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CAPRICORN 2013 Ein Härtetest für die österreichische Gebirgstruppe

Vom 11. bis 22. Februar fand in den Tuxer Alpen mit etwa 2 100 Soldaten die zweitgrößte Übung des Bundesheeres im Jahr 2013 statt. Soldaten der 6. Jägerbrigade übten im Verbund mit Unterstützungskräften aus dem gesamten Bereich der Streitkräfte gemeinsam mit deutschen Gebirgsjägern.

Das Übungskonzept der 6. Jägerbrigade

Im Zentrum der Ambitionen des Österreichischen Bundesheeres stehen leistungsfähige kleine Verbände mit der Befähigung zum Kampf der verbundenen Waffen in allen Einsatzarten. Die Ausbildung und Übungstätigkeit der Streitkräfte soll mit Schwergewicht auf die Erfüllung von Aufgaben im urbanen Gelände und im Gebirge ausgerichtet werden. Dabei zählen spezialisierte Hochgebirgsverbände zum Kern des zukünftigen Bundesheeres. Darüber hinaus wird Österreich in der Europäischen Union die Federführung im Segment Gebirgsausbildung übernehmen ("Pooling & Sharing [P&S] Mountain Training Initiative"). Die Vorgaben und Rahmenbedingungen für die Übungstätigkeit der Gebirgstruppe sind daher als sehr positiv zu bewerten.

Gebirgstruppen verfügen über eine herausragende körperliche Leistungsfähigkeit und Durchhaltefähigkeit unter widrigen äußeren Umständen. Aufgrund ihrer besonderen Prägung sind sie zur selbstständigen Aufgabenerfüllung und raschen Reaktion auf Lageänderungen sowie zur Organisation des Kampfes der verbundenen Waffen auf den unteren Führungsebenen befähigt. Vorausschauendes Führungsverhalten und Fürsorge sind unter den harschen Bedingungen des Gebirges zwingend erforderlich, was zur Prägung eines besonderen Korpsgeistes führt. Diese Eigenschaften machen die Gebirgstruppe für Einsätze im zukünftigen Aufgabenspektrum von Streitkräften, speziell gegen asymmetrisch operierende Opponenten, besonders wertvoll. Diese idealtypischen Ansprüche müssen allerdings auch in der Übungspraxis eingefordert werden. In der 6. Jägerbrigade wird daher ein sehr robustes Übungsprogramm verfolgt, in dem die Beherrschung klassischer Einsatzarten im Zentrum steht und auch Gefechtstechniken des Jagdkampfes nicht in Vergessenheit geraten sollen. Hierzu wurde die Rahmenlage "HIGHLAND" von der Lage "MAINLAND" abgeleitet, an die Bedingungen des Gebirges angepasst und in Lagefortsetzungen mit hohem Eskalationspotenzial weiterentwickelt.

Jährlich wird in der gesamten Brigade eine Einsatzart konzentriert bearbeitet. Dabei wird die Lage mittels Planübungen und am Führungssimulator "angespielt", in der Folge durch Geländebesprechungen und sonstige Kaderfortbildungen vertieft und mit den zur Verfügung stehenden Vollkontingenten aufgearbeitet. Abschließend wird das Beherrschen der jeweiligen Einsatzart in der Übungsserie CAPRICORN überprüft. In diesen Abschlussübungen soll sich die Realität aktueller und zukünftiger Konfliktszenarien widerspiegeln. Militärische Kräfte müssen in Teilen des Einsatzraumes Basistechniken der Einsatzart Schutz zur Anwendung bringen, humanitäre Hilfe leisten und am Wiederaufbau funktionierender staatlicher Strukturen mitwirken. Gleichzeitig können in anderen Abschnitten des Einsatzraumes gewalttätige Auseinandersetzungen schlagartig aufflammen. Dann müssen unsere Einheiten dazu befähigt sein, irreguläre Kräfte durch die konsequente Anwendung robuster Einsatzarten im Kampf der verbundenen Waffen zu neutralisieren.

Wesentlich zur Sicherung des Lern­ertrages sind eine intensive Dienst- und Fachaufsicht sowie eine sorgfältige Auswertung im Lessons-Learned-Prozess der Streitkräfte.

