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Doing more with less

Seit 2009 sind Artillerie und Aufklärung im Österreichischen Bundesheer organisatorisch in einem Verband zusammengeschlossen. Das Aufklärungs- und Artilleriebataillon ist als Verbund von Führung, Aufklärung und Wirkung ein wesentlicher Träger der militärischen Nachrichtengewinnung und weitreichenden Feuerunterstützung im Kampf der verbundenen Waffen. Einige innovative Ansätze zeigen Möglichkeiten, den Verbandstyp Aufklärungs- und Artilleriebataillon (AAB) trotz sinkender Ressourcenlage zukunftsorientiert und nutzbringend weiterzuentwickeln.

Die Änderung des geostrategischen Umfelds innerhalb der letzten zwei Jahrzehnte sowie die gegenwärtigen und zukünftigen Erscheinungsformen des modernen Gefechtsfeldes mit verschiedensten staatlichen und nichtstaatlichen Akteuren stellen große Herausforderungen für viele Armeen, insbesondere in der westlichen Welt, dar. Trotz drastischer Einschnitte in den Wehrbudgets der letzten Jahre müssen der Auf- und Ausbau effektiver militärischer Kapazitäten für das Österreichische Bundesheer die Voraussetzung zur Erfüllung zukünftiger sicherheitspolitischer Aufgaben bilden und essenziell für eine wirksame und glaubwürdige Außen- und Sicherheitspolitik sein.

Zunächst sind einige Vorbemerkungen und Grundlagen zur taktischer Erdaufklärung und indirekten weitreichenden Feuerunterstützung notwendig.

Grundsätze und Grundlagen der militärischen Nachrich- tengewinnung (milNaGew) und der taktischen Erdaufklärung

  • Informationsüberlegenheit ist in allen militärischen Einsätzen ein wesentliches Kriterium für eine erfolgreiche Einsatzführung.
  • Lücken in der Informationsgewinnung haben unmittelbare nachteilige Auswirkungen auf die Qualität jeder Führungsmaßnahme und somit auch auf die Wirksamkeit und Sicherheit der eingesetzten Soldaten.
  • Der Kampf um Informationen ist daher in der Planung und in der Führung militärischer Einsätze entscheidend.

In der derzeitigen Friedensstruktur der Aufklärungs- und Artilleriebataillone beschränkt sich die milNaGew für die taktische und gefechtstechnische Führungsebene lediglich auf bodengebundene Spähaufklärungskräfte.

Aus internationalen Einsätzen wissen wir, dass eine wirksame Aufklärung die Integration und den Einsatz unterschiedlichster Mittel und Sensoren mit Auswerteeinrichtungen zur Informationsbearbeitung und Verteilung erfordert. Speziell auf taktischer Ebene ist es wichtig, die Informationsgewinnung durch die Aufbietung möglichst verschiedenartiger Mittel zu bewerkstelligen.

Jedes Aufklärungsmittel ist für ein spezifisches Einsatzspektrum ausgelegt und hat daher seine entsprechenden Stärken und Schwächen. Nur durch eine ausgewogene Mischung dieser Mittel kann eine zufriedenstellende Abdeckung gewährleistet werden. Das Zusammenwirken von technischen Aufklärungsmitteln mit Kräften, die Aufklärungsergebnisse aufgrund menschlicher Befragung bzw. Beobachtung bringen können, ist entscheidend. Dieser Aspekt erhält vor allem in asymmetrischen Konfliktszenarien besondere Bedeutung.

Es ist mittlerweile internationaler Standard, die Informationsgewinnung auf Ebene der taktischen Erdaufklärung in einem "Sensormix" zu betreiben, der zumindest Folgendes beinhalten muss:

  • bodengebundene Spähaufklärung,
  • Gefechtsfeldradaraufklärung,
  • bodengestützte abbildende Luftaufklärung (Unmanned Aerial Vehicle),
  • Nachrichtengewinnung durch Field Human Intelligence-(FHUMINT-)Kräfte
  • verknüpft mit einer
  • Auswertezelle zur Auftragssteuerung, Lagebilderstellung und Verteilung.

