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Clash of Cultures im Biedermeier (III)

"Die ‚Carolina‘, der ‚Veneto‘ und die ‚Adria‘ haben alle Schaluppen, jede mit einer kleinen Kanone versehen, ablaufen zu lassen, um die dem Bord dieser drei Schiffe entnommenen Detachements des Raketeur-Corps, der Marineinfanterie und des bewaffneten Matrosen-Corps successive an das Land zu setzen. (...) Nach erfolgter Landung auf der sandigen Zunge haben die Truppen auf dem kürzesten Wege gegen die beiden im Flusse hinter der Erdzunge liegenden Korsarenschiffe vorzurücken, diese mittels Raketen in Brand zu stecken und sich dann ungesäumt wieder an Bord zurückzuziehen."

So lautete, nach der Erinnerung des Schiffsfähnrichs (SchFhr) Kudriaffsky, der Befehl für das Landungsunternehmen am 3. Juni 1829. Insgesamt betrug die Stärke der Landungstruppen etwa 180 Mann, aufgeteilt auf acht Boote. Korvettenkapitän (KKapt) Zimburg führte, Fregattenleutnant (FregLt) Fecondo kommandierte die vier Raketengeschütze, als Unterabteilungs- (d. h. Zugs-)Kommandanten fungierten die SchFhr Kudriaffsky, Schmidt und Belli sowie der Marinekadett Hinterholzer. Der Divisionsadjutant, SchFhr Attajan, befehligte die Boote und 36 Mann Reserve, die den Landungskopf sichern sollten.

Die Landung erfolgte mit steigender Flut, die auf die Küste zulaufende Strömung begünstigte damit das Unternehmen. Allerdings mussten die Boote Abstand vom Strand halten, um durch die Flut nicht aufzulaufen. So booteten die Soldaten und Matrosen schon in einiger Entfernung vom Strand aus und wateten, Gewehre, Munition und Ausrüstung über den Köpfen haltend, ans Ufer. Unter­dessen feuerten die Festungs­geschütze von Larache bereits auf die anlandenden Boote, erzielten jedoch keine Treffer. Das am weitesten südlich, d. h. stadtwärts liegende Schiff, der Brigg "Veneto", erwiderte das Feuer.

Die Landungsabteilung stieß im Eilmarsch über die Landzunge nach Osten vor, ignorierte dabei die flankierende Batteriestellung samt ihrer Infanterie­bedeckung und erreichte bald den Höhenkamm. Von dort aus sah sie das Angriffsziel, die beiden Briggs in etwa 100 Schritt (ca. 75 Meter) Entfernung vor sich liegen. Außer einigen, sich rasch zurückziehenden Vorposten, war vorerst kein Feind zu entdecken: Die Schiffe waren ohne Mannschaft, das Zeltlager der Besatzungen verlassen. Zimburg ließ die Zerstörung der Schiffe und die Sicherung des Landungskopfes vorbereiten. Die Marineinfanteristen wurden unter dem Kommando ihrer Unteroffiziere (die Division hatte orgplanmäßig keinen Offizier der Marineinfanterie eingeschifft) zur Sicherung der Flanken detachiert.

Eben sollten die vier Raketenabschussgeräte in Stellung gehen, als sich unversehens eine kritische Situation entwickelte: "Plötzlich wirbelte im Norden Staub auf, und bei 20 Reiter sprengten mit wildem Geschrei heran. Dieser unbekannte Schock setzte die Seesoldaten in bedeutende Aufregung, alles rief ‚Cavalleria, Cavalleria !‘ und rannte durcheinander. Umsonst rief Zimburg ‚Karree formieren‘ (eine quadratische Formation zur Rundumverteidigung von Infanterie gegen Kavallerie), davon hatten die Matrosen nicht den leisesten Begriff." Hier will sich Kudriaffsky wieder besonders aktiv ins Geschehen eingeschaltet haben: "Über Kudriaffskys Antreiben wurden die Raketengestelle aufgerichtet. Raketeur-Corporal Ritz - ein Deutscher und der einzige Unteroffizier dieser Waffe an Bord der ‚Carolina‘, nothgedrungen für diesen Tag aus dem Arrest entlassen - fand keine (Zünd)Kapseln, Raketen waren aber bereits eingelegt (geladen). Kamen die arabischen Reiter zum Einhauen, dann war zu besorgen, dass die gelandeten Truppen auseinanderstieben würden (...) Rasch entschlossen steckte Kudriaffsky in diesem Augenblicke der Noth eine Lunte in den Lauf seines Gewehres, zündete sie an und schleuderte im günstigsten Moment eine Rakete unter die Reiter (indem er sie mit der behelfsmäßigen Lunte zündete). Kudriaffsky verbrannte sich zwar die Hand, die Wirkung der Rakete war aber eine überraschende. Die Araber jagten davon und ließen sich erst zu Ende des Gefechts wieder sehen. Dies stellte Ordnung und Besonnenheit wieder her." Die Raketen wurden nun auf die Briggs gerichtet, und endlich fand Corporal Ritz die Zündkapseln in der Tiefe seiner Rocktasche. Die Raketeure eröffneten das Feuer mit insgesamt 45 Raketen, von denen 43 auch trafen. Es waren Brandraketen verwendet worden, die jedoch tief zielend gegen die Schiffsrümpfe eingesetzt wurden, da hinter den Kaperschiffen zwei neutrale französische Handelsschiffe ankerten. Die Franzosen wollte man natürlich nicht treffen. Die Brandsätze konnten das durch Salzwasser imprägnierte Holz der Schiffsrümpfe nur ansengen. Auch dürften einige Raketen, ohne zu zünden, die schwachen Planken einfach durchschlagen haben, was oberhalb der Wasserlinie auch keinen Erfolg bringen konnte.

