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Hermann Kirchner. Im Dienste der albanischen Armee

Hermann Kirchner, Ritter des Militär-Maria-Theresien-Ordens, wirkte von 1928 bis 1940 und erneut 1943/44, zuletzt als Oberst und stellvertretender Generalstabschef, in der albanischen Armee. Sein Beitrag zum Aufbau der albanischen Streitkräfte sichert ihm bis heute einen Ehrenplatz unter den ausländischen Offizieren, die als militärische Berater in Albanien tätig waren.

Hermann Kirchner wurde am 6. Mai 1890 in Feldbach in der Steiermark geboren. Sein Vater war Notar, die Mutter eine geborene Höberth von Schwarzthal. Nach der Absolvierung der k.u.k. Infanterie-Kadettenschule in Liebenau - dies mit "sehr gutem" Erfolg - wurde er 1909 als Fähnrich in die k.u.k. Armee aufgenommen, wo er zuerst im Infanterie Regiment Nr. 88 in Trient bzw. Budweis (Èeské Budìjovice) und ab 1912 im Infanterie Regiment Nr. 42 diente. 1912 zum Leutnant befördert, diente er während der Balkankrise 1912/13 in der Herzegowina, an der Grenze zu Montenegro. Im Ersten Weltkrieg war er zuerst in Serbien, dann auf dem italienischen Kriegsschauplatz im Einsatz und wurde insgesamt fünfmal verwundet.

Am 17./18. Mai 1916 eroberte Kirchner, inzwischen Oberleutnant, in der großen Südtirol-Offensive mit seiner 14. Kompanie des Infanterie Regimentes Nr. 42 die Zugna Torta bei Rovereto (südlich von Trient) (siehe Artikel TD 4/2012). 1922 bekam er dafür das Ritterkreuz des Militär-Maria-Theresien-Ordens.

Im Juni 1916 verlegte er auf den russischen Kriegsschauplatz und bewährte sich erneut in den Rückzugskämpfen während der Brussilow-Offensive und in den Karpaten. Im Februar 1917 wurde er zum Generalstabskurs nach Laibach (Ljubljana) eingeteilt und in der Folge in verschiedenen Funktionen als Generalstabsoffizier beim 11. Korps, bei der 74. Honvéd-Infanterie-Division sowie der Gruppe Feldzeugmeister Habermann in den östlichen Karpaten, im heutigen rumänisch-ukrainischen Grenzgebiet und in Bessarabien eingesetzt. Am 31. Jänner 1918 erfolgte wegen seiner Verdienste außerhalb der Rangtour die Beförderung zum Hauptmann. Im August 1918 kam er auf den italienischen Kriegsschauplatz. Beim Rückzug zwischen Piave und Tagliamento im November 1918 geriet er in italienische Kriegsgefangenschaft, die er in Cassino bei Neapel verbrachte. Erst im Sommer 1919 kehrte er in die Heimat zurück.

Neben dem Militär-Maria-Theresien-Orden erhielt Kirchner während des Ersten Weltkrieges den Orden der Eisernen Krone III. Klasse, das Militär-Verdienstkreuz III. Klasse - jeweils mit Kriegsdekoration und Schwertern - und die bronzene sowie zweimal die silberne Militär-Verdienst-Medaille, das Karl-Truppen-Kreuz sowie die Verwundeten-Medaille mit fünf Streifen. 1920 wurde Hauptmann Kirchner noch in Evidenz beim Grazer Infanterie Regiment Nr. 27 geführt, aber nicht ins Bundesheer übernommen.

Unmittelbar nach seiner Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft heiratete Kirchner seine Jugendliebe Anna Löw. Bis 1928 war er als Geschäftsmann und als Vertreter verschiedener Firmen in Graz tätig.

