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Der Russlandfeldzug Napoleons 1812

Am 24. Juni 1812 überschritt Napoleon Bonaparte die Memel und stieß mit seiner Hauptarmee ohne Kriegserklärung über Wilna und Smolensk nach Moskau vor. Hunger, Krankheiten, Kälte und Schnee sowie ständige Angriffe der russischen Armee auf die geschwächten und erschöpften französischen Truppen machten den Rückmarsch zum Desaster. Der Russlandfeldzug 1812 war der Anfang vom Ende der Herrschaft Napoleons über Frankreich und Europa.

Vorgeschichte

Im Vierten Koalitionskrieg (1806/07) verbündete sich der russische Zar Alexander I. mit Preußen im Kampf gegen Napoleon. Nach der Schlacht bei Jena und Auerstedt am 14. Oktober 1806, die mit einer bitteren Niederlage der Preußen endete, der darauf folgenden Kapitulation aller Festungen westlich der Oder und dem Einmarsch französischer Truppen in Ostpreußen trugen die russischen Truppen die Hauptlast der Kämpfe.

Am 7. und 8. Februar 1807 kam es bei Preußisch-Eylau (ca. 15 bis 20 km südlich von Königsberg) zu einer äußerst blutigen Schlacht in dichtem Schneetreiben, bei dem ein französisches Korps fast zur Gänze aufgerieben wurde. Da sich die Russen unter General Graf Levin von Bennigsen trotz Verstärkung durch ein preußisches Korps aber bei Anbruch der Dämmerung zurückzogen und den Franzosen das Schlachtfeld überließen, beeilte sich Kaiser Napoleon, diesen Kampf als Sieg der Franzosen hinzustellen, wenn auch mit hohen Verlusten - 19 000 toten bzw. verwundeten Franzosen standen Verluste von 26 000 Mann auf russischer Seite gegenüber.

In der darauf folgenden Schlacht bei Friedland am 14. Juni erlitten die russischen Truppen tatsächlich eine schwere Niederlage. Zar Alexander I. und König Friedrich Wilhelm III. sahen sich daraufhin gezwungen, im Juli 1807 den Frieden zu Tilsit zu unterzeichnen, der Preußen den Verlust der westelbischen Besitzungen sowie der ehemals polnischen Gebiete bescherte. Preußen verlor damit die Hälfte seines Staatsgebietes, und Osteuropa wurde in eine westliche (französische) und östliche (russische) Einflusssphäre aufgeteilt. Der russische Zar musste als Gegenleistung den 1806 gegründeten Rheinbund ebenso anerkennen wie das neu errichtete Herzogtum Warschau und der Kontinentalsperre gegen Großbritannien beitreten.

Das Bündnis mit Frankreich ermöglichte es Russland in der Folge, gegen Schweden vorzugehen und im Russisch-Schwedischen Krieg von 1808/09 Finnland zu erobern. Im Russisch-Persischen Krieg (1804 - 1813) eroberte das Zarenreich große Teile Transkaukasiens (Gebiete in Georgien, Aserbeidschan, Dagestan). Im Russisch-Türkischen Krieg (1806 - 1812) sicherte es sich Bessarabien.

Ende 1810 war Zar Alexander I. allerdings aus wirtschaftlichen Gründen nicht mehr bereit, sich weiter an der Kontinentalsperre gegen Großbritannien zu beteiligen. Russland hatte zuvor regen Handel mit Großbritannien betrieben, der vor allem auf dem Austausch russischer Agrarprodukte mit britischen Industriegütern beruhte. Das Zarenreich hatte Getreide und Rohstoffe wie Holz, Flachs und Pech nach Großbritannien exportiert und Textilien, Kaffee, Tee, Tabak bzw. Zucker von dort eingeführt. Die aus diesen Geschäften resultierenden Steuereinnahmen fielen nun völlig weg, die Handelsbilanz entwickelte sich negativ und ließ den Wert des Papierrubels dras­tisch sinken. Daher hob der Zar die Kontinentalsperre teilweise auf, indem er neutralen Schiffen erlaubte, britische Waren in seinen Häfen zu löschen.

Da auch die Heiratspläne Napoleons mit der Schwester des Zaren, Anna, auf heftigen Widerstand der franzosenfeindlichen Partei am Zarenhof stießen - der Kaiser der Franzosen vermählte sich schließlich mit Marie Louise, der Tochter des österrei­chischen Kaisers Franz I. -, verschlechterten sich die französisch-russischen Beziehungen in der Folge rapide. Die Besetzung des Herzogtums Oldenburg, das von einem Schwager des Zaren, Peter Friedrich Ludwig, regiert wurde, durch französische Truppen erhöhte die Spannungen noch mehr. Die Pläne Napoleons, das Herzogtum Warschau zu einem französischen Satellitenstaat auszubauen, ließen den Kaiser der Franzosen zudem einen russischen Überfall auf Polen sowie einen baldigen Krieg befürchten.