Übungsraum und Witterungsbedingungen

Der Truppenübungsplatz Wattener Lizum bietet mit dem Hochtal rund um das Lager Lizum und der Nebenbewegungslinie Mölstal optimale Voraussetzungen für den Einsatz von Hochgebirgsverbänden. Zusätzlich wurde das Navistal für die Bereitstellung und den Angriff der Kampfgruppe "Rot" (verstärktes Jägerbataillon 26) genutzt. Der überwiegende Teil des Übungsgeländes liegt oberhalb der Baumgrenze, verfügt besonders im Winter über eine eher karge Infrastruktur und bietet nur eingeschränkte Möglichkeiten hinsichtlich der Raumordnung. Die Übungsteilnehmer wurden nicht nur durch die Geländebeschaffenheit gefordert, sondern auch durch die Witterungsbedingungen des Hochwinters. Schneefälle und eingeschränkte Sichtbedingungen wechselten mit Schönwetterphasen. Die Außentemperaturen erreichten unter Berücksichtigung des "Windchill-Faktors" bis zu minus 34° Celsius.

Gelände und Wetter zwangen die Übungstruppe zu einer ständigen Beurteilung der Gebirgslage auf allen Führungsebenen, einer vorausschauenden taktischen und logistischen Planung, einer intensiven Aufbereitung des Übungsraumes in der Vorbereitungswoche und zur initiativen Nutzung aller Transportmittel, die der Gebirgstruppe zur Verfügung stehen. Durch die harschen äußeren Bedingungen ist die CAPRICORN 2013 als besonders "einsatznahe" Übung zu bewerten.

Gliederung und Auftrag der Übungstruppen

Das Jägerbataillon 23 (Hochgebirge) [JgB23(HGeb)] führte die Kampfgruppe "Blau". Eine deutsche Gebirgsjägerkompanie des Gebirgsjägerbataillons 233 aus Mittenwald, die Lehrkompanie des Stabsbataillons 6 mit dem Lehrgang Militärische Führung 1 sowie eine schwere Scharfschützengruppe des Jägerbataillons 24 verstärkten das JgB23(HGeb). Die Unterstellung von Kampfwertmultiplikatoren (eine Pionierkompanie des Pionierbataillons 2, ein Artillerieverbindungskommando des Aufklärungsartilleriebataillons 7, Elemente der Elektronischen Kampfführung des Führungsunterstützungsbataillons 2 und der Führungsunterstützungsschule, ein Tactical PsyOps-Team (TPT) der Auslands­einsatzbasis sowie eine gemischte deutsch-österreichische Tragtierstaffel) befähigte die Kampfgruppe "Blau" zum Kampf der verbundenen Waffen. Zusätzlich hatte das JgB23(HGeb) Milizsoldaten einberufen und Grundwehrdiener des Einrückungstermins Jänner 2013 für Wachaufgaben herangezogen.

Auftrag der Kampfgruppe "Blau" war der Schutz eines Flüchtlingslagers im Raum der Lizumer Hütte gegen Anschläge sowie die Verteidigung dieses Lagers gegen den Angriff einer bataillonsstarken Gruppierung irregulärer Kräfte. Diese irregulären Kräfte wurden als sehr gut gebirgsbeweglich und mit der Fähigkeit zur Koordinierung von Feuer und Bewegung im Angriff angenommen.

In der zweiten Übungsphase war es der Auftrag der Kampfgruppe "Blau", durch einen Gegenangriff und die Inbesitznahme des Mölsjoches irreguläre Kräfte im Mölstal einzuschließen und die Voraussetzung zur Neutralisierung dieser Gruppierung durch (fiktive) Reserven der Brigade zu schaffen.

Dieser Auftrag verlangte

  • ein gesichertes Einfließen in den hochalpinen Einsatzraum durch vorgestaffelte Kräfte,
  • die nachhaltige Verteidigung im Vorderen Rand der Verteidigung (VRV) auf 2 400 bis 2 600 Meter Seehöhe über mehrere Tage,
  • die Überwachung der Flanken zum Mölstal und zum Zillertal,
  • das Bereithalten hochbeweglicher Reserven und
  • nachhaltige Schutzmaßnahmen in der Tiefe.

