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Das Institut für Human- und Sozialwissenschaften

Die Landesverteidigungsakademie in Wien ist nicht nur die höchste Offiziersausbildungsstätte des Österreichischen Bundesheeres, sondern auch jener Think Tank, der im gesamten militärwissenschaftlichen Spektrum forscht. Die Ergebnisse werden in die Lehre ebenso eingebracht wie in die Beratung der politischen Führung der Republik Österreich zu sicherheits- und militärpolitischen Belangen. Das IHSW leistet dazu seinen Beitrag im Beziehungsgeflecht Staat/Gesellschaft einerseits und Militär/Einsatz andererseits innerhalb dessen der Mensch als Bürger/Soldat die entscheidende Rolle einnimmt.

Die Forschungs- und Lehreinrichtung der Landesverteidigungsakademie weist zahlreiche Institute auf, die sich mit ursächlichen militärischen Themen beschäftigen, wie Strategie, Polemologie (Kriegswissenschaft und Konfliktforschung), Militärische Führung oder Militärisches Fremdsprachenwesen. Auf den ersten Blick passt das Institut für Human- und Sozialwissenschaften nicht in diesen Reigen, klingt doch die Institutsbezeichnung ziemlich unmilitärisch. Trotzdem macht - überspitzt formuliert - erst mit einer derartigen Basis wissenschaftlicher Erkenntnis über das Militärwesen alles Weitere Sinn, ohne diese Grundlage jedoch ist es nicht schlüssig argumentierbar.

Was ist mit diesem Rätselwort gemeint? So könnte sich nun die Frage stellen, die damit auf den Kern des Militärischen überhaupt abzielt. Was wird also in diesem Institut gemacht? Um dies zu beantworten, werden hier nacheinander Fragen gestellt, die den Leser zum Nachdenken anregen sollen und damit die Aufgaben des Institutes aus diesen Gedankengängen heraus beantworten. Die erste und grundlegende Frage stellt sich nach dem "an sich".

Wozu benötigt man überhaupt Streitkräfte, insbesondere in jenen Zeiten, die in Europa nunmehr von Frieden und Freundschaft geprägt sind?

Das Institut beschäftigt sich also mit staatsphilosophischen Fragestellungen zur Existenz der bewaffneten Macht, deren zwingende Notwendigkeit nach wie vor feststeht. Der Staat ist als Ordnungsinstrument geschaffen, das den Krieg einhegen soll, der seinerseits latent vorhanden immer dann ausbricht, wenn der Staat versagt. Abschaffbar ist der Krieg jedoch nicht. Auch wenn dies von manchen Sozialromantikern gerne in Zweifel gezogen wird, bleibt der Anspruch an den Staat unverrückbar bestehen, seine Bürger und seine Werte schützen können zu müssen, da ansonsten dem Staat seine Legitimation als solche abhanden kommt. Staat ohne Militär ist demgemäß nicht mehr Staat, sondern Vasall oder Protektorat. Nichtstaatlichkeit bedeutet immer Unfreiheit. Der Staat muss demzufolge nicht nur schützen und helfen können, sondern seine Freiheit auch verteidigen wollen und können, um sich nicht verteidigen zu müssen. Dies ganz im Sinn der berühmten Forderung des antiken Römers Vegez: "Si vis pacem, para bellum", was soviel bedeutet wie: "Wenn Du Frieden haben willst, musst Du Dich so auf den Krieg vorbereiten, dass niemand mit Dir Krieg führen möchte." Dies einmal zur Kenntnis genommen, erwächst daraus die zweite Frage.

Welche Streitkräfte sind für das Land notwendig?

Dies bezieht sich auf die Qualität und Quantität der bewaffneten Macht. Was soll dieses Heer leisten können? In diesem Zusammenhang ist es von Bedeutung, wie sich das Sicherheitsempfinden innerhalb der österreichischen Gesellschaft darstellt, ihre Einstellung zur Europäischen Union gestaltet und welche Rolle bzw. Haltung die Politik und die politischen Parteien gegenüber der Landesverteidigung einnehmen. Hier ist das Spektrum vielschichtig und beginnt mit den staatstheoretischen Ansätzen im Rahmen der Herrschaftsform der Demokratie. Die Gesellschaft und ihre Vorstellungen spielen eine entscheidende Rolle in diesem Zusammenhang und schließlich auch realpolitische Erwägungen und wirtschaftliche Forderungen. Es gilt sowohl philosophische Ableitungen als auch empirische Erhebungen durchzuführen und daraus die entsprechenden Argumente zu entwickeln. Umgesetzt wird dies in der so genannten Wehrpolitischen Ausbildung und Erziehung, die eine wesentliche Aufgabe des Institutes darstellt.

An dieser Stelle soll nicht unerwähnt bleiben, dass sich das IHSW ursprünglich aus eben dieser Notwendigkeit heraus entwickelt hat und während der Zeit des Kalten Krieges bis hinein in die 1990er Jahre als Wehrpädagogische Abteilung geführt worden war. Die Lehre und Anwendung von Pädagogik und Didaktik sind demzufolge Kernelemente des Institutes, die sich in der nächsten Frage wieder finden.