Corporal Ritz wusste nicht, dass Brandraketen gegen Segel und Takelage von Schiffen, gegen die Rümpfe aber Sprengraketen einzusetzen waren, und von den Seeoffizieren war niemand am Gerät ausgebildet. In der gesamten Ponentedivision war kein Marineartillerie- oder Raketeuroffizier eingeschifft!

Inzwischen hatten die Marokkaner Truppen mit einer Fähre von der Stadt zur Batterie auf der Landspitze übergesetzt, welche die rechte Flanke der Landungsgruppe vom Süden her bedrohte. Die dort zur Sicherung eingesetzten Marineinfanteristen konnten den Gegner durch Feuer niederhalten, hatten aber bereits Verluste. Im Norden bedrohte noch immer die Kavallerie die linke Flanke und die Angriffsziele schwammen immer noch. KKpt Zimburg beschloss, die beiden Briggs per Hand in Brand stecken zu lassen.

Zwei Freiwillige, Quartiermeister Garabini und Marsgast Tonin, banden sich entsprechendes Material auf die Köpfe und schwammen zum ersten Schiff. (Viel mehr als Lunten und Zündmittel dürften sie nicht mitgenommen haben, da auf Segelschiffen genug brennbares Zeug vorhanden war.) Das Unternehmen gelang, obwohl die beiden Unterof­fiziere vom Land her unter heftigem Gewehrfeuer lagen: Das erste Schiff brannte. Corporal Ritz setzte - in­zwischen offensichtlich durch Scha­den klug geworden - einige Raketentreffer in der Wasserlinie der zweiten Brigg. Das Schiff sprang leck und begann Wasser zu machen.

Über all dem war es etwa 1300 Uhr geworden, die Truppe befand sich bereits seit fünf Stunden an Land in der flirrenden Mittagshitze. Die marokkanischen Stellungen im Süden waren von der Stadt her auf etwa 1 000 Mann verstärkt worden, die ein intensives Schützenfeuer unterhielten. Die Zahl der österreichischen Ausfälle stieg, besonders die sichernde Marineinfanterie an der rechten Flanke hatte bereits zahlreiche Tote und Verwundete. Zimburg musste schnellstens zurück zu den Booten.

SchFhr Kudriaffsky wurde mit einer Matrosenabteilung zur Verstärkung der Marineinfanterie an der rechten Flanke eingesetzt. SchFhr Schmidt sicherte mit einigen Matrosen und Marineinfanteristen die linke Flanke, an der noch immer die marokkanische Kavallerie stand. Das Gros unter KKapt Zimburg begann den Rückzug in Richtung der Boote. Die Marokkaner erkannten den Rückzug der Österreicher und gingen sowohl im Norden als auch im Süden zum Angriff über. Der Brückenkopf drohte in beiden Flanken eingedrückt zu werden.

