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Führung im Gefecht auf Ebene Gruppe

Befehlsgebung - Alte Wege neu entdeckt, wird sich so mancher Leser denken. Wahrlich scheint das Bundesheer bei der Schulung in den Bereichen Führungsverfahren und Befehlsgebung jahrzehntelang in einer Sackgasse gesteckt zu sein. Erst der Handakt Taktik in Verbindung mit dem NATO-Standard-Führungsverfahren, das mittlerweile auch beim Bundesheer Einzug gehalten hat, hat uns aufgerüttelt. Erstaunt wird zur Kenntnis genommen, dass die bei Großübungen bestätigten Zeitfaktoren im Rahmen des Führungsverfahrens tatsächlich der Realität entsprechen.

Wer kennt sie nicht, die Befehlsschulungen der Offiziers- und Unteroffiziersaus-, -fort- und -weiterbildung, wo Gefechtsbefehle von vorgesetzten Kommanden in seitenlange Befehle für diverse Einsätze umgewandelt werden. Die daraus entstehende Gefechtslyrik im Zuge der mündlichen Befehlsausgabe bleibt meist unverstanden, weil die Zuhörerschaft trotz größter Anstrengungen nicht mehr folgen kann. Es gilt den Grundsatz zu beherzigen: Man kann über alles reden, nur nicht über 20 Minuten!

Grundsätzliches Problem

Der gesicherte Fußmarsch mit Angriff aus der Bewegung ist das Ge­fechtsthema im Rahmen der Ausbildung zum Gruppenkommandanten. Es wird behauptet, dass bei dieser kombinierten Einsatzart die Führungsfähig­keit des Aspiranten am besten beurteilt werden könne. Meist gehen zwei Feinddarsteller in Stellung, können unerkannt das Feuer auf die Spitzengruppe eröffnen, und werden als schwacher Feind beurteilt, um sogleich von der Spitzengruppe selbst aus der Bewegung geworfen zu werden. Auch wurde den feindlichen Schützen durch den Ausbilder befohlen, in ihren Stellungen zu verharren, um auch tatsächlich geworfen werden zu können. Ein gefechtsmäßiges Verhalten ihrerseits, z. B. durch das Absetzen, hätte die Aufgabenstellung zu sehr erschwert.

Im Zuge einer Überprüfung der Er­folgschancen dieser Gefechtstechnik unter Abstützung auf Infanterie-Ge­fechts­trainingssimulatoren wurde festgestellt, dass diese Technik in etwa acht von zehn Fällen nicht zum Erfolg geführt hätte. Ein erfolgreicher Ansatz ist erst ab der Größenordnung Zug zu erwarten, aber auch dann nur durch den Grundsatz "Totschießen, nicht Totlaufen". Dies bedeutet, dass einem breiten Ansatz der Vorzug zu geben ist, um möglichst viele Waffen zur Wirkung zu bringen. Der Gegensatz wäre der schmale und tiefe Angriff, bei dem der Feind mehr oder weniger eng umfasst wird, um überraschend in seine Flanke oder sogar seinen Rücken fallen zu können.

Ein weiteres Problem liegt im immer vielfältiger werdenden Aufgabenspek­trum des Soldaten, durch die zunehmende Teilnahme an internationalen Einsätzen, aber auch durch die Mitwirkung an sicherheitspolizeilichen Assistenzleistungen. Diese Szenarien erfordern andere Details in der Durchführung und ein komplexeres Handeln. Die Befehlsinhalte einer Patrouille (im Inland oder Ausland), einer Streife, eines Spähtrupps, einer Eskorte bzw. Bedeckung oder einer Aufklärung beinhalten andere Schwergewichte, Durchführungsdetails und Unterpunkte des Befehlsschemas. Trotzdem haben sie eine Gemeinsamkeit: Sie werden mittels des Verfahrens zur Sicherstellung des Gefechtes Marsch (Fuß- oder motorisierter Marsch) durchgeführt. Diesen neuen Anforderungen ist durch eine zeitgemäße und zukunftsorientierte Ausbildung entgegenzutreten.

Diskrepanz zwischen Befehlsinhalt und Zeit

Bisher wurde das Gefecht zu theoretisch betrachtet. Ziel war es, für möglichst alle Eventualfälle Lösungen bereitzuhalten und diese mittels Befehls weiterzugeben, frei nach dem Motto: "Es kann nichts passieren, es ist alles befohlen".

Interessant ist nun der Zusammenhang zwischen der vorhandenen Zeit für die Durchführung des Führungsverfahrens im Gefecht und dem Be­fehlsinhalt, den der Kommandant weiterzugeben hat. Am Beispiel des gesicherten Fußmarsches werden der Befehlsinhalt und die zeitliche Komponente analysiert.

Unter Berücksichtigung der für das Führungsverfahren zur Verfügung stehenden Zeit erklärt sich von selbst, dass der Inhalt des Befehlsschemas zu lang erscheint. Der Inhalt des Befehls kann nach wenigen Minuten Marschzeit inhaltlich bereits überholt sein, weil eine Änderung der Situation einen Folgeauftrag mit sich bringt.

