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European Endeavour 2012

Vom 29. Mai bis 8. Juni 2012 fand auf dem Truppenübungsplatz Wildflecken in Deutschland die Übung "European Endeavour 2012" (EE 12) statt. Dabei trainierten die eingemeldeten Nationen Deutschland, Österreich, Tschechien, Kroatien, Irland und die Ehemalige Jugoslawische Republik Mazedonien für die EU Battle Group II-2012 (EU BG II-2012). Ziel war es, die Einsatzfähigkeit der Force und des EU Battle Group Hauptquartieres mit seinen Stabselementen zu überprüfen. Die EE 12 ist eine computerunterstützte Übung in einem virtuellen Krisengebiet.

Seit 1. Juli 2012 ist die aus sechs Nationen bestehende EU BG II-2012 einsatzbereit und befindet sich bis Ende Dezember 2012 in der "Stand by"-Phase. Deutschland führt diese Battle Group mit einer Stärke von bis zu 3 000 Soldaten und stellt das Hauptquartier durch das Kommando Operative Führung Eingreifkräfte, das in Ulm stationiert ist. Das Österreichische Bundesheer beteiligt sich mit 350 Soldaten und ist damit zweitgrößter Truppensteller dieser Battle Group. Es bringt sich unter anderem mit dem Combat Service Support Battalion (CSSBn) ein. Als Leitnation (Lead Nation) für die Logistik ist das Bundesheer für die Versorgung und Unterstützung des gesamten Verbandes verantwortlich. Die Bundeswehr stellt mit Flottillenadmiral Markus Krause-Traudes den Kommandanten (Force Commander) der Battle Group II-2012. Oberst Franz Langthaler vom Österreichischen Bundesheer ist der stellvertretende Kommandant.

Die "European Endeavour 2012" war die letzte Übung für die EU BG II-2012 im Stabsrahmen, um als einsatzbereit ("Mission ready") verifiziert zu werden. Die Aufgaben stellten sich wie folgt dar:

  • Führung eines Force Headquarters/(F)HQ und eines Brigade Headquarters (BG HQ);
  • Kooperation mit zivilen EU-Partnern, der UN, internationalen Organisationen, Behörden und nicht-staatlichen Organisationen (NGOs);
  • Koordination mit anderen Kräften in einer EU-geführten Krisenmanagementoperation.

Seit 2010 hatten sich die Teilnehmer auf nationaler und internationaler Ebene und gemeinsam in internationalen Workshops intensiv vorbereitet sowie einen ersten Operationsplan entwickelt. Insgesamt waren an der Übung 1 086 Teilnehmer aus 13 Nationen vertreten, wobei vor allem für die Unterstützung und Auswertung des Übungsablaufes neben den truppenstellenden Nationen für die EU BG Personen aus Frankreich, Italien, Kanada, den Niederlanden, Polen, Schweden und den USA eingebunden waren. Der EU-Militärstab war ebenfalls mit Beobachtern anwesend. Für die Übung wurde das komplette verlegbare (F)HQ sowie das BG HQ aufgebaut. Der Rest der Übungstruppe beziehungsweise die Übungsleitung, Rollenspieler und sons­tige unterstützende Teile waren in den Räumlichkeiten der Rhön-Kaserne in Wildflecken (Bayern) untergebracht.

Die Federführung für die EE 12 hatte das Kommando Operative Führung Eingreifkräfte (siehe dazu auch TD-Heft 2/2012, "Das NATO- und EU-Hauptquartier in Ulm"), das für den Überbau der Übung verantwortlich war und einen Gutteil des Personals abstellte. Der österreichische Brigadier Karl Pronhagl, der als Chef des Stabes im internationalen Kommando in Ulm tätig ist, leitete die EE 12 als Exercise Director. Die Übung selbst stand unter der Gesamtverantwortung von Generalleutnant Markus Bentler, dem Befehlshaber des Kommandos Operative Führung Eingreifkräfte.

