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Einsatz im urbanen Umfeld. Nahkampf in Fallujah

Auf Ebenen der Gruppe, des Trupps und vor allem des Einzelsoldaten geht der Kampf im urbanen Umfeld rasch in den Nahkampf über. Aus praktischen Gefechtsbeispielen können Lehren über das Verhalten und die Ausbildung für den Kampf im urbanen Umfeld getroffen werden.

Als Abschluss der Serie "Einsatz im urbanen Umfeld" (TRUPPENDIENST-Hefte 5 und 6/2011, 2/2012 und 3/2012 sowie 1/2013) geht dieser Beitrag zurück zur Basis des Gefechtes, der Ebenen des Einzelschützen und der Gruppe. Zuerst werden der Einsatz der Task Force 2-2 (TF 2-2) sowie der Alpha Company (A Coy) dargestellt. Nach einer kurzen Übersicht über den Plan der Durchführung der Task Force werden eine zeitlich kurze Sequenz daraus näher beleuchtet und Folgerungen gezogen.

Die Task Force 2-2

Die TF 2-2 wurde für die Operation Al Fajr dem 7. Infanterieregiment des U.S. Marine Corps (Regimental Combat Team 7 - RCT7) unterstellt. Die TF 2-2 bestand aus

  • einer gemischten Panzergrenadierkompanie auf Schützenpanzern M2A2 "Bradley" (A/2-2),
  • einer gemischten Panzerkompanie auf Kampfpanzern M1A1 "Abrams" (A/2-63),
  • der Brigadeaufklärungskompanie auf "Hummer" (F/4CAV),
  • der verminderten Stabskompanie sowie
  • Kampf- und Einsatzunterstützungselementen (zwei Panzerhaubitzen, ein schwerer Granatwerferzug, ein Tactical Psycholocical Operations - PsyOps Team).

Die Angriffsachse der TF 2-2 lag im äußersten Osten der Stadt und ging durch relativ moderne und weitläufige Wohnanlagen. Gegen Westen nahm die Dichte der Bebauung immer mehr zu.

Der Einsatz der TF 2-2 erfolgte so, dass die Task Force am Abend des 8. No­- ­vember 2004 unter vorgestaffelter Feuerunterstützung durch die Brigadeaufklärungskompanie F/4CAV aus dem Osten mit der Panzergrenadierkompanie A/2-2 im Schwergewicht und der Panzerkompanie westlich davon in den Einbruchsraum am Ortsrand (Objective - OBJ "Lion") angriff. Nach erfolgter Inbesitznahme griff die Panzerkompanie A/2-63 durch den Einbruchsraum von A/2-2 weiter Richtung dem Angriffsziel "Leopard" und darüber hinaus "Coyote" an.

Im Anschluss ging die Task Force mit beiden Kampfkompanien nebeneinander unter weiterer Feuerunterstützung durch F/4CAV, vom ostwärtigen Ortsrand Richtung Koordinationslinie (Phase Line - PL) "Fran" vor. Die TF 2-2 stieß dabei wesentlich rascher vor als das westlich davon angreifende Infanteriebataillon 1/3 der U.S. Marines, da sie aufgesessen einbrach und zu Beginn auf wenig Widerstand traf. Bei den U.S. Marines, die abgesessen einbrechen wollten, verzögerte sich der weitere Angriff durch einen ausgefallenen Pionierpanzer mitten in der Einbruchsstelle, so dass sie in der Folge die Einbruchsstelle der TF 2-2 für die eigene Angriffsführung nutzen mussten.

Am 9. November erhielt die TF 2-2 den Auftrag, die PL "Fran" nicht zu überschreiten, sondern mit Teilen Richtung Norden, also rückwärts entlang der Angriffsachse, die Gebäude zu säubern (feindfrei zu machen). Zwischen der TF 2-2 und den U. S. Marines war nämlich eine große Lücke entstanden, die die Insurgenten für sich nutzten. Bei dieser Säuberung kam es in der Nacht von 10. auf den 11. November zu dem hier in der Folge beschriebenen Gefecht.

