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Yom-Kippur-Krieg 1973

Nach dem Sechs-Tage-Krieg 1967 hielt Israel den Sinai, die Golan-Höhen, den Gaza-Streifen, das Westjordanland sowie Ostjerusalem besetzt. Die Vereinten Nationen versuchten vergeblich, Israel zum Rückzug aus diesen Gebieten zu bewegen. Am 6. Oktober 1973, dem jüdischen Versöhnungsfest Yom-Kippur, begannen Syrien und Ägypten einen neuen Krieg, der bis zum 24. Oktober 1973 dauern sollte. Auf der Sinai-Halbinsel spielte die Fliegerabwehr eine entscheidende Rolle und hatte maßgebliche Auswirkungen auf die Luftlage.

Der ägyptische Angriff am 6. Oktober überraschte die Israelis und die ganze Welt. In den israelischen Verteidigungsstellungen ostwärts des Suez-Kanals befanden sich zu diesem Zeitpunkt nur 600 Soldaten. Um 1400 Uhr eröffnete die ägyptische Artillerie das Feuer auf das östliche Kanalufer. Fast gleichzeitig griffen ca. 200 ägyptische Kampfflugzeuge die israelischen Stellungen am Ostufer des Suez-Kanals an, um bis zum israelischen Gegenangriff nicht mehr in Erscheinung zu treten. Anschließend überflogen ägyptische Spezialeinsatzkräfte mit MI-8-Hubschraubern die israelischen Stellungen und bekämpften im rückwärtigen Gebiet primär mechanisierte Reserven, Gefechtsstände und Verbindungszentralen.

Überquerung des Suez-Kanals

Ägyptische Eliteeinheiten überquerten den Suez-Kanal mit etwa 1 000 Gummibooten, um die Bar-Lev-Linie zu besetzen. Sturmpioniere errichteten Ponton-Brücken über den Suez-Kanal und bildeten mehrere Landeköpfe. In den ersten 24 Stunden überquerten ca. 80 000 Soldaten, 800 Kampfpanzer und 13 000 Fahrzeuge der ägyptischen Armee den Suez-Kanal. Das ägyptische Heer bildete aber nur drei Brückenköpfe:
  • im Norden südlich von El Qantara;
  • in der Mitte nördlich von Ismailia;
  • im Süden gegenüber Suez.

Den drei Brückenköpfen fehlte am Kanalufer der Zusammenhang und somit gab es Lücken, die später von der israelischen Armee ausgenützt wurden.

Die ägyptische Luftwaffe wurde zur Luftverteidigung nur spärlich eingesetzt, und die Kanalüberquerung erfolgte unter einem dichten, mobilen und weitreichenden Fliegerabwehr-Schirm. Der massive Einsatz von Fliegerabwehr-Lenkwaffen (FAL) sowjetischer Herkunft auf arabischer Seite hatte das Kriegsbild verändert. Die israelische Luftwaffe erlitt schon in den ersten Kriegstagen große Verluste und konnte nur außerhalb des ägyptischen Fliegerabwehr-Schirmes ihre Stärken zur Geltung bringen. Während der ersten drei Tage verlor die israelische Luftwaffe 48 Flugzeuge an der Suez-Front, vorwiegend durch bodengestützte Fliegerabwehr.

Zwischen 7. Oktober und 9. Oktober 1973 wurden schlecht vorbereitete Gegenangriffe der israelischen Eingreifreserven von den ägyptischen Truppen abgewehrt. Zwei israelische Panzerbrigaden erlitten, besonders durch den Einsatz von Panzerabwehr-Lenkwaffen (PAL) "Sagger" und Panzerfäusten RPG-7 der ägyptischen Infanterie, hohe Verluste.

Am Morgen des 14. Oktober traten ägyptische Kampftruppen zum Angriff auf die Sinai-Pässe an. Sie setzten fast 80 000 Mann und etwa 800 Kampfpanzer ein. Die israelische Armee hatte sich jedoch schon zur Verteidigung eingerichtet, und der Angriff schlug fehl. Außerdem konnte die israelische Luftwaffe erfolgreich in die Erdkämpfe eingreifen, da sich die ägyptischen Truppen schon außerhalb des Fliegerabwehr-Schirmes befanden.

