Bundesheer Bundesheer Hoheitszeichen

Instagram
flickr
YouTube
facebook-button
Bundesheer auf Twitter

Abschied von Camp "Casablanca"

Das österreichische Camp "Casablanca" im Kosovo ist aufgrund der Reduzierung der Truppen im Kosovo abgebaut worden. 13 Jahre diente es als Unterkunft und Operationszentrale für österreichische und Schweizer Soldaten - ein Rückblick zu den Anfängen sowie eine Darstellung der Planung und Durchführung der Auflösung des Camps.

1999 beschloss die österreichische Bundesregierung den Kosovo-Einsatz des Bundesheeres. Kurz darauf schickte man ein Erkundungskommando in das Kosovo zur Erkundung eines Areals für die Unterbringung der zu entsendenden österreichischen Truppen. Auf dem ca. zehn Hektar großen Gelände der ehemaligen, nie in Betrieb gegangenen Reifenfabrik "Balkan" am Stadtrand von Suva Reka wurde man fündig, und ein erstes Lagebild entstand. Zuvor war diese Fabrik dem österreichischen und Schweizer Kontingent von KFOR als Lager zugewiesen worden.

Während Grundwehrdiener aus den einzelnen Pionierbataillonen zur Einsatzvorbereitung in Klosterneuburg zusammengezogen wurden, planten Offiziere und Unteroffiziere der Pioniertruppenschule (PiTS) ein Lager, wie es im Österreichischen Bundesheer (ÖBH) bis dahin noch nicht gebaut worden war. Statt der erprobten DRASH-Zelte sollten Büro-Container (so genannte "Transpack-Container") die Grundbausteine für das Feldlager bilden. Das Lager sollte nicht nur wetterfest sein, sondern auch für die zu erwartende lange Einsatzdauer zur Verfügung stehen können, ganz abgesehen vom wesentlich höheren Komfort, den ein Container im Vergleich zu einem Zelt bietet.

Mitte August 1999 flog Hauptmann Heinz Reiter, der zuständige Planungsoffizier für den Aufbau des Camps, mit Pionieren, darunter ein Vermessungstrupp, in den Einsatzraum und verlegte in die erwähnte ehemalige Fabrik. Während des Kosovo-Krieges wurde diese von der Jugoslawischen Volksarmee benutzt und war inzwischen von zwei deutschen Bataillonen (und ihren Gruppenzelten) genutzt worden. Aufgrund der großen weißen Dachflächen der Fabrik, die vom zehn Kilometer ostwärts gelegenen, taktisch wichtigen Dulje-Pass, speziell kurz nach Sonnenaufgang, deutlich sichtbar sind, taufte die Bundeswehr ihr Lager Camp "Casablanca". Ein Name, der 13 Jahre später nicht nur im Kosovo ein Begriff ist, sondern als "Casablanca Military Base" auch von Google Maps erkannt wird.

Österreichische Soldaten brachten die für den Bau des Camps notwendigen schweren Pioniermaschinen mit gemieteten Iljuschin-76 Flugzeugen in den Einsatzraum. Gleichzeitig brachen Soldaten der Schweizer Armee ihrem bis dahin größten Auslandseinsatz auf.

Im August 1999 erreichte als einer der letzten Pioniere Major Dieter Merkinger das Camp "Casablanca". Dieser hatte im Frühsommer 1999 dem damals federführenden Kommando Internationale Einsätze die Idee des Containerlagers vorgetragen und die Pläne für das Camp ausgearbeitet. Als damaliger Kommandant der entsandten Pionierkompanie war er für den Aufbau und die Fertigstellung von "Casablanca" verantwortlich. Während des Aufbaues betrug die Arbeitswoche sechs bis sechseinhalb Tage, die restlichen Stunden halfen die Pioniere beim Wiederaufbau von Häusern in durch den Krieg besonders stark zerstörten Dörfern der Umgebung.

Sechs Wochen nach dem Eintreffen der Pioniere erreichte das entsendete österreichische Infanteriebataillon das Lager und bezog bereits die ersten (weitgehend) fertiggestellten Containermodule. In der Zwischenzeit waren vier Kompaniemodule, ein Kommandomodul, die Küche mit dem Speisesaal, dem PX-Geschäft und dem Österreicherhof (Aufenthalts- und Betreuungseinrichtung) sowie 24 Sanitärcontainer und das im Endausbau aus 16 Strom-Aggregaten bestehende Kraftwerk aufgestellt worden. Noch im Herbst 1999 erhielt das Lager ein Kabelfernsehnetz, damit jeder österreichische und Schweizer Soldat in seinem Wohncontainer Fernsehen "von zu Hause" empfangen konnte.

