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Psychologie: Psychische Leistungsfähigkeit beginnt im Kopf

In einer Sitzung der Wissenschaftskommission im Herbst 2012 stellte ein Militärarzt den Aspekt der körperlichen Belastungen von Soldaten unter verschiedensten Klimabedingungen wie Kälte, Hitze, Zeitzonen und in der Höhe anschaulich dar. Inhalt war es u. a., auch Grenzbereiche aufzuzeigen, die zu Einschränkungen im Leistungsvermögen führen. Die Teilnehmer bemerkten in der anschließenden Diskussion, dass es trotz wissenschaftlicher Belege der körperlichen Beeinträchtigungen durch extreme Umgebungsbedingungen dennoch ganz wesentlich ist, die psychologischen Faktoren mit zu berücksichtigen. Sind doch gerade diese dafür verantwortlich, dass Soldaten auch entgegen allen wissenschaftlichen Erkenntnissen und Erfahrungen Leistungen zu erbringen vermögen, die rein medizinisch nicht mehr erklärbar sind. Eine ganzheitliche Sicht der Betrachtungsweise ist unabdingbar, nämlich eine medizinische und psychologische. Für viele Anforderungen liegen bereits positive Erfahrungssätze vor und somit Ressourcen für neue, überraschende Aufgaben. Belastungen und Beanspruchungen werden damit anders wahrgenommen, und die subjektive Leistungsfähigkeit steigt. Demgegenüber muss allerdings erwähnt werden, dass gerade Routine und viel Erfahrung einen Zustand erzeugen können, der zu einer Fehleinschätzung der eigenen Leistungsfähigkeit führen kann. Zahlreiche Studien haben gezeigt, dass ein durchgehender Schlafentzug von mehr als 24 Stunden oder eine sehr geringe Schlafdauer über Tage hinweg zu gravierenden Beeinträchtigungen führen können. Bestimmte psychologische Leistungsparameter, die in einem Zustand der chronischen Übermüdung auftreten, werden denen von Kraftfahrern gleichgesetzt, die einen Alkoholisierungsgrad von 0,8 Pro­mille und mehr aufweisen. Dies geht meist einher mit einer geringeren Konzentrationsfähigkeit und Gedächtnisleistung, reduzierter logischer Denkfähigkeit und Kritikfähigkeit, eingeschränkter Reaktionsfähigkeit etc. - alles Faktoren, die als besonders relevant für die Führungsleistung beurteilt werden. Die Verwendung von so genannten Naps (kurze "Schläfchen" zwischendurch), die jedoch nicht länger als 20 bis 30 Minuten dauern dürfen, können solche Defizite nur bedingt über einen Zeitraum von ein bis zwei Tagen kompensieren.

Das Phänomen "Routine" erhöht also einerseits das subjektive Gefühl der erhöhten Leistungsfähigkeit, andererseits ist bekannt, dass diese Routine eine höhere Wahrscheinlichkeit für unbewusste Fehler aufweist, zumal für Handlungsroutinen keine großen Aufmerksamkeitsleistungen investiert werden. Passen für eine notwendig zu setzende Routinehandlung z. B. nur 70 Prozent der externen Anforderungen überein, wird diese getätigt, ohne auf die restlichen 30 Prozent zu achten. Diese sind oftmals der Nährboden für fatale Fehler. In Zusammenhang mit Routine wird häufig der Begriff der Verantwortungserosion genannt. D. h., dass durch Unterforderung aufgrund Routine neue Herausforderungen und somit Grenzen der eigenen Leistungsfähigkeit gesucht werden. Sehr routinierte Personen können meist ihre Grenzen der Leistungsfähigkeit hinausschieben und diese Grenzverschiebung mit Routine und Erfahrung kompensieren. Allerdings zeigt sich, dass bei Überschreitung dieser ständig angepassten Grenzen irgendwann die Fehlertoleranz nicht mehr gegeben ist. Erfahrung und Routine können dies nicht mehr ausgleichen. Es kommt ein "point of no return", der in manchen Berufsfeldern nicht selten tödlich endet (siehe Luftfahrt).

Die psychische Leistungsfähigkeit ist ein Schlüsselelement in den Eignungsuntersuchungen des ÖBH, zumal diese die beste Prognose für einen zukünftigen Erfolg in der Ausbildung ermöglicht. Das Projekt "A" in den USA der 1970er Jahre zeigt diese Wichtigkeit auf. Aufgrund eines systemischen Auswertefehlers wurden Rekruten einberufen, die einen Intelligenzquotienten von 80 und weniger hatten. Ihre psychische Leistungsfähigkeit war also deutlich unterdurchschnittlich im Vergleich zur Referenzgruppe der Gleichaltrigen. Dieser Fehler blieb mehrere Jahre unbemerkt und gab nach Bekanntwerden die Möglichkeit, diese Personen ganz besonders zu untersuchen. Auch die Analyse von mehr als einer Million Rekruten in Schweden in den 90er Jahren brachte aufschlussreiche Ergebnisse. So zeigte sich, dass nicht nur ein unverhältnismäßig großer Mehraufwand in der Ausbildung von Rekruten mit unterdurchschnittlicher psychischer Leistungsfähigkeit notwendig war, um die allgemeinen Ziele zu erreichen, sondern darüber hinaus gab es signifikant höhere Raten an Unfällen und disziplinären Verfehlungen, sogar die Suizidrate war deutlich höher.

Diese Erkenntnisse des Psychologischen Dienstes zeigen die Notwendigkeit, dass die Einsatzfähigkeit der Soldaten auch über die psychische Leistungsfähigkeit qualifiziert werden muss.

ObstdhmfD Mag. Christian Langer

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