kamen bis auf die Höhen südlich von Pirgos und bis zum Westrand der Ortschaft. Man erkannte dort, dass die neuseeländische 5. Brigade mit Unterstützung der neuseeländischen 4. Brigade einen Gegenangriff in die Wege leitete. Die Höhe 107 sollte wieder genommen werden, und die neuseeländischen Truppen wollten zumindest den Flugplatz mit beobachtetem Artilleriefeuer bekämpfen können.

In der Zwischenzeit hatten die deutschen Truppen auch schwere Waffen erhalten, und der Gegenangriff der Neuseeländer konnte abgewehrt werden. Die anfänglichen Erfolge der neuseeländischen Gegenangriffskräfte waren teilweise darauf zurückzuführen, dass die erschöpften Fallschirmjäger im Schlaf überrascht worden waren.

Am späten Nachmittag hatte sich das 28. Bataillon (Maori) nach dem gescheiterten Gegenangriff aus Pirgos in das Hügelgelände im Raum Kondomari zurückgezogen, um den ständigen deutschen Attacken auszuweichen. Diese Gelegenheit nützte die Kampfgruppe Gericke, um die Ortschaft Pirgos zu besetzen. Bei der Gruppe West wurde am Nachmittag noch das Gebirgs-Pionier-Bataillon 95 (GebPiB 95) unter dem Kommando von Major Schätte angelandet. Zusätzlich trafen weitere Artilleriegeschütze auf dem Flugplatz Maleme ein. Am 22. Mai abends verfügte Oberst Utz über das gesamte Gebirgsjäger-Regiment 100 (GebJgRgt 100) und griff sofort Richtung Modi an. Wenig später landete Generalmajor Ringel, der Kommandeur der 5. Gebirgs-Division (5. GebDiv), und übernahm den Befehl über den Einsatzraum Maleme, Chania. Er ließ unverzüglich alle zerstreut eingesetzten Truppenteile ordnen. Die meisten Gebirgs- und Fallschirmjäger setzte Generalmajor Ringel zum Angriff nach Osten, Richtung Chania und Souda-Bucht, ein.

Ab 23. Mai

Für die Fortsetzung des Angriffs hatte Generalmajor Ringel die im Luftlandekopf Maleme verfügbaren Kräfte noch am Abend des 22. Mai in drei Gruppen gegliedert:

  • Die Gruppe Oberst Utz mit den drei bereits angelandeten Gebirgsjäger-Bataillonen (GebJgB) des Gebirgsjäger-Regimentes 100 für Umfassungsangriffe im Süden: Die Gebirgsjäger mussten zunächst den Höhenrücken, der bei den Ortschaften Platanias und Agia Marina dicht an das Meer herantritt und dort die Straße kanalisiert, durch einen Angriff aus dem Süden nehmen. Der beherrschende Punkt war die Höhe 250 ostwärts von Patellari, ca. drei Kilometer südwestlich von Agia Marina.
  • Die Gruppe Oberst Ramcke mit dem Luftlande-Sturm-Regiment für den Angriff im Küstenstreifen: In Absprache mit Oberst Ramcke wurde festgelegt, dass der Angriff im Küs¬tenstreifen erst fortgesetzt wird, wenn die Gebirgsjäger die beherrschende Höhe 250 eingenommen haben.
  • Die Gruppe Major Schätte mit dem Gebirgs-Pionier-Bataillon 95 für die Sicherung des äußersten Westens von Kreta.

Da Hauptmann Gericke die Absetzbewegungen der neuseeländischen 5. Brigade in den Morgenstunden erkannte, griff die Kampfgruppe Gericke aus eigenem Entschluss mit Artillerieunterstützung beiderseits der Straße Platanias-Agia Marina an. Die Kampfgruppe Schmitz mit der 1. und der 2. Kompanie/Fallschirm-Panzer-Jäger-Abteilung (1. und 2./FschPzJgAbt) und die Kampfgruppe Stentzler mit dem verminderten II. Bataillon/Luftlande-Sturm-Regiment schlossen sich dem Angriff sofort an. Die drei Kampfgruppen gewannen noch im Laufe des Vormittags den Raum Platanias. In der Zwischenzeit nahm das I. Bataillon/Gebirgsjäger-Regiment 100 die Ortschaft Stalos ca. einen Kilometer südlich der Küstenstraße und schaffte somit günstige Voraussetzungen für den weiteren Angriff der Fallschirmjäger an der Küste in Richtung Galatas.

