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Die körperliche Leistungsfähigkeit des Soldaten

Kondition, Wissen und Können sind das Kapital des Soldaten. Unterschiedliche Funktionen bedingen unterschiedliche Voraussetzungen. Eine aufgabenbezogene und einsatzorientierte körperliche Leistungsfähigkeit fordert neue Wege in der Sportausbildung.

Gesamtgesellschaftliche Entwicklungen deuten heute auf einen zunehmenden körperlichen Leistungsrückgang und auf ein vermehrtes Auftreten von gesundheitlichen Einschränkungen bei der jungen und mittleren Generation hin. Demgegenüber stehen steigende militärische Einsatzanforderungen, weshalb in vielen Streitkräften an der Entwicklung von Programmen zur Verbesserung der körperlichen Leistungsfähigkeit der Soldaten gearbeitet wird. Mit dem operativen Querschnittskonzept "Körperliche Leistungsfähigkeit" legte das Bundesministerium für Landesverteidigung und Sport ein Bekenntnis zur Gesundheitsförderung seiner Bediensteten durch körperliche Aktivität sowie zu einer den aktuellen und zukünftigen Aufgaben des Bundesheeres angepassten körperlichen Leistungsfähigkeit seiner Soldaten ab.

Die körperliche Leistungsfähigkeit steht nach dem heutigen Wissensstand und zahlreichen Analysen von Gefechtssituationen für die Bewältigung vieler militärischer Tätigkeiten außer Zweifel. Die NATO Research Group 17 beurteilt die körperliche Leistungsfähigkeit von Soldaten als Grundvoraussetzung, um militärische Aufgaben (Marschieren mit Gepäck, Transport und Handhabung von militärischem Gerät, Stellungsbau etc.) bewältigen zu können. Was und wieviel aber muss ein Soldat leisten können, um "fit for the job" zu sein? Wie unterscheiden sich die Leistungsanforderungen im Soldatenberuf je nach Waffengattung, Funktion, Einsatzszenario etc., und sind in diesem Zusammenhang motorische, anthropometrische (Anm.: Anthropometrie ist die Lehre der Ermittlung und Anwendung der Maße des menschlichen Körpers) oder physiologische Besonderheiten zu berücksichtigen? Welche körperlichen Eigenschaften muss ein Soldat aufweisen, um seine Aufgaben und Aufträge im Frieden und im Einsatz nachhaltig und ohne Leistungseinbußen erfüllen zu können?

Mit diesen und ähnlichen Fragen beschäftigen sich weltweit die Armeen und bemühen sich, durch die Aufbringung teils erheblicher wissenschaftlicher Ressourcen und durch eine Vielzahl an Forschungsarbeiten Antworten und Lösungen zu finden. Mit der Verfassung des operativen Querschnittskonzeptes "Körperliche Leistungsfähigkeit" wurde versucht, diesen Fragen im Österreichischen Bundesheer (ÖBH) auf den Grund zu gehen und insbesondere Maßnahmen zu beschreiben, um das Erreichen und Erhalten einer aufgabenspezifischen körperlichen Leistungsfähigkeit der österreichischen Soldaten zu gewährleisten.

Gesundheit, Fitness, Leistungsfähigkeit

Die Grundlage jeglicher körperlicher Trainierbarkeit, (militär)spezifischer Fitness und Leistungsfähigkeit ist die Gesundheit. Bereits in der Definition der World Health Organization (WHO) von 1946 wird Gesundheit nicht als die bloße "Abwesenheit von Krankheit oder Gebrechen", sondern vielmehr als ein "Zustand eines vollkommenen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens" bezeichnet. Gesundheit als Grundvoraussetzung menschlichen Handelns und menschlicher Lebensqualität ist dabei durch verschiedene Vorbedingungen (Erbbild, Lebensumfeld etc.) sowie individuelle Verhaltensweisen (Ernährung, körperliche Aktivität, medizinische Vorsorge etc.) bestimmt bzw. beeinflusst.