Entscheidung auf unterster Ebene

"At a crouch, I move up the wall and cross into the living room, the SAW leveled, my finger tense on the trigger. A few quick strides and I step into the doorway to the stairwell room. I’m in the fatal funnel. My sudden appearance catches the enemy of guard. I expect the AKs to open up again as soon as I expose myself. But they don’t. I squeeze the trigger and hold it down." Staff Sergeant David Bellavia war während des Angriffes auf Fallujah Gruppenkommandant im III. Zug der Panzergrenadierkompanie A/2-2.

Am 10. November erhielt der III. Zug den Auftrag, zwölf Gebäude zu säubern. Die ersten neun waren zwar nicht feindbesetzt, die Soldaten fanden dort dennoch eine Vielzahl an Waffen und Munition, wie Munition für Panzerabwehrrohre, Granatwerfer und ungelenkte Raketen. Außerdem entdeckten sie in den meisten Gebäuden zahlreiche Sprengfallen.

Während zwei Gruppen des Zuges in das zehnte Gebäude eindrangen, blieb Staff Sergeant Bellavia vorerst außerhalb, um das Vorgehen des Zuges durch die Fenster zu überwachen. Es machte von außen einen leeren Eindruck. Inzwischen waren schon die Auswirkungen der Dauer des Angriffes bemerkbar, was sich vor allem in der nachlassenden Konzentration und Nachlässigkeit der Soldaten äußerte. Bei der Säuberung dieses Gebäudes gerieten die zwei Gruppen in einen vorbereiteten Hinterhalt.

Als der erste Soldat die geschlossene Türe vom Wohnzimmer zum Stiegenhaus öffnete, geriet er sofort unter Feindfeuer, konnte aber dessen Ursprung nicht lokalisieren. Mitten im Türstock exponiert, erwiderte er das Feuer, allerdings ohne Erfolg. Noch bevor er selbst getroffen worden war, zerrten ihn seine Kameraden zurück in das Wohnzimmer. Dabei blieb sein Finger allerdings am Abzug seines leichten Maschinengewehres, und er schoss einen langen Feuerstoß in die Decke des Wohnzimmers. Nur durch Glück wurden durch die entstandenen Geller keine eigenen Soldaten getroffen.

Von außerhalb des Hauses konnte Staff Sergeant Bellavia nicht unterstützen und lief daher ebenfalls in das Haus. Da die Situation unübersichtlich war und Bellavia zuerst keinen Gegner erkennen konnte, wollte er das Feuer einstellen lassen, da er von einer "Aufklärung durch Feuer" ausging. Bei den zwei Gruppen angelangt, erkannte er allerdings, dass diese im Feuerkampf mit den Verteidigern standen und sich in einer ungünstigen Lage befanden. Die Verteidiger hatten sich nämlich im Gang unter der Stiege hinter zwei meterhohen Betonbarrieren so verschanzt, dass sie einerseits bis auf Kopf und Schultern gedeckt und dadurch in der Tiefe des Raumes nur schwer zu erkennen waren, andererseits aber auf alle Zugänge, vor allem Richtung Eingang, wirken konnten.

