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Psychologie: Blackout - eine Katastrophe des Alltags

Im TRUPPENDIENST-Heft 1/2012 wurde das Thema "Blackout und Massenpsychologie" in seinen Grundzügen beleuchtet. Nun soll näher auf das konkrete Verhalten der Bevölkerung hinsichtlich eines längerfristigen Versorgungsausfalles aufgrund eines Blackouts eingegangen werden.

Es erscheint logisch, dass ein Stromausfall nur dann zu einer Katastrophe werden kann, wenn eine charakteristische Voraussetzung, nämlich die Abhängigkeit einer Gesellschaft von Strom, besteht. Wie bei einer Seuche, deren Ausbreitung nur schleichend passiert, führt ein Stromausfall nicht sofort zu Angst und panischen Reaktionen, da zuerst noch die Überzeugung vorherrscht, das Ereignis kontrollieren und gut überstehen zu können, wodurch die Betroffenen handlungsfähig bleiben. Viele Studien zeigen, dass nur äußerst selten unmittelbar nach einem solchen Ereignis Panik­reaktionen auftreten, wenngleich diese jedoch in Ausnahmefällen, vor allem in individuellen Extremsituationen (z. B. extreme Kälte, eingeschlossen in U-Bahn, Fahrstuhl, Tunnel), durchaus möglich sind. Daher wird es nach einem Stromausfall zu Beginn in den meisten Fällen zu keiner gravierenden Verhaltensänderung der Bevölkerung kommen. Einige Studien berichten sogar von einer "contagion of joy during the blackout" und thematisieren das durchaus pro-soziale und hilfsbereite Verhalten der Mitbürger und dessen Ansteckungskraft auf andere Betroffene. Allerdings muss hierbei betont werden, dass ein solcher solidarischer Zusammenhalt bereits vorhandene stabile soziale Strukturen wie gute Nachbarschaftsbeziehungen voraussetzt.

Mit zunehmender Dauer des Ausfalls werden jedoch bestimmte Alltagsroutinen aufgrund der daraus resultierenden Mangelversorgung u. a. mit Trinkwasser, Nahrungsmitteln und Wärme nicht mehr durchführbar sein. Zusätzlich wird die Schwierigkeit bzw. Unmöglichkeit, Informationen zu erhalten, mit der Zeit zu Angst und Verunsicherung der Bürger führen, da auch ein Großteil der Medien und Kommunikationsmittel sowie deren Betreiber von einem Stromausfall betroffen sind.

Somit wird die Selbsthilfefähigkeit sowohl der Bevölkerung als auch die aller Organisationen (vor allem Katastrophen- bzw. Zivilschutz) zunehmend beeinträchtigt werden. Insbesondere die Selbsthilfefähigkeit der Bevölkerung gilt als wichtigster Faktor, der bestimmt, wie viel Zeit zwischen dem Beginn einer Katastrophe und der irreversiblen Zerstörung sozialer Strukturen vergeht. Unkenntnis, das Fehlen eines entsprechenden Erfahrungsschatzes, keine adäquate Vorsorge jedes Einzelnen sowie mangelnde Informationspolitik verhindern den Aufbau einer derartigen Selbsthilfefähigkeit beziehungsweise beschleunigen ihren Abbau.

Hält ein Stromausfall mehrere Tage an, steigt die Verwundbarkeit der Bevölkerung massiv, das heißt, dass sich die Belastbarkeit der Bevölkerung verringert und somit deren Abhängigkeit von anderen Einrichtungen (Rettungs- und Polizeidienst, Feuerwehr, Bundesheer etc.) wächst. Diese Verletzlichkeit ist bei bestimmten Personengruppen (Alten, Kranken, Schwangeren etc.) sogar schon viel früher gegeben. Das sichere, gewohnte und selbstverständliche Gefühl unserer Gesellschaft geht verloren, jederzeit auf schnelle Hilfe zurückgreifen zu können, da Rettungskräfte und auch die Politik zuerst ihr eigenes Funktionieren sicherstellen müssen, um der steigenden Nachfrage von Seiten der Bevölkerung überhaupt begegnen zu können. Eine unzureichende Versorgung, das Fehlen von Informationen hinsichtlich Ursache und Dauer sowie das Unverständnis dafür, keine Hilfe zu bekommen, führen in der Folge zu Frustration, Hilflosigkeit und Wut gegenüber den Entscheidungsträgern, wodurch wiederum antisoziale und aggressive Verhaltensweisen der Menschen zu Tage treten. Bestehende rechtliche Normen werden durch andere, teilweise rebellische Strategien der Zielerreichung (Sicherstellung der eigenen Versorgung z. B. durch Plünderungen) ersetzt und Konflikte offen ausgetragen.

Einen der wichtigsten Faktoren zur Aufrechterhaltung sozialer Systeme in derartigen Ausnahmezuständen stellt die schnelle Verfügbarkeit von Informationen dar. Um einer solchen Situation nicht schutzlos ausgeliefert zu sein und handlungsfähig zu bleiben, muss die Bevölkerung für das Eintreten einer solchen "Katastrophe des Alltags" im Vorfeld sensibilisiert, entsprechende Handlungsanweisungen für den einzelnen Bürger festgelegt und der Ernstfall bei Katastrophenübungen trainiert werden.

Mag. Cornelia Schachner

Eigentümer und Herausgeber: Bundesministerium für Landesverteidigung | Roßauer Lände 1, 1090 Wien
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