Möglichkeiten zur Weiterentwicklung der taktischen Erdaufklärung im AAB

  • Auf- und Ausbau von Auswertekapazitäten/-zellen (Lehrgangsangebot bei Heerestruppenschule bereits vorhanden);
  • Aufstellung von FHUMINT-Zügen (zurzeit nur bei der Auslandsein- satzbasis vorhanden);
  • Erweiterung des Einsatzspektrums der bodengebundenen Spähaufklärung durch die Ausbildung spezifischer Einsatztechniken/FHUMINT-Teams und die rasche Implementierung geschützter Mehrzweckfahrzeuge (GMF) der Firma Iveco (zum Schutz gegen Waffenwirkung);
  • Fähigkeitsaufbau für den Einsatz bodengestützter Luftaufklärung (Anschaffung von Unmanned Aerial Systems/UAS für die Aufklärungstruppe bereits im Laufen);
  • Fähigkeitserhalt für den Einsatz von Gefechtsfeldradaraufklärung (ein Sensor derzeit noch vorhanden).

Grundsätze und Grundlagen indirekter weitreichender Feuerunterstützung

  • Die Artillerie ist als Kampfunterstützungstruppe ein wesentlicher Träger der weitreichenden Feuerunterstützung im Verbund von Aufklärung, Führung und Wirkung.
  • Von Wetter und Tageszeit unabhängig, können Hochwertziele des Gegners durch die eigene Artillerie jederzeit frühzeitig bekämpft und somit dessen geplante Absicht und Einsatzführung von vornherein indirekt beeinflusst werden.
  • Durch die Fähigkeit der präzisen Abstandswirkung leistet die Artillerie einen großen Beitrag zum Schutz der eigenen Soldaten und trägt somit zur Vermeidung verlustreicher Duellsituationen und Kollateralschäden bei.
  • In Einsätzen, wo vorrangig nicht mit Kampf zu rechnen ist (Peace Support Operations), unterstützen artilleristische Organisationselemente bedarfsorientiert in Zweitrollenfunktionen.

Obwohl die Aufklärungs- und Artilleriebataillone mit der Panzerhaubitze M-109A5Ö über ein hochmodernes und international anerkanntes Geschütz verfügen und mit der Ablöse des Elektronischen Artilleriefeuerleitsystems (EAFLS) durch das Führungs- und Waffeneinsatzsystem (FüWES) "Combat Next Generation" eine weitere deutliche Qualitätssteigerung bevorsteht, ist für den Bereich Munitionsausstattung ein dringender Nachholbedarf geboten. Um in zukünftigen, modernen und komplexen Szenarien die Kampftruppe in ihrer Einsatzführung auch weiterhin optimal unterstützen zu können, ist der Einsatz von halbintelligenten und intelligenten Munitionssorten zwingend erforderlich und letztendlich auch kostengünstiger.

Der Einsatz von halbintelligenter- bzw. intelligenter Munition im Gegensatz zu konventionellen Munitionssorten bei gleicher Wirkung bedeutet unter anderem

  • 30 bis 90 Prozent weniger Granaten,
  • 75 bis 85 Prozent weniger Geschütze,
  • 40 bis 60 Prozent reduzierter Kostenaufwand und
  • deutlich geringeres Risiko für Kollateralschäden.

Möglichkeiten zur Weiterentwicklung indirekter weitreichender Feuerunterstützung im AAB

Eine Änderung der Munitionsausstattung in Richtung Präzisionsmunition ergibt folgende Vorteile:

  • Ein Geschützzug, ausgestattet mit Präzisionsmunition, ist in der Lage, eine bis eineinhalb Panzerhaubitzbatterien zu ersetzen. Daher ist eine Reduktion der Geschütze von 16 auf acht Panzerhaubitzen M-109A5Ö je AAB möglich, was ein deutliches Einsparungspotenzial für den Bereich der Logistik nach sich zieht.
  • Der Fähigkeitenaufbau für die Aufklärungs-/Beobachterorganisation zur Unterstützung der Kampftruppe soll mittels Joint Fires (erste Grundlagen im Bereich der Heerestruppenschule/HTS und Flieger- und Fliegerabwehrschule/FlFlATS bereits vorhanden) gewährleistet sein.
  • Eine zielorientierte Ausbildung artilleristischer Organisationselemente (vor allem im Feuerstellungsraum) zur Unterstützung im Rahmen von nicht-kinetischen Einsätzen in definierten Zweitrollen, wie: Tactical PsyOps Team (TPT), Tactical Camera Team (TCT), Civil Military Co-operation (CIMIC), Liaison Observation Team (LOT), Liaison Monitoring Team (LMT).