Jetzt griffen die österreichischen Schiffe aktiv ins Geschehen ein. Sie hatten bereits am Vortag Springs in ihre Ankerkabel gesteckt, um jederzeit die Hauptschussrichtung der Artillerie ändern zu können. Die Korvette "Ca­rolina" drehte mit Hilfe der Muskelkraft ihrer Matrosen, eröffnete das Feuer und wirkte mit Kartätschen in die massiert vor der rechten Flanke angreifende Infanterie. "Veneto" beschoss weiterhin die Festungsbatterien mit Kanonenkugeln und brachte eine davon zum Schweigen. Dabei gerieten auch mehrere Wohnhäuser der Stadt in Brand. Inzwischen frischte der Wind vom Westen her auf, die See wurde gröber, und für die dicht unter Land ankernden Schiffe wurde das Risiko immer größer, sich gegen den Wind und die steigende Flut nicht mehr freisegeln zu können. Von Wind und Strömung auf die Küste gedrückt zu werden, also "auf Legerwall zu geraten", war - und ist - ein Albtraum für jeden Segler.

Die Boote mussten, um nicht vom Wind und der wieder einsetzenden Flutströmung auf den Strand geworfen zu werden, in tieferem Wasser bleiben, konnten aber Zimburgs Gruppe, völlig erschöpft, aufnehmen. Die kleinkalibrigen Bootsgeschütze griffen, wo möglich, ins Gefecht ein. Währenddessen kämpften die Flankenabteilungen unter Kudriaffsky und Schmidt hinhaltend und setzten sich, ständig feuernd, ebenfalls in Richtung der Küste ab.

Nahezu gleichzeitig mit den nachdrückenden Marokkanern erreichten sie das Ufer.

"Dann aber wurde der Rückzug eine wahre Flucht; was verwundet war und nicht laufen konnte, blieb liegen. (...) Im Angesichte des überlegenen, mit aller Macht nachdrängenden Feindes, mussten die Soldaten bis an die Schultern im Wasser watend, ja sogar schwimmend, die Boote zu erreichen suchen und dabei noch kämpfen. Diejenigen, die den Einschiffungsplatz nicht mehr zu erreichen vermochten, wehrten sich verzweifelt und verkauften ihr Leben teuer.

Auch der im Schenkel verwundete Kudriaffsky vermochte nicht mehr zu laufen. Er warf sich mit dem Gesicht zur Erde (...) und rollte sich in das Meer, wo er (...) so gut es ging, zu schwimmen begann. Zum Glück bemerkte ihn ein (....) kleines Boot und eilte, ihn aufzunehmen. Aber auch zwei Araber hatten Kudriaffsky beobachtet, sie warfen sich ins Wasser, verfolgten ihn und rissen ihn an der Säbelscheide. Er erhielt zwei Säbelhiebe über den Kopf, die ihn betäubten.(...) Die beiden Araber wurden durch die Ruder der Matrosen erschlagen und Kudriaffsky (...) in das Boot gezogen." Um ca. 1700 Uhr lichteten die drei Schiffe Anker, kreuzten sich von der Küste frei und nahmen Kurs auf Gib­raltar. Von der etwa 180 Mann starken Landungsabteilung fielen 22 Mann, und 14 waren verwundet worden. Den Löwenanteil der Verluste trug die Marineinfanterie. Die Festungsbatterie hatte kaum wirksame Treffer erzielt.

Die marokkanischen Ver­­­­­­­luste schätzte man auf etwa 250 Mann. Dies wurde, vor allem durch die in Larache ansässigen Konsuln, bagatellisiert. Der Pascha von Larache drohte sogar in einer öffentlichen Bekanntmachung, dass er jedem, der Un­günstiges über den Angriff spricht, "die Hand abhauen lasse." Zurück vor Gibraltar, gingen die fälligen Berichte nach Wien. Ban­diera lancierte auch einen Pressebericht, der bereits am 10. Juni im "Gibraltar Chronicle" erschien. Da­bei wurde auffallenderweise die Dauer des Unternehmens mit lediglich drei Stunden angegeben und die Beschädigungen der beiden marokkanischen Schiffe weit übertrieben. Eines sollte "bis an die Wasserlinie abgebrannt" sein.

In den internen Berichten konnten die Mängel beim Einsatz der Raketenstarter nicht unerwähnt bleiben, was eine umfangreiche kommissionelle Un­­­ter­suchung nach sich zog. Neuere Aufklärungser­geb­nisse zeigten dann auch, dass die beiden marokkanischen Briggs noch im­mer schwammen. Sie waren zum Schutz weiter in den Innenhafen von La­rache verholt worden.

Der Hofkriegsrat befahl nun weitere Bom­bar­de­ments marokkanischer Hafenstädte, nicht aber des Haupthafens Tanger, da dessen Befestigungen zu stark waren. Dazu sollte die Ponentedivision verstärkt werden: Die Fregatte "Me­dea" und die Brigg "Us­saro" wurden ausgerüstet und in Richtung Gibraltar in Marsch gesetzt.