Israelischer Gegenangriff

Am 15. Oktober 1973 erfolgte um 1700 Uhr der israelische Gegenangriff mit 50 000 Mann und 600 Kampfpanzern. Bis zum 16. Oktober hatte die Kampfgruppe Sharon den Suez-Kanal fast unbemerkt übersetzt und vernichtete im Rücken der ägyptischen Front mehrere FAL-Batterien und Artilleriestellungen. Für die israelische Luftwaffe war nach der Vernichtung zahlreicher FAL-Stellungen der Weg für die Luftnahunterstützung frei. Zum Erfolg trugen auch die mit der amerikanischen Luftbrücke gelieferten elektronischen Störgeräte und Luft-Boden-Lenkflugkörper "Maverick" bei. Vom 18. bis 23. Oktober eroberte Israel das Westufer des Suez-Kanals von Ismailiya bis Adabiyah südlich von Suez. Die 3. ägyptische Armee wurde auf dem Ost-Ufer des Kanals bei der Stadt Suez eingekesselt und am 24. Oktober konnte der "Jom-Kippur-Krieg" beendet werden.

Die israelische Luftwaffe stand in den ersten Tagen des Krieges für die Luftnahunterstützung nicht zur Verfügung, da sie durch die ägyptische Fliegerabwehr neutralisiert wurde. Israel verließ sich bei seinen Vorbereitungen komplett auf die offensiven Fliegerkräfte und seine starke Panzertruppe. Dabei wurden der Ausbau der Artillerie und die Verfügbarkeit von Panzergrenadieren vernachlässigt; die Folgen waren für die israelischen Bodentruppen verheerend. Mit Ausnahme eines kleinen Gebietes um Port Said an der Mittelmeerküste gelang den ägyptischen Soldaten die rasche Einnahme der Bar-Lev-Linie und die Besetzung eines Geländestreifens parallel zum Suez-Kanal.

Erstmals kamen im "Yom-Kippur-Krieg" die mit Luft-Boden-Lenkflugkörpern "Maverick" bewaffneten Kampfflugzeuge "Phantom" II gegen Panzer, Bunker und Befestigungen zum Einsatz. Die Israelis bezeichneten die "Maverick" als das erfolgreichste Luftkriegsmittel des Krieges mit hoher Vernichtungsquote.

Die militärischen Erfolge im weiteren Verlauf des Krieges können die Tatsache nicht verleugnen, dass Israel auf diesen Waffengang nicht vorbereitet war und für seine Rettung einen hohen Preis bezahlen musste. Im "Yom-Kippur-Krieg" fielen mehr als 2 600 israelische Soldaten, ca. 7 500 wurden verletzt und etwa 300 gerieten in Gefangenschaft.

Auszüge von Berichten der israelischen Luftwaffe

6. Oktober

Mit dem Ausbruch des Krieges griff die ägyptische Luftwaffe die israelischen Flugplätze auf dem Sinai an. Außerdem bombardierten sie "Hawk"-FAL-Stellungen, Stützpunkte und das Hauptquartier des Heeres und der Marine in Sharm el-Sheikh. Im Luftraum über Sharm el-Sheikh konnten zwei israelische Jagdflugzeuge des Typs "Phantom" sieben ägyptische Jagdbomber abschießen.