Weniger durch einen frontalen Angriff als mehr mit dauernden Umfassungen an der Südflanke durch die Gebirgsjäger wurden die Neuseeländer zum Rückzug gezwungen. Mit Unterstützung der Gebirgsjäger zog Oberst Ramcke am 27. Mai in Chania ein.

Gebirgsjäger-Regiment 100

Im Gebirgsjäger-Regiment 100 dienten u. a. viele Österreicher. Das III. Bataillon wurde auf Schiffkutter (Motorsegler) im Hafen von Chalkis auf Euboa verladen und stach in Richtung Kreta in See. Die Schiffe wurden vor Kreta von englischen Seestreitkräften angegriffen und versenkt. Nur wenige Soldaten konnten gerettet werden. Inzwischen waren am 21. Mai 1941 das II. Bataillon und Teile des Regimentsstabes nach Maleme geflogen, um den Flugplatz freizukämpfen, was bis zum Abend auch gelang. Am 22. Mai folgte das I. Bataillon. Hier unterstützte es die bereits angelandeten Teile des Regimentes im Kampf um das Dorf Maleme, das bis zum Abend genommen werden konnte. Das Regiment umging nun in schwerstem Gelände die Riegelstellung der Engländer vor Modi. Am 24. Mai trat das Regiment zum Angriff auf Galatas an. Bis zum Abend konnten die englischen Stellungen durchbrochen und die Stadt genommen werden. Am 27. Mai erfolgte der Vorstoß nach Chania, und die Souda-Bucht wurde erreicht. Einige Tage später wurde Ierapetra (an der Südküste, ca. 65 km ostsüdöstlich von Iraklion) genommen. Nachdem auch der Hafen von Chora Sfakion (an der Südküste, ca. 35 km südsüdöstlich von Chania) eingenommen worden war, endete der Einsatz in Kreta für das Regiment. Es blieb noch weitere sechs Monate dort, um Besatzungsaufgaben wahrzunehmen. Im Dezember 1941 verließ das Gebirgsjäger-Regiment 100 die Insel und verlegte nach Salzburg und Tirol.

Kampfführung der neuseeländischen 5. Brigade

Das neuseeländische 22. Bataillon unter Führung von Oberstleutnant Leslie Andrew war wie folgt eingesetzt:

  • A-Kompanie auf der Höhe 107;
  • B-Kompanie südostwärts davon;
  • C-Kompanie am Flugplatz Maleme;
  • D-Kompanie westlich der Höhe 107 bis zum Ostufer des Flussbettes;
  • Stabskompanie (StbKp) im Raum Pirgos.

20. Mai

Im Laufe des Morgens verschlechterte sich die Situation beim 22. Bataillon rasch. Es gab keine Telefonverbindung zum Brigadegefechtsstand (BrigGefStd) und keinen Kontakt zur C-Kompanie und D-Kompanie.

Die Fallschirmjäger griffen über die Tavronitis-Straßenbrücke an, überrannten schwach verteidigte Stellungen und nahmen das Royal Air Force-Lager in Besitz. Oberstleutnant Andrew wusste nicht, wie die Lage bei der C- und D-Kompanie war. Jedoch ließ er um 1700 Uhr das Leuchtsignal Weiß-grün schießen, um einen Gegenangriff des 23. Bataillons auszulösen. Das Signal wurde nicht erkannt, und auch weitere Versuche, das 23. Bataillon zu einem Gegenangriff zu bewegen, schlugen fehl. Um 1715 Uhr erreichte Oberstleutnant Andrew telefonisch Brigadier James Hargest am Gefechtsstand der neuseeländischen 2. Division (2. NZDiv). Hargest lehnte jedoch einen Gegenangriff des 23. Bataillons ab, da angeblich das Bataillon selbst in einen Kampf mit gelandeten Fallschirmjägern verwickelt sei.