Wesen des Aufklärungs- und Artillerieverbandes

Die Vielschichtigkeit des AAB lässt sich an den Aufgaben ableiten:

  • Das Aufklärungs- und Artilleriebataillon ist ein kleiner Verband, der grundsätzlich ein organisatorischer Teil einer Brigade ist und von dieser eingesetzt und geführt wird.

  • Die Aufgabe des AAB ist es, Kampftruppen und deren führende Kommanden in nationalen und internationalen Einsätzen sowohl im Rahmen des Kampfes der verbundenen Waffen als auch in Einsätzen, wo vorrangig nicht mit Kampf zu rechnen ist, zu unterstützen.

  • Als Aufklärungs- und Wirkungsverband ist das AAB in der Lage, sowohl taktische Erdaufklärung als auch artilleristische Feuerunterstützung für Kampftruppenverbände zu leisten.

  • Die Führungsorganisation eines AABs ist befähigt, in der Umsetzung des taktischen Führungsprozesses wesentliche Teilschritte des Intelligence-(INTEL-)Cycles mit Teilschritten des Targeting-(TGT-)Cycles synergetisch zu verknüpfen. Dadurch verbessert sich nicht nur die Planung und Führung der Aufklärungsmittel, sondern es werden vor allem Sensoren und Effektoren so verlinkt, dass ihre gemeinsame Kampfkraft und Effektivität ein Mehrfaches höher ist als lediglich die einfache Summe ihrer Teilfähigkeiten.

Ableitungen für das AAB

Bezogen auf die strategische Grundausrichtung des zukünftigen Streitkräfte-(SK-)Profils F2 "gesteigerte Kooperation" ergeben sich einige Ableitungen für das AAB. Generell ist das AAB in der Lage, neun von insgesamt 18 militärstrategischen Aufgabenstellungen der Profilvariante F2 zu unterstützen, was sowohl die Bereitstellung von Lagebildbeiträgen als auch die kinetische und nichtkinetische Kampfunterstützung betrifft. Im Konkreten sind hier die Unterstützung einer bataillonsstarken Kampfgruppe im Rahmen einer Stabilisierungsoperation und ein robuster Einsatz zur Trennung von Streitparteien im Rahmen einer EU-Battle Group (EUBG) untersucht.

In der Informationszeitschrift "Exempla Docent" (Ausgabe 2/2012) der Heerestruppenschule wurde ein Beitrag veröffentlicht, in dem ein stellvertretender Bataillonskommandant der Bundeswehr seine gewonnenen Erfahrungen mit einem Gefechtsverband in Nordafghanistan bei einem friedensunterstützenden Einsatz beschreibt und die in diesem Artikel getroffenen Aussagen bestätigt.

Stabilisierungsoperationen und das Trennen von Streitparteien zählen für eine österreichische Bataillonskampfgruppe zu den anspruchsvollsten auslandsorientierten militärischen Einsätzen. Welche Aufgaben sich dabei für die Kampftruppe im Detail ergeben und welche Anforderungen daher an eine Aufklärungs- und Artillerieeinheit gestellt werden, soll nachstehend kurz erörtert werden.

Stabilisierungsoperation

Die Aufgaben einer bataillonsstarken Kampfgruppe (Infanteriebataillon, InfB) in einer Stabilisierungsoperation (Verantwortungsgebiet: 40 mal 50 Kilometer, mittleres Bedrohungsspektrum) sind:

  • Schutz der Bevölkerung sowie von Internationalen Organisationen (IOs) und Nichtregierungsorganisationen (NGOs);
  • Schutz von Räumen, Objekten und Verbindungslinien;
  • Demonstration militärischer Stärke zur Abschreckung irregulärer Aktivitäten;
  • Entwaffnung irregulärer Kräfte;
  • Verteidigung von Flüchtlingslagern;
  • Angriff gegen unterlegene infanteristische, irreguläre Kräfte.