Kriegsvorbereitungen und Rekrutierung

Trotz der andauernden, zum Teil heftigen Kämpfe gegen den Herzog von Wellington auf der Iberischen Halbinsel begann Napoleon bereits 1811 einzelne Einheiten aus Spanien nach Mitteleuropa zu verlegen, verstärkte sodann seine Truppen im östlichen Preußen, im Herzogtum Warschau sowie in Danzig und ließ ebendort große Magazine anlegen. Die Anzahl der französischen "Kerntruppen" belief sich daher kurz vor Feldzugsbeginn auf 241 000 Mann. Österreich und Preußen verpflichteten sich, Hilfskorps von 35 000 und 20 000 Mann zu stellen. Die Kontingente der Rheinbundstaaten waren ebenfalls beachtlich: Das Königreich Bayern stellte rund 30 000, das Königreich Westphalen rund 27 000, das Königreich Sachsen rund 26 000 und das Königreich Württemberg rund 15 000 Mann. Das Herzogtum Warschau, das in einem Feldzug gegen Russland die Chance zur Wiederherstellung Polens durch die Rückeroberung der von Russland besetzten Gebiete sah, stellte über 70 000 Mann in der so genannten "Weichsel-Legion", zu denen in den ersten Wochen nach Kriegsbeginn noch weitere polnische und litauische Verbände in den eroberten Gebieten hinzukamen. Unter den kleineren Kontingenten sind noch die vier (kampferprobten) helvetischen Regimenter hervorzuheben. Rechnet man die drei "Großen Parks" (Artillerie, Genie, Equipagen) hinzu, ergibt sich eine Armeestärke von rund 475 000 Mann.

Zu diesen Truppen sind auch noch die Reserve- und Ersatzeinheiten, weitere Pioniereinheiten und Brückenkolonnen, Pferde-Depots, der Belagerungspark für Riga und andere Festungen, eine Transport-, Nachschub- und Versorgungseinheit, das Feldkommissariat mit 3 700 Offizieren und Beamten, die Gendarmerie (Feldpolizei) mit etwa 900 Mann, Intendanturen sowie Handwerker-Bataillone hinzuzurechnen. Gemeinsam mit den erst später aufgestellten, nachrückenden IX. und XI. Armeekorps, der 33. (Neapolitaner) und der 34. Division (Soldaten der kleineren Rheinbundstaaten) ergibt dies eine Gesamtstärke der Grande Armée von 1812 von mehr als 610 000 Mann.

Angesichts der massiven Rüstung der Franzosen sah sich Russland nun seinerseits gezwungen, seine in den Auseinandersetzungen gegen die Osmanen und Schweden gebundenen Truppen freizuspielen, und bemühte sich um eine Annäherung an den Kronprinzen von Schweden, Jean-Baptiste Bernadotte, sowie an den osmanischen Sultan Mahmud II. Im April 1812 unterzeichneten Russland, Großbritannien und Schweden ein gegen Napoleon gerichtetes Geheimabkommen, am 28. Mai erfolgte der Friedensschluss mit dem Osmanischen Reich im Frieden von Bukarest.

Die Stärke der russischen Armee schwankte laut den (widersprüchlichen) Berechnungen russischer His­toriker zwischen 356 000 und 716 000 Mann. De facto standen bei Kriegsbeginn lediglich drei Armeen mit etwa 225 000 Mann (davon 15 000 Kosaken) und knapp über 900 Geschützen bereit, die Napoleon sofort gegenübertreten konnten. Zwei Reservekorps mit insgesamt 86 000 Mann sollten diese Streitmacht verstärken.

Einmarsch in Russland

In der Nacht zum 24. Juni 1812 befahl Napoleon den Bau von drei Schiffsbrücken bei Kowno (Kaunas) über den Njemen (Memel). Mit dem Überschreiten der Memel, des Grenzflusses des Herzogtums Warschau zum russischen Zarenreich, eröffnete er ohne Kriegserklärung den Feldzug. Das X. französische Armeekorps unter Maréchal Étienne Jacques MacDonald, das den linken Flügel der Grande Armée bildete, marschierte bei Tilsit über die Memel in Richtung Riga, die Hauptarmee unter dem Oberbefehl von Napoleon stieß auf breiter Front zwischen Tilsit und Brest-Litowsk vor. Der rechte Flügel bestand aus österreichischen und sächsischen Kontingenten - 26 Ba- taillonen und 44 Eskadronen mit 60 Ge- schützen (Österreicher) sowie dem VII. Armeekorps (Sachsen) - unter Feldmarschall Karl Fürst von Schwarzenberg, die im Raum Brest-Litowsk vorrückten.

Die russische Armee war zu Beginn des Krieges über eine breite Front verteilt und zu schwach, um gegen die Grande Armée vorzugehen: Die 1. russische Westarmee (ca. 127 000 Mann) unter dem Befehl des russischen Kriegsministers, General der Infanterie Fürst Michael Andreas Barclay de Tolly, war bei Wilna stationiert, die 2. (ca. 52 000 Mann) unter Fürst Peter Iwanowitsch Bagration wurde im Raum Bialystok zusammengezogen, die 3. (ca. 45 000 Mann) unter General Alexander Tormasow südlich der Pripjetsümpfe, die einen Rückzug in diese Richtung unmöglich machten. Die Südarmee unter Admiral Pawel Tschitschagow, die eben aus dem Krieg gegen das Osmanische Reich zurückkehrte, war noch weit entfernt, ebenso Verstärkungen aus Finnland unter General Fabian von Steinheil. Zar Alexander befand sich bereits seit Ende April bei der Hauptarmee in Wilna und hatte, obwohl in militärischen Angelegenheiten wenig erfahren, selbst das Kommando übernommen.