In dieser für das 22. Bataillon ungünstigen Lage setzte der Bataillonskommandant (BKdt) um etwa 1720 Uhr die Reserve für einen Gegenstoß in Richtung Brücke ein. Die Reserve bildete ein Infanteriezug, verstärkt mit zwei leichten Kampfpanzern "Matilda". Ein Kampfpanzer musste wegen technischen Gebrechens sofort umdrehen; der zweite wurde durch Fallschirmjäger beschossen und blieb schließlich im Flussbett stecken. Die Reserve wurde völlig aufgerieben.

Um etwa 1800 Uhr meldete das 22. Bataillon der Brigade, dass der Gegenstoß fehlgeschlagen war und das Bataillon bald den Rückzug antreten werde. Brigadier Hargest antwortete: "Well, if you must, you must". Um 1805 Uhr erhielt jedoch das 22. Bataillon die Zusage, zwei Kompanien als Verstärkung zu erhalten.

Für Oberstleutnant Andrew schien die Lage in den Abendstunden ausweglos. Die Munition war knapp, Verstärkungen kamen nicht, der Gegenangriff blieb aus, und die Verbindungsprobleme erschwerten die Entschlussfassung. Vor allem wusste er nicht, wie es bei der C- und D-Kompanie aussah. Beide Kompanien waren aber noch intakt und hielten größtenteils ihre Stellungen. Auch die Verstärkungen waren schon unterwegs. Von alledem hatte Oberstleutnant Andrew jedoch keine Kenntnis. Um etwa 2030 Uhr entschied er sich für einen begrenzten Rückzug, um in weiterer Folge das gesamte Bataillon in den Bereich des 21. und 23. Bataillons zu verlegen. Bis Mitternacht hatte das Bataillon mit der A- und B-Kompanie das Gebiet um Maleme verlassen. Das entscheidende Gelände in diesem Abschnitt wurde somit fast kampflos aufgegeben.

21. Mai

Als die C- und D-Kompanie merkten, dass sich die Masse des Bataillons schon abgesetzt hatte, folgten sie ebenfalls in den frühen Morgenstunden. Durch den Rückzug des 22. Bataillons konnten die deutschen Truppen den Flugplatz Maleme am 21. Mai ohne großen Widerstand in Besitz nehmen und trotz Gegenangriff halten. Munition und andere Versorgungsgüter der deutschen Truppen wurden mit Ju52-Transportflugzeugen herbeigeschafft. Weitere Fallschirmjäger und Truppen des Gebirgsjäger-Regimentes 100 konnten unter schwerem Artilleriefeuer am Flugplatz Maleme landen. Am 21. Mai konnten aber die Fallschirmjäger das Dorf Maleme einnehmen.

22. Mai

Als die prekäre Lage von General Freyberg erkannt worden war, unternahm die neuseeländische 2. Division mit dem 20. und dem 28. Bataillon, später auch mit dem 21. Bataillon, am 22. Mai gegen 0400 Uhr einen Gegenangriff. Die Gegenangriffe scheiterten an Verbindungsproblemen und dem starken Widerstand der deutschen Truppen. Die 5. Brigade musste ihre Truppen endgültig bis zur Ortschaft Platanias zurücknehmen. Die deutschen Truppen konnten zwischenzeitlich den Luftlandekopf erweitern, zusätzliche Verstärkungen einfliegen und die weitere Angriffsführung vorbereiten. Überall auf der Insel behaupteten sich deutsche Widerstandsnester - es existierte keine eigentliche Frontlinie mehr.