Bellavia beschrieb die Situation wie folgt: "They have a bowling-alley-wide field of fire into the living room, and a pie-shaped one into the foyer. They have plenty of ammunition and are not afraid to use it." Zwischen den Verteidigern und den Angreifern war nur die Mauer zwischen Wohnzimmer und Gang, und diese gab langsam unter dem Feuer aus den automatischen Waffen der Verteidiger nach. Als die Feuerstöße der Insurgenten die Wand durchschlugen, stellte er fest, dass er handeln musste, da bei einem Kollaps der Mauer die US-Soldaten sich mitten im Feuerbereich der Verteidiger ohne unmittelbare Deckungsmöglichkeit befunden hätten. Nach einer raschen Beurteilung der Lage erkannte er, dass Feuerunterstützung von außen, wie Luftnahunterstützung, Steilfeuer oder Flachfeuer durch Kampf- bzw. Schützenpanzer, unmöglich war, solange sich der eigene Zug noch im Gebäude befand. Der Gegner hatte sich genau auf eine solche Situation vorbereitet: "This ambush is the product of study, an enemy who has thoroughly analyzed our strengths and weaknesses. They’ve created a fighting position that negates our advantage of firepower and mobility. All we can do is fight them at point-blank range with the weapons in our hands." Die Absicht eines US-Soldaten, den Gegner mittels einer Handgranate auszuschalten, wurde aufgrund der Sorge, dass der Gegner diese zurückwerfen könnte, verworfen. Ebenso verwarf Bellavia seine eigene Überlegung, mit Hilfe eines Irritationswurfkörpers (Flash-Bang) den Gegner zu desorientieren, da er fürchtete, durch einen Fehlwurf seinen eigenen Zug kampfunfähig zu machen.

Da die Verteidiger Richtung Eingang/Ausgang wirken konnten, entschied sich Bellavia, unter seiner Feuerunterstützung den Rückzug des Zuges zu sichern. Dazu organisierte er sich ein leichtes Maschinengewehr und befahl dem Rest des Zuges, sich unter Anwendung des "Australian Peel", eines defensiven Reaktionsdrills ähnlich dem Wegedrill, aus dem Gebäude abzusetzen. Er unterstützte das Absetzen, indem er, direkt in der Tür zum Gang stehend, in Stellung ging und Feuerunterstützung gab. Dies überraschte die Verteidiger dermaßen, dass sich der Rest des Zuges ohne Verluste aus dem Gebäude absetzen konnte. Nachdem seine Waffe leergeschossen war, setzte sich Bellavia, der im heftigen Feuergefecht mit den Verteidigern nicht getroffen wurde, aus dem Gebäude ab.

Auf der Straße angekommen, versuchte Bellavia mit Unterstützung eines Schützenpanzers "Bradley" die Verteidiger auszuschalten. Aufgrund der engen Straßen konnte der Schützenpanzer allerdings nur eingeschränkt mit seiner Maschinenkanone auf das Gebäude wirken.

Bellavia entschied sich, mit einem Trupp noch einmal in das Gebäude einzudringen und den Gegner zu vernichten. Unter Einsatz einer Handgranate als Ablenkung schaffte er mit einem weiteren Soldaten den neuerlichen Einbruch in das Wohnzimmer. Die anderen zwei Soldaten seines Trupps ließ er außerhalb des Gebäudes als Nahsicherung zurück. Aufgrund der Dunkelheit benutzte Bellavia sein Nachtsichtgerät. Er erkannte, dass die Verteidiger im Wohnzimmer Spiegelstücke derart an der Wand festgeklebt hatten, dass sie von ihrer Stellung aus das gesamte Wohnzimmer überblicken konnten. Er nahm wahr, dass überall im Wohnzimmer Gasbehälter aufgestellt waren, und die Verteidiger eine Panzerabwehr-(RPG)-Granate zum Abschuss vorbereitet hatten. Daher entschloss er sich, weiter anzugreifen, und ging Richtung Gang vor. Bellavia überraschte die Gegner und schaltete einen von ihnen aus. Ein anderer suchte in der Küche Deckung. Nun hörte Bellavia auch Schritte aus dem Obergeschoss und erkannte, dass er nun Gegner auf zwei Seiten hatte: im Obergeschoss und in der Küche. Gleichzeitig merkte er auch, dass neben der Stiege zum Obergeschoss eine weitere Tür war. Er war also mit einem Soldaten auf dem Gang, und er hatte Gefahrenstellen von drei Richtungen. Zudem war der zweite US-Soldat inzwischen verwundet worden und blieb im Wohnzimmer zurück. Der Gegner in der Küche stürmte nun zurück in den Gang, wurde dort aber von Bellavia angeschossen.