Hauptmann Amir berichtet darüber: "Der Kontrollturm meldete mehrere dutzend Flugbewegungen über dem Meer. Ich und mein Rottenkamerad liefen zu den für einen Alarmstart vorbereiteten "Phantom"-Abfangjägern und starteten sofort. Wir waren kaum in der Luft, da sahen wir, wie die Startbahn durch ägyptische Kampfflugzeuge bombardiert wurde. Die meisten anderen Flugzeuge benützten die noch intakte zweite Startbahn und konnten noch unbehelligt abheben. Ich stieg fast senkrecht hinauf, um eine günstige Höhe für den Luftkampf zu gewinnen und warf dann die Zusatztanks ab. Eine Rotte MIG-17 hatte gerade das Bombardement beendet, als ich mich hinter den beiden Maschinen in Schussposition brachte. Beide ägyptischen Flugzeuge wollten im Tiefflug flüchten, aber ich konnte mit meinen Flugkörpern zwei Volltreffer erzielen. Zu diesem Zeitpunkt war der Himmel voll mit Flugzeugen. Drei MIG setzten sich hinter meine "Phantom" und feuerten mit Bordkanonen auf mich. Ich machte eine Steilkurve, und die Geschoße verfehlten das Ziel. Anschließend flüchtete eine der MIG, und ich jagte die restlichen zwei, die nur 50 Meter über dem Grund ihrem Schicksal entkommen wollten. Eine MIG kurvte zu stark, verlor dabei an Höhe und stürzte in das Meer. Die zweite MIG schoss ich mit einem Flugkörper ab. Plötzlich war alles ganz ruhig und über dem Meer standen sieben pilzförmige Rauchwolken als Beweis für die Luftsiege. Mein Rottenkamerad (Nummer 2) und ich (Nummer 1) landeten auf einer holprigen und mit Bombentrichtern übersäten Landebahn. Der Kontrollturm war nicht besetzt, und am Flugplatz liefen viele Leute in Panik planlos herum. Wir stiegen aus unseren Flugzeugen etwas müde aus und der Fliegerhorstkommandant Oberst Yak ging uns entgegen. Er fragte die Nummer 2 "kama?" (wie viele?). Ich schoss drei und die Nummer 1 schoss vier Feindflugzeuge ab. Der Fliegerhorstkommandant schüttelte nur den Kopf und konnte dieses tolle Ergebnis nicht glauben."

8. Oktober

Die israelische Luftwaffe begann bei Tageslicht die Brücken im Raum Suez mit Kampfflugzeugen zu bombardieren. Ein "Skyhawk"-Kampfflugzeug wurde dabei von zwei FAL getroffen. Der Pilot, Leutnant Rosen, rettete sich mit dem Schleudersitz und geriet in ägyptische Gefangenschaft. Bei Dunkelheit griffen Kampfflugzeuge des Typs "Phantom" ägyptische Brücken und Panzeransammlungen am Suez-Kanal an. Eine "Phantom", geflogen von Hauptmann Ze’ev und Leutnant Zvulun, stürzte nach einem Raketentreffer ab. Beide Piloten starben. Kurz vor Mitternacht starteten Major Dvir und Hauptmann Shu’a zu einem Einsatz. Ihre "Phantom" wurden durch die ägyptische Fliegerabwehr abgeschossen und beide Besatzungsmitglieder wurden durch ein israelisches Such- und Rettungsteam gefunden.

9. Oktober

Die israelische Luftwaffe griff Port Said an und musste dafür einen hohen Preis zahlen. Bei einem der Luftangriffe verlor der erfahrene Fliegerhorstkommandant des Flugplatzes Ramat David, Oberst Zorik, sein Leben. Drei "Skyhawk"-Kampfflugzeuge stiegen um 0730 Uhr auf, um Port Said zu bombardieren. In den Cockpits saßen Major Vilan, Oberst Zorik und Leutnant Zaltzman.

Major Vilan schilderte den Flugunfall wie folgt: "Wir flogen im Tiefflug nach Naha Yam und von dort nach Baluzza weiter. Zorik flog etwa 400 Meter hinter mir und Zaltzman ungefähr 2 000 Meter hinter Zorik. Die Fliegerabwehr feuerte auf mein Flugzeug und auf das Flugzeug von Zorik. Ich kurvte daher sehr stark links und löste die Bomben aus, die in das Meer fielen. Zaltzman griff ebenfalls an und traf das Riff. Zorik brachte seine "Skyhawk" in eine zu steile Vorwärtsneigung mit Schräglage, schmierte plötzlich über links ab und stürzte einen Kilometer vom Ufer entfernt in das Meer. An diesem Tag verlor die israelische Luftwaffe durch die ägyptische Fliegerabwehr noch weitere Piloten: Unter anderem Oberstleutnant Shelah (Kommandant einer "Skyhawk"-Staffel), Hauptmann Shaked und Leutnant Nitaly."