Ab dem 23. Mai

Am 23. Mai zogen die alliierten Verteidiger ihre Truppen bis nach Galatas zurück. Die deutschen Fallschirmjäger und Gebirgsjäger stießen entschlossen nach und zwangen die "Cre-Force" zum weiteren Rückzug. Am 26. Mai gestand General Freyberg die Niederlage ein und beantragte die Evakuierung der alliierten Truppen. Die besiegte "Cre-Force" trat den Marsch an die Südküste an, um sich dort nach Ägypten einschiffen zu lassen.

Bewertung und Folgerungen

Deutsche Truppenführung

Mangelhafte Luftaufklärung

Die größte Schwäche bei der Vorbereitung des Unternehmens "Merkur" war zweifellos die Unterschätzung der zahlenmäßigen Stärke und des Kampfwillens der Commonwealth-Verbände sowie der griechischen Truppen. Der wesentliche Grund für die völlige Fehleinschätzung des Gegners ist jedoch hauptsächlich im Unvermögen der deutschen Luftaufklärung zu suchen. Die hohen Verluste beim Absetzen und Anlanden der Fallschirmjäger sind vor allem auf ein unzureichendes Feindlagebild zurückzuführen. Etwa 1 200 Fallschirmjäger fielen schon in der Anfangsphase aus und standen daher für die Fortführung des Kampfes nicht mehr zur Verfügung.

Richtiger Einsatz der Reserve

Es war ein kluger Schachzug, mit allen noch auf dem griechischen Festland verfügbaren Fallschirmjägern eine Kampfgruppe ("Ramcke") zu bilden und diese zur Einnahme des Flugplatzes Maleme einzusetzen, um dort die Entscheidung zu suchen. Nirgendwo auf Kreta ist die Ausbildung zum selbstständigen, entschlossenen Handeln so zum Tragen gekommen, wie beim Kampf um den Flugplatz Maleme. Auch die deutsche "Auftragstaktik" hat sich gegenüber der alliierten "Befehlstaktik" durchgesetzt. Daran gewöhnt, an bestehenden Befehlen bis zum Eintreffen eines neuen festzuhalten, waren die Kommandanten der neuseeländischen 5. Brigade immer einen Schritt den Ereignissen hinterher.

Eigeninitiative und "Auftragstaktik"

An keinem Ort auf Kreta ist die Erziehung der Fallschirmjäger aller Dienstgrade zum selbstständigen, entschlossenen Handeln im Sinne der Absicht des übergeordneten Kommandanten stärker zum Ausdruck gekommen als beim Gefecht um Maleme. Nirgends sind auch die Vorteile des deutschen Führungsprinzips "Führen mit Auftrag" gegenüber der ständigen Steuerung von Maßnahmen und dem Warten auf neue detaillierte Befehle so deutlich sichtbar geworden.

Teilweise wurden folgende Grundsätze deutscher Dienstvorschriften schulmäßig umgesetzt:

  • Das Beispiel und die persönliche Haltung des Vorgesetzten sind von bestimmendem Einfluss auf die Truppe.
  • Der Offizier, der vor dem Feind Kaltblütigkeit, Entschlossenheit und Wagemut zeigt, reißt die Truppe mit.
  • Er muss aber auch den Weg zu den Herzen seiner Untergebenen finden und deren Vertrauen durch Verständnis für ihr Fühlen und Denken gewinnen.
  • Im Gegensatz zum weit verbreiteten Vorurteil vom "Kadavergehorsam" hat das deutsche Heer seit der Zeit des älteren Moltke (Helmuth Karl Bernhard Graf von Moltke [1800 - 1891], auch "Moltke der Ältere" genannt, hatte als Chef des Generalstabes einen wesentlichen Anteil an den preußisch-deutschen Siegen im Deutsch-Dänischen Krieg, im Preußisch-Österreichischen Krieg und Deutsch-Französischen Krieg.) immer die entscheidende Bedeutung der Eigeninitiative, selbst auf unterster Ebene, hervorgehoben. Vom jüngsten Soldaten aufwärts muss überall das selbstständige Einsetzen der ganzen seelischen, geistigen und körperlichen Kraft gefordert werden. Nur so wird die volle Leistungsfähigkeit der Truppe in übereinstimmendem Handeln zur Geltung gebracht.
  • Entschlossenes Handeln ist das erste Erfordernis im Krieg. Eine direkte Ableitung aus diesem Grundsatz ist die Verwendung der Auftragstaktik in der Befehlsgebung. Im Führungssystem der Auftragstaktik werden die Kommandanten aufgefordert, ihren Untergebenen nur das zu befehlen, was sie zu tun haben, aber nicht, wie das zu geschehen hat.

