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Braucht die tschechische Armee noch Panzer?

Panzer gibt es seit dem Ersten Weltkrieg. Gibt es in Zukunft auch das Phänomen des modernen Krieges und werden für künftig zu erwartende Einsätze noch Panzer benötigt? Welche Perspektiven haben die Panzerverbände der tschechischen Armee? Die Streitkräftereform in der Tschechischen Republik und der Rüstungsstand der Armee geben teilweise Antworten.

Geschichte und Entwicklung

Erster Weltkrieg

Der operative Einsatz der Panzer im Ersten Weltkrieg bedeutete eine Revolution im Militärwesen. Aufgrund der Verbindung von Feuerkraft, Panzerschutz für die Besatzung und Manövrierfähigkeit im Gelände entstand ein Gefechtsmittel, das die Taktik der Grabenkämpfe eines Stellungskrieges entscheidend veränderte. Die tief gestaffelten Verteidigungslinien mit einigen Graben- und Befestigungslinien, mit Vorbereitungsfeuer der Maschinengewehre und Artillerie, bildeten für die angreifenden Truppen kein unüberwindbares Hindernis mehr.

Die Einführung und der Einsatz der Panzer im Kampf waren selbstverständlich mit der Entwicklung der Theorie ihres Einsatzes verbunden. Nicht immer, und besonders nicht zu Beginn des Ersten Weltkrieges, waren die Lehre hinsichtlich des Panzereinsatzes im Kampf richtig.

Auf britischer, französischer, aber auch auf deutscher Seite wurden die Panzer zur direkten Unterstützung der Infanterie verstanden. Bis auf wenige Ausnahmen kam es zu keinem massiven, konzentrierten Panzereinsatz mit strategischen oder operativen Zielen. Eine ganze Reihe von Hemmnissen bei der Theorieentwicklung von Panzereinsätzen ergaben sich aus ihrem niedrigen technischen und technologischen Niveau, aus der hohen Ausfallsrate und den geringen Reichweiten. Trotzdem wurden Panzer auf der taktischen Ebene erfolgreich eingesetzt, und ihre Bedeutung stieg im Verlauf des Krieges.

Zwischenkriegszeit

Die Zwischenkriegszeit stellte einen bedeutenden Bruch in der Theorie des Panzereinsatzes dar. Besonders in Deutschland und unter dem Einfluss der UdSSR wurden Lehren von Angriffsoperationen erarbeitet, in denen Panzer und mechanisierte Infanterie eine entscheidende Rolle spielten. Die Panzerverbände hatten die Aufgabe, die Verteidigung des Feindes zu durchbrechen und mit maximaler Geschwindigkeit in die Tiefe seiner Gliederung einzudringen. Nachfolgend breitete die mechanisierte Infanterie den Durchbruch in die Flanken und in die Tiefe aus. Den Panzern wurde dabei ein operativer, in einigen Fällen auch strategischer Wert beigemessen.

In Frankreich befasste sich General de Gaulle mit den Fragen des modernen Panzereinsatzes. Es war ihm aber nicht möglich, neue Theorien des Panzerkampfes ohne Infanterie zu realisieren. Unter dem Einfluss der konservativen Spitzen der Armeeführung blieb die französische Armee bei der Konzeption der Panzer als Mittel der direkten Unterstützung für die Infanterie.

Zweiter Weltkrieg

Die Ereignisse des Zweiten Weltkriegs bestätigten die Richtigkeit der deutschen und sowjetischen Theorien. Die präzisen und konzentrierten Schläge der deutschen Panzerverbände ließen die französische Verteidigung mit den auf Infanterieverbände aufgeteilten Panzern zusammenbrechen. Auch die meisterlich geführte Panzerdivision des Generals de Gaulle war nicht fähig, die vernichtende Niederlage zu verhindern.

Die Kämpfe an der Front im Osten bestätigten die Theorie der tiefen Angriffsoperationen, sowohl auf deutscher als auch auf sowjetischer Seite. Bis zum Bruch in der strategischen Initiative, das heißt bis zur Zeit der Gegenoffensive vor Moskau und besonders der Vernichtung der 6. Armee in Stalingrad, waren es deutsche Truppen, die entscheidende Panzerschläge führten. Im Zeitraum zwischen der Befreiung der Sowjetunion bis zur Eroberung Berlins verfügte die russische Armee bereits über einen bedeutenden Anteil an Panzerverbänden. Man darf aber nicht vergessen, dass die Panzer außerdem auch für die direkte Infanterieunterstützung eingesetzt wurden, allerdings war dieser Auftrag nicht erstrangig.