Bellavia entschied sich, im Alleingang weiter vorzugehen. Vorher führte er noch einen taktischen Magazinwechsel durch: "My survival depends on both instinct and training. I remember Sergeant Major Darrin Bohn … telling us, ‚Always recharge your weap­on‛. I don’t care if you’ve only shot four rounds. If you’re in combat, you’re gonna need’em … My M16 feels light, and I realize the magazine is almost empty. I don’t know how many shots I have left … The new mag seems light, too … It’s empty - Somehow, I’ve mixed my empties in with my fresh ones … Do I have three or two full mags? I don’t know." Als Bellavia erkannte, dass vom Obergeschoß ein Gegner herunterkam, ging er durch die zuvor erkannte Tür neben der Stiege und gelangte in einen noch nicht gesäuberten Raum, worin sich ein Bett und ein Kasten befanden. Da die Nachtsichtbrille nicht mehr funktionierte, musste er sich auf seine Sinne verlassen. Während er auf den Gegner wartete, verlangte der stellvertretende Zugskommandant von außerhalb des Gebäudes über Funk Lagemeldungen. Dies störte Bellavia dermaßen, dass er sein Funkgerät abnahm und wegschmiss. "I cannot fight and get screamed at simulta­neously." Als der Gegner durch die Tür trat, erkannte er jenen schemenhaft und streckte ihn nieder. Unmittelbar danach krachte hinter Bellavia aus der Tiefe des Raumes ein Schuss, der die Wand unmittelbar neben ihm traf. Bei der Absuche des Raumes erkannte er, dass dieser Schütze im Kasten sein musste. Noch bevor Bellavia schießen konnte, sprang der Gegner aus dem Kasten heraus und stolperte schießend durch den Raum, traf Bellavia dabei aber nur am Ellbogen. Dann entkam er durch die Tür über die Stiege hinauf in das Obergeschoß. Bellavia schoss ihm hinterher, traf ihn aber nur am Bein. Er blieb im Raum, um sich zu reorganisieren. Kurze Zeit später hörte er, wie sich ein Gegner im Gang zu ihm herbewegte. Mittlerweile funktionierte seine Nachtsichtbrille wieder, und er feuerte auf den Gegner, als dieser sich unvorsichtig in der Türöffnung zu erkennen gab. Bellavia erkannte, dass dies jener Gegner war, der zuvor in der Küche gewesen war und den er tot geglaubt hatte.

Als Bellavia den Gang betrat, war dieser leer. Die Gegner waren anscheinend verwundet und hatten sich in das Obergeschoß und in die Küche zurückgezogen. Er entschied sich, das Gebäude nicht zu verlassen, sondern setzte seinen Angriff weiter Richtung Obergeschoß fort. Er wollte nicht, dass sein Zug noch einmal dieses Gebäude angreifen musste. Als er das obere Ende der Stiege erreicht hatte, rutschte er auf einem Flecken Blut aus. Dies rettete ihm allerdings das Leben, da im selben Moment ein Gegner, der im oberen Stockwerk auf ihn gewartet hatte, auf seinen Kopf schoss, ihn aber dadurch verfehlte. Bellavia erwiderte das Feuer und zwang den Gegner, sich zurückzuziehen. Bellavia ging im Obergeschoss weiter vor. Entlang der Wand vortastend, gelangte er um die Ecke zum Eingang in einen L-förmigen Raum, wohin sich der Gegner zurückgezogen hatte. Bellavia entschied sich, den Gegner mit einer Handgranate zu bekämpfen. Er setzte diese ein, indem er drei Sekunden nach Ziehen des Vorsteckersplints und Auslassen des Sicherungsbügels verstreichen ließ - erst dann warf er die Granate in den Raum. Sie detonierte in unmittelbarer Nähe des Gegners und verwundete diesen schwer. Bellavia zögerte allerdings, den Gegner endgültig kampfunfähig zu machen, worauf sich dieser zur Wehr setzte. Der Kampf artete soweit aus, dass Bellavia schlussendlich seinen Gegner im Nahkampf, unter Einsatz seines Sturmgewehres als Hiebwaffe, seines Helmes, seiner Körpermasse, seiner bloßen Hände und schlussendlich seines Messers als Stichwaffe kampfunfähig machte.

