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Stalingrad

70 Jahre nach der mehrmonatigen Schlacht um den Großraum und die Stadt Stalingrad (heute Wolgograd) leben von den Kriegsteilnehmern nur noch wenige. Die Verluste waren auf beiden Seiten enorm. Das Ende der Schlacht markierte einen Wendepunkt in der Geschichte des Zweiten Weltkrieges.

In zahllosen historischen Abhandlungen unterschiedlicher Qualität kann über dieses Ereignis nachgelesen werden. Der jüngeren Generation sind möglicherweise die Filme "Stalingrad" (1993 unter der Regie von Josef Vilsmaier) und "Duel-Enemy at the Gates" (2001 unter der von Regie von Jean-Jacques Annaud) bekannt. Der 1959 gedrehte Film "Hunde, wollt ihr ewig leben?" (Regie Frank Wisbar) nach dem autobiographischen Roman von Friedrich Weiß (unter dem Pseudonym Fritz Wöss veröffentlicht) schildert in durchaus realistischer Weise das Schicksal einzelner deutscher Soldaten, ist aber fast vergessen und wird kaum noch gezeigt.

Es erscheint allerdings in verschiedener Hinsicht interessant, diese Schlacht unter einigen speziellen Gesichtspunkten zu untersuchen. Auch nach 130 Jahren - nach dem Feldzug des napoleonischen Heeres im Jahr 1812 - stellt sich für die deutsche Kriegführung gegen die Sowjetunion im Jahr 1942 wie immer das Kraft-Raum-Zeit-Kalkül, die Wetterbedingungen und Bodenverhältnisse und die Frage der Effektivität der Logistik.

Die Ostfront im Frühjahr 1942

Nach wechselvollen und verlustreichen Kämpfen, die bis Ende März 1942 andauerten, war es der Deutschen Wehrmacht gelungen, im Bereich der Heeresgruppe Süd sowjetische Angriffe zwischen Charkow und Dnjepropetrowsk nach einigen Geländeverlusten abzuwehren. Im Bereich der Heeresgruppe Nord wurden zwei sowjetische Armeen im Wolchow-Gebiet eingekesselt. Im Gegensatz dazu wurden zwei eigene eingekesselte Truppenteile in Cholm (mit rund 5 000 Mann) und Demjansk (mit rund 100 000 Mann) aus der Luft versorgt. Dadurch konnten die eroberten Räume gehalten werden. Die sowjetische Armee im Wolchow-Kessel wurde bis Anfang Juli vernichtet, ihr Kommandant, General Wlassow, geriet mit 32 000 Mann in Gefangenschaft.

Die sowjetischen Streitkräfte hatten sich im Frühjahr 1942 nach den katastrophalen Verlusten des Sommers und Herbstes 1941 und den ebenfalls schweren personellen und materiellen Einbußen während der eigenen Winteroffensive vom Dezember 1941 bis März 1942 erholt. Die Panzer- und mechanisierten Korps waren bereits in einem hohen Maße mit dem leistungsfähigen mittleren Kampfpanzer T-34/76 ausgerüstet, zudem hatte sich die Feuerkraft der Artillerie weiter gesteigert. Die aus der Reichweite der Deutschen Wehrmacht evakuierten bzw. schon bestehenden Rüstungsindustriebetriebe versorgten die sowjetischen Land- und Luftstreitkräfte mit modernen oder zumindest brauchbaren und robusten Waffensystemen, die mit den zum Teil besser ausgebildeten und motivierten Soldaten der Roten Armee der deutschen Luftwaffe und den deutschen Truppen erheblich zu schaffen machten.

Die deutschen operativen Planungen ab Frühjahr 1942

Nach den Fehlschlägen, im Spätherbst 1941 Leningrad und Moskau einzunehmen, war nun der ursprünglich aus drei Zielgebieten bestehende Plan "Barbarossa" von Hitler nur noch auf ein strategisches Ziel reduziert worden. Hitlers "Weisung Nr. 41" vom 5. April 1942 sah vor, dass die Heeresgruppe Süd mit starken Panzerverbänden einerseits nach Stalingrad (4. Panzerarmee und 6. Armee), andererseits (mit der 17. Armee und der 1. Panzerarmee) über Rostow am Don in den Kaukasus bis nach Baku (um dort die wichtigen Ölfelder in die Hand zu bekommen) vorstoßen und im Raum Georgien und Aserbaidschan die Pässe nach Persien gewinnen sollte.