Fitness ist ein Ausdruck für die Handlungskompetenz eines Menschen in seinem jeweiligen Umfeld, also ein Zustand einer im psychischen und physischen Bereich guten Leistungsbereitschaft für eine spezifische Aufgabe. Die allgemeine Definition der U.S. Army (Field Manual 20-21) sieht Physical Fitness als "the ability to function effectively in physical work, training and other activities and still have enough energy left to handle any emergencies which may arise". Körperliche Fitness im militärischen Sinn ist demnach klar aus den spezifischen Anforderungen eines Arbeitsplatzes bzw. einer militärischen Funktion abzuleiten, entsprechende Leistungsreserven für Notfälle inkludierend.

Leistungsfähigkeit unterliegt im Militär einer eigenen Definition und Terminologie. Der Begriff "Fitness" beinhaltet im Wesentlichen auch die verschiedenen Ausprägungen von Leistungsfähigkeit (körperliche, psychische, spezifische militärische Fähigkeiten etc.), die allesamt Einflussfaktoren für die Bewältigung militärischer Aufgaben und Tätigkeiten darstellen. Im militärsportwissenschaftlichen Sinn könnte man Leistungsfähigkeit als Gradmesser der körperlichen Einsatztauglichkeit von Soldaten sehen. Aufgrund der Breite des möglichen Einsatzspektrums des ÖBH können körperliche Leistungsfähigkeit und Fitness als Maß der tatsächlichen Handlungskompetenz im militärischen Umfeld definiert werden, indem standardisierte, aber auch variable Umfeldbedingungen durch umfassende körperliche Voraussetzungen und Fähigkeiten ertragen und kompensiert werden können.

Gesundheit, Leistungsfähigkeit und Fitness bedingen einander und können durch eigenverantwortliches Handeln (Aktivitäten, Ernährung, Alltagsgewohnheiten etc.) oder auch durch dienstliche Maßnahmen und Vorschriften wesentlich beeinflusst werden. Die positiven Auswirkungen von gezielter körperlicher Aktivität, Bewegung und Sport im Hinblick auf Gesundheit, Leistungsfähigkeit und Lebensqualität sind mittlerweile umfangreich belegt. Die tatsächliche Leistungsfähigkeit und Fitness von Soldaten ist jedoch immer ein Produkt aus

  • gesundheitlichen (medizinischen) Grundanforderungen, z. B. orthopädische und kardiorespiratorische (Herz und Atmung betreffend) Belastbarkeit,
  • trainingsinduzierten körperlichen Anpassungen, z. B. Kraftausdauerleistungsfähigkeit und koordinatives Leistungsvermögen sowie
  • psychologischen Leistungsvoraussetzungen (z. B. Stresstoleranz) und
  • umfassender militärischer Ausbildung.

Tendenzen und Entwicklungen

Der Lebensstil als wichtige Grundlage der Gesundheit erlaubt heute teils bedenkliche Voraussagen über die sozialmedizinische Entwicklung der Weltbevölkerung (Rückenerkrankungen als häufigste Ursache des Arbeitsausfalls, Herzkreislauferkrankungen als häufigste Todesursache in den Industrieländern, Stoffwechsel- und Krebserkrankungen etc.). Derartige negative "Zivilisationserscheinungen", deren Ursachen häufig mit Fehlernährung und Bewegungsmangel, daraus resultierendem Übergewicht sowie deren Folgeerkrankungen in Zusammenhang gebracht werden können, betreffen auch das Österreichische Bundesheer. Zum einen berührt dies den Gesundheits- und Leistungszustand des potenziellen Kadernachwuchses, zum anderen ist hinsichtlich der gesamtgesellschaftlichen Gesundheitsentwicklung auch mit erhöhten Krankenstandszeiten der Ressortangehörigen zu rechnen.