Das Übungsszenario spielte im fiktiven Staat Fontinalis. Ethnische Konflikte führten vor neun Jahren zu einem fast drei Jahre dauernden Bürgerkrieg, von dem sich der Staat bis heute nicht erholt hat. Das Land ist politisch instabil, extremistische Gruppen aller Ethnien treiben ihr Unwesen, Organisierte Kriminalität und Korruption sind alltäglich. Dazu kommen noch 40 000 ethnische Flüchtlinge aus dem Nachbarstaat Trutta, die unter ärmlichen Bedingungen im Norden von Fontinalis leben und zusätzlich für Spannungen sorgen. Aufgrund dieser Gegebenheit wurde eine EUFOR-Truppe nach Fontinalis entsandt, um die Sicherheit im Norden des Landes zu gewährleisten und für die kommenden Wahlen ein stabiles und sicheres Umfeld zu schaffen.

Die EE 12 hatte keinen starren Übungsablauf, was folglich für die Kommandeure des (F)HQ sowie der EU BG als eine Herausforderung sorgte. Diese hatten für ihre Entscheidungen freie Hand, worauf die Übungsleitung flexibel reagieren und den weiteren Verlauf der Übung anpassen beziehungsweise fortschreiben musste. Neben der Streitkräftegemeinsamkeit spielte der ganzheitliche, vernetzte Ansatz (Comprehensive Approach) eine wichtige Rolle. Zivile und militärische Akteure sollten effektiv zusammengeführt werden, so dass eine wirksame und erfolgreiche Krisenbewältigung gewährleistet werden konnte. Die Übung wurde nach den Grundsätzen "Train as you fight" nach realitätsgetreuen Szenarien gestaltet. Journalisten waren ebenso Teil der Übung wie ehemalige Diplomaten. Mit der Absicht, die internationale Medienarbeit umfassend und realistisch darzustellen, bildete die EE 12 einen Schwerpunkt, den es in dieser Breite und Tiefe bei einer Zertifizierungsüb­ung noch nicht gegeben hat. Diese Tätigkeit wurde vom kanadischen "Pearson Peacekeeping Centre" unterstützt.

Pearson Peacekeeping Centre (PPC)

Das PPC ist eine unabhängige Non-Profit-Organisation, das von der kanadischen Regierung 1994 gegründet wurde. Es führt Ausbildung, Training und Forschung in allen Bereichen von Friedensoperationen auf der ganzen Welt durch. Das Büro befindet sich in Ottawa in der kanadischen Provinz Ontario, auf dem Campus der Universität Carleton. Der große Vorteil des PPC besteht darin, dass aus einer sehr großen Bandbreite an Experten und Spezialisten weltweit eine Auswahl getroffen werden kann. Dazu zählen ehemalige Journalisten, Botschafter und Berater, die in Regierungskreisen gearbeitet haben und sich mit internationalen Beziehungen auskennen. Daraus werden entsprechende Fachleute als Rollenspieler bei verschiedenen Übungen eingesetzt. Der Ansatz dabei ist, dass diejenigen, die früher einen bestimmten Beruf ausgeübt haben, diesen auch in den fiktiven Szenarien wieder verkörpern, da sie wissen, wie sie die jeweilige Rolle spielen müssen.