Folglich ist es abzulehnen, selbst im Rahmen der Ausbildung zum Kommandanten, mehr Zeit für die Be­fehlsgebung zur Verfügung zu stellen, als dann eigentlich im Einsatzfall vorhanden ist. Kommandanten werden dadurch von vornherein gezwungen, Leerphrasen, Lückenbüßer und Füllwörter zu unterlassen und wirklich nur die wesentlichen und erforderlichen Bestandteile ihres Gefechtsbefehls anzusprechen. Natürlich ist es zulässig, den angehenden Kommandanten in der Anlernstufe für die Beurteilung der Lage und die Befehlserstellung mehr Zeit zur Verfügung zu stellen. So wird er unter Anleitung schrittweise an die zeitliche Sollvorgabe herangeführt.

Ein möglicher erster Lösungsansatz

Der Kommandant soll vorausdenken, aber nicht vorausbefehlen. Der Kommandant kann durch Sofortmaßnahmen Zeit für das aufgrund eines Befehles oder einer eingetretenen Situation notwendige Führungsverfahren gewinnen. Diese Sofortmaßnahmen sind oft Anwendungen der Gefechtstechnik.

Durch diese Maßnahmen, das heißt die Anwendung von Gefechtstechnik, verschafft sich der Kommandant Zeit für die Durchführung des Führungsverfahrens. Das Einnehmen einer Ge­fechtsordnung, ja bereits einer Gefechtsform, bringt jeder Führungsebene mehr zeitlichen Han­dlungsspielraum, was die Qualität des Führungs­verfahrens erhöht. Weitere Zeitmultiplikatoren sind der Einsatz von Aufklärung, einer Nahsicherung, der Spitzengruppe, einer Seitensicherung, eines Spitzenzuges oder aber einer Spitzenkompanie.

Gefechtstechnik

Gefechtstechnik (wesentliche Voraussetzung für Taktik) ist ein Lösungsansatz für Gefechtsprobleme der untersten Führungsebenen.

Nachdem von drillmäßig ange­eigneten Verfahren gesprochen wird, diese also so eingelernt wurden, dass sie automatisiert zur Anwendung kommen, handelt es sich um Verfahren, die ein Nachdenken oder Beurteilen auf eine Kurzbeurteilung beschränken. Der Inhalt dieser Beurteilung ist auf einige wesentliche Entscheidungskriterien reduziert und basiert auf Einsatz- und Führungsgrundsätzen; es erfolgt eine Reaktion mit Normverhalten nach dem Ausscheidungsprinzip.

Es handelt sich daher bei der Ge­fechtstechnik um Kommandos, Feuerkommandos, Feuerbefehle, Gefechtsformen, Kampfaufträge, Handgriffe zur Handhabung von Waffen und Gerät (Waffensystemen) etc.

Auf jenen Ebenen, welche nach den Regeln der Gefechtstechnik führen (vor allem Gruppe und Zug), wird das Gefecht aufgrund der geforderten Reaktionsschnelligkeit eher mit Befehlen und Kommandos, also mittels Befehlstaktik, geleitet. Der Reaktionsschnelligkeit wird auch durch die geringe Befehlsreichweite nachgekommen, da sich die Befehle unmittelbar am Gefechtsfeld auswirken und nicht von langer Dauer sind. Befehlstaktik heißt auch, dass die Entscheidungskriterien sehr minimal gehalten werden und somit ein angelerntes Verhalten zur Anwendung kommen kann.

Der Befehlsinhalt deckt jene Bereiche ab, die nicht der Norm entsprechen (Nahsicherer sind nicht immer dieselben Personen, daher ist auch ein Kommandant einzuteilen; die Gefechtsform der Gruppe könnte eine andere sein; etc.). Was am Marsch passieren könnte, ist durch Einzelbefehle zum richtigen Zeitpunkt (Vorausdenken und nicht Vorausbefehlen) zu regeln. Im Rahmen der Befehlsgebung kann demnach folgender Grundsatz zur Goldenen Regel werden: So viel wie nötig und so wenig wie möglich, denn im Weglassen liegt die Kunst.

(wird fortgesetzt)


Autor: Major Bernhard Schulyok, Jahrgang 1967. Nach der Ausmusterung an der There­sianischen Militärakademie 1992 Verwendungen als Zugskommandant und Ausbildungsoffizier beim Landwehrstammregiment 21 in Wien. Lehrgruppenoffizier an der Militärakademie 1993/94; 1995 bis Ende 1999 Kompaniekommandant der 1. Jägerkompanie des Jägerregimentes Wien. Seit Jänner 2000 an der Heeresunteroffiziersakademie, derzeit Kommandant des Lehrstabes und Hauptlehroffizier für Unteroffiziersweiter- und -fortbildung.

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