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Der Kampf im urbanen Umfeld - Gefechtstechniken des Zuges und der Kompanie

Während die Konzepterstellung bzw. Charakteristik des urbanen Umfeldes und ein Blick über die Grenzen hinaus bereits erörtert wurden (TD 5 und 6/2011), lag das Schwergewicht in der vorhergehenden TD-Ausgabe (2/2012) auf der Darstellung der Grundtechniken und Techniken auf Ebene der Gruppe. Im nun folgenden Artikel wird die gefechtstechnische Ebene mit dem Jägerzug und der Jägerkompanie abgerundet, sowie auf Herausforderungen, deren Lösung und auf die Ausbildung am Institut Jäger der Heerestruppenschule eingegangen.

Das Zitat zeigt die Notwendigkeit des Kampfes der verbundenen Waffen und die Komplexität des 360°-Gefechtsfeldes. Beide Aspekte werden im Folgenden behandelt.

Gefechtstechnik auf Ebene des Jägerzuges

Der Jägerzug kann innerhalb des Angriffes der Kompanie zur Feuerunterstützung oder als Stoßteil eingesetzt werden. Dabei kann der Jägerzug durch folgende Elemente unterstützt werden:

  • Kampfpanzer;
  • Pioniere;
  • Steilfeuerbeobachter;
  • Scharfschützen;
  • Panzerabwehrlenkwaffe;
  • Sanitätselement.

Diese Elemente werden dem Jägerzug durch die Kompanie grundsätzlich nur für einzelne Phasen auf Zusammenarbeit angewiesen.

Feuerunterstützung durch den Jägerzug

Der Jägerzug als Feuerunterstützungselement hat den Auftrag, jenen Teil des Einbruchsraumes mit Feuer abzudecken, auf den nicht unmittelbar angegriffen wird. Zweck ist die Herabsetzung der gegnerischen Waffenwirkung auf die Einbruchstelle. Nach Möglichkeit werden auch Blendmittel verwendet, um den Angriff des Stoßzuges zusätzlich zu verschleiern.

Der Jägerzug bekommt dabei den Auftrag, ein Gebäude oder einzelne Stockwerke eines großen Gebäudes niederzuhalten. Um die Gefahr von Feuer auf den angreifenden Stoßzug ("friendly fire - isn’t") zu minimieren, hat das Feuerunterstützungselement zum Stoßzug einen Sicherheitspuffer einzuhalten. Vertikal reicht es aus, nicht in das gleiche Stockwerk zu wirken. Dies kann z. B. bei Einfamilienhäusern oder anderen Gebäuden ähnlicher Größe der Fall sein. Bei größeren Gebäuden wie Wohnblöcken, Hallen etc. kann es notwendig sein, dass in das gleiche Stockwerk gewirkt wird. Der notwendige Sicherheitspuffer hängt dabei von mehreren Faktoren ab, wie dem Schusswinkel, der Gebäudebeschaffenheit, den zur Verfügung stehenden Waffen, der Raumaufteilung etc. Die Herausforderung liegt in der Zuordnung der Gebäudebeschaffenheit und Raumaufteilung. Während die Gebäudebeschaffenheit recht gut abgeschätzt werden kann, ist die Raumaufteilung von außen kaum abschätzbar und muss nicht immer mit den verfügbaren Plänen übereinstimmen. Als Faustregel kann angenommen werden, dass bei vorhandener baulicher Trennung im Gebäude zumindest ein Sicherheitspuffer von einem Raum eingehalten werden muss. Um das Vorhandensein von größeren Räumen ohne weitere Einteilung wie z. B. Hallen, Sälen etc. von außen zu erkennen, bedarf es einer genauen Beobachtung der Wirkung des Unterstützungsfeuers durch den Stoßzug zusammen mit klar vorgegebenen Führungslinien und einem systematischen Vorgehen im Gebäude.

Die Feuerleitung innerhalb des Zuges wird durch den Zugskommandanten geregelt. Dieser kann aufgrund der Komplexität des Feuerbereiches (mehrere Seiten eines Objektes, mehrere kleine Objekte) die Übersicht über die Wirkung seines Jägerzuges nur mit klaren Kampfaufträgen und einfachen und klar erkennbaren Grenzen behalten.

Beim Einsatz der Schusswaffen ist besonders auf die Gefährdung der eigenen Teile (z. B. des Stoßzuges) zu achten. Die Waffenwirkung hängt stark von den unterschiedlichen Baumaterialien ab. Aufgrund der urbanen Bauweise mit mehrheitlich harten Oberflächen ist besonders die Gefahr von Querschlägern zu berücksichtigen. Als Grundsatz kann angenommen werden: je näher sich der Schuss­winkel in Relation zur Zielfläche (Hauswand) an 90 Grad annähert, umso geringer ist auch die Gefahr von Gellern.

Ein Vergleich der Waffenwirkung des Sturmgewehrs 77 und des Maschinengewehrs 74 zeigt, dass das MG74 bei harten Zielen wesentlich anfälliger für Geller ist. Sturmgewehrmunition (5,56 Millimeter), die auf eine Betonwand auftrifft, zerplatzt in den meisten Fällen, während Maschinengewehrmunition (7,62 Millimeter) vermehrt zu Gellern führt. Zusätzlich ist das Sturmgewehr im Vergleich zum Maschinengewehr wesentlich präziser.

Daher kann gefolgert werden, dass Maschinengewehre im Gegensatz zum Waldkampf nicht flankierend vor die eigenen Teile eingesetzt werden sollten, sondern möglichst in die Flanke von Objekten oder in die Tiefe wirken sollten, um so die Gefahr von Gellern in Richtung der eigenen Teile zu minimieren. Sturmgewehre hingegen können auch in unmittelbarer Nähe vor die eigenen Teile eingesetzt werden (Abb. 1).

Der Kommandant des Feuerunterstützungselementes muss bei der Wahl seines Platzes darauf achten, nach Möglichkeit immer Sichtkontakt zum stoßenden Zug zu haben, um so das eigene Feuer bei Bedarf verlegen zu können. Gleichzeitig sollte er auch den Überblick über möglichst große Teile seines eigenen Zuges wahren.

