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Tod durch Ertrinken

Grundregeln zur Vermeidung von Ertrinkungsunfällen

Zur Vermeidung von Unfällen durch Ertrinken kommt es darauf an, einfache Grundregeln einzuhalten und die eigene Leistungsfähigkeit richtig einzuschätzen. Für Vorgesetzte sind darüber hinaus vorausschauende Belehrungen, die Beachtung von Sicher­heitsbestimmungen, die Dienstaufsicht, die Bereitstellung von Rettungsmitteln sowie die Einteilung von Rettungsdiensten wichtig. Kommt es trotzdem zu Ertrinkungsunfällen, ist eine richtige und sofort einsetzende Erste Hilfe überlebenswichtig, insbesondere die Beherrschung der Reanimationstechnik sowie die Berücksichtigung möglicher Folgewirkungen.

Der Tod durch Ertrinken ist ein Schicksal, das insbesondere junge Menschen trifft. Weltweit kommen jährlich tausende Menschen durch Ertrinken ums Leben. Darüber hinaus lässt sich eine wesentlich höhere Anzahl von "Beinahe-Ertrinkungsunfällen" vermuten, die jedoch nicht bekannt werden. Das Spektrum des Unfallgeschehens reicht dabei vom Ertrinken im Meer, in Seen, Flüssen und Tümpeln bis hin zum Ertrinken in öffentlichen Badeanstalten, in der häuslichen Badewanne oder, besonders bei Kleinkindern, zum Sturz kopfüber in einen Wassereimer.

Die Faktoren, die diesen Unfalltyp begünstigen, sind vielfacher Natur. Unmittelbare Ursache derartiger Ereignisse sind häufig schlechte Schwimmkenntnisse, verschlimmert durch fehlendes körperliches Training. Außerdem spielen Erschöpfung, vor allem beim Schwimmen in Gewässern mit hohem Seegang, sowie Panik und Unterkühlung des Schwimmers eine Rolle. Auch unerwartete Wetterstürze, das Verstricken in Seilen, insbesondere bei Bootsunfällen, oder das Versinken im Morast sind vornehmlich in Betracht zu ziehen.

Eine große Rolle spielt der gerade bei Jugendlichen weit verbreitete Alkoholmissbrauch bei der Freizeitgestaltung im Sommer zusätzlich zur Überschätzung der eigenen Kraftreserven. Als weitere Ursachen kommen Selbstüberschätzung beim Streckentauchen und Verletzungen durch Wasserfahrzeuge in Frage.

Ertrinken kann aber auch die unmittelbare Folge einer Hypoglykämie (Verminderung der Konzentration von Zucker im Blut) bei Diabetikern, eines Herzinfarktes, einer Kopfverletzung in Folge eines Kopfsprunges in unbekannte Gewässer sowie eines Autounfalls sein. Ein gewisser Prozentsatz der Ursachen ist auch auf die Einnahme von Sedativa (Beruhigungsmittel) und anderen Psychopharmaka (Schlafmittel, Aufputschmittel und Suchtgifte) zurückzuführen.

Begriffe

Im anglo-amerikanischen Sprachgebrauch wird zwischen "Drowning" und "Near drowning" unterschieden.

Unter "Drowning", dem Ertrinken, wird der Tod durch Atemstillstand, Aufhören des Pulsschlages, Herz-Kreislaufversagen bei Atemwegver­legung oder Atemlähmung in Verbindung mit einem flüssigen Medium verstanden.

Als "Near drowning" oder "Beinahe-Ertrinken" wird jener Zustand bezeichnet, bei dem ein Patient nach dem Aufhören des Pulsschlages infolge Unter­tauchens in einer Flüssigkeit mindestens 24 Stunden überlebt.

Im deutschen Sprachraum sind die Begriffe primäres und sekundäres Ertrinken geläufig.

Unter primärem Ertrinken versteht man den sofort eingetretenen Tod durch Untertauchen sowie Ansaugen von Flüssigkeit und der dadurch eintretenden Verminderung der Sauerstoffversorgung im Gesamtorganismus. Es handelt sich um Fälle, in denen die Atemblockierung durch Flüssigkeiten als primäres Geschehen die patho­physiologischen (krankhafte und gestörte Funktionen im menschlichen Organismus) Abläufe einleitet. Das primäre Ertrinken im Wasser kann auch gute Schwimmer ereilen. Mögliche Ursachen sind reflektorische Herzrhyth­musstörungen, die über eine Minderversorgung des Gehirns Bewusstlosigkeit verursachen.

