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Weltgeist um 1700. Prinz Eugen als Gestalter Europas (I)

Eine kurze historische Zusammenschau über das Europa im letzten Drittel des 17. Jahrhunderts ist der zweiteiligen Abhandlung über Prinz Eugen von Savoyen vorangestellt. Zudem widmet sich der 1. Teil des Beitrages überblicksartig dem Reich des Sonnenkönigs Ludwig XIV., dem Osmanischen Reich und dem Heiligen Römischen Reich unter der Führung der Habsburger sowie dem jugendlichen Werdegang Prinz Eugens, der mit der Schlacht um Wien 1683 die Weltbühne betritt. Der zweite Teil rückt seine Laufbahn beim Militär und vor allem den Krieg gegen die Osmanen, den Spanischen Erbfolgekrieg und seinen Lebensabend in den Mittelpunkt.

Europa war im letzten Drittel des 17. Jahrhunderts von drei rivalisierenden Machtzentren maßgeblich geprägt, nämlich dem Königreich Frankreich, dem Heiligen Römischen Reich als zentraleuropäische Macht und dem Osmanischen Reich. Neben diesen drei Großmächten waren noch die alten Thalassokratien Spanien und Portugal von Bedeutung (Als Thalassokratie bezeichnet man einen Staat, dessen wirtschaftliche Überlegenheit auf der Ausübung der Herrschaft als Seemacht beruht.), die während jener Zeit über riesige Besitzungen in Übersee verfügten. Dabei war Portugal seit dem Vertrag von Windsor aus dem Jahre 1386 ein Bündnis mit England eingegangen, das ihm einen gewissen Schutz vor spanischen Machtgelüsten bot. England war es gelungen, sich Mitte des 17. Jahrhunderts zu konsolidieren - zunächst konnte der Bürgerkrieg beendet werden. Unter der Herrschaft Oliver Cromwells, der England als Republik konstituiert hatte, wurde das Inselkönigreich zusammengeführt und zeigt forthin Bestand. Die so genannte "Glorious Revolution" hatte Wilhelm von Oranien auf den Thron gebracht, der England in die kontinentaleuropäischen Auseinandersetzungen involvierte und mit der Vernichtung der französischen Flotte bei La Hougue im Jahre 1692 (in der Seine-Bucht westlich von Le Havre) den Grundstein zum Aufstieg als führende Seemacht legen sollte. Spanien war nach zahlreichen Rückschlägen, zuletzt durch den Verlust der nördlichen Niederlande und die mehrmalige Zerstörung der Silberflotte durch englische Freibeuter, nicht mehr, wie noch hundert Jahre zuvor, als europäische Großmacht zu betrachten. Das ehedem so schlagkräftige und gefürchtete spanische Heerwesen mit seinen Tercios (Schlachtenordnung des spanischen Heeres im 16. und 17. Jahrhundert) war nicht weiterentwickelt worden und hatte damit an Effizienz stark verloren. Hinzu kamen noch Probleme in der Erbfolge, die das Land nach dem Ableben des kinderlosen Königs Karl II. zum begehrlichen Objekt der Großmächte werden ließen.

Der Norden Europas war während dieser Zeit ebenfalls durch Kriegshandlungen geprägt, bei denen es um die Vorherrschaft im Ostseeraum ging. Das nach dem Dreißigjährigen Krieg so mächtige Schweden verlor zunehmend an Terrain, so dass es nicht mehr zu den europäischen Großmächten zu zählen war. Die Gegenspieler waren zunächst Dänemark und Polen-Litauen, aber im Osten war mit Russland ein neuer Gegner entstanden. Die Zaren hatten mit Peter dem Großen begonnen, das Land zu modernisieren und nach Europa auszurichten. Spätestens ab dem Beginn des 18. Jahrhunderts stand mit Russland eine neue europäische Großmacht ante portas. Im Reigen der Mächte mitzuspielen, vermochte bis zu einem gewissen Grad die Republik Venedig, deren Kräfte noch imstande waren, vor allem im östlichen Mittelmeer als Konkurrenten zu den Osmanen wirksam zu werden. Allerdings war auch der Stern der Lagunenstadt Ende des 17. Jahrhunderts deutlich im Sinken begriffen.