Das Jägerbataillon 26 (Hochgebirge) führte die Kampfgruppe "Rot". Verstärkungen erfolgten durch eine Gebirgsjägerkompanie des Gebirgsjägerbataillons 233, einen Aufklärungszug des Jägerbataillons 25 sowie einen Jägerzug des Gebirgskampfzentrums Saalfelden. Die Fähigkeiten zum Kampf der verbundenen Waffen wurden durch die Unterstellung eines Pionierzuges und eines Kampfmittelabwehrelementes des Pionierbataillons 2, eines Fliegerabwehrzuges "Mistral" des Fliegerabwehrbataillons 2, einer gemischten deutsch-österreichischen Tragtierstaffel sowie eines Einsatzkamerateams der Auslandseinsatzbasis erhöht.

Auftrag der Kampfgruppe "Rot" war es, im Rahmen einer (fiktiven) Luftlandebrigade einen Vorausangriff zur Bindung bataillonsstarker irregulärer gegnerischer Kräfte im Raum der Wattener Lizum/Klammjoch durchzuführen. Hierzu sollte zunächst das Angriffsziel Mölsjoch in Besitz genommen werden. In einer zweiten Phase galt es, das Mölsjoch zu halten und einen Angriff zur Neutralisierung eines Hochwertzieles (Munitionsdepot mit Fliegerabwehrlenkwaffen) am Mölser Hochleger zu führen.

Dieser Auftrag verlangte

  • eine vorgestaffelte, breit angesetzte Aufklärung im schwierigsten Gelände,
  • den Ansatz von Teilkräften zur Täuschung und Bindung des Gegners,
  • die Ausschaltung gegnerischer Sicherungskräfte und die handstreichartige Inbesitznahme eines hochalpinen Überganges auf ca. 2 400 Meter (1 000 Höhenmeter über dem Verfügungsraum gelegen),
  • das Halten dieses Gebirgsüberganges gegen Gegenangriffe über mehrere Tage unter schwierigen Witterungsbedingungen sowie
  • die Weiterführung des Angriffes bei Nacht gegen das Angriffsziel.

Die Luftstreitkräfte unterstützten mit Priorität bei der Kampfgruppe "Blau" mit insgesamt zwölf Hubschraubern in den Bereichen Aufklärung, Transport, Sanitätsversorgung, Verbindung und Nahunterstützung. Das Führungsunterstützungsbataillon 2 stellte die Einrichtung und den stabilen Betrieb redundanter Verbindungen unter den schwierigen Rahmenbedingungen des extrem stark gegliederten Übungsgeländes sicher. Diesem Verband, der sich schon in der Vergangenheit als Partner der "Sechsten" wiederholt bewährt hat, wurde hierzu auch die Führungsunterstützungskompanie des Stabsbataillons 6 unterstellt. Das Stabsbataillon 6 versorgte aus der logistischen Basis im Inntal beide Übungsparteien.

Das Jägerbataillon 24 (Hochgebirge) stellte eine Roleplayer-Kompanie. Aufgabe dieser Kompanie war es unter anderem, im Raum des Mölser Hochlegers mit zugsstarken Kräften die Verteidigung eines Munitionsdepots darzustellen (Angriffsziel der Kampfgruppe "Rot" am dritten Übungstag). In anderen Bereichen wurden Roleplayer vor allem zur Überprüfung der Eigensicherung der Übungstruppe, der Reaktionsmuster bei Anfall von Verwundeten oder hinsichtlich der lageangepasst richtigen Anwendung der verfügten Regeln zur Gewaltanwendung eingesetzt.

Insgesamt konnte das Übungskonzept - auch mit Hilfe eines qualitativ hochwertig besetzten Schiedsrichterdienstes - umgesetzt und die Aufträge der Brigade durch die Übungsverbände erfüllt werden.

Logistik im Gebirgseinsatz

Einsätze müssen von der Logistik her geplant werden. Im Gebirge kommt dabei der Verfügbarkeit einer vielschichtigen Transportkette besondere Bedeutung zu. Hubschrauber, Seilbahnen, Sondertransportfahrzeuge und Tragtiere bilden gemeinsam mit herkömmlichen Fahrzeugen einen Verbund. Jedes dieser Transportmittel verfügt über spezifische Fähigkeiten, aber auch Einschränkungen. Besonders bei Wetterbedingungen, die einen Flugbetrieb nicht zulassen, müssen Alternativen verfügbar sein. Das Funktionieren dieses Transportverbundes sorgt für die erforderliche taktische Mobilität, die Schonung der Kampfkraft der Gebirgssoldaten und vor allem für eine rasche Sanitätsversorgung.