Am 28. Juni marschierte Napoleon in Wilna ein, ohne dass es ihm gelungen war, die zurückweichenden Russen im Kampf zu stellen, und verblieb dort bis zum 16. Juli in der Hoffnung, dass der Zar Friedensverhandlungen einleiten würde. Da dies nicht der Fall war, wollte Napoleon erneut mit einem Blitzfeldzug die Entscheidung zu seinen Gunsten herbeiführen. Sein Ziel war es, durch einen raschen Vorstoß einen Keil zwischen die russischen Streitkräfte zu treiben und sie einzeln vernichtend zu schlagen, um eine Vereinigung zu verhindern bzw. ihnen den Rückweg ins Hinterland abzuschneiden. Allerdings hatte Napoleon die Weite des Landes nicht bedacht, und auch das Wetter durchkreuzte seine Pläne. Tagelange Gewitterregen verwandelten das Land in Sumpf und Morast. Flüsse schwollen an und erschwerten den Vormarsch auf den ohnehin schlechten Straßen. Auf Anraten seiner Generäle billigte Zar Alexander die Strategie der hinhaltenden Verteidigung, den Rückzug in den grenzenlosen Raum des Russischen Reiches - die widrigen klimatischen Bedingungen, zunächst durch Hitze und dann durch den rauen Winter, sollten das Ihre dazu beitragen. In diesem Zusammenhang wird auch oft der Begriff der "Verbrannten Erde" verwendet - eine Kriegstaktik, bei der eine Armee auf dem Rückzug vor dem Feind alles zerstört, was dem Gegner in irgendeiner Weise nützen könnte. Diese Taktik fand im Russlandfeldzug von 1812 zunächst nur in eingeschränktem Maß Anwendung, denn erwiesenermaßen gab es bis Smolensk keine Berichte über größere Brände - und Smolensk selbst geriet vor allem durch die Kampfhandlungen (Artilleriefeuer) in Brand. Wilna, Minsk und Witebsk sowie viele andere Orte fielen den Franzosen weitgehend unversehrt in die Hände. Die russische Armee verbrannte zwar eigene Vorräte, die sie nicht mitnehmen konnte, die Vorräte der Zivilbevölkerung bzw. deren Häuser sollten aber davon ausgenommen sein. Es lässt sich hingegen nicht ausschließen, dass einige Brände von französischen Soldaten verursacht wurden, denn die Berichte über verbrannte Häuser und Dörfer stammen häufig von Soldaten der französischen Nachhut, die die Russen dafür verantwortlich machten.

Bei der Verfolgung des sich zurückziehenden Gegners waren die französischen Truppen gezwungen, jeden Tag sehr weite Wege mit erhöhter Marschgeschwindigkeit zurückzulegen. Die nachfolgenden Nachschub- und Versorgungstruppen konnten auf den zumeist unbefestigten Landstraßen in Litauen mit dem hohen Tempo der kämpfenden Truppe nicht Schritt halten bzw. blieben zum Teil sogar im Schlamm stecken, wodurch es bald zu Versorgungsengpässen kam. Denn auch die bisher so erfolgreich angewandte Methode, benötigte Güter im Land selbst zu requirieren, erwies sich angesichts des dünn besiedelten Gebietes mit seiner schwach entwickelten Landwirtschaft als nicht durchführbar. Durch Unterernährung, Erschöpfung, Krankheit sowie Desertion verlor die Grande Armée in den ersten sechs Wochen - bis zum Vorstoß auf Smolensk - fast 140 000 Mann. Auch zehntausende Pferde starben an Überanstrengung und konnten nicht mehr ersetzt werden. Das aus 40 000 Mann bestehende Kavalleriekorps unter Joachim Murat, König von Neapel, das eigentlich die Speerspitze der Grande Armée bilden sollte, drohte aus eben diesem Grund allmählich aufgerieben zu werden. Plünderungen, Verwüs­tungen und Gewaltexzesse nahmen zu und schwächten die Disziplin und Moral der französischen Truppen. Die Zahl der Desertionen stieg in jener Zeit sprunghaft an.