In der EE 12 war das PPC in die Übungsleitung integriert. Darin eingebettet waren Print-, Radio- und Fernsehjournalisten, Medientechniker sowie Fotografen, die täglich fiktive Szenarien für das Pressepersonal der Battle Group entwickeln und einspielen mussten. Hope Carr, eine ehemalige Soldatin der kanadischen Armee, führte als zivile Leiterin die Medienzelle des PPC während der Übung. Für sie war der Auftrag klar: "Das PPC ist die helfende Hand, die Fehler aufzeigen und Verbesserungsvorschläge machen soll". Am Vorabend wurde immer eine Besprechung abgehalten, die den Ablauf für den nächsten Tag in groben Zügen festlegte. Anhalt dabei war ein Übungsplan, der vor der Übung angefertigt wurde. Anhand dieses Planes prüften die einzelnen Mediengruppen (Print, Radio, TV), wie sie darauf reagieren sollten. Dazu ein Beispiel: Es gab einen Anschlag auf eine Patrouille. Nun wird entschieden, wer welche Aufgaben übernimmt - Interviewanfrage mit "Ich habe gehört, dass …", ein TV-Team vorbeischicken etc. Je nachdem wie sich die Force verhielt bzw. reagierte, entwickelte sich die Lage weiter. Das PPC hatte eigens für diese Übung eine Homepage sowie einen TV-Sender kreiert, der täglich die neuesten Nachrichten aus dem Krisengebiet inklusive Breaking-News verbreitete. Das war immer der Ausfluss dessen, wie die Journalisten die Battle Group wahrnehmen, und gleichzeitig ein Feedback für die Kommandanten. Die Steuerung und Koordinierung der gesamten Medienlage war komplex und musste mit den anderen zivilen und militärischen Szenarioteilen zeitlich wie inhaltlich harmonisieren. Dies wiederum war die Aufgabe des militärischen Leiters der Medienzelle.

EU BG-Konzept

Internationales Krisenmanagement ist ein Schwerpunkt der Gemeinsamen Sicherheits- und Verteidigungspolitik (GSVP) der Europäischen Union. Ein Instrument zur Sicherung des Friedens und zur Konfliktbewältigung sind die European Battle Groups. Diese sind mobile Gefechtsverbände, die innerhalb kürzester Zeit in ein Einsatzgebiet verlegt werden können. Schon seit dem Jahr 2003 gibt es erste "Battle Groups". Am 17. Juni 2004 beschloss der Rat der EU den Aufbau der EU Battle Groups im Rahmen der Erfüllung des European Headline Goal 2010 und schuf damit das "EU Battle Group Concept". Noch im November 2004 konkretisierten die Verteidigungsminister der EU-Mitgliedstaaten diese Planungen mit der Benennung der ersten Verbände. Mit der Teilnahme an diesen schnellen, hochmobilen Krisenreaktionskräften der EU unterstützt Österreich ein Instrument, mit dem die EU Probleme ziemlich rasch vor Ort lösen kann - also dort, wo sie entstanden sind.

Pro Halbjahr werden jeweils zwei Battle Groups einsatzbereit gehalten. Diese sollen innerhalb von fünf Tagen marschbereit und zehn Tage danach bereits im Einsatzgebiet handlungsfähig sein. Grundsätzlich sollen die Battle Groups vor allem für Aufgaben im Umfeld Europas herangezogen werden. Ihr Einsatz kann aber auch weltweit erfolgen. Das Kernelement ist ein verstärkter Infanterieverband in Bataillonsstärke. Weitere Bestandteile sind Kampfunterstützungs- und Einsatzunterstützungskräfte wie Pionier-, Instandsetzungs-, Transport-, ABC-Abwehr-, Fernmelde- und Fliegerabwehrkräfte.

Mögliche Aufgaben sind unter anderem

  • humanitäre Hilfs- und Rettungseinsätze,
  • Konfliktverhütung,
  • Friedenserhaltende Einsätze,
  • Stabilisierungs- und Wiederaufbau­maßnahmen nach Konflikten und
  • Friedensschaffende Maßnahmen.

Im Einsatzfall sollen die Soldaten bis zu 30 Tage selbstständig handlungsfähig sein, wobei die Einsatzdauer auf bis zu 120 Tage verlängert werden kann.

Major Mag.(FH) Michael Barthou


Interview mit Flottillen­admiral Markus Krause-Traudes

TRUPPENDIENST (TD): Herr Flottillenadmiral, wie haben Sie davon erfahren, Force Commander der EU BG II-2012 zu werden?