Da in der Zwischenzeit die Verhandlungen in Tan­ger keinerlei Fortschritte machten, entschloss sich Bandiera zu einer weiteren Aktion, diesmal gegen das Küstenstädtchen Arzilla. "Carolina" und "Veneto" trafen, von Algeciras kommend, am 19. Juli vor der kleinen, aber gut befestigten Stadt ein. Vorerst kreuzten sie außer Schussweite und beobachteten. In der Nacht zum 20. nahm eine Bootsbe­satzung unter FregLt Fecondo Tiefenlotungen vor dem Hafen vor, da die vorhandenen Seekarten nicht ausreichten. Die Arbeiten wurden nicht bemerkt - es erfolgte jedenfalls keine Reaktion aus dem Hafen.

Die Seefront der Stadt war durch zwei Rundbastionen gedeckt, von denen jede drei schwere Geschütze trug, auf der dazwischenliegenden Befestigungsmauer war eine neu gebaute, aus neun Geschützen mittleren Kalibers bestehende, Batterie zu beobachten. Die österreichischen Kreuzungen bzw. der Angriff auf Larache hatten also offensichtlich Abwehrvorbereitungen in den Küstenstädten zur Folge.

Am 22. Juni morgens segelten die beiden Schiffe in Kiellinie (d. h. hintereinander) auf den Hafen zu. Die Segel waren gerefft, um durch langsamere Fahrt die Geschütze optimal zur Wirkung bringen zu können. Insgesamt dreimal liefen die beiden Schiffe an. Sie feuerten aus allen Geschützen Breitseiten und mit den auf Deck in Stellung gegangenen Raketenstartern. Etwa 150 Vollkugeln und 80 Raketen trafen die Mauern und Gebäude von Arzilla. Die marokkanische Batterie erwiderte das Feuer zwar, konnte aber keine entscheidenden Treffer landen. Hinter den Stadtmauern von Arzilla wurden heftige Brände beobachtet.

Inzwischen waren auch die Verstärkungen, die Fregatte "Medea" (ein damals erst kürzlich in Dienst gestellter Neubau) und der Brigg "Ussaro" eingetroffen. Bandiera übernahm das Kommando auf der "Medea" und hatte vorerst damit zu tun, die noch ungeübte Besatzung zu drillen. Dementsprechend hatte auch das nächste offensive Unternehmen den Charakter einer Gefechtsübung im scharfen Schuss. Bandiera lief mit der "Medea" am 28. Juli 1829 Tetuan an. Er ging im toten Winkel der Küstenbatterien vor Anker und unterhielt etwa drei Stunden lang ein heftiges Geschütz- und Raketenfeuer, bis ihn die Gezeitenströmung zum Ablaufen zwang. Das Fort von Tetuan erlitt Beschädigungen, "Medea" hatte einige harmlose Treffer in der Takelage einzustecken.

Damit war eine Pattstellung erreicht. Die Österreicher kontrollierten die Küstenlinie und versetzten die Küstenorte in Unruhe. Damit waren aber die Grenzen ihrer militärischen Kapazitäten erreicht. Marokko wiederum konnte mangels stärkerer Kriegsschiffe nicht aktiv werden: Die einzige Korvette war ein faulendes Rumpffragment, die beiden Briggs beschädigt und die Goelette in Sale blockiert. Der Unmut und die Unruhe der Bevölkerung wegen der Beschießungen wuchsen. Im August und September kam es noch zu zwei kleineren Schusswechseln vor Tetuan und Larache, jedoch ohne irgendwelche Ergebnisse. Sultan Abd el-Rahman hatte auf die militärische Unterstützung der anderen Barbareskenstaaten gehofft. Dies hatte aber der österreichische Internuntius (Botschafter) in Konstantinopel vereitelt, indem er das strikte Verbot der Hohen Pforte (ursprüngliche Bezeichnung für den Sultanspalast in Konstantinopel - heute Istanbul - nach der Eingangspforte; 1718 bis 1922 Bezeichnung für den Sitz des Großwesirs bzw. für die türkische Regierung, besonders des Außenministeriums) dagegen erwirkte. Die Ungeduld einer "allerhöchsten Entschließung" Kaiser Franz I. brachte wieder Dynamik ins Spiel. Der Kaiser dekretierte, dass er durch die bisherigen militärischen Erfolge die Wegnahme der "Il Veloce" als abgegolten sehe und befahl, dies dem Diwan von Marokko bekanntzugeben. Die Verhandlungen kamen wieder in Gang, während die Ponentedivision den ganzen Winter über das Tauwerk im Kreuzungs- und Eskortendienst verschliss.