Nachkriegszeit

In der Nachkriegszeit wurden die im Zweiten Weltkrieg bestätigten Theorien weiter entwickelt. Die tschechoslowakische Armee, ähnlich wie die anderen Armeen des Ostblocks, aber auch die westlichen Armeen, wurden nach der maximalen Nutzung jener Vorteile aufgebaut, die damalige Panzer boten. Die Teilung der Bodentruppen in Panzer- und motorisierte (mechanisierte) Verbände entsprach der Konzeption einer entscheidenden Auseinandersetzung zwischen den Blöcken auf einem europäischen Kriegsschauplatz. Deshalb gab es in der damaligen tschechoslowakischen Armee im Grunde genommen zwei Typen von Bodentruppen: motorisierte Divisionen und Panzerdivisionen, die in einem bestimmten Verhältnis "gemischt" waren. Dies bedeutete, dass ein motorisiertes Regiment ein Panzerbataillon und eine Panzerdivision ein motorisiertes Bataillon zur Verfügung hatten. Besonders die Panzerbataillone der motorisierten Regimenter wurden zur Unterstützung der motorisierten Truppen eingesetzt, während Panzerverbände eigene, kampfentscheidende Aufträge erhielten. Ob diese Theorie richtig oder falsch war, bleibt dahingestellt.

Der Krieg im Persischen Golf jedoch kann als Panzerschlacht mit entscheidender technologischer Überlegenheit der Verbündeten und mit modernen Elementen der Kampf- und Operationsführung (wie z. B. Landungen der Truppen in der Tiefe der Gefechtsordnung des Feindes, Masseneinsatz von Kampfhubschraubern, breites Umgehungsmanöver und natürlich das Erringen der Luftherrschaft) charakterisiert werden.

Realität und Zukunft

Gemäß den Unterlagen zur Reform der Streitkräfte der Tschechischen Republik wird die umstrukturierte Armee 31 Kampfpanzer zur Verfügung haben. Diese Stärke soll ein Bataillon darstellen. Woher kommt diese Zahl? Warum nicht mehr, nicht weniger oder gar keine?

31 Panzer bilden ein Bataillon, das nicht mehr mit dem ehemaligen Panzerbataillon eines motorisierten Regimentes vergleichbar ist, welches einst 40 Panzer hatte. Damals wurde es in der Regel den motorisierten Bataillonen zur Unterstützung zugeteilt. Nur selten wirkte es beim Angriff als Ganzes. In der Verteidigung eines Regimentes konnte es in der zweiten Staffel den Auftrag haben, einen Regimentsgegenangriff durchführen. Dies stellte einen Angriff auf einer Breite von zwei bis drei Kilometern und einer Tiefe von bis zu fünf Kilometern dar.

Ist die Kampffähigkeit eines derzeit geplanten Panzerbataillons größer als jenes der Vergangenheit? Daran ist zumindest zu zweifeln. Wären die Fähigkeiten eines tschechischen Panzerbataillons größer geworden, wäre im Umkehrschluss davon auszugehen, dass sich auch die Fähigkeiten des Feindes erhöht haben (wenn wir in der Lage sind, diese zu definieren).

Für einen klassischen Konflikt oder einen Krieg auf dem Gebiet der Tschechischen Republik ist die Anzahl von 31 Panzern jämmerlich wenig. Mit dieser Anzahl kommt die Armee unter das Niveau eines ehemaligen motorisierten Regimentes. Daran ist zu erkennen, dass diese 31 Panzer nur eine taktische Bedeutung haben können. Wenn wir weiter von der Erwägung ausgehen, dass es in absehbarer Zeit weder zu einem direkten Angriff auf die Tschechische Republik, noch auf die Allianz kommen wird, dann ist die Frage nach dem Sinn von 31 Panzern fast beantwortet: Die Panzer sind nicht notwendig!

Darüber hinaus wäre die Bedeutung hinsichtlich der Angriffsfähigkeit der Armee, besonders aus der Sicht der Allianz, nur noch eine symbolische. Im Hinblick auf potentielle Verteidigungsoperationen gilt es abzuwägen, ob es nicht günstiger ist, sich auf die modernsten Panzerabwehrmittel (Lenkflugkörper) zu konzentrieren, die fähig sind, alle gepanzerten und nicht gepanzerten Ziele zu vernichten. Interessant wäre sicher auch eine ökonomische Analyse.