Anfang Jänner 2000 übernahm das österreichische Bataillon die Verantwortung für das Camp "Casablanca". Major Johannes Eisner, der damalige S3 der Task Force "Dulje", stellte den ersten österreichischen Campkommandanten. Während das erste Kontingent infrastrukturell stark im Zeichen des Campaufbaues stand, kamen in den folgenden Jahren zahlreiche Verbesserungen und Ergänzungen am Camp hinzu.

Planungen für den Ab-/Rückbau

Seit 2009 beurteilte das Streitkräfteführungskommando (SKFüKdo) in Graz die Rentabilität eines Weiterbetreibens des Camps "Casablanca" aufgrund der Reduzierung der KFOR-Truppen im Einsatzraum. Seitens KFOR sollte die Verringerung in mehreren Phasen (genannt Gate 1 bis Gate 3) bis zur Endausbaustufe "Minimum Presence" erfolgen.

Die J5-Abteilung der Streitkräfte erstellte mit der Schweizer Armee eine infrastrukturelle Gesamtdokumentation des Camps. Diese Daten dienten national wie auch für die Schweiz als Grundlage für alle späteren Berechnungen. Die österreichischen Streitkräfte erstellten eine Matrix, mit der dem Bundesministerium für Landesverteidigung und Sport (BMLVS) ein Vorschlag über die Verwendung oder Zurücklassung von infrastrukturellen Gütern mit den erarbeiteten Kostenansätzen im Frühjahr 2010 vorgetragen wurde.

Grundlage für die Erarbeitung waren folgende Annahmen: Alle militärischen Versorgungsgüter sollten entweder im Einsatzraum disponiert oder in die Heimat transportiert werden. Alles infrastrukturelle Gerät, das im ÖBH Mangelware ist, wird zurück nach Österreich verbracht. Dies umfasste vor allem die komplette Stromerzeugungsanlage, bestehend aus 16 Aggregaten mit insgesamt 250 kV-Ampere, den dazugehörigen Synchronisationscontainern, Trafocontainern sowie der Steuerungsanlage und dem Übergabemodul für die Stromversorgung der Schweizer Truppenteile. Alle Wohn- und Bürocontainer sollten, soweit als möglich und wenn notwendig, im Einsatzraum durch die Soldaten des österreichischen Kontingentes in anderen Camps weiter verwendet werden. Der Rest sollte ebenfalls im Einsatzraum verbleiben. Ein Rücktransport dieser Container wurde aufgrund der hohen Abbau- und Transportkosten, des Alters und der zu erwartenden Instandsetzungskosten ausgeschlossen.

Die Situation auf Schweizer Seite gestaltete sich ähnlich: die Schweiz plante, nach dem Umzug in andere Camps, die Trinkwasseraufbereitungsanlage zurück zu verbringen, die restlichen eingebauten Wohn- und Bürocontainer jedoch im Einsatzraum zu belassen.

Durch die verspätete Überleitung des "Gate 2" aufgrund der Lageentwicklung im Kosovo, wurden die fertigen Pläne 2009 nicht mehr umgesetzt. 2010 ergab eine Änderung der Truppengestellung durch Österreich kurzfristig einen erhöhten Bedarf an Infrastruktur im Camp "Film City" in Pri¹tina. Österreichische Pioniere und zivile Firmen bauten das Postgebäude sowie einen leer stehenden Block einer ehemaligen Infanteriekompanie im Camp "Casablanca" ab und in "Film City", auf die Bedürfnisse der verschiedenen Bedarfsträger angepasst, wieder auf.

Erst im Laufe des Jahres 2011 detaillierten sich die Pläne für die Campschließung weiter. Mit Verantwortlichen aus der Schweiz wurden in Graz und Stans (Schweiz) so genannte "Expert Talks" abgehalten, damit eine gemeinsame, koordinierte Vorgangsweise für den endgültigen Abbau festgelegt werden konnte. Solche Gespräche fanden mit deutscher Teilnahme im Einsatzraum im November statt, so dass Ende 2011 eine Zeitleiste trinational festgelegt werden konnte. Allerletzte Abstimmungen fanden noch im Jänner 2012 im Einsatzraum sowie in Stans statt. Die geplante Vorgangsweise war:

  • Österreich führt federführend die Übergabe des Camps "Casablanca" an UNMIK durch.
  • Alle zurückbleibenden Container und infrastrukturellen Einrichtungen werden von Österreich und der Schweiz an die Gemeinde Suva Reka als Geschenk übergeben.