Krause-Traudes (KT): Ich war die letzten vier Jahre im Ministerium als Berater des Inspekteurs der Marine und des Generalinspekteurs tätig. Dass ich vom Minister der Verteidigung ausgesucht wurde, diesen Posten in Ulm als Nachfolger von Brigadegeneral Leidenberger anzunehmen, hat mich in meinem Urlaub in Amerika im Februar dieses Jahres völlig überrascht. Für mich ist der Posten des Force Commander der EU BG II-2012 ein Schritt, den man zu machen, eine Herausforderung, die man zu meistern hat, um als Admiral beweisen zu können, dass man es kann. Nach zwölf Jahren Verwendung im integrierten Bereich, also in einem joint und combined Umfeld war die Zeit dafür reif. Die Funktion gefällt mir und ist dazu noch spannend.

TD: Die Stabsrahmenübung European Endeavour 2012 hat den Zweck, die Einsatzbereitschaft ihres Force Headquaters/(F)HQ nach Brüssel zu melden. Wie ist die Zusammenarbeit mit anderen Nationen?

KT: Diese Übung ist eigentlich die Spitze eines Eisberges, es ist der Abschluss der eineinhalbjährigen Vorbereitungszeit. Es ist für mich interessant zu sehen, wie sich bei dieser wie auch bei jeder anderen EU BG - und ich habe schon drei mitmachen dürfen - die Dinge entwickeln. Das für mich Wesentliche und Wertvolle an der EU BG ist die Kommunikation über nationale Grenzen und einzelne Truppenteile hinweg. Diese Übung European Endeavour 2012 ist die Zertifizierung des (F)HQs in der Zusammenarbeit mit dem Brigadehauptquartier. Alle Dinge, die bisher national und multinational gelaufen sind, werden hier auf den Tisch gelegt. So sind zum Beispiel hier im FHQ 40 Prozent des Personals aus Ulm und weitere 60 Prozent multinationale Verstärkung. Die Zusammenarbeit muss nun erstmals geübt werden, bevor man in einen Einsatz gehen kann. Und dieses Zusammenspiel funktioniert, wir sind in der Lage, den Job der Führung einer EU Battle Group zu machen.

TD: Die EU BG kann weltweit eingesetzt werden. Sind sechs Monate "Stand by" und bis zu eineinhalb Jahre Vorbereitungszeit ohne regelrechten Einsatz verschwendetes Geld und verlorene Zeit?

KT: Das ist eine sehr politische und spannende Frage. Letztlich ist es die EU, die eine Entscheidung über einen Einsatz der EU BGs trifft. Ganz persönlich gesehen: Ich mache jetzt bereits zum vierten Mal die Vorbereitung für eine EU BG mit. Ich weiß, was alles dahintersteckt, wie viel Arbeit das ist. Vor allem ist es der persönliche Einsatz von jedem Einzelnen, so dass man als Militär natürlich nach eineinhalb Jahren Vorbereitung die Erwartungshaltung hat, es sollte jetzt bald losgehen. Es folgt dann natürlich eine gewisse Ernüchterung, wenn nach einem hal­ben Jahr Stand by-Zeit nichts war. Es kommt irgendwann ein persönlicher Moment, wo man zu sich sagt: "Hey, was ist hier eigentlich los?" Insoweit kann ich nur hoffen, dass der Spruch: "If you don´t use it, you loose it" sich hinsichtlich der Zukunft der EU BGs nicht bewahrheitet. Bis jetzt haben sich meines Wissens bereits mehr als 20 EU BGs auf einen möglichen Einsatz vorbereitet.

TD: Ist es als Kommandeur der EU BG ein Vorteil, dass ihr Stellvertreter ein Österreicher ist?