Neuseeländische (britische) Truppenführung

Nachteilige "Befehlstaktik"

In der britischen Armee wurde den Kommandanten immer wieder befohlen, im Gefecht unter allen Umständen Verbindung zum Vorgesetzten zu halten, damit dieser, und nicht etwa ein Untergebener, befehlen konnte. So beruhte das britische Führungsverfahren stets auf der stillschweigenden Annahme, dass die Weisheit nur beim Vorgesetzten liege. Die unterstellten Kommandanten konnten daher günstige Lagen aus eigenem Entschluss nicht ausnützen. Um stets erreichbar zu sein und so stets befehlen zu können, verließ General Freyberg in der Schlacht um Kreta seinen Gefechtsstand überhaupt nicht. Brigadier Puttik, verantwortlich für den Raum Chania, Maleme, verbrachte ebenfalls die beiden entscheidenden Tage nur im Gefechtsstand. Niemand wagte selbstständig gegen schon überholte Befehle zu handeln. Wenn die Fernmeldeverbindungen - oft Drahtverbindungen - ausfielen, geschah gar nichts.

Falsche Lagebeurteilung

Die Überbewertung einer vermeintlichen Bedrohung von der See her hatte offensichtlich nicht zugelassen, auch den Raum unmittelbar westlich des Unterlaufs des Tavronitis-Flusses zu besetzten. Die deutschen Fallschirmjäger konnten daher den Raum Tavronitis, Karmisiana als Luftlandekopf und Bereitstellungsraum für Angriffe gegen den Flugplatz Maleme nutzen. Ein unverzüglicher entschlossener Gegenangriff mit allen verfügbaren Kräften hätte die Bildung eines deutschen Luftlandekopfes westlich von Maleme wahrscheinlich verhindert.

Führungsfehler

Für den Rückzug der neuseeländischen Truppen aus dem Schlüsselgelände um Maleme und dem nicht erfolgten Gegenangriff gibt es viele Ursachen. Oberstleutnant Andrew, Kommandant des 22. Bataillons, verlangte Artillerieunterstützung, dann infanteristische Verstärkung und schließlich den vorbereiteten Gegenangriff durch das 23. Bataillon. Da seine vorgeschlagenen Maßnahmen abgelehnt worden waren, machte er den Fehler, sein 22. Bataillon von der Höhe 107 und dem Flugplatz Maleme, ohne ein halbwegs vollständiges Lagebild über den Zustand seiner Kompanien zu haben, vorschnell abzuziehen. Ab diesem Zeitpunkt war das entscheidende Gelände für diesen Abschnitt in deutscher Hand, und die Zuführung von Verstärkungen und Versorgungsgütern konnte auf dem Luftweg erfolgen.

Passivität der Truppenführer

Bataillonskommandant Oberstleutnant Lekie führte mit dem 23. Bataillon keinen Gegenangriff in Richtung 22. Bataillon durch - wie es laut Kampfplan vorgesehen war -, da er sich vermutlich auf die positiven Lageinformationen der Brigade verließ. Möglicherweise wartete er auf einen Befehl von Brigadier Hargest, den Gegenangriff durchzuführen. Die Passivität von Oberstleutnant Lekie hatte somit fatale Folgen.