Grenzen dürfen durch den Zug nur nach ausdrücklicher Genehmigung durch den Kompaniekommandanten überschossen werden. Diese Genehmigung sollte schon bei der Befehlsausgabe erteilt werden. Auch der Einsatz des Panzerabwehrrohres darf nur nach vorgestaffelter Planung oder auf Befehl/nach Genehmigung des Kompaniekommandanten erfolgen.

Der Jägerzug als Stoßelement

Einbruch
Als Stoßelement wird dem Jägerzug in der Regel ein Gebäude in der Größe eines Einfamilienhauses zugewiesen. Der Zugskommandant bildet hierfür ein Stoßelement aus zwei Jägergruppen und ein Feuerunterstützungselement aus einer weiteren Jägergruppe und der Unterstützungsgruppe. Das Feuerunterstützungselement wird durch den stellvertretenden Zugskommandanten geführt, das Stoßelement durch den Zugs­­­kommandanten.

Das Feuerunterstützungselement hat dabei den Auftrag, jene Teile der Einbruchstelle niederzuhalten, von denen auf den Eindringpunkt bzw. auf die Stoßgasse gewirkt werden kann (Abb. 2).

Dabei ist zu beachten, dass eventuell aus "Blindnestern" des Feuerunterstützungszuges über die Zugsgrenze hinweg auf die Stoßgasse gewirkt werden kann. Blindnester sind gegnerische Stellungen in Gebäuden, die in der Tiefe im schusstoten Raum von Feuerunterstützungselementen liegen und von einem Gebäude in ein anderes wirken. Eine Bekämpfung derselben ist durch den Kompaniekommandanten zu regeln (Abb. 3).

Für den Einbruch muss der Zugskommandant eine genaue Feuerregelung befehlen. Der Eindringpunkt wird zwar durch die Stoßgruppe niedergehalten, die umliegenden Fenster und Maueröffnungen aber nicht. Der Einsatz des Feuerunterstützungselementes des Stoßzuges muss demnach so erfolgen, dass einerseits alle Gefahrenstellen abgedeckt sind und andererseits aber eine möglichst breite Feuergasse für die Stoßgruppe frei bleibt. Dies zu bewerkstelligen ist unter Einhaltung der gültigen Sicherheitsbestimmungen eine immense Herausforderung. Mehr dazu im Teil "Herausforderungen und Lösungsansätze".

Zusätzlich zur Feuerunterstützung sollte der Zugskommandant auch den Einsatz von Blendmitteln im Bereich des Stoßes regeln. Bei günstiger Witterung kann versucht werden, dem Stoßelement die Flanke mit Blendmitteln zusätzlich wegzublenden (Abb. 4).

Blendmittel haben zwar den Vorteil, dass sie die eigene Annäherung und Teile des Stoßes verschleiern. Dem gegenüber stehen allerdings zwei gravierende Nachteile: es entsteht erstens eine zusätzliche "Markierung" der Stoßgasse und zweitens eine mögliche visuelle Trennung der Stoßteile vom Feuerunterstützungselement.

Ist der Stoßzug für die Phase des Einbruches mit Kampfpanzern verstärkt und die Stoßgasse minenfrei, so können diese entweder in Form der mobilen Deckung die Jägergruppen vor Flachfeuer geschützt zum Eindringpunkt "fahren", und/oder mit der Bordbewaffnung zusätzliche Feuerunterstützung sicherstellen. Zu beachten ist, dass gepanzerte Gefechts- und Kampffahrzeuge (GKGF) immer zusätzlich Feuer anziehen ("bullet catcher"), so wirkungslos dieses auch gegen das Gefechtsfahrzeug sein mag. Die abgesessene Infanterie im Nahbereich wird dadurch zumindest durch Geller und Splitter gefährdet. Erfahrungsberichte und Videos über die "Thunder Runs" während des Angriffs auf Bagdad, Irak im Jahr 2003 durch die 3. mechanisierte Infanteriedivision zeugen von unzähligen Versuchen der Verteidiger, die GKGF (M1 "Abrams", M2 "Bradley", M113) mit RPGs, Fliegerabwehrkanonen im direkten Richten und auch leichten Infanteriewaffen zu bekämpfen. Durch diese Versuche gab es zwar kaum Ausfälle, es zeigte sich aber eindrucksvoll die Feuerdichte rund um die GKGF.

Die Einbruchsstelle wird durch den Kompaniekommandanten befohlen, der Eindringpunkt durch den Zugskommandanten. Ob der Eindringpunkt hoch oder tief befohlen wird, hängt von mehreren Faktoren ab. Die- se sind (auszugsweise) Beschaffenheit/Gesamthöhe des Gebäudes, erkannte Verrammelungen/Sperren des Gegners, Möglichkeiten der eigenen Unterstützung. Beides hat seine Vor- und Nachteile. Im Kampf um Fallujah machte das 3rd Battalion, 5th Marines (3/5) folgende Erfahrungen:

"Top-down advantages are:

  • Surprising the enemy (…)
  • The squad has more momentum when moving down (…)
  • Top-down disadvantages are:

  • (…) pulling out is extremely difficult (…)
  • If casualties are taken they are nearly impossible to pull up the [staircase] with all their gear and a limp body (…)
  • Bottom-up advantages are:

  • The squad leader has many options when contact is made (…)
  • Momentum can be maintained in assaulting or breaking contact, and the squad leader can switch rapidly from one to the other.
  • Casualties can be pulled out faster and easier (…)
  • Bottom-up disadvantages are:

  • The squad is moving into the enemy’s defenses (…)
  • The squad is slow[er] moving up the [stairs] making it harder (…)”.

Eine Folgerung aus der obigen Gegenüberstellung muss es sein, sich nie auf nur eine Gefechtstechnik zu fixieren, um den Gegner so immer wieder überraschen und täuschen zu können.

Der Platz der Zugskommandanten ist während dem Einbruch im Bereich der zweiten Stoßgruppe, in die er sich bei Bedarf (Überwinden Hindernisse, Ausnützen Feuer und Bewegung) integriert. Spätestens wenn der Zugskommandant selbst im Eindringpunkt ist, beginnt der Jägerzug mit dem Kampf im Gebäude.