Schließlich erhebt sich die Frage des Einsatzes von Panzern außerhalb des Allianzgebietes, z. B. in Friedens- und antiterroristischen Operationen. Die Erfahrungen zeigen, dass gerade die mechanisierten und speziellen Einheiten mit leichter Ausrüstung eine entscheidende Rolle spielen. Der Einsatz der Panzer (z. B. der deutschen Panzer im Kosovo) stellt in den meisten Fällen nur eine Demonstration der Kraft dar. Aus taktischer Sicht (und noch viel weniger aus operativer Sicht) hat er keine praktische Bedeutung mehr. Diese Schlussfolgerungen werden auch dadurch bestätigt, dass nach Kampfkraftgegenüberstellung in den meisten Fällen die angeführten Operationen stark asymmetrisch sind und die Panzer für die Vernichtung der eingesetzten Mittel auf der Seite des Feindes nicht wirkungsvoll genug sind.

Große Probleme bereiten auch der Transport der Panzer über große Entfernungen, die logistische Unterstützung, sowie die Reparaturen und Instandsetzung außerhalb des Staatsgebietes.

Aus den angeführten Argumenten, die selbstverständlich nicht vollständig sein können, lassen sich folgende Schlussfolgerungen ziehen:

- Die 31 Panzer haben für die Verteidigung der Tschechischen Republik und der Allianz keine grundlegende Bedeutung. Deren Fähigkeiten entsprechen nur den taktischen Handlungen auf der Ebene einer Brigade. Ohne reale Bedrohung des Territoriums unserer Republik und der Verbündeten haben die 31 Panzer unserer Armee nur Symbolwert.

- Für die Führung von Operationen außerhalb des Gebietes der Tschechischen Republik und der Allianz (Friedens- und antiterroristische Operationen) sind Panzer aufgrund des hohen Logistikaufwandes und der Asymmetrie in solchen Operationen völlig ungeeignet.

- Der Ersatz der Panzer durch Panzerabwehrmittel (Lenkflugkörper) ist aus ökonomischer und operativer Sicht günstiger, weil der Einsatz solcher Mittel variabler ist. Eventuell auch außerhalb des Staatsgebietes und außerhalb der Allianz.

Die ausschließlich symbolische Bedeutung der 31 Panzer für die Verteidigung der Tschechischen Republik und für die Erfüllung der Allianzpflichten ist damit offensichtlich. Will die Armee der Tschechischen Republik Panzer haben, sollte dies eine Anzahl sein, die aus operativer Sicht von Bedeutung wäre (zirka 100 Stück). Strategisch bedeutend sind weder 31 noch 100 Stück. Aus ökonomischer und operativer Sicht stellt ein gänzlicher Ersatz der Panzer der Armee der Tschechischen Republik durch moderne Panzerabwehrmittel (Lenkflugkörper) eine kostengünstigere Variante dar, denn diese sind auf große Entfernungen leicht transportierbar und in der Lage, ein breites Spektrum von Zielen zu bekämpfen.

___________________________________ ___________________________________ Der Beitrag gibt die Sichtweise des tschechischen Generalstabsoffiziers wieder. Verschiedene Literatur über die vergangenen Kriege lässt unterschiedliche Interpretationen zu. So zum Beispiel wird auf die Frage der Beeinflussung in der Entwicklung der Theorien der Angriffsoperationen in der Zwischenkriegszeit oder auf die Kampfkraftgegenüberstellung vor Moskau und in Stalingrad verzichtet.

___________________________________ ___________________________________ Autor: Oberst des Generalstabes Ing. Vlastimil Galatík, Tschechien. Jahrgang 1956. Abschluss der Militärhochschule für Landstreitkräfte im Jahr 1980. 1980 bis 1986 Kommandanten- und Stabsfunktionen in einem Panzerverband. 1986 bis 1989 postgraduales Studium an der Militärakademie. 1989 bis 1992 interne wissenschaftliche Aspirantur, 1993 Kandidat der Militärwissenschaften. 1993 bis 1998 arbeitete er als Leiter der Gruppe Strategie, operatives Führen und Geschichte der militärischen Kunst am Lehrstuhl für Landesverteidigungsführung. 1996 absolvierte er den Generalstabskurs und im Jahr 1999 das Collège Interarmées de Défense in Paris. Seit Oktober 1999 stellvertretender Direktor des Institutes für strategische Studien an der Militärakademie in Brünn.

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