Aktuelle Daten belegen, dass die oben umrissenen Entwicklungen auch vor der österreichischen Gesellschaft nicht Halt machen: So sind beispielsweise im Alterssegment von 6 bis 14 Jahren bereits mehr als 20 Prozent der Buben übergewichtig. Interne Daten aus einer Stichprobe von mehr als 1 000 Stellungspflichtigen bestätigen diese Tendenzen. Unter anderem wurde ermittelt, dass etwa 35 Prozent der jungen Männer über regelmäßige Rückenschmerzen klagen, 25 Prozent skoliotische Fehlhaltungen (Wirbelsäulenkrümmung) aufweisen und annähernd ein Viertel der Stellungspflichtigen übergewichtig ist. Auch die körperliche Leistungsfähigkeit der jungen Generation leidet unter den Folgeerscheinungen des Bewegungsmangels und der Fehlernährung. So zeigt eine breit angelegte Längsschnittstudie der finnischen Streitkräfte mit knapp 400 000 Probanden eindrucksvoll den Rückgang der Fitness einrückender Rekruten vergangenen 30 Jahre auf. Exemplarisch kann hier angeführt werden, dass sich die Ausdauerleistungsfähigkeit von 1979 bis 2004 um zwölf Prozent (Rückgang der 12-Minuten- Laufleistung von 2 760 Metern auf 2 434 Metern) verschlechterte und der Kraftausdauerindex der wesentlichen Muskelgruppen innerhalb eines kurzen Zeitraumes (1992 bis 2004) einen Rückgang von etwa 20 Prozent verzeichnete, während das Körpergewicht im vergleichbaren Zeitraum (1993 bis 2004) im Durchschnitt von 70,8 Kilogramm auf 75,2 Kilogramm anstieg. Auch im Österreichischen Bundesheer konnte anhand von mehreren Querschnittstudien des Heeres-Sportzentrums festgestellt werden, dass am Beginn des Grundwehrdienstes nur noch etwa ein Drittel der Rekruten über eine altersgemäß entsprechende Ausdauerleistungsfähigkeit verfügt, während bereits zwei Drittel der Einrückenden nach den gängigen Normwerttabellen als "unterdurchschnitt­lich" zu beurteilen sind.

Körperliche Anforderungen an Soldaten

Der verminderten Belastbarkeit, Trainierbarkeit und körperlichen Leistungsfähigkeit der jungen Bevölkerung stehen militärische Aufgaben und Rahmenbedingungen gegenüber, die heute höhere körperliche Anforderungen an die Soldaten stellen. Vom modernen Soldaten werden höchstmögliche Wirksamkeit, Beweglichkeit und Durchhaltefähigkeit auch unter widrigen und ungewohnten Umfeldbedingungen erwartet. Das Einsatzspektrum in den Auslandseinsätzen kann dabei dem Soldaten mitunter körperlich anstrengende, regelmäßig zu erbringende Leistungen (wie Lagerbau, ausgedehnte Fußpatrouillen, Kampf im urbanen oder gebirgigen Umfeld, Einsatz bei großer Kälte oder Hitze) abverlangen. Auch die Einsätze im Inland erfordern Soldaten, die phasenweise hohen Belastungen (beispielsweise bei Einsätzen zur Hilfeleistung bei Katastrophen) standhalten müssen.

Der Beruf des Soldaten kann zahlreiche Tätigkeiten umfassen, die hohe körperliche und oftmals zugleich erhebliche psychische Anforderungen stellen. Nicht nur die realen Bedro­hungssituationen in den Einsätzen selbst,­ sondern die wehrtechnischen Weiterentwicklungen führen bisweilen eher zu einer Zu- denn zu einer Abnahme der körperlichen Belastungen der Soldaten. Eine moderne Ausrüstung geht oft mit einer hohen Gewichtsbelastung (siehe ­Artikel "High Tech Soldat"), insbesondere hervorgerufen durch zusätzliche Ausrüstungsgegenstände (ballistischer Schutz, komplexe Kommunikations-, Informations- und Waffensysteme) einher. Dabei können mitunter Gewichtsmassen auftreten, die nicht von jedem Soldaten bewältigt werden können und sogar körperlich voll trainierte Soldaten an die Grenze der individuellen Belastbarkeit bringen. Eine "optimale" Last sollte im militärischen Bereich 30 Prozent des eigenen Körpergewichtes nicht überschreiten. Wissenschaftliche Studien belegen, dass 45 Prozent Zusatzgewicht die körpergewichtsbezogene Lastobergrenze darstellen sollten.