Diese Offensive musste verschoben werden, da die Verbände der sowjetischen "Südwestfront" schon Mitte Mai 1942 überraschend angriffen und erst Ende Mai in einer Kesselschlacht im Raum Charkow geschlagen werden konnten (240 000 Gefangene). Die deutsche 11. Armee brach bis 19. Mai den sowjetischen Widerstand im Osten der Halbinsel Krim, wobei erneut 170 000 Gefangene gemacht wurden. Die Festung Sewastopol konnte jedoch noch bis 2. Juli 1942 gehalten werden, wo nach blutigen Kämpfen um jede Stellung (deutsche Verluste: 24 000 Tote und Verwundete) ein Teil der Verteidiger über See evakuiert werden konnte. Mehr als 100 000 sowjetische Soldaten waren gefallen oder in Gefangenschaft geraten.

Der tatsächliche Hauptangriff der Deutschen Wehrmacht ("Unternehmen Blau") begann am 28. Juni, als die fünf deutschen Armeen der Heeresgruppe Süd (2. Armee, 4. Panzerarmee, 6. Armee, 1. Panzerarmee, 17. Armee) mit den insgesamt 80 vorhandenen Divisionen, unterstützt durch die Luftflotte 4(Generaloberst Wolfram Freiherr von Richthofen) und 25 weitere Divisionen der ungarischen 2. Armee, der italienischen 8. Armee, sowie der 3. und 4. rumänischen Armee auf rund 700 Kilometer Frontlänge angriffen.

Schon nach wenigen Tagen, am 9. Juli 1942, wurde die Heeresgruppe Süd aufgeteilt, um die Führung zu erleichtern: während nun die Heeresgruppe "A" (Generalfeldmarschall Wilhelm List) über Rostow am Don in den Kaukasus vorstieß, zielte der Vormarsch der Heeresgruppe "B" (Generaloberst Maximilian Freiherr von Weichs) auf Stalingrad, der Stadt zwischen Wolga und dem Don-Knie.

Als der Vormarsch nach Stalingrad nach Hitlers Beurteilung "zu langsam" vor sich ging, ließ er am 1. August die 4. Panzerarmee, die sich zur Unterstützung der Heeresgruppe "A" auf dem Weg in den Kaukasus befand, wieder nach Norden schwenken, um dem Angriff auf Stalingrad mehr Stoßkraft zu verleihen. Diese erneute Änderung im Entschluss hatte schwere Folgen.

Im Kaukasus konnten zwar Anfang September 1942 die Taman-Halbinsel von der Krim aus (XLII. Armeekorps) und die Hafenstadt Noworossijsk sowie die Nordzugänge des westlichen Kaukasus-Massivs durch Verbände der Heeresgruppe "A" rasch erobert werden, aber Mitte September 1942 blieb der Angriff im Zentralkaukasus am Terek liegen, ohne dass Baku oder einer der wichtigen Pässe nach Süden erobert werden konnte.

Zwischen den beiden deutschen Heeresgruppen klaffte im September 1942 im Gebiet der Kalmückensteppe eine fast 300 Kilometer breite Frontlücke, die nur durch schwache deutsche motorisierte Verbände überwacht und nicht ausreichend gesichert werden konnte.

Inzwischen tobte in Stalingrad, in dessen Randbezirke die ersten deutschen Verbände der 6. Armee unter Generaloberst Paulus schon am 23. August eingedrungen waren, ein Kampf um jedes Gebäude, der auf beiden Seiten enorme Verluste forderte. Bis Ende Oktober hielten die sowjetischen Truppen der 62. Armee unter General Tschuikow in Stalingrad nach dem Totalverlust von sieben Divisionen (innerhalb von zwei Wochen!) nur noch einige kleinere Brückenköpfe am rechten (westlichen) Wolgaufer, darunter den Mamajew-Hügel (Höhe 190).