Obwohl sich die notwendigen Beschaffungen für die Sondertransportgruppen der Hochgebirgsverbände weiterhin in der Warteschleife befinden, konnte in der CAPRICORN 2013 die gesamte Transportkette aufgeboten werden. Quads und Schidoos wurden angemietet und zusätzlich Gerät des Truppenübungsplatzes in die Übung eingebunden. Die Deutsche Bundeswehr brachte Universalgeländefahr­zeuge Hägglunds Bv206 ein.

Das Pionierbataillon 2 mit seinen Fähigkeiten im Bereich Feldlagerbau, Wegebau, Wegeinstandsetzung und Schneeräumung sowie Transport (Seilbahn) erwies sich einmal mehr als unverzichtbarer Leistungserbringer für die Gebirgstruppe.

Bilaterale Kooperation

Beide in der Übung eingesetzten deutschen Gebirgsjägerkompanien überzeugten durch die Ernsthaftigkeit ihrer Vorbereitungen und die Professionalität in der Umsetzung der Gefechtsaufgaben. Die über viele Jahre gewachsene Kooperation mit der deutschen Gebirgsjägerbrigade 23 ist eine Erfolgsgeschichte. Auch die Gebirgsjägerbrigade 23 betreibt in ihrer Übungsserie EDELWEISS mit Nachdruck die erforderliche Profilschärfung. Der binationale Planungsprozess verläuft friktionsfrei. Einsatzerfahrungen beider Streitkräfte fließen in das Übungsgeschehen ein. Bestehende Fähigkeiten auf österreichischer Seite werden durch deutsche Sondertransportmittel Hägglunds und den 40-mm-Maschinengranatwerfer sinnvoll ergänzt. Deutschen und österreichischen Einheiten wird eine Übungsmöglichkeit in robusten Szenarien im idealtypischen Gelände geboten. Es besteht die Absicht, die binationale Kooperation in den Bereichen Gebirgsausbildung und Gebirgskampfausbildung noch weiter zu vertiefen.

Erkenntnisse und Folgerungen

Die CAPRICORN 2013 war mit Standardaufgaben der Gebirgsinfanterie in einem Normgelände unter schwierigen äußeren Bedingungen eine besonders "einsatznahe" Übung. Erkenntnisse sind teilweise auch über den Bereich der 6. Jägerbrigade hinaus gültig und sollten konsequent umgesetzt werden.

In der Taktik und Gefechtstechnik zählt die Fähigkeit zur Organisation einer standhaften und gleichzeitig beweglich geführten Verteidigung weiterhin zum unverzichtbaren Standardrepertoire der Infanterie. Diese Einsatzart sollte in Zukunft wieder vertieft aufgearbeitet werden. Die richtige Anlage und der fachgerechte Ausbau von Stellungen sowie die Abstimmung von Sperren und (schweren) Waffen müssen "von der Pike auf" erlernt werden. Die entsprechenden konkreten Bilder sollten dem Führungsnachwuchs auch an den Akademien und Schulen vermittelt werden.

In der Ausbildung der spezialisierten Infanterie sollte dem Einsatz kleiner, selbstständiger und hochbeweglicher Organisationselemente, beispielsweise zur handstreichartigen Inbesitznahme entscheidender Geländeteile, größere Aufmerksamkeit geschenkt werden. Einsatztechniken des Jagdkampfes, wie die Durchführung von Störaktionen, Überfällen und Hinterhalten, aber auch das Einsickern von Angriffsteilen unter Nutzung widriger äußerer Bedingungen haben sich als lohnende und fordernde Aufgabe für initiative Kommandanten erwiesen und dürfen nicht in Vergessenheit geraten.