20. Oktober

Das israelische Fliegerass Oberstleutnant Epstein stellte an diesem Tag seinen eigenen Rekord ein. Hiezu sagte er sinngemäß: "In 3 000 Meter Höhe entdeckten wir eine Rotte MIG-21 im Kurvenflug. Für uns war es das Signal, die Zusatztanks abzuwerfen, um den beiden ägyptischen Jagdflugzeugen nachfliegen zu können. Ich erreichte eine gute Schussposition hinter einer MIG-21, und auf die Entfernung von etwa einem Kilometer löste ich einen Luft-Luft-Flugkörper aus. Er traf und brachte das feindliche Flugzeug zur Explosion. Als plötzlich zehn weitere MIG-21 von unten auf uns zuflogen waren wir überrascht und bekamen ein ungutes Gefühl. Die ägyptische Luftwaffe hatte uns offensichtlich in einen Hinterhalt gelockt und war uns in dieser Situation zahlenmäßig eindeutig überlegen. Es kam zum Luftkampf und ich stand unerwartet drei MIG-21 gegenüber. Es gelang mir, durch geschickte Luftkampfmanöver alle drei ägyptischen Abfangjäger zu vernichten." Oberstleutnant Giora Epstein schoss während des "Yom-Kippur-Krieges" insgesamt 12 ägyptische Flugzeuge ab. Davon erzielte er neun Luftsiege innerhalb von 48 Stunden. Seine Fliegerkarriere begann nicht reibungslos. Bei der Fliegertauglichkeits-Untersuchung wurde ein Sportherz diagnostiziert, und er durfte zunächst nur Hubschrauber fliegen. Mit insgesamt 17 anerkannten Luftsiegen ging er 1997 als Oberst in Pension.

Auszüge von Berichten der ägyptischen Luftwaffe

Am 14. Oktober versuchte die israelische Luftwaffe mit einer großen Anzahl von Kampfflugzeugen in mehreren Angriffswellen, das ägyptische Jagdgeschwader 104 (MIG-21) auf dem Boden zu zerstören. Das Geschwaderkommando mit mehreren Staffeln befand sich am Flugplatz el-Mansourah, und weitere Staffeln waren auf den Flugplätzen Tanta und Salihiya stationiert.

Der "Tag der Luftwaffe" erinnert heute noch in Ägypten an die "Luftschlacht von el-Mansourah" am 14. Oktober 1973. Nach ägyptischen Angaben sollen 17 israelische Kampfflugzeuge bei Luftkämpfen abgeschossen worden sein.

Aussage des Piloten Mousa: "Am 14. Oktober waren heftige Luftangriffe auf dem Flugplatz el-Mansourah vom Fliegerleitdienst gemeldet. Ich bekam den Befehl, angreifende Kampfflugzeuge abzufangen und zu vernichten. Als ich gemeinsam mit acht anderen MIG-21 startete und wir möglichst schnell Höhe erreichen wollten, bombardierten israelische Kampfflugzeuge "Phantom" schon die Flugplatz-Einrichtungen. Wir warfen die Zusatztanks ab und griffen sofort die israelischen Kampfflugzeuge an. Ich hatte schon eine israelische "Phantom" im Visier als ich mich an die goldene Regel erinnerte, dass immer der Rücken frei sein muss bevor man angreift. Instinktiv schaute ich in meinen Rückspiegel und sah tatsächlich eine weitere "Phantom" in einer Entfernung von einem Kilometer im "Verwundbarkeitskegel". Mit einer gewaltsamen Steilkurve gelangte ich in Schussposition hinter der "Phantom" und schoss sie mit der Bordkanone ab."

Ägyptischer Fliegerabwehr-Schirm

Seit dem Zweiten Weltkrieg spielt der Einsatz der Luftwaffe bei allen militärischen Auseinandersetzungen eine wesentliche Rolle. Allgemein herrscht die Auffassung, dass erst die Luftüberlegenheit, wenn nicht sogar die Luftherrschaft, die Voraussetzung für eine erfolgreiche Bodenoffensive sei. Beim "Yom-Kippur-Krieg" setzten die arabischen Staaten ihre Fliegerkräfte nur selten für die Luftverteidigung ein und verließen sich fast gänzlich auf bodengestützte Fliegerabwehr-Systeme sowjetischer Herkunft. Den Fliegerabwehr-Schirm bildeten 15 SA-6 und ca. 100 SA-2 bzw. SA-3 Fliegerabwehr-Raketenbatterien. Zusätzlich wurden ca. 100 Kanonen-Fliegerabwehrbatterien (je sechs Geschütze) und eine größere Anzahl lFAL SA-7 eingesetzt.