Demgegenüber berichten die amerikanischen Streitkräfte von mehrtägigen Einsätzen abgesessener Infanterieeinheiten in Afghanistan mit Traglasten von bis zu 68 Kilogramm und damit Belastungen jenseits von 90 Prozent des eigenen Körpergewichtes. Dies führt in logischer Konsequenz zu entsprechenden Leistungseinschränkungen, und mit zunehmender Einsatzdauer steigt damit die Gefahr von Erschöpfung und Verletzungen für den einzelnen Soldaten. In welchem Ausmaß die zunehmende Lastproblematik die individuelle Einsatzbereitschaft beeinträchtigt, wird unter anderem durch die Erforschung neuer Technologien deutlich. In amerikanischen Labors wird seit Jahren an der Entwicklung von Exoskeletten (Anm.: Außenskelett) als äußere Stützstruktur für den "Soldaten der Zukunft" gearbeitet. Diese "modernen Rüstungen" unterstützen und verstärken die Bewegungen der Soldaten durch Servomotoren an den Gelenken, damit die immer schwerer werdende Ausrüstung ohne Leistungseinbußen auch über größere Distanzen getragen werden kann.

Das Tragen hoher Lasten ist nur einer von vielen Aspekten, die eine entsprechende körperliche Leistungsfähigkeit der Soldaten erforderlich machen, insbesondere um verletzungsbedingten Ausfällen aufgrund körperlicher Überlastung vorzubeugen. Auch die eingeschränkte Sauerstoffaufnahmefähigkeit bei Höhenexposition (Afghanistan), besondere klimatische Bedingungen wie Hitze (Irak), Kälte (alpines Gelände) oder Schlafentzug haben beispielsweise Auswirkungen auf die körperliche Leistungsbereitschaft und erfordern spezielle Maßnahmen im Sinne einer spezifischen körperlichen Einsatzvorbereitung. Die mili­tärsportwissenschaftliche Forschung spricht mittlerweile vom Soldaten als "Tactical Athlete" mit körperlichen Anforderungen, die mit einem Leistungssportler vergleichbar sind. Im Unterschied zum Leistungssport, wo die trainingsmethodische Vorbereitung in der Regel auf Hochleistungsphasen ausgerichtet wird, muss ein Soldat eine immanente Leistungsbereitschaft aufweisen, um möglichst kurzfristig einsetzbar zu sein oder zumindest in kurzen Zeiträumen auf spezifische Einsatzerfordernisse "körperlich abgestimmt" werden zu können.

Internationale Ansätze

Die gesamtgesellschaftlichen Entwicklungen und Auswirkungen von Bewegungsmangel und Fehlernährung sind globale Phänomene, die mittlerweile nicht mehr ausschließlich die industrialisierten Länder betreffen. Der Problematik rückläufiger Gesundheits- und Leistungsentwicklung der jungen Bevölkerungsschichten bei gleichzeitig zunehmenden körperlichen Anforderungen im militärischen Bereich wird international mit erheb­lichem Forschungsaufwand begegnet. Insbesondere Armeen mit hohem (internationalem) Einsatzaufkommen investieren beträchtliche Ressourcen in den Bereich der Herstellung, Verbesserung und Erhaltung der psychophysischen Leistungsfähigkeit ihrer Soldaten. Dies geschieht einerseits in Form von wehrtechnischen Entwicklungen und ergonomischen Ausrüstungslösungen (Rucksack- und Bekleidungsdesigns, optimierte Lastverteilungen von militärischem Gerät etc.) und andererseits durch interdisziplinäre Maßnahmen zur Erhöhung der motorischen, physiologischen und psychologischen Leistungskenngrößen der Soldaten. Weitreichende Recherchen in diesem Themenbereich haben ergeben, dass in Abhängigkeit von Wehrsystem und militärischen Einsatzszenarien zwar methodische Unterschiede in den einzelnen Armeen erkennbar sind, dennoch international ähnliche Tendenzen bzw. Arbeitsergebnisse im Hinblick auf systemische Maßnahmen zur Herstellung einer militärspezifischen körperlichen Leistungsfähigkeit abgeleitet werden können.