Nach diesem Nahkampf war Bellavia durch die erlittenen Verwundungen so geschwächt, dass er sein Sturmgewehr als Stütze verwenden musste. Beim weiteren Absuchen des Obergeschoßes bzw. des Balkons wurde er nochmals von einem Gegner attackiert, der ihn vom Dach des Gebäudes aus angriff. Bellavia feuerte auf diesen und traf ihn, wobei der Gegner hierauf über die Brüstung des Balkons in den Garten stürzte und starb.

Bellavia ging zurück in das Haus und erkannte, dass sein Zug inzwischen wieder im Gebäude vorgegangen war und es endgültig säuberte. In einem Winkel des Obergeschoßes nahm er vorerst mit seinem Zug Verbindung auf, um nicht mit dem Gegner verwechselt zu werden.

Staff Sergeant David Bellavia wurde für seine Leistung bei diesem Gefecht der Silver Star, die dritthöchsten Tapferkeitsauszeichnung der U.S. Army, verliehen. Außerdem wurde er für die Congressional Medal of Honor und das Distinguished Service Cross, die höchste und zweithöchste Tapferkeitsauszeichnung der U.S. Army, vorgeschlagen.

Folgerungen

Wie schon in den vorhergehenden Artikeln werden im folgenden Teil Abschnitte des Gefechtes angesprochen (A), bewertet (B) und Folgerungen (F) gezogen.

Propangasflaschen als Sprengfallen

A: Während der Säuberung der Gebäude von Insurgenten fanden die US-Soldaten nicht nur in unbesetzten, sondern auch in durch den Gegner besetzten Gebäuden Sprengfallen unterschiedlicher Art, so auch Propangasflaschen.

B: Sprengfallen sind auf einem irregulären Gefechtsfeld häufig anzutreffen, da sich der Gegner oft nicht an internationalen Rechtsnormen hält. In vielen Ländern wird überdies mit Gas geheizt oder gekocht, wodurch Gasleitungen und -flaschen in großer Anzahl vorhanden sind.

F: Der Angreifer muss im urbanen Umfeld immer beurteilen, welche weiteren Gefahrenquellen neben der direkten Feindeinwirkung vorhanden sein können. Wenn in einem Land mit Gas geheizt oder gekocht wird, muss dieser Umstand eventuell im unmittelbaren Gefecht berücksichtigt werden.

Nachlassen der Aufmerksamkeit

A: Am dritten Tag der Angriffsführung und aufgrund des daraus entstandenen Schlafmangels ließ die Aufmerksamkeit der US-Soldaten beim Säubern der Gebäude nach.

B: Wenn Soldaten müde und unaufmerksam werden, machen sie Fehler, die sich schwerwiegend auf den Einsatz auswirken können.

F: Durch die Führung muss immer auf den Grundsatz "Ökonomie der Kräfte" Bedacht genommen und bei Bedarf müssen Angriffspausen eingelegt werden. Allerdings ist auch die Widerstandsfähigkeit vor allem im Ausbildungsbetrieb zu erhöhen, indem länger andauernde Belastungsphasen bei Übungen eingebaut werden.

Informationsfluss

A: Als Staff Sergeant Bellavia nach den ersten Schüssen zu seinem Zug aufschloss, war die Lage für ihn unklar. Er erkannte zuerst nicht, dass sein Zug im Feuergefecht mit dem Gegner stand. Später verlangte der stellvertretende Zugskommandant genau während einer kritischen Phase von Bellavia eine Lagemeldung, B: Da zuerst keine Lagemeldungen den Gegner betreffend weitergegeben wurden, musste sich jeder Soldat selbst ein Bild machen. Dies führte zu einem Schwächemoment, den der Gegner hätte ausnützen können. Auch Bellavia meldete seine Absicht nicht seinem Zugskommandanten. Dadurch war auf Zugsebene ein unklares Lagebild vorhanden.