Das Reich des Sonnenkönigs

Kein anderer hat diese Epoche des Barocks so geprägt wie Ludwig XIV. von Frankreich (1638 - 1715), der Sonnenkönig, die Zentralfigur des europäischen Absolutismus. Noch als Knabe hatte er um die Mitte des 17. Jahrhunderts den Thron bestiegen. Angeleitet durch den fähigsten Staatsmann jener Tage, den Kardinal Mazarin, gelang es ihm, Frankreich zu einem Zentralstaat umzugestalten, der auf das moderne Staatswesen Vorbildcharakter haben sollte. Versailles galt als das Zentrum der Machtentfaltung, und alle Anstrengungen wurden darauf konzentriert, dies auch nach außen hin so darzustellen. Ludwig hatte den französischen Adel zur Gestaltung seines aufwändigen Hofzeremoniells als Würdenträger bzw. Diplomaten unmittelbar um sich geschart, ausgestattet mit einer gewissen Verantwortung. Er hatte ihn somit von seinen Ländereien in der Provinz abgezogen und damit politisch entmachtet. Durch diesen Geniestreich war die gesamte politische Macht auf ihn konzentriert und erlaubte ihm, das Land nach seinem Gutdünken zu gestalten. Die Wirtschaftsordnung des Merkantilismus brachte ihm die notwendigen Mittel zur Ausrüstung der größten Armee Europas und versetzte ihn in die Lage, nahezu uneingeschränkt Krieg zu führen sowie damit verbunden das Reich auszudehnen. Es mag als ein ewiges Gesetz gelten, dass derjenige, der über eine große Armee verfügt bzw. eine solche aufbaut, diese auch einsetzen wird und muss. Niemand kann es sich leisten, ein derart kostspieliges Instrument, wie ein großes stehendes Heer (Berufsheer) zu halten, ohne es zu verwenden. Starke, schlagkräftige Berufsheere sind daher immer ein Mittel, um Angriffskriege zu vollführen.

Anders als in den Religionskriegen zuvor sollten die Heere Ludwigs den Gegner und vor allem dessen Land nicht vernichten, sondern lediglich in die Knie zwingen. Der Herrschaftsbereich sollte auf ertragreiche Landstriche ausgedehnt werden, um daraus wieder Kapital schlagen zu können, hiermit die Armee weiter zu verstärken und dann wieder neue Länder zu unterwerfen und so fort. Dabei sah sich Ludwig ständig bedroht: In Spanien und im Reich herrschten die verschiedenen Linien der Habsburger, und daher bildeten diese beiden Territorien eine feste Klammer. Im Norden sah sich der katholische Sonnenkönig den protestantischen Fürsten der Niederlande und Englands gegenüber, ebenso in den Kolonien - er war also eingekreist und pflegte daher gute Kontakte zu allen Feinden der Feinde. Dies galt zunächst für den osteuropäischen Raum. Um die Habsburger und deren Umklammerung zu schwächen, unterstützte Ludwig die Polen, die Aufständischen in Ungarn und das Großfürstentum Siebenbürgen. Die österreichischen Habsburger sollten immer an zwei Fronten beschäftigt sein. Zusätzlich war Ludwig stets um die Gunst und daraus erfließenden Bündnisse mit den zahllosen Staaten im Westteil des Heiligen Römischen Reiches bemüht, um seinen Machtbereich östlich des Rheins in das deutsche Territorium hinein ausdehnen zu können.

Eine besondere Liaison verband den allerchristlichsten König, wie Ludwig sich gerne selbst bezeichnete, im Südosten mit dem Osmanischen Reich. Handelsverträge und diplomatische Kontakte gestalteten sich insoweit fruchtbringend, als diese Art der Zusammenarbeit immer zur Schwächung des Habsburgerreiches beizutragen vermochte. Frankreich und das Osmanische Reich bildeten daher ihrerseits eine Klammer gegen das Heilige Römische Reich in Zentraleuropa. So ist es einzig Papst Innozenz XI. zu verdanken, dass Frankreich während des Angriffes der Türken gegen Wien im Jahr 1683 nicht gegen die Habsburger im Westen auftrat und somit ein Zusammenbruch des Reiches ausblieb.