Im Zuge des Angriffes der Kampfgruppe "Rot" konnten nicht alle Organisationselemente bis in das Angriffsziel folgen und mussten teilweise zum Schutz der Verbindungslinien zurückgelassen werden. Die körperliche Leistungsfähigkeit und die "Leidensfähigkeit" der Gebirgstruppe müssen weiter gesteigert werden. Die Körperausbildung muss auf die spezifischen Anforderungen des Einsatzes im Gebirge abgestimmt werden. Leben im Felde und Gefechtsmärsche mit schwerem Gepäck und Biwak bilden die unverzichtbare Basis für das Handeln unter schwierigen Bedingungen. Das Führungspersonal aller Ebenen muss über große physische und psychische Leistungsreserven verfügen. Eine bloße Erfüllung der körperlichen Mindestvoraussetzungen reicht für Soldaten der Gebirgstruppe nicht aus.

Gebirgsausbildung und Gebirgskampfausbildung bilden ein untrennbares Ganzes. Jede Handlung im Gebirge sollte im Rahmen einer einfachen, für den einzelnen Soldaten verständlichen Gefechtsaufgabe stattfinden. Dabei tritt der Heeresbergführer bzw. der Heeresbergführergehilfe nicht nur als gebirgstechnischer Berater, sondern auch als gefechtstechnischer Experte im schwierigen Gelände auf. In diesen einfachen Gefechtsausschnitten muss dem Einsatz von Duellsimulatoren ein noch höherer Stellenwert eingeräumt werden.

Zur Umsetzung dieser Absichten benötigen die Verbände u. a. ausreichende Geldmittel für eine verstärkte Übungstätigkeit, eine zumindest temporäre Entbindung von Nebenaufgaben und eine Entlastung im Bereich von aktuell erbrachten Unterstützungsleistungen, deren Ausbildungseffekt bestenfalls als gering einzustufen ist.

Der Kampf der verbundenen Waffen macht vor dem Gebirge nicht Halt. Organisationselemente der Kampfunterstützung, Einsatzunterstützung und Führungsunterstützung müssen der Truppe in das schwierigste Gelände folgen können, um ihre volle Wirkung zu entfalten. Nur so wird die erforderliche eigene Überlegenheit erzielt, der Einsatzauftrag erfüllt und die eigene Truppe ausreichend geschützt. Kampfwertmultiplikatoren, die in der spezialisierten Infanterie nicht abgebildet sind, können in Einsätzen mit kurzer Vorlaufzeit nur eingeschränkt zur Aufgabenerfüllung unter schwierigsten Bedingungen befähigt werden. Elemente, die im Anlassfall nach dem "Force Provider-Prinzip" zugeführt werden sollen, müssen daher frühzeitig definiert und langfristig mit der Übungstätigkeit der Gebirgstruppe gekoppelt werden. Die erforderliche Gebirgsausrüstung muss bei diesen designierten Unterstützungskräften immer verfügbar sein.

Das logistische System der Brigade wurde besonders im Bereich der realen Sanitätsversorgung einer harten Prüfung unterzogen und hat sich insgesamt bewährt. Dennoch kann vor allem das Transportmanagement noch weiter verbessert werden. Verfügbare Transportmittel wie die Tragtiere und die Seilbahn müssen vermehrt in die Übungstätigkeit der Verbände eingebunden werden. Um ihre Fähigkeiten optimal nützen zu können, müssen Sondertransportmittel im Sinne des Prinzips "train as you fight" bei den Verbänden verfügbar sein. Die in Aussicht gestellte Beschaffung dieser Sondertransportmittel ist von essenzieller Bedeutung für die taktische Mobilität und Durchhaltefähigkeit der Truppe.

Die verfügbaren Bestände im Bereich der Gebirgsausrüstungssätze sowie der Gebirgsmodule sollten dringend aufgestockt werden. Zumindest in mittelfristiger Perspektive sollte es gelingen, die bestehende Wirkungslücke mit Flachfeuer gegen Infanterie auf Entfernungen von über 1 000 Meter zu schließen und die Nachtkampffähigkeit der Soldaten weiter zu verbessern.

Investitionen in den oben genannten Bereichen würden nicht nur den Einsatzwert für Auslandsmissionen deutlich steigern, sondern auch die Glaubwürdigkeit im Projekt "Pooling & Sharing (P&S) Mountain Training Initiative" untermauern, die Fähigkeiten für Assistenzeinsätze im Inland erhöhen und einen spürbaren Beitrag zur Erhöhung der Attraktivität des Wehrdienstes leisten.