F: Laufende Lagemeldungen (aber auch Lageinformationen) sind ein wichtiges Mittel zur Steigerung des Informationsflusses. Natürlich wird im Feuergefecht zuerst der Feuerkampf aufgenommen und dann erst die Lagemeldung abgegeben. Diese darf aber nicht zu spät erfolgen, um nicht ein Informations- und dadurch Zeitdefizit hervorzurufen.

Kampfführung des Gegners

A: Die Kampfführung des Gegners in diesem Beispiel war darauf ausgelegt, die Vorteile des Angreifers zu minimieren, indem das Gefecht in die Gebäude verlegt wurde, wodurch sich die Kampfentfernung reduzierte. Der Gegner verwendete auch provisorische und unerwartete Mittel zum Stellungsbau und zur Beobachtung.

B: Durch die minimale Kampfentfernung konnten die angreifenden Marines nicht ihren Vorteil der massiven Kampfunterstützung ausspielen, sondern mussten häufig in den Nahkampf übergehen. Die Verwendung von Betonbarrieren aus dem Straßenbau erwies sich hier als geeignetes Mittel zum Stellungsbau. Das Ankleben von Spiegelteilen an der Wand, um in sichttote Räume beobachten zu können, war ein Vorteil für den Gegner. Beides waren augenscheinlich Lehren, die die Insurgenten aus früheren Aktionen gezogen hatten.

F: Der Angreifer darf nicht darauf vertrauen, dass er seine Kampfunterstützungsmittel immer einsetzen kann. Er kann nicht einfach eine ganze Stadt in Schutt und Asche legen, um nicht in den Nahkampf treten zu müssen. Dementsprechend muss der Kampf auf nahe und nächste Entfernung geübt werden. Außerdem darf nie übersehen werden, dass jeder potenzielle Gegner ein denkender Mensch ist und entsprechend lernfähig ist. Gerade das Zusammenwirken der Gegner in dieser Stellung mit den provisorischen Beob­achungsmitteln zeigt, dass auch ein irregulärer Gegner ein Führungsverfahren durchführt. Dem kann man nur durch Innovationen und Einfallsreichtum entgegentreten. Immer nach dem gleichen Schema vorzugehen, kann früher oder später zu höheren Verlusten und damit zur Niederlage führen.

Einsatz von Kampfmitteln

A: Beim ersten Angriff auf das Gebäude wollte ein US-Soldat die Verteidiger mit einer Handgranate vernichten. Dieser Vorschlag wurde aufgrund der unklaren Feindlage verworfen, da die Soldaten fürchteten, die Insurgenten könnten die Handgranate zurückwerfen. Wenig später entschied sich Bellavia gegen den Einsatz eines Irritationswurfkörpers zur Desorientierung des Gegners, da er befürchtete, nicht genau zu treffen und dadurch seinen eigenen Zug zu gefährden.

B: Wie sich in weiterer Folge herausstellte, widerstanden die Mauern in diesem Gebäude der Sprengkraft von Handgranaten. Sie wären ein probates Mittel gewesen, um den Gegner auszuschalten oder zu blenden. Es scheint aber, dass die US-Soldaten von der eigenen Fähigkeit, Handgranaten einzusetzen, nicht überzeugt waren.

F: Handgranaten in den unterschiedlichsten Varianten sind im Kampf im urbanen Umfeld ein gutes Mittel, um gegen den Gegner vorzugehen. Natürlich ist dabei immer eine mögliche Eigengefährdung zu berücksichtigen. Diese darf aber nicht durch mangelndes Können hervorgerufen werden. Dementsprechend ist der Handgranateneinsatz auszubilden und in jeder Gefechtslage zu üben.