Die Grundlage solcher Maßnahmen stellt dabei jeweils eine detaillierte Ana­lyse der Einsatz- und Gefechtsszenarien sowie der konkreten Aufgaben und Tätigkeiten der einzelnen Soldaten dar. Nach Kenntnis und Kategorisierung der auftretenden bzw. zu erwartenden Einsatzbelastungen werden diese mit sportwissenschaftlichen, medizinischen und psychologischen Methoden analysiert, um daraus spezifische Anforderungsprofile für Truppenkörper, Waffengattungen und militärische Funktionen abzuleiten. So zeigen internationale Forschungen, dass für die Bewältigung charakteristischer infanteristischer Aufgaben unter anderem eine relative Sauerstoffaufnahmefähigkeit von mindestens 45 ml min-1 kg-1 - dies entspricht einer 2 400-m-Laufleistung in ca. 11:30 min - erforderlich ist. Zur Erreichung und Erhaltung dieser Basisleistungsfähigkeit ist körperliches Training im Ausdauerbereich im Ausmaß von etwa zwei bis drei Wochenstunden notwendig.

Die Kenntnis der funktionsspezifischen Anforderungen und deren Einflussfaktoren bildet die Grundlage für weiterführende Maßnahmen zur gezielten Personalauswahl und -entwicklung, für die systematische Planung militärischer Ausbildung und des körperlichen Trainings sowie für die Implementierung von Leistungsprüfsystemen. Internationale Forschungsergebnisse beschreiben auch einsatzrelevante körperliche Leistungsanforderungen, die unabhängig von der militärischen Funktion und Waffengattung von allen Soldaten zu erbringen und zu bewältigen sind. Im Hinblick auf diesen "kleinsten gemeinsamen Nenner" soldatischer Tätigkeiten werden häufig das Marschieren mit Gepäck, die Handhabung und der manuelle Transport von Lasten, das Überwinden von Hindernissen sowie der Stellungsbau genannt.

Der Bereich der körperlichen Leistungsfähigkeit findet in den meisten Armeen bereits bei der Rekrutierung eine Abbildung: Eine Überprüfung der motorischen Grundeigenschaften mit Schwerpunkt Kraft, Ausdauer und Körperkoordination sowie anthropometrischer Charakteristika (z. B. fettfreie Körpermasse) kann Hinweise auf spezielle körperliche Eignungen geben und damit für eine optimierte Personalzuteilung zu Waffengattungen oder Truppenkörpern genutzt werden. Einige Armeen (z. B. Großbritannien und Niederlande) setzen zusätzlich bei der Personalrekrutierung auf die Leistungsfeststellung mittels militärspezifischer Belastungsformen (insbesondere Gepäcksmärsche, Heben und Tragen von Lasten sowie das Überwinden von Hindernissen in militärischer Ausrüstung).In den Armeen mit hoher Einsatzdichte werden bereits funktionsspezifische Fitnessmodelle umgesetzt. Dabei werden die Körperausbildung sowie die wiederkehrenden Leistungskontrollen mithilfe von (länderspezifisch unterschiedlichen) Clustersystemen auf Waffengattungen, Truppenkörper und militärische Funktionen ausgerichtet. Gemeinsam ist diesen Systemen ein stufenförmiger, langfristiger und nach sportwissenschaftlichen Methoden und Kriterien geplanter, systematischer Leistungsaufbau. Dabei wird vorerst durch allgemeine körperliche Trainingsformen eine konditionelle Grundlage geschaffen, um die Belastbarkeit für militärspezifische Anforderungen zu erhöhen. Auf der Basis ausreichender konditioneller Fähigkeiten werden, sukzessive aufbauend, funktions- und letztlich einsatzspezifische Trainingsformen und Leistungskontrollen eingesetzt, um die jeweilige militärisch relevante körperliche Leistungsfähigkeit herzustellen und zu erhalten.