Kampf im Gebäude
Im Gebäude angekommen verschafft sich der Zugskommandant ein Lagebild und befiehlt das weitere Vorgehen. Grundsätzlich wird in einem Gebäude zuerst die vertikale Verschiebungsmöglichkeit in Form des Stiegenhauses in Besitz genommen, um einerseits selbst beweglich zu sein und andererseits den Gegner in seiner Beweglichkeit zumindest teilweise einzuschränken. Danach wird die Angriffsgeschwindigkeit ausgenutzt, um dem Gegner möglichst keine Zeit zum Gegenstoß zu geben. Gleichzeitig muss der weitere Angriff koordiniert ablaufen, um auch im Kompanierahmen Feuer und Bewegung ausnützen zu können.

Grundsätzlich kann der Jägerzug in seiner derzeitigen Gliederung ein durch den Gegner verteidigtes Gebäude nehmen. Ohne Gegenwehr ist der Endpunkt der Bewegung des Jägerzuges grundsätzlich dort, wo die Verbindung zum Kompaniekommandanten bzw. zu den Nachbarn abreißt.

Die im ÖBH eingeführte Splitterhandgranate ist nur bedingt einsetzbar. Ihr Einsatz muss auf Grund der weitreichenden Wirkung durch den Zugskommandanten entweder befohlen oder zumindest (je nach Gebäudebeschaffenheit) freigegeben werden. Die Detonation kann eine starke Staubentwicklung auslösen, die die Sicht im betroffenen Raum zumindest mehrere Minuten lang einschränkt. Offensivhandgranaten oder sogenannte Irritationskörper sind hier dringend notwendig, da sie vielseitiger einsetzbar sind. Sie sind derzeit im ÖBH allerdings nicht eingeführt, werden aber erprobt. Gebäude mit Zwischenwänden aus Beton, Ziegeln oder ähnlichen Materialien schränken die Verwendung von Splitterhandgranaten grundsätzlich nicht ein, während Zwischenwände aus Holz, Rigips etc. die Verwendung auf Grund der Splitterwirkung eher einschränken. Auf alle Fälle muss der Einsatz eigener Handgranaten (und anderer Explosivstoffe) angekündigt werden. Bei Erkennen des Einsatzes von Handgranaten durch den Gegner sind die eigenen Teile zu warnen.

Während der Phase des Kampfes im Gebäude kann der Jägerzug durch andere Waffengattungen unterstützt werden, indem z. B. GKGF durch Flachfeuerunterstützung in die Flanke und Tiefe des Gegners wirken, oder als geschütztes Transportmittel für Verwundete oder Versorgungsgüter genutzt werden, oder Pioniersprengtrupps künstliche Mauerdurchbrüche schaffen und/oder Sperren räumen.

Der Einsatz der Bordkanone des Kampfpanzers oder des Schützenpanzers muss aufgrund der hohen Eigengefährdung durch Sekundärwirkung (Druck, abfliegende Treibspiegel) durch den vor Ort führenden Kommandanten koordiniert und detailliert befohlen werden. Die Ausnahme stellt hier der Feuerkampf gegen überraschend auftretende gegnerische GKGF dar, der durch den Kommandanten des eigenen GKGF selbstständig aufgenommen wird.

Sobald das Gebäude in Besitz genommen und gesäubert wurde, und der Jägerzug nicht mehr unmittelbar weiter angreift, befiehlt der Zugskommandant das Einrichten des Jägerzuges zur eilig bezogenen Verteidigung, um Gegenstöße abwehren zu können. In weiterer Folge hat der Zugskommandant die Feuerunterstützung für den weiter angreifenden Zug sicherzustellen.

Die Raumordnung ist Aufgabe des stellvertretenden Zugskommandanten. Folgende Räume sind durch ihn festzulegen:

  • Verwundetensammelstelle;
  • Gefangenensammelstelle;
  • Materialdepot.

Zusätzlich organisiert er bei Bedarf die Versorgung mit Munition, Kampf­mitteln etc. über nur für diesen Zweck gebildete Transporttrupps.

Kampf entlang von Bewegungslinien Vorgehen mit/ohne GKGF
Beim Vorgehen entlang von Bewegungslinien geht der Jägerzug grundsätzlich beiderseits der Bewegungslinie unter Verwendung der Gefechtsformen Zugsbreitkeil oder -keil vor (Abb. 5).

Dabei kann der Jägerzug durch GKGF zur Flachfeuerunterstützung verstärkt werden. Je nach Bedrohung wird das Spitzen-GKGF hinter den vordersten Eigenen ("Infanterie vorne") oder auf Höhe bzw. vorwärts der vordersten Eigenen ("Panzer vorne") eingesetzt. Maßgeblicher Faktor hierbei ist die Ausstattung des Gegners mit Panzerabwehrwaffen.

Überwinden von Kreuzungen
Kreuzungen werden im Zugsrahmen grundsätzlich analog zur Gruppengefechtstechnik überwunden, wobei bei einer Doppelkreuzung die Gefechtstechnik der Jägergruppe einfach in die zusätzliche Richtung dupliziert wird.

Zusammenfassung

Der Erfolg des Jägerzuges baut maßgeblich auf dem Funktionieren der untergeordneten Ebene auf. Gleichzeitig muss der Zugskommandant in der Lage sein, seinen Zug zu führen und andere Waffengattungen (Kampfpanzer, Pioniere) zu integrieren ohne dabei über alle Teile eine direkte Übersicht zu haben. Um diese komplexe und herausfordernde Aufgabe meistern zu können, bedarf es neben einer gründlichen Grundausbildung (allgemeine Gefechtstechniken Angriff, Verteidigung, Verzögerung, Jagdkampf, Schutz) auch eines gewissen taktischen Verständnisses für die übergeordnete Führungsebenen.

Gefechtstechnik auf Ebene der Jägerkompanie

Als Abschluss wird nun die Gefechtstechnik der Jägerkompanie dargestellt.

Die Jägerkompanie kann im urbanen Umfeld im Rahmen des angreifenden Bataillons als Stoßteil, Feuerunterstützungsteil, Einschließungskraft oder Reserve eingesetzt werden. Zudem wird hier zum ersten Mal der Kampf der verbundenen Waffen geführt, da die Jägerkompanie zusätzlich zu ihrer Gliederung gemäß Organisationsplan (Kommandogruppe, Versorgungsgruppe, Scharfschützengruppe, drei Jägerzüge, Panzerabwehrlenkwaffenzug) mit diversen Unterstützungselementen verstärkt werden kann (Abb. 6).