Hitlers Weisung zur Einstellung aller Angriffsoperationen an der Ostfront- bis auf den Raum Stalingrad vom 14. Oktober 1942 - zeigte die Einschätzung, dass die Entscheidung jetzt ausschließlich in Stalingrad gesucht werden sollte.

Die fallweise Annahme, dass nur noch eine kampfstarke deutsche Infanteriedivision gefehlt hätte, um zwischen 16. Oktober und 29. Oktober die sowjetischen Truppen vom rechten, westlichen Wolgaufer zu vertreiben, verkennt die kritische Situation der deutschen Verbände im Raum Stalingrad.

Anfang November 1942 waren die Verbände der 6. Armee vollständig abgekämpft (Die Divisionen hatten eine Infanteriekampfstärke von weniger als 50 Prozent) und weitgehend unbeweglich. Durch den Treibstoffmangel waren nur Teile der Divisionen der verbliebenen Panzer- und motorisierten Infanteriedivisionen im Kessel mobil einsetzbar. Der Munitionsmangel war Mitte November bereits so drückend, dass sich die 6. Armee nach zwei sowjetischen Großangriffen vollständig verschossen hatte.

Die Lebensmittelrationen der Soldaten waren bereits vor der Einkesselung so knapp, dass durch den Nahrungsmangel bei vielen Soldaten Symptome von Unterernährung auftraten.

In seiner Denkschrift vom 18. November 1942 stellte Generaloberst Fromm, der Befehlshaber des Ersatzheeres und der "starke Mann im Heimatkriegsgebiet", vielsagend fest, dass die Personallage es nicht erlaube, die Zahl der Truppeneinheiten zu vermehren. Neue Verbände müssten aus vorhandenen gewonnen werden. Eine Vermehrung sei nicht möglich, "da schon die Erhaltung des Vorhandenen alle unsere Kräfte bis zum letzten Mann in Anspruch nimmt." Mehrere Panzer- und Infanteriedivisionen lagen noch in Frankreich (Hitler hatte diese gegen Invasionsversuche der West-Alliierten als Reserve stationieren lassen, Teile davon wurden nach der Invasion der West-Alliierten in Nordwestafrika bereits ab 11. November 1942 in den neu entstandenen "Brückenkopf Tunis" verlegt). Die kampfkräftigen Reserven des deutschen Heeres waren nun weitgehend aufgebraucht.

Spätestens Anfang November zeigte sich auch für die deutsche Führung die kritische Lage an der Wolga. Oberst i. G. Freitag von Loringhoven, der Ic (3. Generalstabsoffizier; Anm.) der Heeresgruppe "B", befürchtete in einer Denkschrift schon Anfang Oktober 1942 die mögliche Einkesselung der deutschen Verbände im Raum Stalingrad.

Seit Wochen erkannte die deutsche Luftaufklärung starke sowjetische Verbände an den Don-Brückenköpfen und auch südlich von Stalingrad an den Flanken der Heeresgruppe "B". Lange Frontabschnitte waren Mitte November nur noch sehr schwach besetzt. Besonders den Verbänden der 3. rumänischen Armee (am Don, nördlich von Stalingrad) und der 4. rumänischen Armee (südlich von Stalingrad) fehlte es an modernen Panzerabwehrwaffen und Artillerie. Genau diese Abschnitte traf am 19. November 1942 der sowjetische Großangriff mit zehn aufgefrischten Armeen der Südwestfront, der Donfront und der Stalingradfront, deren Aufmarsch und Bereitstellung weitgehend unbemerkt geblieben war.

In einer großen Zangenbewegung trafen die beiden russischen Stoßkeile am 23. November östlich von Kalatsch am Don (ca. 60 Kilometer westlich von Stalingrad) zusammen und schwenkten daraufhin wieder nach Süd- bzw. Nordosten ein. Dadurch waren die deutsche 6. Armee und Teile der 4. Panzerarmee (insgesamt 13 Infanteriedivisionen, eine Jägerdivision, drei motorisierte Infanteriedivisionen und drei Panzerdivisionen sowie Reste zweier rumänischer Divisionen) in einer Stärke von rund 298 000 Mann in einem Kessel von ungefähr 65 mal 40 Kilometer Ausdehnung eingeschlossen. Die anderen Verbände der Heeresgruppe "B" mussten bis 30. November 1942 auf die allgemeine Linie Tschir-Don zurückweichen. Die 3. rumänische Armee war fast völlig vernichtet, die 4. rumänische Armee schwer angeschlagen.