Das Reich unter dem Halbmond

Im Südosten Europas finden wir in jener Epoche ein Riesenreich, das seinen Herrschaftsbereich innerhalb von drei Jahrhunderten auf drei Kontinente ausgedehnt hatte. Die Osmanen geboten über Besitzungen in Nordafrika, auf der arabischen Halbinsel und auf der gesamten Balkanhalbinsel bis nach Ungarn hinein. Ihr Kernland war jedoch Kleinasien, das sie erfolgreich Zug um Zug von den Byzantinern erobert hatten, samt deren Hauptstadt Konstantinopel im Jahr 1453, die seither unter dem Namen Istanbul als Metropole dieses Weltreiches an Glanz und Herrlichkeit alle anderen Weltstädte überstrahlte. Seine Hochblüte hatte dieses Reich unter Suleyman dem Prächtigen erlebt, der 1529 erfolglos Wien belagert hatte; seither war der Halbmond kurzzeitig im Abnehmen begriffen.

Nichtsdestotrotz blieb dieses Imperium ein mächtiger und gefährlicher Gegner, da es aufgrund seiner Größe eine schier unerschöpfliche Regenerationsfähigkeit besaß und bis weit in das 18. Jahrhundert hinein immer wieder ausreichend Truppen aufzubringen vermochte, die es zur Bedrohung Zentral­europas werden ließ. Nachdem in der Mitte des 17. Jahrhunderts eine Reihe fähiger Großwesire einen neuerlichen Aufschwung des Reiches bewirkt hatten, gelang es noch einmal, eine gewaltige Heermacht aufzubieten und 1683 Wien zu belagern. Die dort erlittene Niederlage leitete jedoch den Abstieg des Imperiums auf dem europäischen Kontinent ein. Von diesem Zeitpunkt an konnte es durch die europäischen Mächte immer weiter in die Schranken gewiesen werden und musste ständig Gebietsverluste hinnehmen. Hinzu kam noch der Verfall der staatlichen Ordnung im Inneren des Reiches, weshalb es schließlich im 19. Jahrhundert nur mehr als der "kranke Mann am Bosporus" bezeichnet wurde.

Im Gegensatz zum Eroberungsstreben Ludwigs XIV. waren die Türkenkriege immer als besonders grausam und brutal zu bezeichnen. Die Heerscharen der Osmanen und der mit ihnen verbündeten Steppenvölker fielen in die Länder Europas ein und verwüsteten sie zur Gänze, sodass nach den Rückeroberungen durch die Christenheere ständig neue Menschen angesiedelt werden mussten. Die in den eroberten Gebieten ansässige Bevölkerung wurde von den Türken vielfach erschlagen oder in die Sklaverei geführt, wobei der religiöse Aspekt eine wesentliche Rolle spielte. Die Bevölkerung in den eroberten Landstrichen sollte entweder zum Islam konvertieren oder unter totaler Knechtschaft ihr Dasein fristen. Streng kontrolliert durch die muslimische Oberschicht, hatten die Christen im Zuge der so genannten Knabenlese dem Sultan ihre Kinder zu übergeben, damit dieser sie umerziehen lassen und in seine Streitkräfte eingliedern konnte. Das Heerwesen der Türken beruhte also auf dem Militärsklaventum, wobei diese von Kindesbeinen an erzogenen Soldaten dem Sultan treu ergeben waren und durchaus auch bedeutende Positionen in der türkischen Beamtenschaft erreichen konnten. Das Herzstück der Streitkräfte des stehenden Heeres bildete die Infanterie, besser bekannt unter dem Begriff "Janitscharen" - eine hervorragend ausgebildete Kriegerkaste, die in allen Schlachten im Schwergewicht eingesetzt wurde und demzufolge den größten Ruhm als Elitetruppe genoss.

Neben der ständigen Aushebung des stehenden Heeres über die Knabenlese existierte zusätzlich ein Aufbringungssystem, das mit dem mittelalterlichen Lehenswesen und dem Rittertum verglichen werden kann. Dabei hatten sich die einzelnen Vasallen, Landesfürsten und Statthalter des Sultans mit Truppenkontingenten für einen Kriegszug einzufinden. Der Ausgangspunkt aller kriegerischen Unternehmungen, also die Bereitstellungsbasis, war dabei immer Adrianopel, das heutige Edirne, im europäischen Teil der Türkei gelegen. Von dort bewegten sich die Heere nach Norden bis Belgrad, das noch zum türkischen Kernland zählte und die Versorgungsbasis bildete, dann weiter entlang der Donau bis an die Grenzen des Heiligen Römischen Reiches, jenes Erzfeindes, der auf Augenhöhe sich mit den osmanischen Heerscharen zu messen imstande war.