Trennung von Konfliktparteien

Die Aufgaben einer bataillonsstarken Kampfgruppe (PzGrenB) zur Trennung von Konfliktparteien (Angriff über 20 Kilometer, Inbesitznahme eines Angriffszieles: zwei mal zwei Kilometer) sind:

  • Angriff gegen einen konventionellen Gegner zum Trennen der Konfliktparteien und zur Inbesitznahme einer Demilitarized Zone (DMZ);
  • Abriegelung von Geländeteilen zur Verhinderung des Wiedereintrittes in die DMZ;
  • Verzögerung gegen einen im konventionellen Kampf überlegenen Gegner;
  • Angriff gegen infanteristische, irreguläre Kräfte;
  • Verteidigung von militärischen Einrichtungen;
  • Schutz von Räumen und Objekten.

Aufklärungs- und Artillerieeinheit (AAE)

Die Anforderungen an eine Aufklärungs- und Artillerieeinheit zur Unterstützung einer Bataillonskampfgruppe in einer Stabilisierungsoperation bzw. zur Trennung von Konfliktparteien sind:

  • Beitrag zum Führungsprozess des vorgesetzten Kommandos durch das AAE-Führungselement, insbesondere was die Umsetzung des INTEL- und TGT-Cycles betrifft;
  • Weiträumige Aufklärung des Einsatzraumes mit allen zur Verfügung stehenden Teilfähigkeiten taktischer Erdaufklärung zur Sicherstellung eines möglichst zutreffenden und aktuellen Lagebildes;
  • Sicherstellung von "actual intelligence" zur Unterstützung sämtlicher Bewegungen sowie von Schutz- und Überwachungsaufträgen;
  • glaubhafte "Show of Force" durch gezielte Demonstration der verfügbaren kinetischen Wirkmittel, einschließlich Übungstätigkeit und scharfer Schuss;
  • generelle Unterstützung der Kampfgruppe durch Lage-, Ziel- und Wirkungsaufklärung und weitreichende Feuerunterstützung sowohl in der Vorbereitung als auch in der Durchführung von Angriffen, Verteidigung, Verzögerung und Schutz.

Auf einen Blick

Die Erscheinungsformen des modernen Gefechtsfeldes sind vielschichtig und erfordern einen umfassenden Zugang und multiplen Einsatz von zivilen und militärischen Kapazitäten. Gerade in Anbetracht schwindender finanzieller Ressourcen ist das Aufklärungs- und Artilleriebataillon bestens geeignet, um ganz im Sinne von Aufklärung, Führung und Wirkung das breite Spektrum zukünftiger militärischer Einsätze zu unterstützen. Vieles an notwendiger und Leistung steigernder Weiterentwicklung kann bereits jetzt und mit geringem finanziellem Aufwand umgesetzt werden: Steigerung der Auswerte- und Analysefähigkeit sowie Implementierung von FHUMINT-Zügen bei den AABs, Aufbau von nichtkinetischen Zweitrollenfähigkeiten (TPT, TCT, CIMIC) für bis dato ausschließlich kinetisch definierte artilleristische Organisationselemente. Zusätzlich werden mit einer Änderung der Munitionsausstattung in Richtung Präzisionsmunition nicht nur eine höhere Treffergenauigkeit und Wirkung erzielt, sondern auch ein höheres Durchsetzungsvermögen gegenüber Konfliktparteien und ein gesteigertes Selbstvertrauen den eigenen Soldaten gegenüber geschaffen.


Autor: Oberstleutnant Franz Kraßnitzer. Jahrgang 1970. Absolvent des 8. Führungslehrganges 2/Artillerie/Landesverteidigungsakademie, 1. Führungslehrganges 2/Aufkl inklusive Auswertelehrgang/Heeresaufklärungsschule/Munster/Deutschland, 2. Field Humint Team Course/Auslandseinsatzbasis/Götzendorf, Joint Tactical Targeting Course/Royal Artillery School/Larkhill/Großbritannien, 9. Führungslehrgang 3/Landesverteidigungsakademie. 2008 bis 2011 Leiter Institut Aufklärung/Heerestruppenschule, seit Jänner 2012 Kommandant des Aufklärungs- und Artilleriebataillons 7. Bataillonskommandant eines multinationalen Aufklärungs&Artillerieverbandes bei der EURAD 2013.

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