KT: Die Österreicher stellen die zweitstärkste Kraft in dieser Force. Von der Sprache her ist natürlich der Dialog zwischen meinem Stellvertreter Oberst Franz Langthaler und mir so, dass wir auch Dinge unter vier Augen mal ganz rasch besprechen können. Es ist aber vor allem eine Frage der Mentalitäten und des Führungsverständnisses. Es gibt naturgemäß aufgrund der Herkunft Unterschiede zwischen einem Oberst der Landstreitkräfte Österreichs und einem Offizier der Deutschen Marine - aber das ist es auch schon. Ich würde es nicht als einen Vor- oder Nachteil werten wollen, sondern als Herausforderung, die wir beide gemeinsam bis jetzt aus meiner Sicht ganz gut gemeistert haben. Ich freue mich, dass es so ist.

TD: Sie haben gesagt, dass eine erfolgreiche Medienarbeit mitentscheidend für Einsätze von Streitkräften ist. Können Sie das etwas näher erläutern.

KT: Die Medien sind für mich vergleichbar mit dem Wetter - das Wetter passiert, ich kann ihm nicht entweichen. Die Medien sind da, sie sind wichtig, sie beeinflussen die öffentliche Meinung. Auf diesem Klavier muss man spielen. Gleichwohl kann ich als Kommandeur nur die Eingangsvoraussetzung einstellen. Was daraus wird, kann ich nicht mehr direkt beeinflussen, das beeinflussen andere. Für mich ist eine aktive und positive Medienarbeit wichtig - hinausgehen und sagen, was Sache ist, ehrlich und authentisch sein. Das ist auch eine Frage des Eigenschutzes für meine Truppe. Wenn die Medien negativ unserer Arbeit und mir gegenüber eingestellt sind, bekommen wir das sofort auch negativ zu spüren. Deshalb ist es ein "Muss" und eine Pflicht für mich als Kommandeur, für diese Truppe mit den Medien zusammenzuarbeiten.

TD: Worin sehen Sie die Herausforderung, die Ausrüstung und das Gerät der EU BG in ein mögliches Szenario zu transportieren?

KT: Das kann man so einfach gar nicht beantworten. Die EU BG, wie sie jetzt besteht, betrachte ich wie einen Werkzeugkasten. In diesem Werkzeugkasten ist alles drinnen, was die Nationen der EU für einen Einsatz zur Verfügung stellen wollen. Wenn ich im Falle eines Einsatzes von der EU einen konkreten Auftrag bekomme, muss man in diesen Werkzeugkasten hineinschauen und feststellen, was muss, was sollte und was kann mitgenommen werden. Ist das entschieden, ist das dann darauf folgende wesentliche Element die Verlegung in den Einsatzraum. Diese Aufgabe betrifft vor allem auch Österreich als Lead Nation in der Logistik im Einsatzraum. Wo es dort eventuell Engpässe geben könnte, kann ich erst sagen, wenn es soweit ist. Natürlich sind Militärs aber immer auch so gestrickt, dass sie gerne mehr haben wollen. Im Moment würde ich sagen, dass es uns in der EU BG an Hubschraubern mangelt. Wenn wir während der Stand by-Phase in einen Einsatz gehen sollten, werde ich bestimmt sehr schnell an die Nationen herantreten müssen, um zu sagen: "Alles prima, aber in gewissen Gebieten im Einsatzraum kann ich nicht mit dem Auto fahren - dort brauche ich zwingend mehr Lufttransportmittel".

TD: Als gelernter Marineoffizier muss es doch hart sein, den Großteil seiner Dienstzeit an Land verbringen zu müssen. Vermissen Sie die See?

KT: Die See vermisse ich aus tiefstem Herzen. Ich kompensiere das dadurch, dass ich versuche, in meinem Urlaub das mir angestammte Element maximal auszunutzen. Das heißt, man wird mich im Urlaub immer an der See finden und nicht in den Bergen. Für mich ist es spannend in Ulm zu sein, die Begeisterung der Menschen für die Berge zu sehen, die auch meine Frau teilt, wo ich als Seemann allerdings Schwierigkeiten damit habe. Ich hoffe nach meiner Zeit als Force Commander der EU BG II-2012 wieder etwas mit der See zu tun haben zu können. Doch die Freiheit, die ich als Kommandant eines Schiffes hatte, die werde ich wohl nicht wieder haben können - aber wie gesagt, ich versuche zu kompensieren.