Das Heilige Reich

Die in jener Zeit schwächste der drei Großmächte lag in Zentraleuropa, zusammengefasst unter dem Titel: "Heiliges Römisches Reich". Zwar reichte es in seiner Ausdehnung von der Nordsee bis an die Adria, im Hinblick auf seine politische Einheit gestaltete es sich gegenüber den anderen beiden Großmächten als absolut inhomogen: Den Kern des Reiches und somit seinen homogensten Teil bildeten die habsburgischen Erblande, die das heutige Österreich, die Kronen Böhmens und Ungarns und so manche Gebiete in Oberitalien und im heutigen Deutschland umfassten; hinzu kamen nach dem Spanischen Erbfolgekrieg noch die heutigen Gebiete Belgiens und Luxemburgs, die als Österreichische Niederlande geführt wurden. Dem Osten des Reiches, also den Erblanden, stand einer Vielzahl von Klein- und Kleinststaaten im Westen gegenüber, deren Souveränität aus der Zeit des Mittelalters stammte und sich in weltlichen und kirchlichen Fürstentümern, freien Reichsstädten und allerlei anderen privilegierten, nur dem Kaiser zu Gehorsam verpflichteten Ländereien manifestierte. Der Kaiser selbst, ein von den Kurfürsten gewählter König und durch den Papst mit der Kaiserwürde besalbt, schlichtete in den Streitigkeiten zwischen den Fürsten und sollte das Reich nach außen hin vertreten. Seit der Mitte des 15. Jahrhunderts blieb die höchste Würde des Reiches mit einer einzigen Unterbrechung (1742 - 1745 durch den Wittelsbacher Karl VII.) bis zur Auflösung des Reichsverbandes 1806 im Besitz der Habsburger. Die Machtfülle des Kaisers, die nie eine absolute gleich der des Franzosenkönigs gewesen war, hatte wegen der Spaltung des Reiches durch den Religionskonflikt des Dreißigjährigen Krieges Einbußen hinnehmen müssen, und im eigentlichen Sinne gebot der Kaiser lediglich über die habsburgischen Erblande; alles andere war nur im Verhandlungsweg zu erreichen. Nach der Aufteilung der Habsburgerherrschaft in eine österreichische und eine spanische Linie kam für die österreichischen Lande noch der permanente Geldmangel hinzu, der des Kaisers freies Regieren erschwerte. Zur Verteidigung des Reiches hatten, ähnlich wie bei den Osmanen, die Fürsten Truppenkontingente aufzustellen, die zusammengefasst im so genannten Reichsheer der Bedrohung entgegenzutreten hatten. Über ein zahlenmäßig relativ kleines stehendes Heer verfügte nur der Kaiser selbst in seinen Erblanden, dessen Truppen landläufig als "Die Kaiserlichen" bezeichnet wurden, im Gegensatz zu den so genannten "Reichstruppen".

Dennoch war es die Kaiserwürde, die diesem Gebilde einen eigenen Glanz verlieh und unter dessen Schutzmantel sich die einzelnen Staaten relativ frei zu entfalten vermochten. Und aller Schwächen zum Trotz blieb das Reich ein Machtfaktor durch die enge Verknüpfung mit dem Papsttum und damit als Repräsentant des christlichen Abendlandes. Zentrum, also Residenz des Kaisers, war die Stadt Wien - ein Umstand, der die Begehrlichkeiten der Osmanen immer wieder geweckt hatte, sich diesen "Goldenen Apfel", wie sie die Kaiserresidenz nannten, zu pflücken. Die stark befestigte Stadt lag an einer strategisch wichtigen Position: Bei Wien durchbrach die Donau die beiden Gebirgsriegel der Alpen und der Karpaten und trat in die ungarische Tiefebene ein. Wien bildete damit einen Pfropfen, der einerseits den zentraleuropäischen Raum gegenüber Einfällen aus dem Südosten verschloss und andererseits als Ausfallspforte in eben diesen Raum benutzt werden konnte. Dies gilt auch umgekehrt! - Hatte man also erst Wien fest in der Hand, schien der Vormarsch in den europäischen Zentralraum sich einfach zu gestalten. Diese Überlegungen hatten die Osmanen 1529 und 1683 vor die Tore Wiens geführt.