Sekundäres Ertrinken: Patienten, die den akuten Ertrinkungsunfall überlebt haben, sind noch nicht endgültig außer Gefahr. Weil bei einem Teil der "Bei­nahe-Ertrunkenen" entwickelt sich in einem Zeitraum von wenigen Minuten bis zu Stunden nach dem Er­trin­kungs­unfall ein schweres Lungenödem, das sogenannte "sekundäre Ertrinken".

Ursachen des sekundären Ertrinkens sind:

  • Sauerstoffmangel;
  • Schädigung des Flüssigkeitsfilms, der die Lungenbläschen auskleidet und deren Kollaps verhindert;
  • Störungen in der Lungendurchblutung;
  • eine chemische Reizung und Ent­zündungsreaktion der Lunge durch Partikel und Mikroorganismen im aufgenommenen Wasser oder im Magensaft;
  • gesteigerte Durchlässigkeit der Blutgefäße in der Lunge.

Erkennungsmerkmale

Für das Ertrinken:

  • Zeichen des klinischen Todes.

Für das sekundäre Ertrinken bzw. das Beinahe-Ertrinken:

  • nach vorhergehender Besserung Auftreten einer plötzlichen Verschlechterung des Allgemeinzustandes;
  • kalte, blassgraue Haut;
  • atemabhängige Schmerzen im Brustbereich;
  • Stöhnen und röchelnde Atmung, Atemnot;
  • Zyanose (Blauverfärbung der Lippen und Schleimhäute infolge verminderter Sauerstoffzufuhr);
  • stark erhöhte Herzfrequenz;
  • Unruhe;
  • Bewusstseinsverlust.

Phasen beim Ertrinken

Grundsätzlich ist der Verlauf eines Ertrinkungsunfalls durch sechs verschiedene Stadien gekennzeichnet:

Phase 1: Abwehrphase

Der Ertrinkende schlägt in panischer Angst um sich, gerät mit dem Kopf unter Wasser und schluckt Wasser. Bewusstseinsverlust durch Sauerstoffmangel ist die Folge.

Phase 2: Atemanhaltephase

Wasser erreicht statt Luft den Kehl­kopfeingang. Es wird dadurch ein Laryngospasmus (Kehlkopf-/Stimm­ritzenkrampf) ausgelöst.

Der Laryngo­spasmus verhindert das Eindringen von Wasser in die Lunge. Er kann etwa 30 Sekunden andauern und zum Teil bis zum klinischen oder biologischen Tod bestehen bleiben.

Dieser Vorgang ist als "trockenes Ertrinken" zu bezeichnen, weil dabei kein Wasser in die Lunge gerät.

Phase 3: Dyspnoeische Erstickungsphase

Wasser wird nach Ausfall des Laryn­go­spasmus "eingeatmet" und dringt in die Lungenbläschen ein.

In diesem Fall spricht man von "feuchtem Ertrinken".

Phase 4: Generalisiertes Krampfstadium

Sauerstoffmangel im Gehirn kann Krämpfe hervorrufen.

Phase 5: Atemstillstand

Zeitpunkt des Atem- und Kreislaufstillstandes durch Sauerstoffmangel.

Phase 6: Finale Schnappatmung

Die von größeren Pausen unterbrochene Atmung bei Schädigung des Atemzentrums.

Nach dem Untertauchen kommt es zunächst zu einem Eindringen von Wasser in den Mund- und Rachenraum mit daraus resultierendem Kehlkopf-/Stimmritzenkrampf, der einen Atemstillstand zur Folge hat. Danach folgen der Kreislaufstillstand und anschließend der Tod im Sinne des trockenen Ertrinkens.

Die Lungenschädigung ist je nach Art und Volumen der eingeatmeten Flüssigkeiten verschieden. Dabei haben Experimente nachgewiesen, dass das Einatmen von Meerwasser theoretisch zweimal so gefährlich ist wie das Einatmen von Süßwasser.

Unfall im Süßwasser

Beim Ertrinken im Süßwasser können größere Wassermengen über die Lungenbläschen ins Blut gelangen, wobei bereits zwei Minuten nach dem Untertauchen die Hälfte des eingeatmeten Wassers im Blut aufgenommen worden ist.