Interview mit Generalleutnant Markus Bentler

TD: Herr Generalleutnant. Sie lieben Ausdauersport, vor allem das Bergsteigen. Verbindet Sie das mit Österreich?

Bentler: Deswegen wohne ich ja in der Nachbarschaft zu Österreich, in Bad Reichenhall. Seit meiner Zeit als Kommandeur der Gebirgsjägerbrigade 23 habe ich engen Kontakt zu den Österreichern, zur 6. Jägerbrigade oder auch nach Saalfelden. Uns verbindet die Liebe zu den Bergen und der Ausdauersport, das Klettern in freier Natur und alles was dazugehört.

TD: Thema "Ausdauer" - braucht man in Ihrer Position als Befehlshaber des Kommandos Operative Führung Eingreifkräfte Ausdauer?

Bentler: Ich brauche Ausdauer und vor allen Dingen Beharrlichkeit. Wenn ich von einem Projekt überzeugt bin, muss ich beharrlich sein, dieses auch gegen Widerstände zu verteidigen, um so eine möglichst breite Unterstützung zu bekommen. Das ist keine Eintagsfliege, sondern hält auch dem Vergleich "dicke Bretter bohren" stand. Eine so wichtige militärische Dienststelle zu führen, das ist vielmehr ein langfristig wirkendes Projekt.

TD: Wie würden Sie ihre Funktion als Befehlshaber in wenigen Worten erklären?

Bentler: Zum einen bin ich ein Einsatzbefehlshaber, der unmittelbar in der Lage ist, ein Operation Headquarters auf der militärstrategischen Ebene oder ein Force Headquarters auf der operativen Ebene in den Einsatz zu bringen und dort unmittelbar zu führen - also weltweit in Krisenmanagementoperationen zur Konfliktverhütung oder Krisenbewältigung tätig zu sein. Davor steht jedoch die Vorbereitung auf solche Aufgaben: Erziehung, Führung, Ausbildung. Genau das machen wir jetzt auch in der Übung "European Endeavour 2012", indem wir uns fit für einen Auftrag machen, der möglicherweise auf uns zukommt. Hier wird die Truppe erstmals zusammengeführt und die Ausbildung abgeschlossen. Für das alles trage ich die Verantwortung. Der dritte Aspekt meiner Funktion ist die Idee, Ulm als Kommando und als Multinational Joint Headquarters weiter voranzutreiben und letztendlich damit die erforderlichen Voraussetzungen für einen möglichen Einsatz dieses Kommandos zu schaffen. Der Einsatzbezug muss immer als Nummer eins vorangestellt werden, erst dann kommt alles andere.

TD: Die Bundeswehr befindet sich zurzeit in einer Umstrukturierungsphase. Das Kommando Operative Führung Eingreifkräfte mit dem Standort Ulm gehört dabei zu den Gewinnern. Hat das auch etwas mit der operativen Führung der Battle Group der Europäischen Union zu tun?

Bentler: Es hat auch etwas damit zu tun. Hier ist eine klare Einsatzorientierung gegeben. Die EU hat mit dem European Headline Goal die Voraussetzungen geschaffen, auf Krisen militärisch reagieren zu können. Battle Groups sind ein schnell verfügbares militärisches Instrument der EU. Im zweiten Halbjahr 2012 gibt es zwei dieser Battle Groups, wir sind eine davon. Wir können und wollen diese Fähigkeit zur Führung multinationaler Einsätze aber auch im Rahmen der NATO-Streitkräftestruktur bereitstellen. Von daher gesehen ist Ulm immer die Antwort auf jede Einsatzfrage. Immer dann, wenn ein Einsatz ansteht, wird man an das Operative Kommando in Ulm denken. Dessen sind wir uns bewusst, und deshalb nehmen wir es mit der Vorbereitung auf mögliche Einsätze sehr ernst.