Hitler lehnte einen Ausbruch der eingekesselten Kräfte in Stalingrad ab, da diese vorerst sechs sowjetische Armeen banden und Göring eine Luftversorgung mit 300 Tonnen Versorgungsgütern täglich, die als Mindesterfordernis von Generaloberst Paulus angegeben worden waren, zugesagt hatte.

Durch extrem schlechtes Wetter konnten im Durchschnitt täglich nur 83 Tonnen (andere Angaben sprechen von 91 bzw. 113 Tonnen) eingeflogen und insgesamt mehr als 32 000 Verwundete, Schwerkranke und Schlüsselpersonal ausgeflogen werden. Durch die verstärkte Präsenz sowjetischer Jagdflieger -, Schlachtflieger-, Bomber- und Luftabwehrverbände in der Stärke von über 1 500 Kampfflugzeugen der sowjetischen 8. und 16. Luftarmee und mehr als 800 Fliegerabwehr-Geschützen im Raum der Einflugrouten um den Kessel, sowie durch den spektakulären Angriff eines sowjetischen Panzerkorps auf den Flugplatz von Tazinskaya am 24. Dezember 1942 (hier allein zerstörte das sowjetische 24. Panzerkorps 50 Transportmaschinen) konnten bis Anfang Februar 1943 zahlreiche Transportflugzeuge abgeschossen oder auf dem Boden zerstört werden.

Zusätzlich gingen weitere 600 deutsche Kampfflugzeuge (Jäger, Bomber und Aufklärer) von 19. November 1942 bis 2. Februar 1943 in den Kämpfen um den Raum Stalingrad verloren.

In 70 Tagen konnten bei mehr als 4 000 Einsätzen 6 591 Tonnen Versorgungsgüter in den Kessel geflogen werden. Ende Dezember herrschte im Kessel bereits erheblicher Mangel an Nahrungsmitteln, Treibstoff und Munition. Es zeigte sich jedoch, dass sich die Luftversorgung wie im Frühjahr 1942 bei Demjansk nicht wiederholen ließ. Durch die verstärkte Präsenz sowjetischer Jagdflieger- und Luftabwehrverbände sowie durch Unfälle gingen bis Anfang Februar 1943 495 Transportflugzeuge verloren (siehe Tabelle).

Ein Entsatzversuch der "Panzergruppe Hoth" (mit drei deutschen Panzerdivisionen und intakten Teilen der 4. rumänischen Armee) kam zwischen 12. und 23. Dezember 1942 von Südwesten her bis auf 48 km an den Kessel heran, wurde aber durch die sowjetische 2. Gardearmee sowie durch ein weiteres Panzerkorps gestoppt.

Nach der am 10. Jänner beginnenden Offensive der Roten Armee und der am Tag zuvor abgelehnten Kapitulation hatten nunmehr sieben sowjetische Armeen Mitte Jänner 1943 den Kessel auf knapp 20 mal 20 Kilometer Ausdehnung zusammengedrückt. Am 16. Jänner ging der Flugplatz Pitomnik, am 22. Jänner auch der letzte verfügbare Flugplatz (Gumrak) verloren. Am 24. Jänner wurde der Kessel in einen Nord- und Südkessel gespalten. Am 2. Februar kapitulierten die letzten Reste der 6. Armee in den Ruinen der Stadt. Mindestens 108 000 Soldaten gerieten zwischen 19. November 1942 und 2. Februar 1943 in sowjetische Gefangenschaft, über 100 000 Mann waren von Mitte November bis zur Kapitulation bei den Kämpfen im Kessel gefallen, erfroren oder verhungert. Mindestens 32 000 (nach anderen Angaben bis zu 42 000) Verwundete und Kranke sowie Schlüsselpersonal hatten ausgeflogen werden können. Im Kessel von Stalingrad waren 20 deutsche und Teile von zwei rumänischen Divisionen völlig vernichtet, im Raum um Stalingrad sechs weitere deutsche Divisionen schwer angeschlagen worden.