General Barclay de Tolly, der nach der Abreise des Zaren Mitte Juli das Kommando übernommen hatte, traf nun Anstalten, sich bei Witebsk mit der 2. Westarmee unter Bagration zu vereinigen, wobei er 25 000 Mann unter General Ludwig Adolph Peter Graf zu Sayn-Wittgenstein in Polozk zurückließ, um den Weg nach Sankt Petersburg zu sichern. Da Bagration aber am 23. Juli bei Mogilew von Maréchal Louis-Nicolas Davout, der bereits am 8. Juli Minsk besetzt hatte, geschlagen wurde, war ihm der Weg Richtung Norden nach Witebsk verwehrt. Es gelang ihm aber, sich in östlicher Richtung nach Smolensk zurückzuziehen, da Jerome, der jüngere Bruder Napoleons und König von Westphalen, dem das VIII. Armeekorps unterstand, aufgrund seiner geringen Kampferfahrung bei der Verfolgung der russischen Truppen zögerte und zu wenig energisch nachsetzte. Jeromes schwerfälliges Agieren ermöglichte schließlich die Vereinigung der beiden russischen Westarmeen bei Smolensk am 2. August 1812. Der Kaiser warf ihm daraufhin mangelndes Verständnis für das Kriegshandwerk vor und enthob ihn seines Kommandos. Er wurde durch General Jean Andoche Junot ersetzt.

Smolensk, Walutina und Borodino

Als die russischen Armeen am 7. August in Richtung Rudnja vorrückten, versuchten die Franzosen, sie mit einem schnellen Umgehungsmanöver auf dem linken Ufer des Dnjepr von ihren rückwärtigen Verbindungen abzuschneiden. Doch Barclay de Tolly hatte eine ausreichende Flankensicherung südlich des Flusses aufstellen lassen, so dass es zunächst am 14. und 15. August nur zu einem Gefecht der russischen Nachhut bei Krasnyi kam, das die Franzosen für sich entschieden. Bereits am 12. August 1812 hatte Fürst Schwarzenberg bei Gorodczna (53 km nordöstlich von Brest-Litowsk) die 3. Armee unter Tormasow zurückgedrängt und aus Wol­hynien vertrieben. In der Folge erhielt er den Befehl, die russische Südarmee des Admirals Tschitschagow in Schach zu halten. Doch ging er in stillschweigendem Einverständnis mit seinem russischen Gegenpart weiteren Kämpfen aus dem Weg.

Napoleon marschierte nun rasch in Richtung Smolensk und griff dieses am 17. August an. Da die Festungsanlagen von Smolensk in schlechtem Zustand und auf Dauer nicht zu halten waren, ließ Barclay de Tolly die Stadt nur mit etwa 30 000 Mann verteidigen, während sich die Armee von Bagration in östlicher Richtung nach Dorogobusch zurückzog. Der Rest der 1. Westarmee übernahm die Sicherung der Flanken. Dadurch sollte die französische Hauptarmee aufgehalten und der Rückzug gesichert werden. Nach erbitterten Gefechten eroberten die napoleonischen Truppen die Vorstädte. Heftiges Artilleriefeuer setzte die Stadt in Brand, Soldaten beider Seiten hatten während der Schlacht Feuer gelegt. Da die Stadt großteils aus Holzhäusern bestand, breiteten sich die Brände rasch aus. Nach zweitägigen Kämpfen zogen sich die Russen aus Smolensk zurück. Mit der ergebnislosen Schlacht bei Walutina am 19. August, etwa fünf Kilometer östlich von Smolensk, die aufgrund der heftigen Gegenwehr eines kleinen Kontingentes unter General Pawel Alexejewitsch Tutschkow den ungehinderten Abzug der russischen Armee ermöglichte, war der ursprüngliche Plan Kaiser Napoleons, das russische Heer möglichst rasch vernichtend zu schlagen, erneut gescheitert. Die Angaben zu den Verlusten der vergangenen Tage weichen stark voneinander ab: Während die russischen Verluste mit 6 000 bis 15 000 Mann angegeben wurden, meldeten die Franzosen offiziell 4 000 Tote und Verwundete. Tatsächlich dürfte sich deren Zahl aber auf 9 000 bis 10 000 belaufen haben.

Im Nordabschnitt der Front griffen die russischen Truppen unter General Wittgenstein am 16. August das II. (Ou- dinot) und VI. (Saint-Cyr) französische Armeekorps bei Polozk an. Die Franzosen konnten zwar den russischen Angriff abwehren, waren aber in der Folge nicht stark genug, um den geplanten Vormarsch auf Sankt Petersburg fortsetzen zu können.

Barclay de Tolly wurde Ende August durch Feldmarschall Fürst Michael Kutusow abgelöst, nachdem er sich als Livländer aufgrund seiner Rückzugsstrategie verstärkter Kritik durch russische Nationalisten hatte aussetzen müssen. Schließlich hatten ihn Intrigen in den Reihen seiner eigenen Offiziere, darunter vor allem seines heftigsten Kritikers Bagration, zu Fall gebracht. Der gebürtige Russe und erfahrene Feldherr Kutusow konnte sich hingegen der Unterstützung der russischen Bevölkerung und des Adels sicher sein. Kurz nachdem Kutusow den Oberbefehl übernommen hatte, stellte er sich bei der kleinen Stadt Borodino, die etwa 150 Kilometer westlich von Moskau gelegen war, am 7. September dem Gegner, nachdem er in aller Eile Schanzen mit 640 Geschützen hatte errichten lassen. Die zahlenmäßige Überlegenheit der französischen Armee war zu diesem Zeitpunkt bereits nicht mehr gegeben: Etwa 134 000 Franzosen standen nun etwa gleich vielen (wenn nicht sogar mehr) Russen gegenüber. Kaiser Napoleon war es daher kaum möglich gewesen, komplizierte Manöver auszuführen oder zu Beginn der Schlacht ausreichend Reserven zu bilden, wie er es sonst oft zu tun pflegte. Es kam zu blutigen Kämpfen auf engstem Raum und hohen Verlusten. Bei Anbruch der Nacht räumte Kutusow das Schlachtfeld. Obwohl die französischen Marschälle den Kaiser bedrängten, seine als Reserve gehaltene Kaisergarde zum entscheidenden Stoß einzusetzen, lehnte Napoleon dies ab, da er nicht seine letzten Kräfte mitten in Russland aufs Spiel setzen wollte. Damit war die letzte Chance, den Russlandfeldzug rasch und siegreich zu beenden, endgültig dahin.