Ludwig XIV. ging es weniger um die Stadt, als vielmehr um den Kaiser selbst. War seine Residenz erobert und die habsburgischen Erblande und vor allem ihr Machtbereich erst einmal so hinreichend geschwächt, dass sie den Schutz des Reiches nicht mehr garantieren konnten, brauchte das Reich einen neuen Protektor. In Anlehnung an das Reich Karls des Großen lag es im Ludwig‘schen Kalkül, durchaus diese Stellung einzunehmen und den Glanz seiner Herrschaft oder zumindest die seiner Nachfolger durch die Kaiserkrönung noch weiter zu erhöhen. Das alles jedoch musste mit der gebotenen Vorsicht geschehen, denn ein übermächtiges Frankreich lag weder im Sinne der um das europäische Gleichgewicht bemühten Seemächte England und die Niederlande noch im Sinne des Papstes, der in jenen Tagen überhaupt zu einem Kreuzzug gegen die Türken aufgerufen hatte.

Die ärgste Bedrängnis für das Reich kam mit dem Jahr 1683, als sich ein türkisches Heer den Balkan herauf bis an die Tore von Wien wälzte, mit allen Teilen des Trosses um die 400 000 Leute. Nur mit Mühe war es dem Papst gelungen, Ludwig zum Stillhalten im Westen zu bringen und vor allem Geld aufzutreiben: in Spanien und Portugal sowie im Reich. Der Kaiser war aus Wien geflohen und begann von Passau aus ein Entsatzheer zusammenzutrommeln. Er hatte Erfolg: Die Polen, die Sachsen, die Bayern und andere kleine Kontingente aus Europa errangen zusammen mit den Kaiserlichen in der Schlacht am Kahlenberg einen überwältigenden Sieg und drängten die Türken bis weit nach Ungarn hinein zurück. Dieses Jahr gilt als der Beginn des so genannten "Großen Türkenkrieges", der erst 1699 mit dem Diktatfrieden von Karlowitz erfolgreich für die Habsburger beendet werden konnte und den wichtigsten Schritt zur Werdung Österreichs als Großmacht bedeutete.

Der Prinz

Mit dieser Schlacht um Wien hatte ein Mann die Weltbühne betreten, der für das kommende halbe Jahrhundert prägend sein sollte: Prinz Eugen von Savoyen, Spross französischen Hochadels und 1663 in den absolutistischen Prunk und die barocke Dekadenz am Hofe Ludwigs XIV. hineingeboren, strebte nach einer Karriere im französischen Militär, die ihm der König jedoch verweigerte. Als sein Bruder als Kommandant eines kaiserlichen Regimentes in den Gefechten vor der Belagerung von Wien gefallen war, flüchtete Eugen aus Paris und wurde beim Kaiser in Passau vorstellig, um in die Armee aufgenommen zu werden. Da der Kaiser in dieser Zeit höchster Bedrängnis buchstäblich jeden Mann gebrauchen konnte, noch dazu einen französischen Prinzen, der sich somit gegen Ludwig gestellt hatte, wurde Eugen mit einem Offizierspatent versehen und in ein Regiment der Kaiserlichen bei der Schlacht um Wien eingereiht. Er überzeugte durch seinen hervorstechenden Mut und seine Führungsqualitäten, sodass er bald ins Blickfeld der Generalität geriet, die ihn bereits 1685 in ihre Reihen beförderte und mit 22 Lebensjahren zum Generalmajor werden ließ.

Das Leben des Prinzen Eugen lässt sich in fünf Abschnitte gliedern, von denen vier durch das Militär und den Krieg entscheidend geprägt waren: Jugend in Frankreich, Großer Türkenkrieg, Spanischer Erbfolgekrieg, Österreichisch-Venezianischer Türkenkrieg, Lebensabend. Neben seiner Hauptleistung als Europas berühmtester Feldherr seiner Zeit beschäftigte er sich vor allem in seinem letzten Lebensabschnitt mit Kunst und Wissenschaft, als Baumeister und Staatsmann, bis er 1736 hochbetagt in Wien verstarb.