Insgesamt wenden westliche Armeen mit hohem Einsatzaufkommen eine Modellstruktur zum Erreichen einer entsprechenden körperlichen Leistungsfähigkeit an, die auf den Bedarf (militärische Einsatzszenarien), die Personalaufbringung (Rekrutierung und Auswahl), die Funktion (Spezialisierung) und die Intensität (Einsatzbezug) ausgerichtet ist.

Operatives Querschnittskonzept "Körperliche Leistungsfähigkeit" Im ÖBH gibt es Bestrebungen, den Bereich der körperlichen Leistungsfähigkeit an die internationalen Entwicklungen und Modelle anzupassen. Konkret wurde im Juni 2011 das operative Querschnittskonzept "Körperliche Leistungsfähigkeit" als umfassende und verbindliche Planungsgrundlage im gegenständlichen Themenbereich verfügt. Ziel dieses Konzeptes ist die Beschreibung jener Rahmenbedingungen, Anforderungen und Prinzipien, die eine aufgabenbezogene und einsatzorientierte körperliche Leistungsfähigkeit im ÖBH sicherstellen können.

Im ersten Teil des Konzeptes werden Grundlagen und allgemeine Voraussetzungen für die Gesundheitsförderung und Leistungsentwicklung durch körperliche Bewegung und Aktivität im ÖBH behandelt. Weiters werden allgemeine und spezifische Anforderungen an die körperliche Leistungsfähigkeit von Soldaten im aktuellen und zu erwartenden Aufgabenspektrum des ÖBH beschrieben und militärische Fitnessmodelle im internationalen Vergleich dargestellt. Zudem werden die Aufgabenbereiche und Möglichkeiten der Sportwissenschaft im Militär diskutiert, um die Optimierung der körperlichen Leistungsvoraussetzungen für den Dienst im ÖBH voranzutreiben. Es wird auch eine umfassende Systematik vorgestellt, die konkrete Maßnahmen im Bereich der körperlichen Leistungsfähigkeit über die Soldatenlaufbahn hinweg (von der Stellung bis zum Einsatz) beschreibt und das Zusammenwirken aller beteiligten Fachdienste berücksichtigt.

Das "Kernstück" des Konzeptes ist ein für die spezifischen Voraussetzungen und Bedingungen im Bundesministerium für Landesverteidigung und Sport entwickeltes Fitnessmodell. Ziel dieses Modelles ist es, die Einsatzbereitschaft des ÖBH durch aufgabenbezogene Fitness-Stufen, optimierte Belastungsstrukturen, zielgerichtete Trainingsprogramme und angepasste Steuer- und Kontrollmechanismen zu steigern, um die Voraussetzungen für eine zielorientierte Personalauswahl, für die Ausbildung, die Einsatzvorbereitung und den Einsatz im Teilbereich der körperlichen Leistungsfähigkeit zu schaffen.