Moskau - die verlassene Stadt

Kutusow musste nun doch die Strategie seines Vorgängers Barclay de Tolly fortsetzen und zog sich zunächst in Richtung Moskau zurück, wo er jedoch nicht blieb, sondern nach Kolomna, das etwa 100 Kilometer südöstlich von Moskau gelegen war, weiterging.

Am 14. September marschierte die französische Hauptarmee mit 87 000 Mann Infanterie, 14 700 Mann Kavallerie und 533 Geschützen in die weitgehend von ihren Einwohnern in aller Eile verlassene Stadt Moskau (950 km östlich der Memel!) ein - nur etwa 10 000 verwundete oder kranke Soldaten mussten von der russischen Armee zurückgelassen werden -, und Kaiser Napoleon hielt Einzug in den Kreml. Am Abend des 14. September kam es in Moskau zu den ersten Bränden, die vermutlich sowohl von den letzten abziehenden Russen bewusst gelegt als auch von französischen Soldaten zum Teil unabsichtlich, zum Teil vorsätzlich verursacht wurden. Ein am 16. September ausbrechender heftiger Sturm fachte das Feuer noch zusätzlich an. 75 Prozent der Stadt, die zu zwei Dritteln aus Holzhäusern bestand, wurden vernichtet. In einem Schreiben an Zar Alexander machte Napoleon den Grafen Fjodor Wassiljewitsch Ros­top­tschin, den Gouverneur von Moskau, für die Brände verantwortlich. Viele Menschen starben in den Flammen, darunter auch viele verwundete oder kranke russische Soldaten. Mit dem Brand begannen auch die Plünderungen der französischen Armee, die offiziell verboten worden waren. Napoleon verlor nun erneut wertvolle Zeit, da er auf Verhandlungs­angebote wartete und, als diese ausblieben, sandte er selbst Unterhändler zu Kutusow, um Verhandlungen anzubieten. Er war sich durchaus der Tatsache bewusst, dass seine Armee nicht mehr stark genug war, um eine baldige militärische Entscheidung herbeiführen zu können. Seine Hoffnung auf Friedensverhandlungen war aber dennoch nicht unberechtigt. Denn als die ersten Gerüchte, wonach Moskau von den Franzosen besetzt sei, in Sankt Petersburg kursierten, war der Schock unter den Bewohnern groß, und die Nachricht breitete sich bald im gesam­ten Russischen Reich aus. Doch von offizieller Seite schwieg man zunächst dazu und gab erst Ende September bekannt, dass Moskau evakuiert werden musste. In Sankt Petersburg wurden bald Forderungen nach einem Friedensschluss laut; die Mutter des Zaren und sein Bruder Großfürst Konstantin sprachen sich dafür aus. Aber viele Adelige waren strikt dagegen und stützten den Kriegskurs des Zaren. Dieser zeigte sich zu keinen Verhandlungen bereit und wies Kutusow in einem Schreiben am 4. Oktober an, keine weiteren Gespräche mit dem Feind mehr zu führen. Denn bereits im August, vor Kutusows Abreise zur Armee, war diesbezüglich eine Anweisung ausgegeben worden, dass alle Gespräche und Unterhandlungen mit dem Feind, die zum Frieden führen könnten, zu vermeiden seien. Bis auf einige Vorpostengefechte herrschte zunächst eine Art stillschweigender Waffenstillstand, den vor allem die Russen dazu nützten, um Verstärkungen heranzuführen. Am 17. Oktober griff General Wittgenstein, der Verstärkungen aus Finnland erhalten hatte, bei Kljastizy und einen Tag später bei Polozk die napoleonischen Truppen (II. Korps) an und erhielt in der Folge auch den Befehl, die Franzosen im Norden zurückzudrängen, um sich dann mit der russischen Südarmee unter Admiral Tschitschagow zu vereinigen. Dies würde der französischen Hauptarmee den Rückzugsweg versperren.

Rückzug - Elend, Kälte und Tod

Am 18. Oktober wurden die unter der Führung von Murat stehenden französischen Kavallerieregimenter im Gefecht bei Tarutino von russischen Truppen besiegt.