Die militärische Entwicklung danach

Weiter nördlich am Don, im Raum Woronesch, überrannte die Rote Armee Mitte Dezember 1942 die 8. italienische und die 2. ungarische Armee. Nur geringe Reste beider Armeen davon konnten, durch schwache deutsche Kräfte unterstützt, bis 25. März 1943 eine neue Verteidigungslinie westlich von Kursk und am Oberlauf des Donez errichten.

Südlich von Stalingrad gingen am Tag der Kapitulation der 6. Armee die Reste der 4. Panzerarmee bei Rostow über den Don. Vorher hatte sich auch die 1. Panzerarmee aus dem Kaukasus noch durch dieses kaum 50 Kilometer breite "Nadelöhr" zurückziehen können. Die 17. Armee hatte sich ab Mitte November 1942 Richtung Kaukasus zurückziehen müssen und richtete sich auf dem "Kuban-Brückenkopf" zur hinhaltenden Verteidigung ein. Dieser Brückenkopf konnte bis Anfang Oktober 1943 gehalten werden, dann wurde die 17. Armee über die Straße von Kertsch auf die Halbinsel Krim zurückgenommen.

Am 14. März 1943 begann eine neue Schlacht um Charkow. Hier gelang es Generalfeldmarschall von Manstein, in einer Operation mit drei Panzerkorps (SS-Panzerkorps, XL. Panzerkorps, XLVIII. Panzerkorps) das Gros der über den Donez vorgestoßenen vier sowjetischen Armeen zu zerschlagen und Charkow am 18. März wieder zu besetzen.

Im Bereich der Heeresgruppe Nord konnten, wenn auch unter schweren eigenen Verlusten, alle Versuche der sowjetischen Armeen, deutsche Verbände abzuschneiden und einzukesseln, verhindert werden. Allerdings konnte am 18. Jänner 1943 von der sowjetischen 67. und der 2. Schützenarmee ein Korridor nach Leningrad freigekämpft werden, wodurch Leningrad erstmals wieder regelmäßig über Land versorgt werden konnte.

Ende März 1943 war die deutsche Front in den meisten Abschnitten vorerst wieder stabilisiert. Die Angriffskraft der Roten Armee war durch Nachschubprobleme und hohe eigene Verluste (seit Juli 1942 allein im Süden der Sowjetunion mehr als eine Million Gefallene, Vermisste und Gefangene) vorübergehend erlahmt.

Auf deutscher Seite waren in den vergangenen vier Monaten weit mehr als eine viertel Million Soldaten gefallen, vermisst und in Gefangenschaft geraten. Diese konnten nicht, wie das verloren gegangene Kriegsmaterial, binnen weniger Wochen "ersetzt" werden.

Bereits in den Jahren 1942 und 1943 hatte die Sowjetunion über Persien und das Eismeer enorme Mengen an amerikanischem und englischem Kriegsmaterial und Versorgungsgütern (bis Sommer 1945 etwa 16 Millionen Tonnen - davon u. a. 356 000 Lastkraftwagen, was der Kfz-Normausstattung von 300 Schützendivisionen des Jahres 1944 entsprach, zwei Millionen Tonnen Stahl sowie fast zwei Millionen Tonnen Nahrungsmittel und 14 Millionen Paar Stiefel) nachgeschoben. In einer kritischen Phase des Krieges zwischen Sommer 1942 und Sommer 1943 zeigten diese Maßnahmen begrenzte, aber später sehr große Auswirkungen an der Front.

Versuch einer Bilanz

Ab dem Frühjahr 1943 mussten sich die Verbände der Deutschen Wehrmacht und die mit ihr verbündeten Armeen stetig nach Westen zurückziehen.

Die Sommerschlachten von Orel, Kursk und Belgorod im Juli 1943 brachten für die Wehrmacht keinen Zeitgewinn, da das geplante Einkesseln von sowjetischen Großverbänden scheiterte und die Verbände der Roten Armee bis zum Frühjahr 1944 große Teile der Ukraine zurückerobern konnten.