Als spätester Zeitpunkt der Übergabe sah man den 30. September 2012 vor.

Rückbau und Übergabe des Camps

Ende Februar 2012 verlegte das Auflösungskommando des ÖBH mit drei Mann in den Einsatzraum. Ziel war es, das Kontingent, das in der Umsiedelungsphase bereits mit Masse in den Camps "Prizren" sowie "Film City" untergebracht war, soweit als möglich von der Organisation der Campschließung zu entlasten. Parallel dazu entsandte die Schweiz ihr SUD (Schweizer Umzugs Detachment), das die Aufgabe hatte, die Unterbringung des Schweizer Kontingentes in den neuen Liegenschaften durch Um- oder Neubau sicherzustellen.

Mit Ende Februar 2012 verlegte die Masse der Kontingentsführung von AUTCON 25/KFOR aus dem Camp "Casablanca" in das Camp "Film City". Der Kommandant des Auflösungskommandos wurde somit der Campkommandant von "Casablanca". Lediglich die logistische Führung von AUTCON/KFOR, das National Support Element (NSE) und ein paar Teile der Stabskompanie verblieben für diese Phase im Camp. Die logistische Herausforderung bestand darin, dass der Betrieb im AUTCON/KFOR unverändert aufrecht zu erhalten war, noch dazu unter stark abgeänderten Rahmenbedingungen sowie in struktureller Hinsicht.

Die nächsten Monate zeichneten sich aus durch

  • ständiges Umsiedeln,
  • Abbau von Verbindungsmitteln,
  • Verlegung von einzelnen Containern in neue Standorte,
  • Herstellen der Arbeitsbereitschaft für AUTCON 26/KFOR sowie
  • Halten der Arbeitsbereitschaft für die im Camp verbliebenen Teile.

Vom Campkommandanten wurde dabei höchster Wert darauf gelegt, dass die Sanitätsversorgung einerseits, aber auch die Verbindung (sowohl dienstlich als auch über Internet) sowie die Versorgung (durch die Truppenküche, den Österreicherhof und den PX) andererseits, bis zuletzt aufrecht erhalten werden konnte.

Die Führungsspanne zwischen Prizren und Pri¹tina, die das Kontingentskommando zu bewältigen hatte, war und ist sehr breit. Dass dazu noch das Camp "Casablanca" geräumt werden musste, mehr als 60 Container und sonstiges Material in sieben Konvois zum Abschub vorbereitet sowie zahlreiches Gerät im Lufttransport nach Österreich verbracht wurde, zeigt die Belastung für alle eingesetzten Kräfte. Woche für Woche wurden die Transportplanungen für den Geräteabschub detaillierter beurteilt. Laufend musste sperriges Gerät in Container verpackt oder Lösungen für eine Luftverfrachtung gefunden werden. Das eingesetzte Personal aus dem Logistikbereich war zudem mit den Tagesaufgaben beschäftigt, nämlich der Einsatzunterstützung und Folgeversorgung für das Kontingent an sich. Die Schwierigkeit bestand v. a. darin, das bisher im Camp "Casablanca" gelagerte Gerät auf die anderen Dislokationen im Kosovo umzuverteilen und dafür Raum und Platz zu schaffen, denn großzügige Hallen und Magazine, wie sie im Camp "Casablanca" vorhanden waren, gibt es nun nicht mehr.

Der angepeilte Zeitpunkt der Camp­schließung wurde kontinuierlich nach vorne verlegt, da die Rückbauarbeiten schneller als geplant verliefen, sowie sich beide Nationen (Schweiz und Österreich) einig waren, die Zeitspanne des "eingeschränkten Campbetriebes" (die Zeit nach der Trennung vom Stromnetz des kosovarischen Stromerzeugers sowie nach dem Abbau der Trinkwasseraufbereitungsanlage und nach der Schließung der Küche) so kurz wie möglich zu halten. So einigte man sich auf den 17. August 2012 als den Tag der Übergabe des Camps.

Weiters erstellte das Auflösungskommando die notwendigen Übergabedokumente wie

  • vom ursprünglichen Zustand der Anlage,
  • den Katasterauszug,
  • die durchgeführten Änderungen und Umbauten,
  • einen Umweltstatusbericht (von Spezialisten der ABC-Abwehrschule erstellt),
  • einen Zustandsbericht zum Zeitpunkt der Campübergabe.