Ausblick

Mit ihrem handwerklich orientierten und robusten Ausbildungs- und Übungsprogramm befindet sich die österreichische Gebirgstruppe mit Sicherheit auf dem richtigen Weg, sie ist allerdings noch ein gutes Stück vom Idealbild dieser spezialisierten Infanterie entfernt. Notwendige weitere Verbesserungen können vor allem durch die Fähigkeit zur Selbstkritik und durch konsequente Arbeit im jeweils eigenen Bereich erreicht werden.

Die Übungsserie CAPRICORN wird 2014 und 2015 zunächst mit Gefechtsübungen bzw. Gefechtsschießen der kleinen Verbände fortgesetzt werden. Für 2015 ist eine EDELWEISS-Übung der Gebirgsjägerbrigade 23 mit österreichischer Beteiligung geplant. Im Jahr 2016 soll die Übungsreihe CAPRICORN dann wieder unter Leitung des Kommandos der 6. Jägerbrigade mit Partnern aus der EU fortgesetzt werden.

Kasten

Bergauf und bergab … Praktische Anregungen für den erfolgreichen Einsatz im Gebirge

Sanitätsversorgung:
24,5 Prozent der Ausfälle ergeben sich im alpinen Einsatzraum durch Stürze, Überknöcheln und Gleichgewichtsprobleme.

Duales Denken:
Die Beurteilung der taktischen Lage und der Gebirgslage muss immer zeitgleich erfolgen. Das Gespür für Dimensionen (Höhenunterschiede, Beschaffenheit des Untergrundes usw.) ist zu schulen.

Höhenanpassung:
14,3 Prozent beträgt die Ausfallsrate in Afghanistan durch "Acute Mountain Sickness". Die Wirkung setzt bei nicht angepassten Soldaten bereits ab 1 500 Metern Seehöhe ein. Ab dieser Höhe ist pro 100 Meter Höhenzunahme ein Prozent Leistungsverlust als Durchschnittswert anzunehmen.

Elektronische Geräte sind bei Kälte sehr störanfällig. Fundiertes Handwerk - Handhabung von Bussole und Marschskizze, Führen mit Zeichen, Markierung von Wegen, Einsatz von Verbindungsspähtrupps - kann durch Technik nicht ersetzt werden.

Kampfkrafterhaltung ist Führungsaufgabe:
So dürfen z. B. Kopf und Füße niemals feucht bleiben. Dort erfolgt die größte Energieabgabe, die Füße werden als erstes "abgestoßen". Alle Tätigkeiten müssen mit Handschuhen ausgeführt werden können - Drillausbildung ist erforderlich! Die Ausrüstung muss bis ins kleinste Detail klar befohlen und überprüft werden. Eine Erfrierung 1. Grades bedeutet drei Wochen Ausfall.

Kenntnis über den "Kampfwert" der Truppe:
"Know your men and what they can" - die realistische Einschätzung der Leistungsfähigkeit entscheidet über Erfolg und Niederlage.

Planung: Sich rasch ändernde Bedingungen erfordern eine ständige Parallelplanung wie z. B. Tag/Nacht, Schönwetter-/Schlechtwetteraufstellung oder auch die Tatsache, dass jeder Soldat zu jeder Zeit ein Minimum an Überlebensausrüstung mit sich führen muss.

Training:
Die körperliche Leistungsfähigkeit für schwieriges Gelände erzielt man nicht in der Kraftkammer oder beim Laufausflug. Wie neueste Untersuchungen der US-Streitkräfte zeigen, kann und muss man das Ertragen von Kälte lernen ("train as you fight").

Traglasten:
Im Durchschnitt sollten pro Soldat maximal 20 bis 25 Kilogramm aufgeladen werden. Pro weitere fünf Kilogramm ist ein Leistungsverlust von 30 Prozent zu erwarten. Daher bedarf es einer Prioritätenreihung z. B. beim Angriff: Wenige, aber dafür die richtigen Waffensysteme, viel Munition, viel Wasser - dann erst Schutz und Verpflegung. Auch im Gebirge gilt: Wirkung vor Deckung!