Diese können sein:

  • Gepanzerte Kampf- und Gefechtsfahrzeuge;
  • Pioniere;
  • Schwere Scharfschützen (mit 12,7-mm-Scharfschützengewehr);
  • Steilfeuer (Beobachtungstrupps Artillerie/sGrW);
  • Sanitätstrupps(Notarztwagentrupp);
  • Kampfmittelräumungs/-beseitigungs­trupps (EOD-/IEDD-Teams);
  • Fliegerkräfte (Forward Air Controller);
  • ABC-Abwehrkräfte;
  • Militärpolizei;
  • Elemente der psychologischen Kampf­führung (Tactical Psyops Team, Combat Camera Team, …);
  • CIMIC-Elemente;
  • Dolmetscher;
  • andere Trupps.

Im folgenden Kapitel wird nur auf die verstärkte Jägerkompanie als Stoßelement im urbanen Kampf eingegangen.

Die Jägerkompanie als Stoßelement - Zusammenarbeit mit Unterstützungselementen

Als Stoßelemente wird die Jägerkompanie grundsätzlich verstärkt, um den Kampf der verbundenen Waffen erfolgreich führen zu können. Wie können nun die diversen verstärkenden Elemente den Kampf der Jägerkompanie unterstützen?

Gepanzerte Kampf- und Gefechtsfahrzeuge unterstützen als schwere und präzise Flachfeuerunterstützung, aber auch durch ihren Panzerschutz ("Mobile Deckung"). Grundsätzlich wird die Jägerkompanie durch einen Kampfpanzerzug verstärkt.

Pioniere fördern die eigene Bewegung (Öffnen von Sperren, Schaffen von Mauerdurchbrüchen - Abb. 7) und hemmen die gegnerische Kampfführung. In der U.S. Army und bei den Israeli Defense Forces wird im urbanen Umfeld auch mit den D9 Bulldozer, eine gepanzerte Pionierbaumaschine,zum Vernichten von gegnerischen Stellungen in Gebäuden eingesetzt (Abb. 8). Unzählige Gefechtsberichte aus dem Irak (Fallujah etc.) und aus Gaza belegen die Vorzüge der Pionier- unterstützung dieser Art. Im Angriff ist die Jägerkompanie durch zumindest eine (Panzer-)Pioniergruppe mit der notwendigen Ausstattung an Sprengmitteln zu verstärken.

Neben der organischen Scharfschützengruppe der Jägerkompanie können schwere Scharfschützentrupps den Kampf der Jägerkompanie durch präzises, weitreichendes Feuer, aber auch durch weitreichende Beobachtung unterstützen. Zusätzlich ist gerade im urbanen Umfeld das Thema Kampf gegen gegnerische Scharfschützen ("Countersniper") wesentlich. Schwere Scharfschützentrupps verbleiben normalerweise unter dem Kommando des Bataillons. In Ausnahmefällen wird der Jägerkompanie ein schwerer Scharfschützentrupp unterstellt oder auf Zusammenarbeit angewiesen.

Die Steilfeuerunterstützung kann durch Artillerie oder durch Granatwerfer durchgeführt werden. Für Artillerie ist zumeist aufgrund der Gebäudehöhen das Schießen in der oberen Winkelgruppe notwendig. Dies verlangt einen zusätzlichen Koordinierungsbedarf mit der Fliegertruppe (Close Air Support und CCA). Da in einem modernen Einsatz nicht mit einer kompletten Evakuierung des Angriffszieles gerechnet werden kann, ist hier der Faktor möglicher Kollateralschäden einzubeziehen. Durch Zielbeobachtung mittels mehrerer Beobachter, den Einsatz vorrangig von Blendmitteln, den Einsatz von gelenkten Granaten (Excali­bur, SMArt) kann diese Gefahr von Kollateralschäden herabgesetzt werden. Im Angriff sollte die Jägerkompanie zumindest über einen Beobachtungstrupp verfügen.

Gemäß dem operativen Fachkonzept "Sanitätswesen" aus dem Jahr 2011 sollten nach spätestens fünf Minuten ("platinum five minutes") alle Maßnahmen der (Erweiterten) Selbst- und Kameradenhilfe (der Role 0)­ am Ausfallsort auch unter Gefechtsbedingungen abgeschlossen sein. Um die Überlebenschance schwerverwundeter Soldaten zu erhöhen, sollte die Übergabe an die Role 1-Versorgung (Notfall- und Allgemeinmedizinische Versorgung) möglichst rasch erfolgen. Daher wird die angreifende Jägerkompanie grundsätzlich durch einen Notarztwagentrupp verstärkt, um die rasche Sanitätsversorgung sicherstellen zu können. Dieser sollte über ein gehärtetes Sanitätsfahrzeug verfügen, wodurch der Kompanie gesamt zwei Sanitätsfahrzeuge (eines gehärtet, eines nicht gehärtet) zur Verfügung stehen. Es ist zweckmäßig, den gehärteten NAW-Trupp für den Transport vom Ausfallsort zur Verwundetentransportachse einzusetzen. Ab dort kann dann der Notarzt mit dem nicht gehärteten Sanitätskraftfahrzeug den weiteren Abtransport übernehmen. Da die Verwundetenversorgung möglichst nahe am Ausfallsort beginnen sollte, muss auch das Sanitätspersonal zumindest die Grundtechniken des Kampfes im urbanen Umfeld anwenden können.

Sprengfallen (Improvised Explosive Devices - IEDs) aber auch Blindgänger und Versager (Unexploded Ordnance - UXOs) stellen im urbanen Umfeld eine massive Gefährdung dar (Abb. 9).

Gerade IEDs werden vor allem von irregulär kämpfenden Verteidigern eingesetzt, um die Angriffsgeschwindig­keit durch physische Ausfälle aber auch durch den (weiter erhöhten) psychischen Druck herabzusetzen. Daher müssen einerseits alle Soldaten mit den Grundtechniken der Counter IED (CIED) vertraut und andererseits EOD-Teams sowie IED Disposal Teams (IEDD) verfügbar sein, um auftretende IEDs und UXOs möglichst rasch neutralisieren zu können. Da diese Spezialelemente normalerweise nicht in ausreichender Anzahl zur Verfügung stehen, müssen sie entweder zentral und rasch verfügbar gehalten oder dezidiert im Schwergewicht unter Inkaufnahme von Lücken eingesetzt werden.