Dieses "Hand over Document" umfasste mehrere hundert Seiten. Zusätzlich wurde der Schenkungsvertrag an die Gemeinde Suva Reka erstellt, der gemäß den haushaltsrechtlichen Richtlinien des BMLVS dem Bundesministerium für Finanzen zur Genehmigung vorgelegt werden musste.

Am 17. August 2012 um 1000 Uhr kam es zur Übergabe des seit 13 Jahren bestehenden österreichischen Camps "Casablanca" an UNMIK und die Gemeinde Suva Reka. Die Vertreter des österreichischen und des Schweizer Kontingentes sowie von UNMIK und von der Gemeinde Suva Reka unterzeichneten die Verträge. Im Anschluss wurden die Flaggen Österreichs und der Schweiz niedergeholt, die Flagge der Gemeinde Suva Reka aufgezogen und die noch verbliebenen Schweizer Wachposten des Camps von einem lokalen Sicherheitsdienst abgelöst.

Da die Municipality Suva Reka ein offizielles "Dankeschön" abstatten wollte, wurde am 9. September 2012 bei der Medal Parade des österreichischen und des Schweizer Kontingentes die feierliche Übergabe mit der Unterzeichnung einer Schenkungsurkunde durch den Kommandanten der Streitkräfte, Generalleutnant Mag. Günter Höfler, und dem Bürgermeister von Suva Reka, Blerim Kuci, vollzogen. Dieser wirklich letzte Abend im Camp klang in kameradschaftlicher Gemütlichkeit in der Feuerwehrhalle spät am Abend aus. Das Camp "Casablanca" ist Geschichte.

Auf einen Blick

Das Zusammenspiel des Auflösungskommandos mit der S4-Gruppe, dem NSE und den Pionierkräften war beispielhaft. Die logistische Herausforderung bestand in der unveränderten Aufrechterhaltung des Betriebes von AUTCON/KFOR, noch dazu unter stark abgeänderten Rahmenbedingungen sowie in struktureller Hinsicht. Das ganze Projekt war von einer langen Planungs- und Beurteilungsphase geprägt, einerseits in Österreich und andererseits im Einsatzraum, und erstreckte sich über die Einsatzdauer mehrerer KFOR-Kontingente.


Autoren: Major Peter Nagelstrasser, MA. Jahrgang 1973; 1997 Ausmusterung Jahrgang "Ritter von Trapp" als Logistikoffizier zum Panzerstabsbataillon 4, 1997 bis 2002 verschiedene Funktionen im Bataillon, seit 2002 im Kommando der 4. Panzer­grenadierbrigade (4.PzGrenBrig), seit Juni 2012 S4 der 4.PzGrenBrig, 2010 bis 2011 Absolvierung des 1. Fachhochschul-Masterstudienganges "Militärische Führung" an der Landesverteidigungsakademie; bisher 4 Auslandseinsätze, derzeit Leiter der Stabsarbeit bei AUTCON27/KFOR.

Zugsführer Carl Eugen Hoyos, BSc, Jahrgang 1973; Studium der Informatik, 1999 Grundwehrdienst an der Pioniertruppenschule, Auslandseinsätze: 1999 KFOR, 2008 Tschad, 2012 Auflösungskommando Camp "Casablanca".

Amtsdirektor Oberstleutnant Christoph Lechner, Jahrgang 1963, 1981 Einjährig-Freiwilliger beim Panzerstabsbataillon 3, 1986 bis 2006 Zeitsoldat und Beamter (A2) in der Funktion S2&Kraftfahroffizier beim Panzerstabsbataillon 3, seit 2006 im Stand beim Personal-Provider im Militärkommando Niederösterreich; diverse Kurse und Ausbildungen im Ausland (SHAPE, THUN), Mitarbeit bei ÖBH2010, 2005 bis 2007 Dienstzuteilungen zum Amt für Rüstung & Wehrtechnik, zur Präsidialabteilung und zur Quartiermeisterabteilung/BMLVS, seit 2007 dienstzugeteilt zur Planungsgruppe Einsatz in der J5-Abteilung/Streitkräfteführungskommando; Auslandseinsätze: 2008 bis 2009 sieben Entsendungen zu AUTCON/Tschad, 2002 bis 2012 25 Entsendungen zu AUTCON/KFOR, zuletzt Kommandant Auflösungskommando Camp "Casablanca".

Eigentümer und Herausgeber: Bundesministerium für Landesverteidigung | Roßauer Lände 1, 1090 Wien
Impressum | Kontakt | Datenschutz | Barrierefreiheit