TD: Ist es sinnvoll, eine EU BG nur für sechs Monate auf "Stand by" zu halten, bei einer Vorbereitungszeit von bis zu eineinhalb Jahren?

Bentler: Das ist die große Frage! Es gibt mehrere Ansichten dazu, unter anderem auch den Einsatz auf ein Jahr auszudehnen. Ich weiß, dass alle Bündnispartner aufgrund ihrer laufenden Einsätze sehr darunter leiden, wenn eine Truppe zu lange in einer bestimmten Art und Weise festgelegt ist. Denn das bedeutet, dass diese Kräfte, die zum Beispiel Österreich als Partnernation für die Logistik festlegt, für andere Einsätze in diesem Zeitraum nicht verfügbar sind. Dasselbe ist auch bei der Bundeswehr der Fall. Ich favorisiere eine etwas andere Idee. Eine einmal aufgestellte Battle Group sollte nicht im Anschluss an ihre Bereithaltungszeit wieder vergessen werden, sondern organisatorisch und gedanklich zusammenhalten und später, vielleicht nach zwei oder drei Jahren, so oder so ähnlich wieder zusammengebracht werden. Dann weiß man zum Beispiel genau: "Das ist die Deutsch-österreichische Battle Group, die hat schon eine Tradition entwickelt und die findet sich in der Form immer wieder." So könnte Österreich seine logistischen Expertisen weiter einbringen und vervollkommnen, die Iren wären für die Aufklärungskräfte weiter zuständig und die Bundeswehr könnte immer wieder den Rahmen für die Vorbereitung, Ausbildung und Führung stellen. Das wäre für alle Beteilig­ten eine rationelle Vorbereitung, und es käme immer wieder dasselbe Know-how zum Tragen, ohne die Truppen zu lange für einen Auftrag zu binden.

TD: Wo sehen Sie ein mögliches Einsatzszenario für die EU BG II-2012? Gibt es geografische Grenzen?

Bentler: Natürlich ist Europa aufgrund seiner geografischen Lage, seiner Geschichte und seiner Interessenlage stark auf bestimmte Regionen ausgerichtet. Hier könnten Einsatzmöglichkeiten entstehen. Darüber zu spekulieren, wo eine militärische Intervention nötig sein könnte, wäre jedoch sträflich, denn derzeit gibt es keine politische Lage in dieser Region, die einen Einsatz begründen oder rechtfertigen würde. Wir bereiten uns deshalb auf kein spezifisches Krisenszenario, sondern, wie bei der Übung European Endeavour 2012, auf alle möglichen Eventualfälle vor.

TD: Stark gepanzerte Teile sind in der Battle Group nicht vertreten. Heißt das, dass gewisse Szenarien nicht abgedeckt werden können?

Bentler: Eine Battle Group ist in erster Linie eine sehr schnell verlegbare und weltweit einsetzbare militärische Kraft mit einem sehr flexiblen Einsatzspektrum. Eine Battle Group kann keine große, durchschlagskräftige, auf Dauer angelegte Operation hoher Intensität mit dem Anspruch darauf führen, etwas Sinnvolles und Nachhaltiges zu erreichen. Die Battle Group ist entweder die Lösung des Problems oder eine Anfangsoperation. Eine Anfangsoperation in so einem Szenario ist, dass man mit leichten Kräften einen so genannten Brückenkopf bildet. Stellt man im Laufe der Krise fest, dass die Battle Group in der aktuellen Zusammenstellung dem Auftrag nicht gerecht werden kann, muss sie im Rahmen einer erneuten Truppenstellerkonferenz mit weiteren Kräften ergänzt werden. Diese zusätzlichen Teile jedoch schon in der Vorausplanung mit festzulegen, wäre falsch, da dadurch die Flexibilität verloren ginge.