Das Fitness-Modell bezweckt die nachhaltige Verfügbarkeit von gesunden und leistungsfähigen Ressortangehörigen. Es stellt ein dynamisches System zur aufgaben- bzw. anforderungsbezogenen Kategorisierung der verschiedenen Personengruppen im Hinblick auf die körperlichen Leistungsvoraussetzungen dar und erfasst diese in vier grundlegenden Dimensionen bzw. aufbauenden Fitness-Stufen, die im Konzept ausführlich und detailliert beschrieben werden:

Die erste Ebene ("Allgemeine Fitness") beabsichtigt das Schaffen bzw. das Erhalten einer arbeitsplatzbezogenen motorischen Handlungskompetenz mittels körperlicher Aktivität im Sinne der Prävention und der Erhaltung der für den Arbeitsplatz erforderlichen Gesundheit. Eine Zuordnung zu dieser Fitness-Stufe erfolgt ausschließlich für Personen mit niedrigen bis mittleren körperlichen Alltagsbelastungen (z. B. Verwaltungstätigkeit). Trainingsmethodische Schwerpunkte sind gesundheitsorientierte und präventive Bewegungsprogramme.

Die zweite Ebene ("Militärische Basisfitness") beruht auf Gesundheit und guten körperlichen sowie psychischen Leistungsvoraussetzungen für die Bewältigung allgemeiner militärischer Aufgaben und Tätigkeiten. Ziel und Trainingsschwerpunkt sind hier eine adäquate Ausprägung und Erhaltung allgemeiner motorischer Grundfähigkeiten (Kraft, Ausdauer, Koordination) und darauf aufbauend ein grundlegendes militärisches Belastungsmuster (wie Gepäcksmarsch, Heben und Tragen von Lasten, Überwinden von Hindernissen).

In der dritten Ebene ("Funktionsspezifische Fitness") stehen spezielle körperliche und psychische Leistungsvoraussetzungen für die Bewältigung (waffengattungs-)spezifischer militärischer Aufgaben und Tätigkeiten im Vordergrund. Wesentliche Komponente dabei ist die Fähigkeit, charakteristische körperliche und psychische Belastungsspitzen der jeweiligen Funktion tolerieren zu können. Ziel ist eine umfassende Ausprägung und Erhaltung waffengattungsspezifischer Fähigkeiten (Fähigkeitskataloge) sowie funktionsspezifischer Fertigkeiten (individuell, gefechtstechnisch, taktisch). Die trainingsmethodische Schwerpunktsetzung liegt daher auf militärspezifischen Belastungsformen. In besonderen Fällen kann aufgrund erhöhter oder nicht gänzlich beurteilbarer Gesamtbelastungen (z. B. hohe Belastungs- bzw. Einsatzdichte über längere Zeiträume, besondere klimatische Bedingungen) eine spezielle Anpassung der körperlichen Leistungsfähigkeit an die jeweilige Einsatzcharakteristik notwendig werden.

In einer vierten Ebene ("Einsatz­­-adaptation") sollen daher im Bedarfsfall die funktionsspezifischen Leistungsvoraussetzungen für den jeweiligen Einsatzraum optimiert werden, damit einsatzindividuelle körperliche und psychische Belastungsspitzen auch über längere Zeiträume gemeistert und kompensiert werden können. Dies beinhaltet trainingsspezifische Maßnahmen zur Erhaltung der körperlichen Leistungsfähigkeit im jeweiligen Einsatzraum.

Im zweiten Teil des Konzeptes "Körperliche Leistungsfähigkeit" werden strukturelle Ableitungen und notwendige Maßnahmen für die Umsetzung des Fitness-Modells im Ressort Landesverteidigung und Sport beschrieben. Dabei werden die jeweiligen organisatorischen, inhaltlichen, strukturellen und personellen Rahmenbedingungen und Erfordernisse für die Implementierung der einzelnen Fitness-Ebenen behandelt.

Die wesentliche Zielsetzung des Konzeptes ist die Ausrichtung der Körperausbildung der Soldaten auf jene Erfordernisse, die sich aus dem Einsatz im In- und Ausland, bezogen auf Waffengattung und Funktion, ableiten lassen. Im Hinblick auf eine nachhaltige Verfügbarkeit von gesunden und leistungsfähigen Soldaten und Bediensteten sieht das Konzept zudem die Einrichtung einer betrieblichen Gesundheitsvorsorge für alle Ressortangehörigen im Sinne der Prävention und Gesunderhaltung durch gezielte körperliche Aktivität vor.