Der Zustand der eigenen Waffe

A: Während des Angriffes wusste Bellavia plötzlich nicht mehr, wie viel Munition er noch an der Waffe bzw. wie viele volle Magazine er noch hatte. Des Weiteren vermischte er seine leeren mit seinen restlichen vollen Magazinen in der Magazinstasche.

B: In jeder Situation ist es ungünstig, wenn ein Soldat einen erzwungenen Magazinswechsel durchführen muss, da dies einen Schwächemoment darstellt. Weiters kann der Nachladevorgang nur dann wirklich schnell durchgeführt werden, wenn klar ist, wo am Soldaten sich die vollen Magazine befinden. Dies war hier nicht der Fall. Man kann allerdings leere Magazine nicht einfach wegwerfen, da diese wieder gebraucht werden könnten.

F: In der Ausbildung muss stets auf die Wichtigkeit des Überblickes über die eigene Ausrüstung, vor allem die Munition und Kampfmittel, hingewiesen werden. Nur dann können diese auch rasch zum Einsatz gebracht werden. Zusätzlich müssen gerade Nachladetätigkeiten drillmässig eingeübt werden, um im Stress gut zu funktionieren.

Initiative und Überraschung als Mittel zum Erfolg

A: Bellavia überraschte den Gegner immer wieder damit, dass er alleine und aggressiv vorging und sich dabei auch in den Feuerbereich des Gegners hinein bewegte.

B: Die gezeigte Initiative Bellavias brachte den Gegner oft in die Defensive, was zu einem psychologischen Vorteil für Bellavia führte. Die Dunkelheit (es war Nacht) und die Tatsache, dass der Gegner über keine Nachtsichtmittel verfügte, waren Gründe, warum Bellavia diesen überraschen konnte. Der Nahkampf im Obergeschoss verdeutlicht, dass das Zögern zu einem gravierenden Nachteil gegenüber dem Gegner führen kann.

F: Schon in der Ausbildung ist bis zur untersten Ebene hin lageangepasst der Führungsgrundsatz "Initiative" auszubilden. Nur durch ihre Anwendung haben Soldaten und vor allem Kommandanten Aussicht darauf, den Gegner zu überraschen. Einzig durch diese Überraschung hat man gute Aussichten auf den eigenen Gefechtserfolg. Daher ist der Führungsgrundsatz "Initiative" speziell in der Kommandantenausbildung aller Ebenen zu fördern. Wenn man Chancen zur Initiative und Überraschung nicht nutzt, wird man in die Defensive und damit zum Reagieren gezwungen.

Gerade für den Infanteristen kann der Nahkampf nie ausgeschlossen werden. Auf einem so beengten Gefechtsfeld wie dem urbanen Umfeld, besonders in den einzelnen Gebäuden, kommt es zu Situationen, in denen der Nahkampf Mann gegen Mann, unter Anwendung aller erdenklichen Waffen und waffenähnlichen Mittel, erfolgen muss. Dies erfordert Mut, Initiative, Fähigkeit und den unbedingten Willen zum Erfolg.

Feldverwendbarkeit des Gerätes

A: Bellavia verfügte über ein Nachtsichtgerät und eine entsprechende Visiereinrichtung an seiner Waffe. Während des Gefechtes im Gebäude fiel sein Nachtsichtgerät immer wieder aus, wodurch er zeitweise ebenso wenig wie der Gegner sehen konnte. Wenn es allerdings funktionierte, hatte er einen immensen Vorteil.

B: In einem Gefecht bei Dunkelheit hat derjenige größere Aussichten auf Erfolg, der besser sehen und treffen kann. Daher sind Nachtsichtmittel unbedingt beim Kampf im urbanen Umfeld lageangepasst zu verwenden. Dazu müssen sie allerdings auch feldverwendbar bleiben.

F: Die Ausstattung mit Nachtsichtmitteln und Visierhilfen für jeden Infanteristen ist voranzutreiben, um die Infanterie nicht nur nachtmarsch-, sondern auch nachtkampffähig zu machen. Damit geht ein erhöhtes Maß an Materialerhaltung einher, auf die konsequent, auch während Belastungsphasen, zu achten ist. Darauf ist schon in der Ausbildung Bedacht zu nehmen.