Die Mitwirkung beim Aufbau der albanischen Armee: 1928 bis 1939

Obwohl er selbst während des Ersten Weltkrieges nicht in Albanien eingesetzt gewesen war, wurde Hauptmann a. D. Kirchner 1928 in die albanische Armee aufgenommen. Der Vorschlag war von Oberst Gustav von Myrdacz ausgegangen, einem ehemaligen k.u.k. Generalstabsoffizier, der Kirchner noch aus dem Krieg kannte und schätzte. Myrdacz war hochdekorierter Teilnehmer des Ersten Weltkrieges (er war u. a. Ritter des Leopold-Ordens, des Franz-Joseph-Ordens und des Ordens der Eisernen Krone) und zuletzt Oberstleutnant (Rang vom 1. September 1915) im k.u.k. Generalstab. Während seines Einsatzes in Albanien 1916/17 hatte er den albanischen Adeligen und Politiker Ahmet Zogu kennengelernt, der eine Freiwilligen-Truppe auf Seite der österreichisch-ungarischen Besatzungsmacht führte. 1922 veranlasste Zogu, inzwischen Innenminister Albaniens, die Übernahme von Myrdacz in die albanische Armee. Er gehörte damit zu jenen rund 180 ausländischen (meist italienischen) Offizieren, die von der damaligen albanischen Regierung eingestellt wurden, um eine Armee nach westeuropäischem Vorbild und nach westeuropäischen Erfahrungen aufzubauen.

Die Ankunft Baron Kirchners, wie er meist genannt wurde, fiel in eine Zeit, in der sich die albanische Armee in einer schwierigen Organisationsphase befand. 1928 beabsichtigte die albanische Regierung die Gründung einer Kadettenschule. Das Lehrprogramm sollte der österreichischen Offiziersausbildung - insbesondere jener der Theresianischen Militärakademie in Wiener Neustadt - ähnlich sein. So war zunächst geplant, dass Kirchner bei der Erziehung und Ausbildung der neuen Kadetten mitwirken sollte.

Die Eröffnung der Schule wurde jedoch aufgeschoben, und so betraute die albanische Regierung Kirchner mit anderen Aufgaben, insbesondere der Vorbereitung der Landesverteidigung. In Anerkennung seiner Dienste und Fähigkeiten verlieh ihm Ahmet Zogu, der 1925 zum Präsidenten und 1928 zum König Albaniens aufgestiegen war, bereits 1929 den Skanderbeg-Orden dritter Klasse. Außerdem übernahm Kirchner in diesem Jahr die Funktion des Ersten Generalstabsoffiziers der albanischen Armee.

Kirchner beschäftigte sich vor allem mit der neuen Organisation der Armee und mit der Sicherung der Staatsgrenze. Er selbst meinte dazu später, dass er, da er im Gegensatz zu den italienischen und britischen Militärberatern als Österreicher keine politischen Interessen für sein Vaterland verfolgte, sich schnell des besonderen Vertrauens des Königs erfreute. Er bezog Ausrüstungsgegenstände aus Österreich und führte Uniformen ein, die - mit Stehkragen und Stern-Distinktionen am Kragen - den alten österreichischen ähnelten, außerdem fand er einen tschechischen Kapellmeister, der österreichische Märsche intonierte, sodass ich mich wie in einer österreichischen Garnison fühlte, wenn ich in meinem Büro saß und draußen die braven Albaner mit den mir wohlbekannten Märschen marschierten. Während der albanisch-jugoslawischen Verhandlungen im Jahre 1929 in Shkodra war Kirchner militärischer Vertreter Albaniens. Er einigte sich mit seinem jugoslawischen Pendant, der ebenfalls ehemaliger k.u.k. Generalstäbler war, schneller als die Diplomaten. Bei diesen Verhandlungen ging es um Korrekturen der Staatsgrenze zwischen Jugoslawien und Albanien.

1931 erhielt die albanische Armee eine neue Struktur. Kirchner wurde zum Major befördert und erhielt gleichzeitig die wichtige Aufgabe des Chefs des Personalamtes. In dieser Funktion beschäftigte er sich mit Fragen der Rekrutierung und Mobilisierung der albanischen Armee, die damals eine Stärke von etwa 10 000 Mann aufwies. Einige Jahre später wurde er zum Oberstleutnant befördert.

Trotz seiner aktiven Beteiligung am Aufbau der albanischen Armee fühlte sich Kirchner weiter mit seiner Heimat sehr verbunden und verfolgte mit großem Interesse die politischen Entwicklungen in Österreich. Inzwischen hatte Österreich bekanntlich zwei Bürgerkriege (im Februar und im Juli 1934) erlebt und war seit 1934 nicht mehr Republik, sondern autoritärer "Ständestaat", mit der "Vaterländischen Front" als einer Art Staatspartei.