Auf einen Blick

Eine Vielzahl an internationalen Analysen militärischer Einsätze oder Einsatzsimulationen, aber auch Forschungsergebnisse aus dem ÖBH (Heeressportzentrum) zeigen deutlich, dass bei der Ausübung militärischer Tätigkeiten oftmals hohe bis maximale körperliche Belastungen auf die Soldaten einwirken. Hinsichtlich der physiologischen und motorischen Beanspruchungsformen bestehen jedoch wesentliche Unterschiede in den Belastungsprofilen verschiedener militärischer Aufgaben, Funktionen und Waffengattungen. Um die körperliche Leistungsfähigkeit der Soldaten zu steigern und aufrechtzuerhalten, ist daher eine differenzierte Betrachtungsweise anzustellen, indem sowohl bei der Personalauswahl und -zuteilung als auch in der Körperausbildung und bei der Leistungskontrolle funktionsspezifische und individuelle Besonderheiten berücksichtigt werden. Die Entwicklung einer körperlichen Fitness als individuelles Leistungsvermögen zur Bewältigung der Aufgaben am Arbeitsplatz und eine umfassende militärische Handlungskompetenz sind als langfristiger und systematisch gesteuerter Prozess zu verstehen, der nur durch interdisziplinäres Zusammenwirken optimiert werden kann. Im Hinblick auf die "Ressource Mensch" wären daher (mindestens) die Bereiche der Sportwissenschaft, Medizin und Psychologie bedarfsorientiert zu bündeln und zu koordinieren, um die spezifischen Fragestellungen umfassend im Sinne von "Humanfaktorgruppen" bearbeiten zu können. Die gesamtgesellschaftlichen Entwicklungen und zukünftigen militärischen Herausforderungen lassen darauf schließen, dass leistungsfähige Soldaten mehr denn je gefragt sein werden.

Die Effektivität der Körperausbildung im ÖBH und damit letztlich die körperliche Leistungsfähigkeit der Soldaten werden wesentlich von der Umsetzung des Fitnessmodells und der Vorgaben des Konzeptes "Körperliche Leistungsfähigkeit" sowie der Schaffung der Rahmenbedingungen abhängen. Zielsetzung der Sportwissenschaft im ÖBH ist es, der militärischen Führung auf allen Ebenen Entscheidungshilfen in Hinblick auf die Steigerung und Erhaltung der körperlichen Leistungsfähigkeit der Soldaten zu geben und damit einen Beitrag zur Optimierung der Einsatzbereitschaft zu leisten.


Autor: Mag. Dr. rer. nat. Thomas Hölzl, Jahrgang 1975. 1993 Matura im Militärrealgymnasium in Wr. Neustadt, 1993 bis 1994 Einjährig Freiwilligen-Ausbildung beim Landwehrstammregiment 53 in Straß. 1994 bis 2000 Diplomstudium der Sportwissenschaften an der Karl-Franzens-Universität Graz, 1998 bis 1999 Studium der Traditionellen Chinesischen Medizin und chinesischer Gesundheitsübungen an der Beijing University of Physical Education in Peking. 2000 bis 2002 Leistungsdiagnostiker in diversen Sportorganisationen in Graz, 2002 bis 2003 Lehroffizier für Körperausbildung im Heeres-Sportzentrum Wien, seit 2004 Sportwissenschafter im Heeres-Sportwissenschaftlichen Dienst mit Schwerpunkt militärspezifische Belastungsanalysen, Leistungs- und Eignungsfeststellung beim Militär sowie soldatische Anforderungsprofile; 2005 Promotion in Sportphysiologie und Trainingswissenschaften an der Karl-Franzens-Universität Graz, 2002 bis 2010 Lehrbeauftragter für Trainingswissenschaften am Institut für Sportwissenschaften der Karl-Franzens-Universität Graz.

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