Verpflegung:
Der Kalorienverbrauch im Büro beträgt 2 500 kcal/Person, beim Spähtrupp im Gebirge 7 000 kcal/Person. Beim Wasserhaushalt beispielsweise verliert der Soldat durch Atmung 300 bis 700 ml/Tag und durch die Urin­abgabe 0,5 bis 1,5 l/Tag. Das sind 40 Prozent des Flüssigkeitshaushaltes. Entsprechend der körperlichen und witterungsbedingten Belastung benötigt der Soldat pro Tag daher im Schnitt sechs Liter Flüssigkeit.

Waffen, Gerät und Ausrüstung bedürfen unter diesen Bedingungen einer besonderen Vorbereitung, Pflege bzw. Wartung: Dies sind unter anderem ein rechtzeitiges Entölen der Waffen, entsprechender Schutz der Munitionsgurte vor Vereisung, die Abdeckung der Visiereinrichtungen usw.


Autoren: Brigadier Mag. Peter Grünwald, Jahrgang 1964. 1983 bis 1984 "Einjährig Freiwilliger" beim Landeswehrstammregiment 34; 1986 bis 1989 Theresianische Militärakademie; 1989 bis 1991 stellvertretender Kommandant der Wirtschaftsversorgungsstelle 32; 1991 bis 1994 Kommandant einer Jägerkompanie im Landwehrstammregiment 32 beziehungsweise im Jägerregiment 3; 1994 bis 1997 14. Generalstabskurs; 1997 bis 2000 G3/Chef des Stabes beim Militärkommando Salzburg; 2000 bis 2002 Lehrgang für Generalstabs- und Admiralstabsdienst an der Führungsakademie der Bundeswehr; 2002 bis 2004 Leiter Führung und stellvertretender G3 im Kommando Landstreitkräfte; 2004 bis 2005 Kommandant Aufklärungsbataillon 2; 2005 bis 2009 Leitender Planungsoffizier beim Einsatzführungskommando der Deutschen Bundeswehr; 2009 bis 2010 Leiter Referat 2 und stellvertretender Abteilungsleiter der Ausbildung A im Bundesministerium für Landesverteidigung und Sport. Seit 2010 Kommandant der 6. Jägerbrigade.

Oberst Johann Gaiswinkler, MSD, Jahrgang 1961. Grundwehrdienst an der Jägerschule; 1981 bis 1984 Theresianische Militärakademie; militärische Verwendungen in verschiedenen Funktionen beim Landwehrstammregiment 71, an der Sperrtruppenschule, an der Theresianischen Militärakademie, beim Jägerbataillon 26, an der Jägerschule sowie im BMLVS/Kontrollabteilung A. Derzeit stellvertretender Kommandant der 6. Jägerbrigade, zudem Heeresbergführer, Heeresschilehrer, staatlich geprüfter Berg- und Schiführer. Auslandsverwendungen bei EUFOR, KFOR bei der Bundeswehr und in Montenegro.

Major dG MMag. Klaus Klingenschmid, Jahrgang 1977. 1996 bis 1997 Einjährig-Freiwilligen Ausbildung; 1997 bis 2001 FH-StG "Militärische Führung", Theresianische Militärakademie; 2001 bis 2003 Zugskommandant/stellvertretender Kompaniekommandant 3.Kp/PzGrenB13; 2002 Führungslehrgang 1, Allgemeiner Teil, TherMilAk; 2003 bis 2005 Kompaniekommandant 3.Kp/PzGrenB13; 2004 Führungslehrgang 1, Fachteil Panzergrenadier, PzTS; 2005 bis 2007 S3 Kdo/PzGrenB13; 2006 stvAusbLtr EVb AUCON14/KFOR; 2007 bis 2010 18. Generalstabslehrgang, Landesverteidigungsakademie und Individuelles Diplomstudium Politikwissenschaften an der Universität Wien. Seit 2010 Chef des Stabes der 6. Jägerbrigade. Auslandsverwendungen als stellvertretender Kompaniekommandant 2.gepJgKp/TF "Dulje", 12 10 04 bis 11 04 05 Kosovo/Suva Reka sowie bei diversen Übungen in Polen, Deutschland und Schweden.

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