Wie die sowjetische Fliegerabwehr hatte auch das ägyptische Heer in jeder Führungsebene - von der Kompanie bis zur Armee - organisatorisch eingegliederte Fliegerabwehrwaffen.

Wenn ein israelisches Kampfflugzeug eine Kompanie angriff, dann musste es das Abwehrfeuer der SA-3 bzw. SA-2 (Armee), SA-6 (Division), ZSU-23-4 (Regiment) und SA-7  (Kompanie) durchfliegen. Theoretisch war jedes angreifende Flugzeug, je näher es zum Angriffsziel kam, einer stärkeren Bedrohung ausgesetzt. Wenn die israelischen Kampfflugzeuge die SA-2 zu unterfliegen versuchten, dann flogen sie in das starke Abwehrfeuer der SA-3 und SA-6. Griffen sie im Tiefflug an, dann bekamen sie die Feuerkraft der ZSU-23-4 zu spüren oder wurden von einer SA-7 bekämpft.

Die ägyptischen Fliegerabwehr-Raketenbatterien gingen westlich des Suez-Kanals in Stellung, um die Kampftruppe während der Bereitstellung und beim Angriff gegen Luftangriffe zu schützen. Die durch Fliegerabwehr geschützte Zone reichte bis 30 Kilometer östlich des Suez-Kanals. Die ägyptische Armee errichtete Fliegerabwehrraketen-Scheinstellungen und baute mittels Attrappen auch Scheinbrücken über den Suez-Kanal. Durch diese passiven Fliegerabwehrmaßnahmen wurde die israelische Luftaufklärung getäuscht und die Luftangriffe häufig aufgesplittert.

Die meisten ägyptischen FAL-Batterien führten während des Krieges keinen Stellungswechsel durch und auch die Wirkungsbereiche wurden kaum verändert. Nach dem Übersetzen des Suez-Kanals durch ägyptische mechanisierte Verbände wechselten auch einige SA-6-Batterien auf das Ostufer. Schwierigkeiten bei der Koordinierung der Waffensysteme und die lange Ausfallzeit - für Stellungswechsel, Marsch und Stellungsbezug - verminderte die Wirksamkeit der Fliegerabwehr. Eine mangelhafte Freund-Feind-Kennung auf arabischer Seite führte auch zum Abschuss von eigenen Flugzeugen. Die ägyptischen FAL-Batterien dürften fast 40 eigene Flugzeuge abgeschossen haben. Schnelle Vorstöße ägyptischer Panzerverbände am Ostufer gerieten häufig außerhalb des Fliegerabwehr-Schirmes und waren eine leichte Beute für die israelische Luftwaffe.

Am 14. Oktober wurde der vollständige Rückzug der ägyptischen Truppen unter den eigenen Fliegerabwehr-Schirm befohlen, um weitere große Verluste durch Luftangriffe zu vermeiden. Ab diesem Zeitpunkt übernahm Israel die Initiative. Die israelische Armee brachte ihre weitreichende Artillerie heran und konnte die FAL-Stellungen und die Brücken über den Suez-Kanal mit Steilfeuer bekämpfen. Am 16. Oktober überquerten kleinere israelische Panzereinheiten den Suez-Kanal und vernichteten sofort die Fliegerabwehr- und Radar-Stellungen. Bis Mittag zerstörten die Israelis schon vier FAL-Stellungen, und die israelische Luftwaffe konnte die Bodentruppen voll unterstützen. Die ägyptischen Kanoniere hatten keine Panzerabwehrwaffen und versuchten mit FAL die Panzer zu beschießen.

Als in diesem Einbruchsraum die SA-2 und SA-6 durch Bodentruppen ausgeschaltet waren, entstand beim Fliegerabwehr-Schirm eine Lücke, die durch die israelische Luftwaffe geschickt ausgenutzt wurde. Beim "Yom-Kippur-Krieg" kämpfte nicht die Luftwaffe den Weg für die Bodentruppen frei, sondern die Bodentruppen schufen erst die Voraussetzung für den effektiven Einsatz der Luftwaffe.

Die israelische Luftwaffe verlor durch ägyptische und syrische Fliegerabwehr über 100 Kampfflugzeuge, darunter 53 "Skyhawks".