Die fortgeschrittene Jahreszeit und die schlechte Versorgungslage der französischen Hauptarmee sowie die katas­trophalen hygienischen Bedingungen, denen die Soldaten ausgesetzt waren, führten zu schweren Erkrankungen. Die Soldaten erkrankten an Schützengrabenfieber, Wolhynischem Fieber oder Fleckfieber, hervorgerufen durch Läuse, oder an der durch das Trinken von schmutzigem Wasser verursachten Ruhr. All dies zwang Kaiser Napoleon am 19. Oktober, mit den verbliebenen etwa 95 000 Mann der Hauptarmee den Rückzug anzutreten. Trotz des Mangels an Pferden wurde eine große Zahl von Fuhrwerken ausschließlich dazu verwendet, Beutegut aus Moskau abzutransportieren. Vor allem hohe Offiziere hatten sich mit Gemälden, Wein, Pelzen und anderen wertvollen Gegenständen aus den Palästen in Moskau versorgt. Viele Verwundete und Kranke mussten hingegen zu Fuß gehen, eine große Zahl ließ man einfach in Moskau zurück.

Ein französischer Offizier beschrieb den Abzug wie folgt: "Hinter einer miserablen Artillerie und einer noch miserableren Kavallerie zog sich eine ungeordnete, bizarre Menschenmenge entlang, die an seit langem vergessene Bilder erinnerte - die fürchterlichen Horden von Mongolen, die Hab und Gut sowie Beutestücke mit sich getragen hatten. Es bewegte sich ein großer Tross von Kutschen und Wagen; da zogen lange Kolonnen, die mit so genannten Trophäen beladen waren; weiter marschierten bärtige russische Männer, schwer atmend unter dem Gewicht des gesammelten Raubgutes; dort trieben andere Gefangene zusammen mit den Soldaten ganze Herden von abgemagerten Kühen und Schafen; dort fuhren auf den Wagen, mit allen möglichen Schätzen beladen, Tausende von Frauen, verletzte Soldaten, Offiziersburschen, Diener und allerlei Gesindel." Als die Russen ihre Stadt wieder in Besitz nahmen, verübten Kosaken, bewaffnete Bauern, aber auch die vertriebenen Moskowiter Rache an Nachzüglern sowie den verwundeten und kranken französischen Soldaten, die zurückgelassen worden waren.

Malojaroslawez und Krasnyi

Die Reste der Hauptarmee marschierten in Richtung Südwesten in der Absicht, bisher vom Krieg verschont gebliebene Gebiete zu erreichen, um dort Requirierungen vorzunehmen. General Kutusow verhinderte dies jedoch, in dem er sich mit seinen Truppen Napoleon in den Weg stellte. Bei Malojaroslawez kam es am 24. Oktober zu einem heftigen Gefecht, im Zuge dessen die Stadt mehrmals den Besitzer wechselte. Kutusow brachte seine Truppen bei Anbruch der Nacht hinter der Stadt in Stellung und befahl schließlich den Rückzug in Richtung Kaluga, da er eine Entscheidungsschlacht vermeiden wollte. Die französische Armee war aber nicht mehr stark genug, um den Durchbruch nach Süden erzwingen zu können, sondern hatte auf Befehl Napoleons über Moschajsk, Borodino und Gschazk nach Smolensk zu marschieren, auf jener Straße, die die Franzosen bereits beim Vormarsch benützt hatten. In diesem zum Großteil verwüsteten Landstrich gab es weder für die Menschen noch für die Pferde ausreichend Verpflegung und Futter. Der Rückzug wurde noch zusätzlich durch grausame Auseinandersetzungen mit russischen Freischärlern und Kosaken erschwert, denen die Franzosen mit zunehmender Hilflosigkeit gegenüberstanden, sowie durch lange tägliche Märsche und häufiges Campieren unter freiem Himmel. Disziplin und Moral der angeschlagenen Truppen sanken rasch, erste Auflösungserscheinungen waren erkennbar. Zudem kam es am 3. November 1812 zu einem Wetterumschwung, die Temperaturen sanken, und am 6. fiel der erste Schnee.

Nachdem es auch in der Schlacht bei Wjasma am 3. November zu keiner Entscheidung gekommen war, erreichte Napoleon mit kaum mehr als 60 000 Mann, davon nur noch etwa 40 000 unter Waffen, am 9. November Smolensk, das vom IX. Armeekorps unter Maréchal Victor (Claude Victor Perrin Herzog von Belluno) gegen die Angriffe der russischen Nordarmee unter dem Kommando von General Wittgenstein verteidigt wurde. Die Hoffnung Napoleons, dass er dort sein Winterquartier einrichten, seine Armee wieder ordnen und frische Truppen heranziehen könnte, erwies sich als vergeblich, da entgegen seinem Befehl die Magazine, die er dort hatte anlegen lassen, nicht in ausreichendem Maß aufgefüllt worden waren. Bereits am 14. November verließ er daher Smolensk in Richtung Minsk. Dort lagerten noch genügend Vorräte. Aber bereits am 16. November ging mit der Besetzung der Stadt durch Admiral Tschitschagow auch dieser letzte wichtige militärische Stützpunkt mit seinen großen Magazinen verloren. Zudem marschierte die russische Hauptarmee unter Kutusow südlich von Smolensk an den Franzosen vorbei und versuchte so, diese von ihren Verbindungen nach dem Westen abzuschneiden. Bei Krasnyi trafen die beiden Armeen erneut in einem blutigen Gefecht aufeinander, wobei es Napoleons Truppen gelang, sich nach schweren Kämpfen nochmals den Weg nach Westen freizukämpfen.