Unterstützung durch Fliegerkräfte kann durch Close Air Support (CAS) oder Close Combat Attack (CCA) durchgeführt werden (Abb. 11). Ersteres wird durch den Forward Air Controller angefordert und geleitet, zweites durch die anfordernde Truppe. Erschwert werden beide Möglichkeiten durch die komplexe Struktur des Gefechtsfeldes mit der damit einhergehenden erschwerten Orientierung. Ein Lösungsansatz für diese Herausforderung ist eine klare räumliche Trennung von den Truppen am Boden und der Wirkung der Fliegerkräfte am Boden. Kann diese nicht gewährleistet werden, müssen entweder Führungsunterstützungsmittel wie Transponder und Blue Force Tracking verwendet werden oder mittels Markierung der eigenen Teile und klarer Zielansprache sowie mit dem erhöhten Einsatz von gelenkter Munition das Risiko für die eigenen Bodentruppen minimiert werden. Der Jägerkompanie im Angriff sollte zumindest ein FAC auf Zusammenarbeit angewiesen werden.

Urbanes Umfeld bedeutet immer auch die Gefahr von zivilen atomaren, radiologischen, biologischen und chemischen Stoffen, die absichtlich oder unabsichtlich (ROTA - Release Other Than Attack) freigesetzt werden können. In jedem Krankenhaus, in jedem Labor, in vielen Fabriken sind derartige Stoffe vorhanden. Um solche Stoffe sicher bergen bzw. bei erfolgter Freisetzung kontaminierte Gebiete genauer lokalisieren zu können, sollten in der Jägerkompanie über den Spürtrupp und das Kampfstoffnachweispapier hinaus auch ABC-Abwehrkräfte verfügbar sein. Diese könnten aus dem Aufklärungszug des Bataillons (ABC-Aufklärungsgruppe) oder aus der ABC-Abwehrkompanie der Brigade kommen.

Urbanes Umfeld bedeutet in den meisten Fällen auch die Anwesenheit von Zivilbevölkerung. Dadurch ist einerseits mit Flüchtlingsbewegungen und andererseits auch mit Menschenansammlungen (Demonstrationen etc.) zu rechnen. Um beide besser kontrollieren zu können, aber auch um im Bedarfsfall Dokumentationsarbeit leisten zu können, sollte sich die angreifende Jägerkompanie im Bedarfsfall auf MP-Kräfte abstützen. Des Weiteren sollten im Bataillon MP-Kräfte zum Betreiben der Gefangenensammelstelle verfügbar sein.

Um oben angeführte Zivilbevölkerung und auch den Gegner zu beeinflussen, sollten Elemente der psychologischen Kampfführung wie z. B. Tactical PsyOps Teams mit Lautsprechern eingesetzt werden. Zusätzlich können mit Combat Camera Teams entscheidende Szenen des Gefechtes mittels Video dokumentiert und dadurch zusätzliche Informationen für die höheren Führungsebenen eingeholt werden. Das TPT wird der Kompanie im Normalfall auf Zusammenarbeit angewiesen, das CCT arbeitet generell für die höheren Führungsebenen und ist "nur" im Bereich der Jägerkompanie eingesetzt.

Einbruch und weiterer Angriff der verstärkten Jägerkompanie

Nachdem im vorigen Teil angeführt wurde, wie die Jägerkompanie als Stoßelement verstärkt werden kann, wird jetzt die Gefechtstechnik dargestellt, mit der die Jägerkompanie einbricht und weiter angreift.

Die Jägerkompanie als Stoßelement gliedert sich grundsätzlich in ein bis zwei Feuerunterstützung-/Sicherungselemente, ein Stoßelement und eine Tiefe/Reserve. Alle Elemente haben als Basis einen Jägerzug und werden mit den vorhandenen Unterstützungselementen verstärkt. Die Jägerkompanie ist damit in der Lage, drei bis fünf kleinere Gebäude in der Größe eines Einfamilienhauses bzw. ein größeres Gebäude selbstständig in Besitz zu nehmen.

Der Einbruchsraum ist nach folgenden Kriterien zu wählen:

  • Vorspringender Ortsteil;
  • Leistungsfähige, gedeckte Annäherungsmöglichkeit;
  • Kurzer Weg in das Angriffsziel;
  • Ausnützen von erkannten Schwachstellen des Gegners.

Der Einbruchsraum wird durch den Bataillonskommandanten vorgegeben. Er erstreckt sich beiderseits einer Bewegungslinie. Die Jägerkompanie kann zwar während dem Einbruch durch Elemente des Bataillons mit Feuer unterstützt werden, dabei müssen aber als Sicherheitsmaßnahmen eine ausreichend große Trennung zwischen den eigenen Stoßteilen und dem Unterstützungsfeuer sowie eine klare Freund-Feind-Kennung gewährleistet sein.

Wie bei jedem Angriff führt auch beim Einbruch der Weg zum Erfolg über den Grundsatz "Synchronisation (Feuer und Bewegung)". Beim Einbruch unterstützt der in erster Phase als Feuerunterstützungszug vorgesehene Zug den Einbruch des Stoßzuges. Nach erfolgreichem Einbruch wechseln die Aufgaben, und der Angriff wird weiter fortgesetzt. Der Reservezug wird grundsätzlich auf einer Seite der Bewegungslinie geschlossen nachgeführt.

Die Bewegungslinie wird dabei grundsätzlich von den Infanteriekräften freigehalten. Die gepanzerten Kampf- und Gefechtsfahrzeuge befinden sich dabei hinter den vordersten Eigenen und bekämpfen entlang der Bewegungslinie Ziele in der Tiefe des Gegners. Die Zielzuweisung kann dabei entweder selbstständig oder über die angreifenden Jägerzüge erfolgen.