In Gibraltar verhandelten Bandiera und Pflügl über den marokkanischen Generalkonsul Judah Benuliel mit dem Sultan. Auch eine - von Metternich eingefädelte - Londoner Verbindung zwischen dem dortigen Geschäftsträger, Fürst Esterhazy, und dem marokkanischen Agenten, Sidi Ombark Benbey, wurde aktiv.

Im Frühjahr 1830 konnte man sich schließlich einigen. Bandiera und Pflügl schlossen mit dem Generalkonsul Benuliel am 13. März einen Vorvertrag. Das Traktat (Anm.: Das Ver­tragswerk) zwischen Marokko und Österreich würde im Geiste von 1783 erneuert werden, die "Il Veloce" herausgegeben und Entschädigung für die längst verkaufte Ladung geleistet werden. Die endgültige Vertragsunterzeichnung durch den Sultan und die Bevollmächtigten sollte in dessen Residenz in Mechinez stattfinden.

Dies erforderte weitere sechs Monate der Vorbereitungen. Zur Verschönerung der österreichischen Delegation und um ihr mehr Gewicht zu verleihen, wurde eine Gruppe von - adelig hoch­rangigen, militärisch jedoch im Dienstgrad unter Bandiera stehenden - Heeres­offizieren nach Algeciras eingeschifft.

Weitere, sehr kostspielige Geschenke in maßgefertigten Lederkoffern wurden besorgt.

Im September schließlich versammelte man sich in Tanger zum Aufbruch: Bandiera mit seiner militärischen und diplomatischen Suite, je eine Marineinfanterie- und Matrosenabteilung in Paradeuniform und die Bordmusikkapelle. Hier wurde Bandiera Opfer einer letzten, aber diffizilen Finte des Sultans.

Man erwies der österreichischen Delegation Ehren, wie man sie noch nie einem europäischen Land zugestanden hatte. Eine vielhundertköpfige marokkanische Militärabteilung mit dazugehörigem Tross wertete die Karawane auf. Jeder marokkanische Pascha, Scheich oder Bey hatte den Zug mit Eskorten durch sein Ver­waltungsgebiet zu begleiten. Ein prächtiges Spektakel aber - Österreich musste es bis zum letzten Reiter bezahlen! Hier war jeder Widerstand zwecklos, diese Ehre konnte man schlecht ablehnen. Auch die Anzahl der Würdenträger, die mit Geschenken zu bedenken waren, erhöhte sich von Woche zu Woche. Man mag ermessen, wie gemischt Bandieras Gefühle gewesen sein mochten, als er schließlich am 2. Oktober 1830 von Tanger aus aufbrach. Die bekannte Sparsamkeit seines allerhöchsten Kriegsherren und der Zentralstellen mag ihm die Freude an all der orientalischen Pracht ringsum doch etwas relativiert haben.

Mit der, am 20. Oktober in Mechinez stattgefundenen, feierlichen Audienz und Vertragsunterzeichnung endete die marokkanische Affäre formal. Der 1783 geschlossene und 1805 erneuerte Vertrag wurde damit wiederum bestätigt. Sultan Abd el-Rahman hatte die Genugtuung, auch den letzten noch ausständigen Vertragspunkt erfüllt zu sehen. Der dänische Generalkonsul Schoosboe, in­zwischen mit dem österreichischen Leopoldsorden geschmückt, präsentierte sein Akkreditierungsschreiben als öster­reichischer Konsularagent. Die "Il Veloce" wurde auf Kosten ihres Eigentümers (!) nach Triest überstellt.

Bandiera erhielt die Erlaubnis, den neuen Vertrag persönlich nach Wien bringen zu dürfen. In weiterer Folge machte er die sicherlich hervorragendste Marinekarriere des Vormärz. Auch Marokko sah er wieder. 1835 lief er, dann schon als Linienschiffskapitän und Kommandant der Fregatte "Guer­riera", in Tanger ein. Er informierte den Sultan offiziell über die Thronbesteigung Kaiser Ferdinands I., wie es die diplomatischen Spielregeln nun einmal gebieten ...


Autor: Klaus Bachmann, Jahrgang 1958. Insgesamt 16-jährige aktive Dienstzeit als Unteroffizier (LWR101, LWSR21, JgR2), zuletzt als Lehrunteroffizier für Stabsdienst und Kanzleiwesen an der Heeresversorgungs-schule. Dienstführender Unteroffizier einer Milizkompanie. Lebt und arbeitet, als freiberuflicher Autor und Grabungstechniker im historisch-archäologischen Bereich, in Wien.

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