Schlacht an der Beresina

Während Tschitschagow sich mit seiner Armee auf dem Weg von Minsk nach Borisow befand, marschierte Napoleon weiter Richtung Minsk. Am 21. November griff die russische Vorhut, die Division Lambert, Borisow an und vertrieb die Division Dombrowski, die den Befehl hatte, die dortige Holzbrücke, die den einzigen Übergang über die Beresina bildete, zu bewachen. Nach blutigen Gefechten besetzten die Russen die Stadt. Doch bereits nach zwei Tagen wurden sie von den Franzosen wieder aus der Stadt hin­ausgedrängt, retteten sich über die Brücke auf das Westufer und setzten diese dann in Brand. Maréchal Nicolas Charles Oudinot (Herzog von Reggio) erhielt daraufhin von Napoleon den Befehl, den Brückenkopf bei Borisow zu verstärken. Und 750 Sappeure sowie 400 Pontoniere unter General Jean-Baptiste Eblé mussten bei Studjanka, nördlich davon, zum Teil in eisigem Wasser, das ihnen bis zur Brust reichte, zwei Behelfsbrücken, eine für die Infanterie, die andere für die Gespanne und die Artillerie, schlagen. Ein Ablenkungsmanöver Napoleons - er schickte eine kleine Abteilung nach Süden, um dort Aktivitäten vorzutäuschen, und ließ fahrende Händler Fehlinformationen streuen - sollte Tschitschagow dazu verleiten, seine Truppenkonzentration aufzulockern. Und tatsächlich ließ sich der Admiral täuschen und schickte den Franzosen auf der anderen Seite der Beresina Truppen zur Verfolgung nach.

Am 26. und 27. November setzte zunächst das II. Armeekorps auf den Pontonbrücken über und bezog auf dem Westufer der Beresina Stellung. Dann folgte die restliche Hauptarmee (Garde, Napoleon, Davout, Ney, Murat). Das IX. Armeekorps unter Claude Victor sollte den Übergang sichern, wurde aber am 28. November von Truppen des Generals Wittgenstein angegriffen. Teile der Division Partouneaux mussten sich nach einem Rückzugsgefecht zwar ergeben, die Reste des IX. Korps, etwa 6 000 Deutsche und Polen, verteidigten den Brückenkopf aber bis zum nächsten Morgen gegen die ständigen Angriffe der überlegenen russischen Truppen, bis auch die letzten Soldaten des Korps und einige Nichtkombattanten, unter heftigem Beschuss der russischen Artillerie, den Fluss überquert hatten und die Brücke verbrannt werden konnte, um ein Nachstoßen der Russen zu verhindern.

Tschitschagow, der inzwischen bemerkt hatte, dass er einer List zum Opfer gefallen war, ließ seine Truppen umkehren und ebenfalls am 28. November die sich bereits am Westufer der Beresina befindlichen französischen Truppen angreifen. Die Kämpfe dauerten bis in die späte Nacht hinein, doch es gelang den Russen nicht, die Franzosen aus ihren Stellungen zu vertreiben, worauf sie sich zurückzogen. Der Übergang über die Beresina und die Kämpfe in jenen Tagen hatten nochmals einen hohen Blutzoll auf Seiten der Franzosen gefordert: 25 000 Mann waren getötet oder verwundet worden, mehr als 10 000 in Gefangenschaft geraten. Ein Großteil der Artillerie und der Bagage war verloren gegangen. Doch erneut war die französische Armee der totalen Vernichtung entkommen.

Am 5. Dezember 1812 verließ Napoleon die Armee, nachdem er von einem Putschversuch des französischen Generals Claude François de Malet erfahren hatte, und begab sich unverzüglich nach Paris, vor allem auch im Bestreben, neue Truppen aufzustellen. Den Oberbefehl über die verbliebenen französischen Truppen hatte er an Murat übergeben.