Trotz der enormen Verluste für die Rote Armee gingen die Offensiven weiter. Die deutsche Heeresgruppe Mitte wurde ab dem 22. Juni 1944 in der Operation "Bagration" zerschlagen, wobei die Verluste der deutschen Streitkräfte bis Ende Juli 1944 über 400 000 Mann betrugen. Ab 20. August wurden bei der Zerschlagung der Heeresgruppe Südukraine in Rumänien erneut 250 000 Soldaten in die Verlustlisten eingetragen. Die Katastrophe "Stalingrad" schien sich bis Anfang Mai 1945 dauernd zu wiederholen. Die Schlacht um Stalingrad brachte auch rund 45 000 Österreichern den Tod, die in vier Divisionen (darunter die 44. Infanteriedivision) einen sehr hohen Anteil stellten.

Die sowjetischen militärischen Verluste im Raum Stalingrad zwischen Ende August 1942 und Anfang Februar 1943 dürften im Raum Stalingrad rund 400 000 Gefallene und Vermisste betragen haben. Die sowjetischen Zivilverluste in der Stadt durch Luftangriffe, Kämpfe und Hunger werden auf mindestens 20 000 Menschen geschätzt.

Von den 60 000 deutschen Gefangenen allein im Lager Beketovka (südlich von Stalingrad) starben 28 000 in den ersten Wochen; von den mindestens 108 000 Gefangenen (der deutsche Militärhistoriker Manfred Kehrig nimmt rund 200 000 überlebende deutsche und rumänische Soldaten im Kessel Anfang Februar 1943 an, von denen mindestens die Hälfte die ersten beiden Wochen nicht überlebt haben dürfte), waren mehr als 60 000 in den Lagern (Beketovka und andere) binnen der ersten vier Monate verstorben. Nur etwa 6 000 der Stalingrad-Gefangenen kehrten in die Heimat zurück.

Die sowjetische Propaganda nützte diese Schlacht, bei der 23 deutsche Generäle in Gefangenschaft geraten waren, auch zum Ausbau ihrer Propagandaorganisation des Nationalkomitees "Freies Deutschland" (NKFD, ab Juli 1943) und des Bundes Deutscher Offiziere (BDO, ab September 1943).

Generalfeldmarschall Friedrich Paulus, der noch knapp vor der Kapitulation befördert worden war, war Mitglied dieser Organisationen, die später einen relativ hohen Prozentsatz der zivilen und militärischen Führung der Sowjetisch Besetzten Zone Deutschlands (SBZ) und - ab 1949 - der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) stellen sollten (u. a. die in Stalingrad gefangenen Generäle Korfes, Lattmann und von Leski). Paulus selbst blieb bis 1953 in sowjetischer Kriegsgefangenschaft. Anschließend lebte er bis zu seinem Tod 1957 in der DDR in Dresden und betrieb militärhistorische Studien für die im Entstehen begriffene Nationale Volksarmee (NVA).

Im Raum Stalingrad erinnern heute zahlreiche Denkmäler (darunter auch ein österreichisches) als auch Friedhöfe an eine Schlacht des deutsch-sowjetischen Krieges im Zweiten Weltkrieg zwischen 1941 und 1945, die zwar als Schlagwort bekannt ist, aber zunehmend in Vergessenheit zu geraten scheint.


Autor: Hofrat Dr. Wolfgang Etschmann, Oberleutnant, Jahrgang 1953. Matura und Einjährig-Freiwilligen-Ausbildung; Studium der Zeitgeschichte und Germanistik an der Universität Wien; 1979 Promotion zum Dr. phil; danach wissenschaftliche Hilfskraft am Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien. 1981 bis 1982 Kompaniekommandant beim Landwehrstammregiment 21, 1982 Referent für neuere Militärgeschichte am Heeresgeschichtlichen Museum/Militärwissenschaftliches Institut, 1994 bis 2011 Leiter der Militärgeschichtlichen Forschungsabteilung des Heeresgeschichtlichen Museums. Seit 2011 im Institut für Human- und Sozialwissenschaften, Referat Kriegstheorie an der Landesverteidigungsakademie.

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