Wie sind die Soldaten auf ihre Aufgaben im geänderten sicherheitspolitischen Umfeld vorzubereiten?

Dies bedarf einer ständigen Erforschung der Umstände, unter denen Soldaten ihren Dienst zu versehen haben. So werden beispielsweise österreichische Truppen in der Regel nie alleine im Rahmen von Friedensmissionen eingesetzt, sondern immer mit anderen Nationen zusammen. Die Einsätze finden meistens in Gegenden statt, die außerhalb unseres Kulturkreises liegen. Daraus ergibt sich die zwingende Notwendigkeit, entsprechende Vorbereitungen zu treffen, die den Soldaten ermöglichen, sich weitgehend sicher und konfliktfrei in diesen Regionen zu bewegen. Dies setzt interkulturelle Kompetenz voraus, deren Erforschung und Vermittlung ebenfalls zu den Hauptaufgaben des Institutes zählen.

Dazu liefert das Institut auch Erkenntnisse zu allen Gefahrenpotenzialen, die sich aus soziologischer Sicht bei diesen Einsätzen ergeben können. Der Ergründung von Fundamentalismen, Radikalismen und Terrorismus, wie dem derzeitigen Gefahrenpotenzial, das aus fanatischen islamistischen Kreisen erwächst, widmet sich das Institut ebenso, wie jenen Gefährdungen, die den Soldaten, die im demokratischen Staatsgefüge letztendlich ein Spiegelbild der Gesellschaft darstellen, aus Sektierertum, radikaler Esoterik und dergleichen erwachsen. Religionen sind ein wesentlicher Bestandteil unserer Kultur; sie vermögen Hoffnung und Halt zu geben. Sie sind aber auch imstande zu verblenden und zu polarisieren - Attribute, die weniger geeignet erscheinen, Frieden und Einheit des Staatsganzen zu sichern.

Aber auch die durch Immigration und über die Wehrpflicht ins Heer drängenden Neoösterreicher und deren Integration bilden in diesem Zusammenhang ein eigenes Forschungsfeld, ähnlich jenem der Frauen, die den Soldatenberuf ergreifen. Die Wichtigkeit von Frauen für Einsatzaufgaben wird im Forschungsfeld des Gender-Mainstreaming behandelt, das in erster Linie dessen Bedeutung für den militärischen Bereich ergründen soll. Ein nicht minder wichtiger Ansatz ist das umfangreiche Spektrum des militärischen Kulturgüterschutzes, der gerade in Friedensmissionen eine besondere Bedeutung erlangt, da der Untergang einer Institution oder eines Volkes immer mit der Wegnahme seiner Kultur beginnt. Dies umfasst selbstverständlich auch die eigene militärische Traditionspflege.

Das führt zur nächsten Fragestellung, die an die Begründungsdimension militärischen Handelns gerichtet ist.

Wie soll sich der Soldat verhalten?

Hier wird das weite Feld der Ethik betreten, im Konkreten der Militär­ethik. Der Soldat steht in einem besonderen Treueverhältnis zum Staat und dessen Bevölkerung. Er ist es, der die Waffe in der Hand hat. Für ihn stellt sich daher in besonderer Weise die Frage des Gehorsams und der Loyalität. Das Institut bietet aus seinen Forschungsergebnissen und wissenschaftlichen Erkenntnissen durch die Analyse von Kriegshandlungen, Einsätzen und soziologischen Faktoren menschlichen Handelns jene grundlegenden Richtlinien, wie der Soldat - vor allem der Offizier - erzogen und ausgebildet werden muss, um als treuer Bürger "der Republik Österreich und dem österreichischen Volke zu dienen".

Alle Soldaten des Österreichischen Bundesheeres sind österreichische Staatsbürger, was vielen als selbstverständlich erscheint, keineswegs aber so sein muss, wenn man beispielsweise die französische Armee mit ihrer Fremdenlegion vergleicht. Es ist der Bürger, der seine Politik verteidigen darf, und kein Söldnerheer und keine Prätorianergarde (eine besondere Schutztruppe, die ausschließlich dem römischen Kaiser verpflichtet war) - gerade das macht Demokratie so wertvoll. Daher stellt sich auch die Frage:

Wie gehen wir mit unseren Bürgern als Soldaten um?

Hier wird die Tür zum großen Bereich der Unternehmenskultur aufgestoßen, wo das Institut in enger Zusammenarbeit mit dem Heerespsychologischen Dienst Konzepte und Lehrinhalte entwickelt, die sich sowohl in der Lehre an der Akademie als auch in konkreten Projekten niederschlagen, wie dies am Leitbildprozess deutlich wird. Alle humanwissenschaftlichen Faktoren und soziologischen Einflussgrößen, die das System Militär in irgendeiner Weise betreffen, zu erforschen und, angepasst an die gegenwärtigen Verhältnisse, zu lehren bzw. vorgesetzte Stellen zu beraten, ist eine wesentliche Aufgabe des IHSW. Zu guter Letzt stellt sich die Frage nach der Forschung als solcher.