Im Bedarfsfall kann der Gefechtsstreifen einer Jägerkompanie im Angriff zwei Bewegungslinien umfassen, um bei Sperrung/Behinderung der einen rasch selbstständig auf die zweite ausweichen zu können. Zusätzlich schafft diese zweite Bewegungslinie einen weiteren Sicherheitspuffer zwischen den angreifenden Kompanien, wodurch die Gefahr von eigenem Feuer auf die eigenen Teile verringert wird.

Herausforderungen und Lösungsansätze

Nachdem nun im vorigen und in diesem Artikel die Grundtechnik sowie die Gefechtstechnik auf den Führungsebenen Trupp bis Kompanie dargestellt wurde, wird im nun folgenden Teil auf drei ausgewählte Herausforderungen eingegangen, nämlich die Festlegung von Grenzen, die Waffenwirkung und die Sicherheitsbestimmungen. Nach Möglichkeit wird ein Lösungsansatz präsentiert. Wo dies derzeit nicht möglich ist, wird zumindest eine weitere Stoßrichtung dargestellt.

Grenzziehung

Aufgrund der Komplexität des urbanen Umfeldes und der damit verbundenen Notwendigkeit, größere Kräfte auf engerem Raum anzusetzen, stellt die Grenzziehung eine Herausforderung für die Kommandanten aller Ebenen, speziell aber ab Zug aufwärts dar. Während Vermischungen noch das geringste Problem darstellen (sie führen aber immerhin schon dazu, dass die Reaktionszeit hinauf- bzw. die Übersicht herabgesetzt wird), stellt den schlimmsten Fall die Bekämpfung eigener Teile durch andere eigene Teile dar.

Diese Probleme lassen sich mit einer klaren Aufgabenzuordnung zumindest innerhalb von Gebäuden und vom Zug abwärts recht einfach lösen. Vor allem auf der Kompanieebene lässt sich dieses jedoch nur bedingt lösen. Hier kommt es vielmehr auf eine genaue Koordination des Feuerkampfes durch den Kompaniekommandanten, die Flexibilität der Unterführer und deren komplettes Verständnis für den Kampfplan der Kompanie an, da Grenzen flexibel gehalten werden müssen, und es immer wieder dazu kommt, dass diese überschossen werden.

Ein praktisches Beispiel soll den Lösungsansatz verdeutlichen: Eine mit den oben angeführten Elementen verstärkte Jägerkompanie greift entlang einer Bewegungslinie mit je einem Jägerzug links und rechts vorne sowie dem Reservezug hinter dem linken Jägerzug an. Der Kampfpanzerhalbzug unterstützt entlang der Bewegungslinie (Abb. 12).

Eine alte Regel aus der Taktik besagt, dass Grenzen grundsätzlich nicht auf Bewegungslinien verlaufen sollten, da sich im schlimmsten Fall niemand zuständig fühlt. Im urbanen Umfeld werden Grenzen auf der gefechtstechnischen Ebene in der Regel entlang der Außenmauern gezogen (Abb. 10). Dies hat mehrere Vorteile. Zum einen ist die Grenze klar erkennbar (auch auf Karten und Luftbildern). Zum zweiten können dadurch die Maueröffnungen ohne Überschießen von Grenzen von beiden Seiten bekämpft werden. Vorwärts der vordersten Eigenen ist grundsätzlich keine Feuerfreigabe durch den Kompaniekommandanten notwendig. Sobald sich eigene Teile im Gebäude befinden, ist dies aber notwendig. Nach vorheriger Freigabe kann im Notfall auch im Querverkehr direkt über den verantwortlichen Zugskommandanten die Feuerfreigabe eingeholt werden.

Dieses Beispiel zeigt deutlich, wie notwendig eine klare Koordinierung der eigenen Teile zusammen mit der daraus entstehenden Übersicht ist.

Waffenwirkung

Vor allem die schweren Waffen der Infanterie des Bundesheeres (Panzerabwehrrohr 66/79 aufwärts) sind betreffend der Verfügbarkeit geeigneter Munition nicht auf das urbane Umfeld ausgerichtet. Die verfügbaren Granaten für das PAR66/79 Spreng, Leuchtspur-Hohlladung (L-HL) und Hohlladung (HL) sind zwar alle einsetzbar, verfügen aber nur über eine begrenzte Wirkung im urbanen Umfeld, vor allem wenn es darum geht, in Gebäude hineinzuwirken. Die Sprenggranate wirkt nur, wenn sie im Gebäudeinneren detoniert. Dazu muss aber eine Maueröffnung vorhanden sein, die auch wirklich offen ist (ohne Fenster, ohne Barrikade), da sonst die Wirkung mit Masse außerhalb des Gebäudes verpufft. Die L-HL- und die HL-Granaten durchschlagen zwar grundsätzlich jede Mauer, erreichen aber dahinter mit Ausnahme des dünnen Hohlladungsstrahles und von Sekundärsplittern keine Wirkung durch die Granate selbst. Diese Sekundärsplitter sind allerdings auf einen relativ geringen Raum begrenzt und können durch einfache Mittel wie Sandsackstellungen im Raum bereits abgehalten werden.

Diese Mankos liegen aber nicht daran, dass das Waffensystem veraltet ist. Im Gegenteil, das PAR66/79 wird in der U.S. Army gerade in der Version M3 (mit ca. neun Kilogramm um sechs Kilogramm leichter als die im ÖBH verfügbare Version) eingeführt, allerdings mit zusätzlich verfügbaren Munitionssorten wie Tandemhohlladung etc. Des Weiteren gibt es in der deutschen Bundeswehr die Panzerfaust 3 "Bunkerfaust", deren Sprengkopf zuerst die Mauer durchschlägt und erst hinter dieser detoniert. Selbiges gilt auch für die Hauptbewaffnung des Kampfpanzers "Leopard" 2 A4, der 120-Millimeter-Glattrohrkanone. Auch hier gibt es Munitionsarten, die im urbanen Umfeld wesentlich effektiver sind als die im ÖBH verfügbar.

Die Lösung ist hier naheliegend: es muss lediglich die notwendige Munition beschafft werden.

Sicherheitsbestimmungen

Abgeleitet von den Gefechtstechniken nun eine Herausforderung, deren Lösung dem Autor ein besonderes Anliegen ist, jedoch nicht nur im urbanen Umfeld - die Kompatibilität der Sicherheitsbestimmungen beim Waffengebrauch mit der Durchführbarkeit von Gefechtstechniken. Es geht dem Autor hier vor allem um die Thematik der Mindestzielentfernungen und der Sicherheitsabstände beim Vorbei- und Überschießen (Abb. 13).