Mit Dekret Nr. 5002, Pr/35d vom 7. Mai 1935 ernannte das Generalsekretariat der Vaterländischen Front Kirchner zum Vorsitzenden des Vereins "Vaterländische Front" in Albanien: "Wie die Italiener ihren Verein ‚Fascio‘ bzw. die Deutschen ihren Verein ‚Die Nationalsozialisten‘ in Albanien gegründet haben, so hoffe ich wird Ihr Ministerium nichts dagegen haben, dass auch Österreicher ihren Verein in Tirana haben". schrieb Kirchner in seinem Antrag auf Zulassung dieses Vereins an das albanische Innenministerium.

Doch auch die albanische Innenpolitik war alles andere als ruhig. Der italienische Einfluss in Politik und Wirtschaft nahm immer mehr zu und schließlich landeten am 7. April 1939 italienische Truppen in Albanien. Die königliche Familie Zogu verließ das Land, und Albanien wurde annektiert. Der italienische König Victor Emmanuel III. war in Personalunion nun auch König von Albanien.

Oberstleutnant Kirchner machte den Rückzug der Marschkolonne von etwa 600 Zivilisten und Soldaten, die den König begleiteten, an die griechische Grenze mit, entschloss sich dann aber, nicht wie König Zogu ins Exil zu gehen, sondern zu seiner Frau nach Tirana zurückzukehren. Als die Italiener von Kirchners Rückkehr nach Tirana erfuhren, wurde er vorgeladen. Er erwartete schon, als treuer Gefolgsmann des albanischen Königs verhaftet oder gar exekutiert zu werden. Kirchner war total überrascht, als man ihn bat, zur administrativen Eingliederung der albanischen Armee weiter im Dienst zu bleiben. Da ihn auch seine albanischen Freunde baten, sie nicht im Stich zu lassen, blieb er bis 1940 in Albanien. Die Annahme der albanischen Staatsbürgerschaft (nach dem "Anschluss" Österreichs im März 1938 war er deutscher Staatsbürger) lehnte er aber ab und wurde schließlich, mit einem doppelten Jahresgehalt als Abfertigung, im Juli 1940 entlassen und kehrte nach Graz zurück. Laut albanischen Quellen wurde er allerdings auf Betreiben der immer einflussreicheren deutschen Dienststellen vertrieben. Der ehemalige albanische Abgeordnete Jashar Erebara, ein Freund Kirchners, schrieb dazu: "Und dieser Offizier der albanischen Armee, der den Deutschen sagte: ‚Ich bin Deutscher, aber doch auch albanischer Offizier‘, wurde von diesen aus Albanien ausgewiesen".

Auch in Graz war Kirchner den NS-Dienststellen wegen seiner (alt-)österreichischen bzw. monarchistischen Einstellung in höchstem Maße suspekt. Er wurde vom Sicherheitsdienst vorgeladen und als "politisch unverlässlich" eingestuft. Für den Dienst in der Wehrmacht kam er daher nicht in Frage und arbeitete im Autohaus seines Bruders Friedrich.

Von der italienischen zur deutschen Verwaltung:

Albanien 1943/44

1942/43 wendete sich das Kriegsglück bekanntlich gegen die Achsenmächte. An der Ostfront und in Nordafrika folgte ein Rückschlag dem anderen. Alliierte Truppen landeten am 10. Juli 1943 in Sizilien (Operation "Husky"); am 25. Juli musste Benito Mussolini zurücktreten und wurde verhaftet; am 3. September unterzeichneten italienische und alliierte Vertreter in Cassibile (bei Syrakus auf Sizilien) einen Waffenstillstand. In der Folge rückten deutsche Truppen in Italien ein und übernahmen auch die italienischen Stützpunkte in Albanien und in Griechenland.