Wie hat militärwissenschaftliche Forschung zu erfolgen, welche Methoden sind zielführend und welche Systematik ist hierbei anzuwenden?

Der Bereich der wissenschaftlichen Grundlagenforschung, der Wissenschaftstheorie und Wissenschaftsphilosophie ist ein weiteres Kerngebiet des Institutes, da für jedes Wissenschaftsfeld auch entsprechende Methoden und Verfahren bereitzustellen sind, die mit dem Fortschreiten der wissenschaftstheoretischen Erkenntnis einer permanenten Weiterentwicklung unterliegen und demzufolge auch zu erforschen sind.

Das Institut versteht sich in diesem Zusammenhang als Teil eines großen Ganzen, dessen Aufgabe es ist, militärrelevante Forschungsfragen zu bearbeiten. Im Rahmen des Forschungsprozesses steht am Beginn meist ein aktuelles Problem, das in einer Studie oder einem Forschungsprojekt aufbereitet werden soll. Die Fragestellung hierzu kommt meist aus dem BMLVS, aus den Nachrichtendiensten, den höheren Kommanden oder direkt aus der Truppe. Zudem erfüllt das Institut Lehraufträge an der Landesverteidigungsakademie, der Theresianischen Militärakademie und an einer Vielzahl von zivilen Universitäten und Institutionen. Zahlreiche Seminarangebote und Veranstaltungen des IHSW haben zum Ziel, einerseits alle wissenschaftlichen Erkenntnisse einem größeren Personenkreis zur Kenntnis zu bringen und anderseits neue Erkenntnisse zu generieren. Ebenso ist das Institut für die Heranbildung der Kulturgüterschutzoffiziere verantwortlich.

Das Institut für Human- und Sozialwissenschaften stellt jene grundlegenden Faktoren aus der wissenschaftlichen Forschung bereit, die der Institution Militär einerseits ihre Begründungsdimension verleihen und andererseits ebensolche Grundlagen erzeugen, die ein Heer in der Demokratie zu jenem effizienten und loyalen Instrument werden lassen, das sich der Staat von seiner bewaffneten Macht erwartet. Es ist daher der Bürgersoldat sowie dessen Erziehung und Ausbildung, der im Zentrum aller Forschungstätigkeit am IHSW steht.

Auf einen Blick

Auftrag der bewaffneten Macht der Republik ist es, die Bevölkerung vor vielfältigen Gefahren zu beschützen sowie das Land und seine Werte wie Freiheit, Rechtsstaatlichkeit, Frieden und Wohlstand zu verteidigen und Aggressoren aller Art abzuwehren. Das Institut für Human- und Sozialwissenschaften ist jene Forschungseinrichtung, die sich um den wissenschaftlichen Unterbau allen militärischen Handelns anzunehmen hat und die Argumente in die politische Diskussion einbringt, die die Fähigkeiten der Truppenkörper begründen. Es ist die Frage nach dem "Wofür" und nach dem Zweck des Militärwesens, die damit beantwortet werden soll.


Autor: Oberst dG MMag. DDr. Andreas W. Stupka, Jahrgang 1963. 1982 EF-Ausbildung, Studium an der Theresianischen Militärakademie. Offiziersausbildung in der Waffengattung Fliegerabwehr, ausgemustert 1987. Studium der militärischen Wissenschaften an der Landesverteidigungsakademie und an der Universität Wien (Ausbildung zum Generalstabsoffizier), ausgemustert 1997. Zahlreiche Kurse und Lehrgänge auf taktischer und operativer Ebene im Rahmen der NATO-PfP. April 2005 UN-Force-Commanders-Course (strat. Ebene) in Abuja, Nigeria. September bis Oktober 2007 Seminar Internationale Höhere Führung (strat. Ebene) an der Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg, Deutschland. Studium der Politikwissenschaften und Philosophie, Doktoratsstudium (nebenberuflich) an der Universität Wien. 2002 Promotion im Fachbereich Politikwissenschaften, 2010 im Fachbereich Philosophie. Journalistenausbildung an der Medienakademie in Salzburg.

Militärische Verwendungen: Zugs-, Kompanie- und Stabskompaniekommandant; Lehrer für Taktik und Sicherheitspolitik an der Landesverteidigungsakademie; Kommandant des 2. und 3. Stabslehrganges 2; Kommandant des 1. Führungslehrganges 2; Sekretär im Rahmen der Expertenkommission des Bundesministeriums für Landesverteidigung und Sport zur Überprüfung der Einführung eines Freiwilligensystems im Bundesheer; 2001 bis 2008 Chefredakteur der Österreichischen Militärischen Zeitschrift; Kommandant des Panzerartilleriebataillons 9 (einjährige Truppenverwendung); Chef des Stabes der United Nations Disengagement Observer Force (UNDOF) in Syrien/Israel (einjähriger Auslandseinsatz) und nationaler Kontingents- kommandant (NCC); seit 2008 Leiter des Institutes für Human- und Sozialwissenschaften an der Landesverteidigungsakademie Wien. Siebenmonatiger Auslandseinsatz bei KFOR24 als ACOS J5/HQ/KFOR und NCC.

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