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Aus der Truppe: Quo vadis Waffengattung Artillerie?

Der militärisch-politische Umbruch in Europa lässt an grundsätzlicher Rasanz nichts zu wünschen übrig. Viele, die schon einige Jahre oder Jahrzehnte bei der Truppe verbracht haben, werden wohl deutlich bemerken, dass das Umgliedern, die Neuorganisationen und die Neuorientierungen einen zeitlichen Zyklus aufweisen, der atemberaubend ist. Es stellt sich daher im Jahr 2003 wieder die Frage "Quo vadis Waffengattung?" Die Truppenkommandanten vieler Waffengattungen werden sich wohl dieselbe oder ähnliche Frage stellen und in einem innovativen und kreativen Prozess Strategien entwickeln, um ihr Waffensystem zur Bewältigung zukünftiger Aufgaben gedanklich neu auszurichten. Ich gehe davon aus, dass die Erfüllung der Aufgaben mehr­schich­tig sein werden und mehr­schich­­tig zu sein haben. Das Bereitsein zur Erfüllung einer nationalen Aufgabe im Sinne von nationaler Verteidigungs- und Abwehroperation ist die Basis. Jedoch muss die Orientierung in Richtung internationaler Aufgabenerfüllungen steuern, um in letzter Konsequenz die Waffengattung, wie z. B. Artillerieverbände, zur Bereitstellung und Durch­führung dieser internationalen Aufgaben zu organisieren.

Die echten Herausforderungen werden daher sein: In welcher Stärke, in welcher Konfiguration, in welcher Modernität, unter welchem erforderlichen Investitionsvolumen und unter welchen aufkommensneutralen Umschichtungen kann und muss der geforderte Beitrag geleistet werden?

Ich möchte mit dem Schlagwort Aufklärende Artillerie eine These aufstellen und damit zur offenen Gedankenbildung und zu einem konstruktiven Gedankenaustausch anregen.

Aufklärung ist vielschichtig - für Ar­tillerieverbände könnte dies folgendes bedeuten:

  • Gehärteter Forward Observer, wobei die erforderlichen Selbstschutzbe­dürfnisse abgedeckt werden müssen.
  • Ausstattung mit erforderlicher Sensorik, wie Wärmebildgerät, Laserentfernungsmesser, Goniometer, GPS, ETC (Electronic Tactical Com­puter) inklusive einer Lösung der Schnittstellenproblematik und damit Herstellung der Interoperabilität und Einbindungsmöglichkeiten in ein Gefechtsführungssystem.
  • Neuausrichtung der Ausbildung für den Aufklärungs- und Be­obach­tungsdienst, gleichzeitige Erfüllung mehrerer Aufgaben inklusive des Spektrums eines Forward Air Controllers.
  • Integration von Gefechtsfeldradar.
  • Drohnenaufklärung mit unterschied­lichen Kapazitäten für unterschiedliche Führungsebenen.
  • Artillerieaufklärungs- und Schießradar (AASR).

Alle diese Gedanken und Forderungen bedeuten Investitionen, und es muss klar sein, dass eine kurzfristige Umsetzung, ohne andere Elemente zu verändern, nicht in dieser Art und Weise zu realisieren ist, wie sich das einige oder viele von uns wünschen und vorstellen. Aus der Sicht eines Truppenkommandanten erscheint es jedoch legitim, im Sinne seiner Waffengattung Gedanken niederzuschreiben, die das Instrumentarium Artillerie in die Lage versetzen, erforderliche Aufgaben im Rahmen verschiedenster Szenarien erfüllen zu können.

Die dargestellten Anregungen dürfen für die artilleristischen Verbandskommandanten nicht dazu führen, ihren Verbandsselbstschutzme­cha­nis­mus auszulösen. Sie sind vielmehr gedacht, der Waffengattung die Chance einzuräumen, ihren Stellenwert zu erhalten. Auch unter möglichen Restriktionen soll die Waffengattung gemeinsam in einen Zustand versetzt wer­den, der unterschiedliche Orga­ni­sa­tionselemente zur Bewältigung internationaler Aufgaben befähigt.

Die Aufrechterhaltung einer bestimmten Organisationsgröße wird von beeinflussbaren Faktoren, aber auch von kaum beeinflussbaren Vorgaben abhängen. Die Chance sich zu artikulieren und sich positiv einzubringen muss genutzt werden.

"Wir übten mit aller Macht, aber immer, wenn wir zusammengeschweißt waren, wurden wir umorganisiert. Ich habe später im Leben gelernt, dass wir oft versuchen, neuen Verhältnissen durch Umorganisation zu begegnen. Eine phantastische Methode. Sie erzeugt die Illusion des Fortschritts, wobei sie gleichzeitig Verwirrung schafft, die Effektivität mindert und demoralisierend wirkt."(Petronius 80 n. Chr.) Trotz der Gegensätze zwischen meinen Gedanken und dem Zitat ergeben sich Anstöße zur Wahrnehmung erforderlicher Notwendigkeiten: Die Erkenntnisse zu erlangen, aus einer vermeintlich schlechten Ausgangsposition für das System Artillerie mögliche positive Optionen abzuleiten und zu festigen. Alle bisherigen Anstrengungen waren und sind nicht nur erforderlich und hervorzustreichen, sondern sind in gleichem, wenn nicht sogar größerem Ausmaß unter einem anderen Ansatzpunkt weiterzuführen. Im Geiste unserer Waffengattung hoffe ich, dass wir die Entwicklungsten­denzen in einem vernünftigen Zeitansatz einleiten können, zu einer breiten Basismeinung kommen, mögliche und erforderliche Restriktionen zugun­sten anderer artilleristischer Mittel seriös bearbeiten und mittelfristig mit der Umsetzung rechnen dürfen.

Oberst Rainer Karasek

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