Einsatzgrundsätze Das Ziel von Luftoperationen zur Erreichung einer strategischen Wirkung besteht nicht nur darin, Personal und Material des Gegners zu bekämpfen, sondern in erster Linie seinen inneren Zusammenhalt und Willen zu brechen. Die Kontrolle des Luftraumes ist von wesentlicher Bedeutung und für die erfolgreiche Durchführung von Bodeneinsätzen unabdingbar. Eine effiziente Luftverteidigung stützt sich auf vier Kernbereiche:

  • Fliegerkräfte,
  • bodengestützte Fliegerabwehr,
  • Luftraumüberwachung (Sensoren, Kommunikation) und
  • ein zentrales Führungssystem.

Die Einheit der Führung ist die Voraussetzung für eine wirksame Luftverteidigung. Nur sie gewährleistet die Koordination auf verschiedenen Führungsebenen. Jeder Einsatz von Luftstreitkräften ist zentral zu planen, da nur so eine bewegliche Kampfführung in verschiedenen Gebieten, bei verschiedenen Gefechten und auf den unterschiedlichen militärischen Ebenen sichergestellt werden kann.

Folgerungen

Nur eine Zusammenarbeit von Flieger- und Fliegerabwehrkräften hat auf Dauer entsprechende Erfolgsaussichten. Abhängig davon, ob es sich um eine offensive oder defensive Operation handelt, soll sich die Luftverteidigung primär auf Fliegerkräfte oder bodengebundene Fliegerabwehr abstützen.

Der israelischen Luftwaffe gelang es in der Anfangsphase nur unter großen Verlusten, den ägyptischen Fliegerabwehr-Schirm zu durchbrechen, da offensichtlich zunächst die technischen Mittel fehlten. Mit Unterstützung der USA konnten die Israelis die starken ägyptischen Fliegerabwehr-Kräfte neutralisieren. Die Bedeutung des Elektronischen Kampfes in der Kriegsführung wurde aufgezeigt. Im "Yom-Kippur-Krieg" setzten die Israelis zum ersten Mal die neuen US-Lenkflugkörper "Maverick" ein, die von "Phantom" II-Kampfflugzeugen abgefeuert wurden. Erst die Zielsicherheit der israelischen Luftwaffe ermöglichte die Rückgewinnung der verlorenen Gebiete auf dem Sinai und den Vorstoß über den Suez-Kanal.

Die ägyptische Fliegerabwehr konnte in der Anfangsphase erfolgreich die israelischen Luftangriffe abwehren, da sie folgende Grundsätze berücksichtigte. Sie setzte verschiedene Systeme ("Waffenmischung") überlappend ein, um von tief bis hoch alle Höhenbereiche abdecken zu können. Mit einer großen Feuerdichte konnte sie auch überraschende Luftangriffe aus verschiedenen Anflugrichtungen und Sättigungsangriffe abwehren. Die Fliegerabwehr-Waffensysteme waren rund um die Uhr und über einen längeren Zeitraum einsatzfähig. Sie wurden sowohl autonom oder inte- griert in ein übergeordnetes Radar- und Führungssystem sowie auch vernetzt mit anderen Systemen der Luftverteidigung eingesetzt. Mangelhaft war die Freund-Feind-Kennung und es fehlte auch teilweise die Mobilität auf dem Gefechtsfeld, um einen ständigen FlA-Schutz für die in Bewegung befindlichen Truppen zu gewährleisten. Die offensive ägyptische Operation musste scheitern, da die eigenen Abfangjäger kaum zur Luftverteidigung ostwärts des Suez-Kanals eingesetzt wurden und die weitreichende Fliegerabwehr für einen Begleitschutz nicht geeignet war.


Autor: Oberst i. R. Kurt Gärtner, Jahrgang 1943. Nach der Offiziersausbildung Verwendungen als Ausbildungsoffizier, Batteriekommandant und in Stabsfunktionen.1984 bis 1990 Kommandant des Fliegerabwehrbataillons 13; 1990 bis 2003 in einer Stabsfunktion im Kommando Fliegerregiment 3 in Hörsching. Veröffentlichungen in der Zeitschrift TRUPPENDIENST und in ausländischen Zeitschriften. Seit Oktober 2003 im Ruhestand. Erfolgreicher Abschluss der Fernkurse "Conflict Management and Negotiation" am Inter-American Defense College im Jahr 2004 und "Conflict Analysis" am United States Institute of Peace im Jahr 2005.

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