Die französische Hauptarmee wurde auf dem Rückzug nach Westen vor allem bei Wilna, wo die Soldaten von 7. bis 9. Dezember im Freien bei bis zu minus 38 Grad Celsius und ohne Versorgung ausharren mussten, noch weiter dezimiert. Der Kampf ums eigene Überleben ließ alle Hemmungen fallen. Die Soldaten rauften sich um die Kleider der Toten am Wegesrand und beraubten jene, die zu erschöpft waren, um sich zu wehren. Kranke, Verwundete und Erschöpfte mussten schließlich zurückgelassen werden und fielen den nachrückenden Kosaken zum Opfer - ihnen widerfuhr ein schlimmes Schicksal, wie der württembergische Leutnant Karl Kurz berichtete: "Säle und Zimmer dieser großen Klöster … voll Toter und Sterbender, die in der Hungerwut ihre toten Kameraden benagten. … Unbeschreiblich war das Elend der armen Gefangenen in den Tagen des 11. bis 15. Dezembers, in welchen durch die Waffen des Feindes, durch Mißhandlungen aller Art, durch Kälte und Hunger mehr als 1 000 Offiziere und 12 000 Gemeine aller Nationen zugrunde gingen." Gegen Mitte Dezember 1812 überquerten nur klägliche Reste der eins­tigen Hauptarmee die russische Grenze an der Memel - nur etwa 10 000 bis 20 000 Mann waren es, wie Historiker in neueren Studien nachwiesen. Präzise Gesamtopferzahlen lassen sich allerdings kaum eruieren. Hochrechnungen renommierter Historiker zufolge beliefen sich die Gesamtverluste der französischen Armee (Tote, Gefangene) auf rund 490 000 Mann, jene der Russen lagen bei etwa 210 000 Toten. Von den insgesamt 610 000 Mann der Grande Armée kamen also nur rund 120 000 Soldaten wieder zurück. Es waren dies hauptsächlich Truppen, die sich auf den Nebenkriegsschauplätzen befunden hatten, darunter etwa 40 000 Franzosen sowie rund 50 000 Österreicher und Preußen und 20 000 Polen. Die restlichen rund 10 000 Mann verteilten sich auf die verschiedenen teilnehmenden Staaten. Etwa gleich viele waren in Gefangenschaft geraten. Das österreichische Kontingent, das autonom operiert und sich vom Schlachtengeschehen weitgehend ferngehalten hatte, verzeichnete also nur geringe Verluste, ebenso wie die Preußen, die unter MacDonald im Norden gekämpft hatten und nur in leichtere Scharmützel verwickelt worden waren.

Ausblick und Bilanz

Der Russlandfeldzug von 1812 war der Anfang vom Ende der Herrschaft Napoleons über Frankreich und Europa. Das Scheitern der Grande Armée in Russland nahm Napoleon den Nimbus der Unbesiegbarkeit. Die nun folgenden Befreiungskriege von 1813/1814 führten schlussendlich zum Zusammenbruch der französischen Vorherrschaft, zum Sturz des Kaisers der Franzosen und zu seiner Verbannung nach Elba. Der Versuch Napoleons, die Herrschaft noch einmal an sich zu reißen, scheiterte in der Entscheidungsschlacht bei Waterloo und endete mit seiner Verbringung nach St. Helena im südlichen Atlantik.

Häufig wird der Winter für die Niederlage Napoleons verantwortlich gemacht, doch die russischen Truppen waren den gleichen Witterungsbedingungen ausgesetzt. Faktum ist, dass Napoleon aber auf einen Winterkrieg nicht vorbereitet gewesen war: Es fehlte an warmer Kleidung, und die Pferde waren für diese Temperaturen falsch beschlagen. Seine "Blitzfeldzug"-Strategie, die vorsah, mit Masse schnell vorzurücken, die russischen Streitkräfte möglichst rasch in einer Entscheidungsschlacht zu bezwingen und dem Gegner dann einen Frieden unter seinen Bedingungen aufzuzwingen, konnte er im Russlandfeldzug nicht umsetzen. Die Gewaltmärsche schwächten die französischen Truppen, die sich "aus dem (kargen) Land" ernähren mussten, weil die Nachschub- und Versorgungstruppen nicht mit ihnen Schritt halten konnten und aufgrund der Witterung auch im Morast stecken blieben. Erschöpfung, Hunger, Durst, Hitze, Dauerregen und Kälte, vor allem aber katas­trophale hygienische Verhältnisse und dadurch bedingt sich rasch ausbreitende Krankheiten wie Ruhr oder Fleckfieber führten zu den erwähnten hohen Verlusten abseits des Kampfgeschehens. Die Russen hingegen wählten die Strategie der hinhaltenden Verteidigung und wehrten sich zunächst mit den charakteristischen Mitteln russischer Defensive - der Weite des russischen Raumes, in den sie sich zurückzogen, und dem rauen Klima; sie wichen so einer Entscheidungsschlacht aus und gingen daher letztendlich als Sieger aus diesem Feldzug hervor. Dafür waren aber auch noch zwei weitere Faktoren ausschlaggebend: die logistische Leis­tung der Russen, deren Versorgungseinheiten mit Fortschreiten der Kämpfe den Nachschub immer effizienter sicherstellten, und ihre leichte Kavallerie, die beim und nach dem Rückzug aus Moskau mit ständigen Angriffen verhinderte, dass sich die französische Armee ausreichend verpflegen und ausruhen konnte.


Autor: OR Mag. Dr. Claudia Reichl-Ham, MAS. Jahrgang 1968, Studium der Geschichte und Übersetzerausbildung sowie Doktoratsstudium an der Universität Wien, Ausbildungslehrgang des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung (MAS); seit 1996 am Heeresgeschichtlichen Museum als Leiterin des Hauptreferates Publikationswesen/Bibliothek, seit 2008 stv. Abteilungsleiterin der Forschungsabteilung; Mitglied des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung, Generalsekretärin der österreichischen Militärhistorikerkommission (CAHM), Mitglied des Comité de Bibliographie der Internationalen Militärhistorikerkommission (CIHM).

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