Die Sicherheitsbestimmungen für das Scharfschießen, die in der Dienstvorschrift "Sicherheitsbestimmungen für das Scharfschießen mit allen Waffen" geregelt sind, sind gemäß derselben im Frieden und im Einsatz anzuwenden.

Symptomatisch für die gesamte Thematik sollen hier nur die Sicherheitsbestimmungen beim Schießen mit Infanteriewaffen (Sturmgewehr, Maschinengewehr und Panzerabwehrrohr) behandelt werden. Bei allen anderen Waffen ist die Thematik eine zumindest ähnliche.

Bevor das Thema der Mindestzielentfernung behandelt wird, stelle man sich folgende Situation in einem Einsatz hoher Intensität vor: der erste Soldat eines Trupps dringt in einen Raum ein und stößt auf einen Gegner, der ca. fünf Meter von ihm entfernt ist. Der Soldat hebt den Lauf seiner Waffe an und feuert in die Höhe, kurz bevor er vom Gegner niedergestreckt wird. Die Inbesitznahme des Raumes misslingt und ein eigener Verlust wurde erlitten.

Wer nun verächtlich das Heft weglegt in der Meinung, das könne nicht passieren, der sollte überlegen, was Drillausbildung eigentlich bedeutet und wie oft wir es in der militärischen Ausbildung anwenden - nur für welche Thematiken.

Wie oft wird einem österreichischen Soldaten eingedrillt, dass der Sicherheitsabstand beim Schießen mit Knallmunition aus dem Sturmgewehr zehn Meter nach vorne und drei Meter zur Seite beträgt? Wie oft wird dabei darauf Bedacht genommen, dass vor allem beim Kampf im urbanen Umfeld diese Distanz oft unterschritten wird? Wenn man dann Soldaten beibringt, sie müssten ihren Lauf anheben, um am Gegner vorbeizuschießen, wenn man sie anweist, nur mit Lauten das Abfeuern darzustellen, oder wenn sie gar nicht erst abdrücken sollen, so ist das falsche Drillausbildung, die sich im Ernstfall rächen kann. Wenn man immer nur ohne Gegner oder nur mit personifizierten Scheiben übt, so verfälscht man das Bild. Wenn man trotz der anders lautenden Sicherheitsbestimmungen auf den Gegner zielt und abdrückt, unterhöhlt man die Sicherheitsbestimmungen.

Wie kann man nun dieses Problem lösen? Ganz einfach, man beschafft eine Schutzbekleidung (vor allem Gesichtsmaske), die Schutz vor der Wirkung der Knallmunition bietet.

Nun zum Thema Mindestzielentfernung. Diese beträgt bei harten Zielen (urbanes Umfeld!) beim StG77 und beim MG74 50 Meter, beim üsMG M2 150 Meter und beim PAR66/79 mit L-HL und HL je 200 Meter, mit Sprenggranatpatrone gar 300 Meter.

Wenn man diese Mindestzielentfernungen im urbanen Umfeld berücksichtigen muss, wird man selten in das Feuergefecht treten können (außer bei Notwehr und Nothilfe, die dann aber oft sehr weit ausgelegt sind, was auf Dauer nicht gut sein kann).

Nun zum Thema Sicherheitsabstände beim Vorbei- und Überschießen.

Wenn man eine Entfernung vom Feuer­unterstützungsteil zum Wohnhaus von 50 Meter annimmt, dann kann bei einem 90 Grad Schusswinkel niemand während dem Einbruch in einem Umkreis von zumindest 38 Meter um diesen Eindringpunkt die stoßende Gruppe unterstützen.

In diesem Fall ist es realistisch gesehen unmöglich, in dieses Gebäude einzubrechen.

Ein anderes Beispiel: das zur Feuerunterstützung eingesetzte Panzerabwehrrohr müsste mit der Sprenggranate aus zumindest 300 Meter Entfernung wirken, und dabei (mehr oder weniger) die vordersten Eigenen darstellen.

Die oben angeführten Beispiele sollen die Einhaltung der Sicherheitsbestimmungen nicht ins Lächerliche ziehen oder gar für unnötig erklären. Vielmehr soll durch bewusste Provokation, durch Überspitzung, durch Darstellung von Extremfällen eine Sensibilisierung bzw. das Aufzeigen einer äußerst wichtigen Thematik erreicht werden.

Ausbildung muss sich immer an der Realität orientieren. Wenn dies nicht der Fall ist, müssen Lektionen im Einsatzfall blutig erlernt werden. Es geht hier aber nicht um eine generelle Entschärfung der Sicherheitsbestimmungen, sondern um das Anregen zu einer professionellen Diskussion darüber, wie man die Soldaten "at the tip of the spear" schon in der Ausbildung bestmöglich vorbereiten kann (Abb. 12).

Ein möglicher (erster) Lösungsansatz wäre, dass in der Dienstvorschrift "Sicherheitsbestimmungen" die Klausel "(…) gelten (…) im Frieden und im Einsatz, (…), sofern nicht durch hierzu befugten Stellen sonstige anlassbezogene Bestimmungen erlassen werden" ersetzt wird durch eine Klausel, die noch stärker auf eine mögliche offizielle Abänderung der Sicherheitsbestimmungen in Einsätzen hoher Intensität hinweist bzw. auf die Kommandantenverantwortung verweist. Ein interessanter Ansatz ist hier die Sicherheitsvorschrift der Schweizer Armee, das Regelment 51.30d. Dieses definiert die Sicherheitsbestimmungen für die verschiedenen Phasen vom Frieden bis zu den eigentlichen Kampfhandlungen. Während im Frieden die Sicherheitsbestimmungen normal anzuwenden sind, werden diese in der Phase Mobilmachung bis zum Beginn von Kampfhandlungen bereits um engere Gefahrenbereiche und geringere Abstände beim Vorbeischießen erweitert. Für die Phase der eigentlichen Kampfhandlungen sind keine Sicherheitsvorschriften erlassen, wobei ausdrücklich auf die Verantwortung des Kommandanten und des Einzelschützen hingewiesen wird.