Über seine Jugend und sein Aufwachsen in Paris wissen wir wenig. Seinen Vater hatte er verloren, als er zehn Jahre alt war; seine Mutter galt als eine Mätresse des Königs, die wenig Zeit mit ihren Kindern verbrachte - er wuchs also bei seinen Verwandten und erzogen durch Höflinge auf. Während seiner Jugendjahre soll er ein ausschweifendes Leben in Paris genossen haben, das das gesamte Spektrum barocker Dekadenz beinhaltete; aufgrund seiner eher schmächtigen Gestalt und seines kindlichen Erscheinungsbildes soll der Prinz auch sehr unter diesen Ausschweifungen gelitten haben. Jedenfalls wollte er während seines weiteren Lebens an diesen ersten Abschnitt nicht mehr erinnert werden, indem er sich nach seiner Flucht von allen Verwandten und den Bekannten der Jugendzeit fernhielt bzw. sie in Wien nicht empfing. Überhaupt war er in Wien für das höfische Getriebe weitgehend unzugänglich und vermied öffentliche Inszenierungen wie Bälle und dergleichen, soweit er konnte. Sein Metier war der Krieg; er fühlte sich wohl unter seinen Soldaten, wurde von ihnen als aufrechter Mensch geliebt und als Feldherr vergöttert.

Diese Beliebtheit entsprang aus seiner Vorbildwirkung, die er auf seine Offiziere und Soldaten ausgeübt hatte. Er scheute es nicht, sich an vorderster Linie ins Schlachtgetümmel zu werfen, und er verlangte sich selbst alles ab, was er von seinen Soldaten einforderte. Trotz mehrmaliger schwerer Verwundungen blieb er seinen Truppen treu und stellte sich beharrlich an ihre Spitze. Sein ausgeprägtes Feldherrentalent einerseits und seine Qualitäten im Bereich der Menschenführung andererseits machten ihn bei seinen Soldaten zu jenem Vorbild, dem sie überall hin ohne zu zögern und zu murren folgten. Selbstverständlich griff Eugen zur Disziplinierung der Truppe auch hart durch, er scheute vor standrechtlichen Hinrichtungen nicht zurück, aber alle seine Maßnahmen waren für die Truppe so einsichtig, dass sich daraus keine negativen Folgen ergaben, sondern dies im Gegenteil zur Festigung und zur Erhöhung des Kampfwertes seiner Soldaten beitrug. Die Berühmtheit des Prinzen blieb nicht auf das Militär beschränkt, sondern ganz Europa sprach über den genialen Feldherrn, sodass nun jene drei Lebensabschnitte näher betrachtet werden sollen, die Eugen zu seinem Ruhm verhalfen.

(wird fortgesetzt)


Autor: Oberst des Generalstabsdienstes MMag. DDr. Andreas W. Stupka, Jahrgang 1963. 1982 Eintritt in die Streitkräfte, 1984 - 1987 Offiziersausbildung an der Theresianischen Militärakademie zu Wiener Neustadt, 1987 - 1994 Truppendienst Fliegerabwehr und Infanterie, 1994 - 1997 Generalstabsausbildung an der Landesverteidigungsakademie zu Wien, ab 1997 Hauptlehroffizier und Lehrgangskommandant an der Landesverteidigungsakademie. Studium der Politikwissenschaft/Philosophie an der Universität Wien, 2002 Promotion zum Dr. phil. (Politikwissenschaften). Abgeschlossene Journalistenausbildung/Medienakademie Salzburg, ab März 2001 Chefredakteur/Österreichische Militärische Zeitschrift/ÖMZ; 2003 - 2004 Bataillonskommandant, 9/2005-9/2006 Kommandant des Österreichischen Truppenkontingentes auf den Golan-Höhen & Chief of Staff/UNDOF (Syrien/Israel), seit September 2008 Leiter des Institutes für Human- und Sozialwissenschaften/IHSW an der Landesverteidigungsakademie, 2010 Promotion Dr. phil. (Philosophie), 3/2011-9/2011 Kommandant des Österreichischen Truppenkontingentes im Kosovo & ACOS J5/HQ KFOR (Plans&Policy), Mitglied der "Wissenschaftskommission beim BMLVS" und der "Kommission für wissenschaftliche Zusammenarbeit von Dienststellen des BMLVS mit der Österreichischen Akademie der Wissenschaften". Publikationen: Multinationale Streitkräfte als wesentliche Komponente der europäischen Integration. Eine sicherheitspolitische Analyse (Buch, Salzburg 1997); Strategie denken (Buch, Wien 2008); Militärwissenschaften - ihre Grundlagen und ihr System (Buch, Wien 2011); Zahlreiche Aufsätze und Kommentare zu den angegebenen Forschungsgebieten in Fachzeitschriften und Sammelbänden.

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