Unfall im Salzwasser

Meerwasser hat durch den Kochsalzgehalt von ca. 3,5 Prozent einen anderen pH-Wert als Blut. Durch die halbdurchlässigen Zellwände der Lungenbläschen gelangt das Salz in das Blut, während umgekehrt Flüssigkeit aus dem Blut in die Lunge gelangt und das dort befindliche Salzwasser verdünnt. Chemisch bedingt geht nun ein Ausgleich des pH-Wertes vor sich. Die Folge ist ein sogenanntes Lungenödem, das zu einem Kreislaufversagen führt.

Sofortmaßnahmen - Erste Hilfe

Bei der Rettungsaktion ist es besonders wichtig, dass der Verunglückte, der einen Atemstillstand erlitten hat, bereits vom Ersthelfer/Retter noch während der Durchführung der Rettungsaktion - also noch im Wasser, am Beckenrand, im Rettungsboot, auf einer Luftmatratze oder auf einem Surfbrett - beatmet wird. Es gilt heute als obsolet, durch Maßnahmen zur Lagerung des Verunglückten (auf den Kopf stellen, übers Knie legen und auf den Rücken klopfen etc.) Flüssigkeit aus den Atem­wegen zu entfernen, da diese Maßnahmen nur den Beginn einer Be­atmung verzögern. Obligat dagegen ist das Freimachen der oberen Atemwege, wenn diese verlegt sind (durch Schlamm, Sand, Erbrochenes etc.).

Bei begründetem Verdacht oder offensichtlichem Vorliegen von Begleit­verletzungen (z. B. Hals- und Wirbel­säulentraumata, Knochenbrüche, offene Wunden usw.), wie sie nach einem Sprung in seichtes Wasser auftreten können, ist während der Rettung und der weiteren Versorgung auf die Vermeidung zusätzlicher Schäden zu achten.

Bei der Beurteilung der drei lebenswichtigen Funk­ti­onen Bewusstsein, Atmung und Kreis­lauf wird zweck­mäßi­gerweise wie folgt verfahren: Pa­ti­enten mit Atem- und/oder Kreislaufstillstand werden nach der klassischen Methode wiederbelebt (Mund-zu-Mund-Beat­mung in Verbindung mit Herzmassage). Die Reanimationsmaßnahmen sind auf jeden Fall so lange fortzuführen - auch während des Transportes in eine Klinik -, bis sich der Erfolg einstellt oder die Erfolglosigkeit durch einen Arzt festgestellt wurde.

Der Patient sollte vor weiterer Unterkühlung geschützt werden. Nasse Kleidung ist daher zu entfernen und der Patient nach Möglichkeit in Decken, verfügbare trockene Bekleidungsstücke oder Ähnliches einzuhüllen. Besonders die oft in Erste Hilfe-Paketen von Fahrzeugen (Autoapotheken) enthaltenen Aluminiumfolien eignen sich sehr gut zum Schutz vor weiterem Wärmeverlust.

Wegen der stets drohenden Gefahr eines sekundären Ertrinkens sind alle "Beinahe-Ertrunkenen" auch nach überraschend schnell einsetzender Besserung stets in eine Klinik zu transportieren, wo Möglichkeiten zur Beatmungs- und umfassenden Intensivtherapie zur Verfügung stehen.

Da während des Ertrinkungs­vor­ganges Wasser häufig wirklich geschluckt wird und der Magen dadurch prall gefüllt ist, ist Vorsicht bei der Lagerung und bei der Herzdruckmassage (genauer Druckpunkt) geboten, weil sich das Wasser mit dem Mageninhalt entleeren und zu einer Lungenreizung führen kann.

Für das Überleben, aber auch für die weitere Beurteilung des Genesungsverlaufes von Patienten nach einem Ertrinkungsunfall müssen die Reani­ma­tionsmaßnahmen und eine die Vitalfunktionen stützende Therapie rechtzeitig eingeleitet und so lange wie erforderlich fortgeführt werden. Dies ist entscheidend für eine erfolgreiche Weiterbehandlung im Rahmen der Intensivtherapie und damit für die Verbesserung der Gesamtaussichten des Gesundungsprozesses. Die Erstver­sorgung stellt damit im Rahmen aller Maßnahmen, die bis zur Aufnahme in einem Spital getroffen werden, den entscheidenden Faktor dar.


Autor: Vizeleutnant Gerhard A. Tindl, Jahrgang 1939. Nach dem Präsenzdienst zeitverpflichteter Soldat bei der BrigSanKp 3 in St. Pölten und in der Krankenabteilung Götzendorf; UO-Ausbildung; Informationsoffizier; freiwilliger Mitarbeiter, Lehrbeauftragter und Abteilungsleiter (SanO) beim Arbeiter-Samariter-Bund-Österreich.

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