Dies stellt jedoch nur den Anfang eines langen Prozesses dar, an dessen Ende ein professionelles, für alle vorgesehenen Einsätze bereites Bundesheer steht.

Ausbildung am Institut Jäger

Die Ausbildung "Kampf im urbanen Umfeld" lässt sich am Institut Jäger der Heerestruppenschule (Abb. 14) in zwei Teilbereiche gliedern:

  • Ausbildung in Form von (Fortbildungs-)Seminaren;
  • Ausbildung in Form von Laufbahnkursen.

Ausbildung in Form von Seminaren

Es werden derzeit drei Seminare überarbeitet und angeboten (Soldat/Trupp, Gruppe und Zug) bzw. ein viertes vorbereitet (Kompanie). Die Seminare sind in aufsteigender Reihenfolge zu durchlaufen (Abb. 15).

Diese Seminare stehen für die Soldaten alle Waffengattungen offen, wobei die Mehrzahl der bis dato Ausgebildeten aus der Waffengattung Jäger kam.

Die einzelnen Module stellen sich wie folgt dar:

Im Modul 1 (Soldat/Trupp) werden die Grund- und Trupptechniken erlernt und als Höhepunkt im scharfen Schuss angewandt. Dauer dieses Seminars ist eine Woche. Zielgruppe sind Soldaten aller Waffengattungen ab der Gruppenkommandantenebene aufwärts.

Das Modul 2 (Gruppe) behandelt die Gruppentechniken und beinhaltet eine Ausbildung über das Herstellen von Sprengladungen, mit denen Fens- ter und Türen aufgesprengt werden können inklusive scharfer Anwendung. Weiters wird die Verwendung des gepanzerten Kampf- und Gefechtsfahrzeuges als mobile Deckung erlernt. Dieses Seminar dauert ebenfalls eine Woche. Die Zielgruppe sind hier ebenfalls Soldaten aller Waffengattungen ab der Gruppenkommandantenebene aufwärts.

Das Modul 3 (Zug) dauert zwei Wochen und beinhaltet neben den Zugstechniken die Integration anderer Waffengattungen (Kampfpanzer als Feuerunterstützung, Pionierelement, Steilfeuereinsatz, Sanitätsversorgung). Während in der ersten Woche Grundlagen aller Waffengattungen in Form von Unterrichten, Geländebesprechungen und praktischer Ausbildung gelehrt werden, ist die zweite Woche von der praktischen Anwendung im Rahmen des verstärkten Jägerzuges geprägt. Ab diesem Seminar wird angestrebt, dass möglichst viele Teilnehmer vom gleichen Truppenkörper, besser noch von der gleichen Einheit kommen. Zielgruppe sind hier Kommandanten der Kampftruppe vom Zugs­­kommandanten aufwärts.

Das Modul 4 (Kompanie) ist derzeit in Überarbeitung. Geplant ist ähnlich wie beim Modul 3 eine Dauer von zwei Wochen, wobei die erste die Grundlagen des Kampfes der verbundenen Waffen im urbanen Umfeld zum Thema hat (zusätzlich zu Modul 3 noch Panzergrenadiere, Fliegertruppe, MP, ABC, Scharfschützeneinsatz). In der zweiten Woche werden diese in Form einer Übung weiter angelernt bzw. gefestigt. Zielgruppe sind hier Kommandanten der Kampftruppe vom Kompaniekommandanten aufwärts.

Ausbildung im Rahmen von Laufbahnkursen

Da im Rahmen von Laufbahnkursen die Führung der jeweiligen Ebene erst erlernt wird, ist die integrierte Ausbildung der oben angeführten Module nur begrenzt möglich. Im Rahmen der Ausbildung zum Gruppen- und Zugskommandanten wird zumindest das Modul 1 als Basismodul absolviert sowie Teilbereiche aus den folgenden Modulen gelehrt.

In der Ausbildung der Militärakademiker wird zumindest das komplette Modul 1 und 2 angestrebt, mit Ausblicken darüber hinaus.

Die Teilnehmer des Führungslehrganges 1 Fachteil erlernen in Kurzform die Basisgrundsätze der Führung der verstärkten Jägerkompanie im Angriff auf urbanes Umfeld.

Die Seminare sind darauf ausgerichtet, Kommandanten aller gefechtstechnischen Führungsebenen aller Waffengattungen zu zeigen, wie der Kampf im urbanen Umfeld wirklich funktioniert. Festigen und Verbreiten muss das Erlernte die Truppe selbstständig im Rahmen von Verlegungen.

Zusammenfassung

Im letzten und im vorliegenden Artikel wurde die Gefechtstechnik auf den Ebenen Trupp bis Kompanie dargestellt, die Ausrüstung vorgestellt, Herausforderungen und Lösungsansätze diskutiert.

Es zeigt sich, dass der Kampf im urbanen Umfeld eine große Herausforderung nicht nur für die Kommandanten aller Ebenen darstellt, sondern für jeden Schützen in jeder Waffengattung.

Keine Waffengattung darf sich ausnehmen, jede kann im urbanen Umfeld in Gefechte verwickelt werden (siehe die 507th maintenance company in An Nasiriyah im Irak 2003). Zumindest die Grundtechniken sind dabei von jedem Soldaten zu beherrschen.

Um die Artikelreihe "Einsätze im urbanen Umfeld" abzurunden, wird in der nächsten Ausgabe ein bekanntes Gefechtsbeispiel aus der Operation "Iraqi Freedom" dargestellt, allerdings unter neuem und detaillierterem Blickwinkel.

(wird fortgesetzt)


Autor: Hauptmann Mag. (FH) Johannes Url, Jahrgang 1980. 2001 bis 2005 Militärakademie Wiener Neustadt, Jahrgang O’Donell, Waffengattung Jäger. 2005 bis 2010 Jagerbataillon 24(HGeb), davon 2007 bis 2010 stellvertretender Kompaniekommandant 1. Jägerkompanie(KPE)/JgB24(HGeb). Auslandseinsätze AUTCON2/ORF und AUTCON20/KFOR. Seit 2010 Lehroffizier Jäger & Ortskampf am Institut Jäger/ Heerestruppenschule.

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