Brigadier Hargest rechnete noch mit einer maritimen Landung deutscher Truppen und wollte das 23. Bataillon als Küstenverteidigungsverband bereithalten. Es bleibt aber trotzdem nicht nachvollziehbar, weshalb sich Brigadier Hargest nicht für einen sofortigen Gegenangriff entschied, obwohl der Kommandant des 22. Bataillons dies mehrmals beantragt hatte. Er unterließ es auch, Oberstleutnant Andrew zu unterrichten, dass zwei Kompanien zur Verstärkung unterwegs seien. Spätestens nach der Meldung gegen 1800 Uhr, als der Gegenangriff der Bataillonsreserve fehlgeschlagen war, wäre eine Reaktion zu erwarten gewesen. Zumindest hätte er sich selbst von der Lage des 22. Bataillons überzeugen müssen. Bei der Kampfführung der neuseeländischen 5. Brigade wurde der Grundsatz missachtetet, dass Luftlandetruppen unverzüglich und selbstständig mit Gegenangriffen zu vernichten sind. Zusätzlich erschwerten Verbindungsprobleme die Verteidigung des Flugplatzes Maleme und der Höhe 107. Auch der Kampfwille der neuseeländischen Soldaten konnte die Führungsfehler und Passivität der Vorgesetzten nicht ausgleichen.

Taktische Grundsätze

Das persönliche Einwirken des Truppenführers ist von großer Bedeutung und immer wieder anzustreben. Jede Gelegenheit zum Sammeln eigener Gefechtseindrücke ist vom jeweiligen Kommandanten wahrzunehmen. Besonders im Erfolg und in der Krise gehört der Truppenführer an den Brennpunkt des Geschehens. Jeder Kommandant muss über den Zustand seiner Truppe möglichst genau Bescheid wissen.

Entscheidendes Gelände muss in eigener Hand bleiben oder, falls es verloren geht, dem Feind wieder entrissen werden. Die Verantwortung für ein solches Schlüsselgelände und für wichtige Zugänge zu diesem muss in einer Hand liegen. Die Stellungsräume müssen im entscheidenden Gelände liegen oder die Zugänge dazu sperren.

Ein Gegenangriff darf nicht halbherzig ausgeführt werden und muss ein klares Ziel haben sowie zum richtigen Zeitpunkt ausgelöst werden. Gegenangriffe müssen für unterschiedliche Lageentwicklungen vorausschauend vorbereitet sein. Zur Vorbereitung gehören folgende Maßnahmen:

  • Erkundung des Geländes, insbesondere von gedeckten Wegen;
  • Absprachen und örtliche Einweisung der Kommandanten;
  • Regelung der Zusammenarbeit mit den Kommandanten der Unterstützungswaffen;
  • Regelung der Befehlsverhältnisse;
  • Vorübung der Gegenangriffe, wenn es die Lage erlaubt.

Zuverlässige Verbindungen sind die Voraussetzung für die Führung von Truppen. Eine Überlagerung mehrerer Verbindungsmittel ist immer anzustreben. Je beweglicher der Einsatz und je stärker die feindliche Waffenwirkung, desto wichtiger werden drahtlose Verbindungen sowie Verbindungsorgane. Die Kommandanten sind für die Verbindungen zu ihren Truppen verantwortlich.


Autor: Oberst i. R. Kurt Gärtner, Jahrgang 1943. Nach der Offiziersausbildung Verwendungen als Ausbildungsoffizier, Batteriekommandant und in Stabsfunktionen. 1984 bis 1990 Kommandant des Fliegerabwehrbataillons 13; 1990 bis 2003 in einer Stabsfunktion beim Kommando Fliegerregiment 3 in Hörsching. Jahrelanges Mitglied der ARGE-TRUPPENDIENST für das Kommandodo Fliegerdivision. Veröffentlichungen in der Zeitschrift TRUPPENDIENST und in ausländischen Zeitschriften; seit Oktober 2003 im Ruhestand. Abschluss der Fernkurse "Conflict Management and Negotiation" am Inter-American Defense College im Jahr 2004 und "Conflict Analysis" am U.S. Institute of Peace im Jahr 2005.

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