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Standardization is not sexy

In der Europäischen Union und auch weltweit werden mittels Normierungen Anstrengungen unternommen, um ein Zusammenleben und ein Zusammenarbeiten in allen Lebensbereichen zu vereinfachen. Nur so können gemeinsame, länderübergreifende Ziele erreicht werden. Dies gilt auch für die zunehmenden militärischen Kooperationen.

Haben Sie jemals versucht, einen österreichischen 220-Volt-Schukostecker in eine belgische 220-Volt-Steckdose hineinzuwürgen? Sie werden kläglich scheitern.Solche Inkompatibilitäten gibt es in der EU, und es ist nicht der einzige derartige, wenn auch plakative Fall. Seit Jahrzehnten ist man bestrebt, solche Widrigkeiten zu beseitigen.

Hiezu bedient man sich nationaler und internationaler Normungsinstitute, deren Ergebnisse als Standards wie ÖNORM, DIN, ISO, IEEE, CEN, ANSI etc. veröffentlicht werden, um der Industrie Vorgaben für die Produktion zu geben. Die produzierten Güter der Industrie sollen in Zeiten der Globalisierung auch weltweit verwendet werden können. Diese sollen nicht nur kompatibel sondern interoperabel oder sogar untereinander austauschbar sein.

Standardisierung im Militär

Eine besondere Aufgabe stellt sich im Bereich der Interoperabilität bei multinationalen militärischen Einsätzen. Hierbei sind nicht nur materielle, sondern auch operationelle, taktische und administrative Standards notwendig, um eine erfolgreiche Auftragserfüllung sicherzustellen.

Die weltweit anerkannte Führungsrolle im militärischen Normungsbereich wird seit den 90er-Jahren des 20. Jahrhunderts der NATO zugestanden, die sich mit den von ihr entwickelten Standards seit dem Zusammenbruch des Warschauer Paktes international durchsetzen konnte. Da der NATO im internationalen Kontext eine gewichtige Rolle zur Stabilitätssicherung zukommt, werden die in der NATO verwendeten Standards nicht nur von NATO-Staaten selbst angewendet, sondern auch von fast allen anderen Staaten akzeptiert. Nachdem 21 der 27 EU-Staaten Mitglieder der NATO sind, werden diese Normen von der EU direkt übernommen, um eine Duplizierung der Bearbeitung zu vermeiden. Falls bereits ein ziviler Standard vorhanden ist, wird von der NATO kein eigener mehr entwickelt. Vice versa übernehmen immer mehr zivile Normungsinstitute frei zugängliche NATO-Standards.

Österreich ist seit 1995 in der NATO Partnership for Peace (PfP) und dem Euro-Atlantischen Partnerschaftsrat (EAPC) sowie seit 1995 in der EU vertreten und akzeptiert in den Partnerschaftszielen die Einführung und Anwendung der in der NATO verwendeten Normen.

Standardisierung in der NATO

Die NATO bedient sich bei der Entwicklung und Veröffentlichung dieser Normen der NATO Standardization Agency (NSA), die von sogenannten Tasking Authorities (TAs) hiezu beauftragt wird. In den TAs - diese sind hochrangige politische und militärische NATO-Gremien - wird der Bedarf für eine einheitliche Regelung festgelegt oder eingebracht und an untergeordnete Arbeitsgruppen zur Bearbeitung übergeben. In den Arbeitsgruppen werden durch die Experten der Staaten Lösungen im Konsens erarbeitet. Auch Österreich ist mit Fachleuten in Arbeitsgruppen und TAs vertreten, die für NATO-Partnerstaaten zugänglich sind.

Wenn die Arbeitsgruppen zu Ergebnissen gelangt sind und die TAs diese im Konsens genehmigt haben, wird durch die NSA (NATO Standardization Agency) ein Standardization Agreement (STANAG) verfasst und veröffentlicht. Diese STANAGs sind für NATO-Staaten verpflichtend zu ratifizieren und zu implementieren. Österreich hat sich mit der Annahme von Partnerschaftszielen bereit erklärt, die darin aufgelisteten, für eine gemeinsame Auftragserfüllung notwendigen Normen anzunehmen und zu implementieren. Dies beinhaltet sowohl die Anwendung gemeinsamer Verfahren als auch administrativer Abläufe und die Beschaffung der genormten materiellen Ausstattung, sowie eine Anpassungen in der Ausbildung und die dazugehörige Vorschriftenerstellung.

Die STANAGs sind zur Erreichung der Interoperabilität multinationaler Kräfte unabdingbar. Sie können auch eine "Deckblatt"-Aufgabe für viel umfangreichere Allied Publications (APs) erfüllen, um ein leichteres Auffinden im Normungsregelwerk zu gewährleisten. Die seit kurzem zur Verwaltungsvereinfachung eingeführten STANRECs (Standardization Recommandations) sind von NATO-Staaten nicht verpflichtend zu implementieren. Sie stellen aber eine wertvolle Ergänzung (Way of Best Practice) für die Zusammenarbeit in einem multinationalen Umfeld dar. Ungefähr 90 Prozent der derzeit gültigen STANAGs (ca. 2 000) werden zu STANRECs umgewandelt. Als STANAGs verbleiben nur mehr diejenigen Normen, die sich in den Einsätzen der letzten Jahre ohne jegliche Einschränkung als einsatzwichtig herausgestellt haben.

NATO-Staaten sind verpflichtet und die Partnerstaaten dazu eingeladen, den Stand der Implementierung der STANAGs in einer eigenen Datenbank transparent darzustellen, um schon frühzeitig die Fähigkeiten anderer für einen Einsatz vorgesehene Truppen beurteilen und einplanen zu können.

Standardisierung in Österreich

In Österreich ist die nationale "Leitstelle Standardisierung" in der Abteilung Programmplanung des Bundesministeriums für Landesverteidigung und Sport beheimatet. Diese Abteilung ist der direkte Ansprechpartner für alle die Standardisierung betreffenden Themenbereiche. Sie legt federführende Abteilungen im Ministerium fest und übernimmt die Koordination zwischen dem österreichischen Bedarfsträger und der NSA. Ein Mitarbeiter der NATO-Abteilung in der Militärvertretung Brüssel im NATO-Hauptquartier unterstützt vor Ort als Verbindungsoffizier diese Bestrebungen.

Fazit

Standardisierung ist sowohl im zivilen als auch im militärischen Bereich unerlässlich. Die zunehmende Zusammenarbeit im internationalen Bereich erfordert eine Kompatibilität sowohl von Gütern als auch von Prozessen und Ausbildungsgängen. Ein österreichischer Schukostecker sollte schließlich auch in Belgien verwendbar sein.


Autor: Oberstleutnant Thomas Mader, Jahrgang 1966. 1990 Ausmusterung Jahrgang "Banfield"; 1990 bis 2000 Zugs- und Kompaniekommandant sowie Stabsoffizier Logistik (S4) im Gardebataillon, 2001 bis 2003 in der Einsatzzentrale-Logistik/Quartiermeisterabteilung/BMLV; 2004 bis 2008 in der Rüstungsdirektion im Amt für Rüstung und Wehrtechnik, unterbrochen 2005 bis 2006 Militärvertretung Brüssel/Rüstungsabteilung für EU06; 2006 bis 2007 S4 bei KFOR; seit 2008 Referatsleiter Logistik und Standardisierung in der NATO-Abteilung/Militärvertretung Brüssel.

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