Wirkung von Munition und Kampfmitteln

A: Während des Gefechtes zeigte sich, dass der Gegner trotz mehrfacher Verwundung durch Sturmgewehrmunition des Kalibers 5,56 mm bzw. Handgranaten oft weiterhin kampffähig war.

B: Die Wirkung von Munition und Kampfmitteln auf den menschlichen Körper wird aufgrund von Spielfilmen à la Hollywood überschätzt. Die Kampfunfähigkeit tritt oft erst später als erwartet ein. Außerdem ist bekannt, dass sowohl Soldaten als auch Insurgenten häufig auf Drogen oder drogenähnliche Mittel zurückgreifen, um die Belastungs- und Ermüdungserscheinungen zu minimieren und um sich aufzuputschen. Zusammen mit körpereigenen Botenstoffen wie Adrenalin und Endorphin, die in solchen Situationen ausgeschüttet werden, werden (auch schwere) Verwundungen oft erst spät wahrgenommen.

F: Die Ziel- und Trefferbeobachtung während und nach jedem Schusswechsel ist in jeder Gefechtsausbildung zu berücksichtigen. Nur dann hat man einigermaßen genaue Informationen über den Gegner. Die Wirkung (oder Unwirksamkeit) von Munition und Kampfmitteln ist immer wieder hervorzuheben, nach Möglichkeit auch anhand von Demonstrationen. Im Gefecht (und in der Ausbildung) muss auf die Überprüfung des bekämpften Gegners Wert gelegt werden.

Auf einen Blick

Weil eben dieses Gefechtsbeispiel einen Fall darstellt, der keinen üblichen Übungsszenarien entspricht, nicht ausgebildet oder geplant werden kann, konnten daraus doch interessante und lehrreiche Aspekte herausgefiltert werden. Bei der Beurteilung wird ersichtlich, dass man immer wieder zurück zu den Grundlagen geführt wird.

Das Gefechtsbeispiel zeigt auch die immensen physischen und psychischen Belastungen, denen ein Soldat im Gefecht ausgesetzt ist. Diese beschränken sich natürlich nicht nur auf das urbane Umfeld.

Nur mit gründlicher Ausbildung, Ausstattung und dem unbedingten Willen zum Erfolg auf allen Ebenen können derartige Herausforderungen gemeistert werden. Die qualitativ hochwertige Ausbildung und Ausstattung ist durch die verantwortlichen Kommandanten, speziell der oberen Führungsebene, sicherzustellen, den Willen zum Erfolg muss sich jeder Soldat selbst aneignen. Dazu kann mit Vorbildwirkung beigetragen werden. Soldaten müssen zur Eigenständigkeit und Initiative erzogen werden. Dies bedeutet, die Kreativität und Experimentierfreude der Soldaten so wenig wie möglich einzuschränken. Da dies oft zu vermeidbaren Fehlern führen kann, müssen diese durch die übergeordneten Kommandanten toleriert werden - in der heutigen Zeit eine Herausforderung.


Autor: Hauptmann Mag.(FH) Johannes Url, Jahrgang 1980. 2001 bis 2005 Militärakademie Wiener Neustadt, Jahrgang O’Donell, Waffengattung Jäger. 2005 bis 2010 Jägerbataillon 24(HGeb), davon 2007 bis 2010 stellvertretender Kompaniekommandant 1. Jägerkompanie (Ka­­der­präsenzeinheit)/JgB24(HGeb). Auslandseinsätze AUTCON 2/ORF und AUTCON 20/KFOR. Von 2010 bis Februar 2013 Lehroffizier Jäger & Ortskampf am Institut Jäger, Heerestruppenschule. Seit Februar 2013 Lehroffizier Jäger in der Offiziersausbildung am Institut Jäger, Heerestruppenschule.

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