TD: Sie haben einmal im März 2012 gegenüber einer Zeitung gesagt, dass das Kommando Operative Führung Eingreifkräfte eine Antwort auf den Spardruck sei. Wie ist das gemeint?

Bentler: Das ist sehr zugespitzt ausgedrückt. Alle Länder Europas und der NATO-Bündnisstaaten stehen unter einem enormen Zwang zur Konsolidierung der Haushalte. Keiner kann mehr alles alleine machen. Die gesamte Idee bei der EU-Initiative "Pooling & Sharing" sowie bei der "Smart Defence"-Initiative der NATO dient der möglichst kostenbewussten Bereitstellung von Fähigkeiten. Das Ulmer Kommando stellt eine solche Fähigkeit dar, die Führung weltweiter multinationaler Kriseneinsätze. Deutschland stellt als Host und Framework Nation kostenlos die Kräfte, Infrastruktur und Mittel bereit und lädt ausländische Partner zum aufwandsfreien Mitwirken in diesem Hauptquartier ein. Damit ist das Kommando auf eine breitere Grundlage gestellt, als wir es alleine könnten. Wir stellen aber auch mehr bereit, als jeder einzelne internationale Partner dies in seinem Heimatland könnte. Dadurch ergibt sich eine "Win-Win"-Situation, die zudem auch noch kostengünstiger ist.

TD: Was soll Österreich/das ÖBH dabei leisten? Würden sie sich noch mehr Zusammenarbeit wünschen?

Bentler: Ich bin dem Österreichischen Bundesheer gegenüber sehr dankbar. Erstens wegen der vorzüglichen Zusammenarbeit in all den Jahren, für die unsere österreichischen Kameraden im Kommando stehen und in Zukunft auch stehen werden. Zum Zweiten habe ich mit großer Freude die Nachricht aufgenommen, dass Österreich sich noch stärker als bisher schon in dieses Kommando einbringen will.

Nun sind auch die anderen Nationen aufgerufen, aufgefordert und gebeten worden, ihre Beiträge zu leisten.

TD: "Konzentration auf das Wesentliche tut Not" haben Sie vor Jahren in einer Truppeninformation verlautbart. Trifft dies nach wie vor zu?

Bentler: Ja, wir müssen das Wesentliche erkennen. Es geht darum, den "Comprehensive Approach" bestmöglich zu üben und das Führungspersonal der EU BG auf diesen umfassenden Ansatz ihres Auftrages vorzubereiten. Es wird deutlich gemacht, dass alles, was sie in ihren Einsätzen tun, letztendlich sich darauf zurückführen lässt, dass wir in einem vernetzten Umfeld arbeiten. Alles was wir tun und wie wir handeln, hat Auswirkungen auf die Wahrnehmung in der Öffentlichkeit, auf die politische Lage und damit auf den Erfolg der Mission. Das unterscheidet uns um Welten von dem, was wir vor 20 oder 30 Jahren gemacht haben, als das soldatische Handeln noch auf die Zerschlagung des Gegners ausgerichtet war. Der jetzige Auftrag ist anders, schwieriger und nicht mit dem ursprünglichen zu vergleichen.

TD: Was wird nun ihr nächster "Gipfelsieg"?

Bentler: Dienstlich die Umstrukturierung und Weiterentwicklung des Ulmer Kommandos zum Multinationalen Kommando Operative Führung bzw. Multinational Joint Headquarters, wie es zukünftig heißen wird. Und privat würde ich gerne mit meinen Kameraden aus Saalfelden eine Tour auf den Großglockner machen. Das haben wir schon vor langer Zeit vereinbart und ich hoffe das gilt noch.

Die Interviews führte Major Mag.(FH) Michael Barthou.

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