Albanien wurde ab dem 9. September 1943 von der deutschen 2. Panzer-Armee besetzt. Mit deutscher Unterstützung wurde eine pro-deutsche albanische Regierung gebildet, die für Ruhe und Ordnung im Lande zu sorgen hatte und den Kampf gegen die kommunistisch geführte Partisanenbewegung aufnahm, während die Hauptaufgabe der deutschen Divisionen darin bestand, die Verteidigung der Küste gegen eine eventuelle Landung der Alliierten zu übernehmen.

In der Folge entwickelten sich parallele Verwaltungsstrukturen. Neben den albanischen Behörden - mit Regierung, Hohem Regentschaftsrat und Parlament - gab es seitens der Wehrmacht den "Deutschen bevollmächtigten General in Albanien" (D.G.A.) sowie als Truppenbefehlshaber den Kommandierenden General des XXI. Gebirgs-Armeekorps. Zusätzlich gab es den Sonderbeauftragten des Auswärtigen Amtes für Südosteuropa - dem auch das deutsche Generalkonsulat bzw. ab 1944 die deutsche Gesandtschaft in Tirana unterstanden - sowie die Vertreter der SS bzw. des Sicherheitsdienstes (SD), die ihre eigenen Interessen verfolgten.

Angesichts der engen Verbindungen Österreichs zu Südosteuropa im Allgemeinen und zu Albanien im Besonderen kann es kaum überraschen, dass unter den deutschen Amtsträgern zahlreiche Österreicher zu finden waren. Sonderbeauftragter Südost des Auswärtigen Amtes war der ehemalige Wiener Bürgermeister Hermann Neubacher. Sein Vertreter in Albanien, Dr. Karl Gstöttenbauer, kam ebenfalls aus Österreich. Beauftragter des Reichsführers SS bzw. höherer SS- und Polizeiführer in Albanien war SS-Gruppenführer (Generalleutnant) Josef Fitzthum, der im Ersten Weltkrieg Oberleutnant der k.u.k. Luftfahrtruppe und von 1938 bis 1940 stellvertretender Polizeipräsident von Wien gewesen war. Auch die Oberbefehlshaber der 2. Panzer-Armee, in deren Zuständigkeitsbereich Albanien fiel, waren ab 1943 Österreicher: Generaloberst Lothar Rendulic, General der Gebirgstruppe, Franz Böhme und General der Artillerie, Maximilian de Angelis.

Kirchners neuerlicher Einsatz in Albanien 1943 bis 1944

Bei der Neuorganisation Albaniens ab Herbst 1943 wurde auch eine Neugestaltung der albanischen Armee beschlossen. Damit begann auch für Hermann Kirchner eine neue Aufgabe, die ihm umso willkommener war, als seine Frau 1943 überraschend nach 24-jähriger glücklicher Ehe verstorben war. Angeblich schlug der deutsche Handelsattaché in Tirana, Major Franz Edler von Scheiger (auch er ehemaliger k.u.k. Offizier und seit 1916 in Albanien tätig), Kirchner Adolf Hitler persönlich als besonders fähigen und landeskundigen militärischen Experten vor. Hitler habe den Einwand, Kirchner sei doch Legitimist und den NS-Behörden daher suspekt, als "egal" abgetan. Jedenfalls wurde Kirchner am 27. September 1943 zur Abwehrstelle XVIII, Nebenstelle Graz, einberufen und im zivilen Einsatz der Heeresgruppe Süd bzw. dem Abwehr-Kommando 111 zugeteilt, wo er als ziviler Berater des deutschen Kommandierenden Generals in Albanien fungieren sollte. Er war im neu geschaffenen albanischen Landesverteidigungskommando als stellvertretender Stabschef eingesetzt und wurde gleichzeitig vom Hohen Regentschaftsrat zum Oberst befördert. Stabschef des Landesverteidigungskommandos war sein alter Vorgesetzter, der inzwischen zum General beförderte von Myrdacz.

Für die Errichtung der albanischen militärischen Strukturen hatten das Innenministerium und der Regentschaftsrat die Verantwortung zu tragen. Der Innenminister, Xhaferr Deva, war ein Vertrauensmann der Deutschen und ein treuer Vertreter der deutschen Okkupationspolitik in Albanien. Als die Errichtung der albanischen Armee scheiterte bzw. nicht planmäßig lief, begannen die deutschen SS-Dienststellen im Kosovo mit Unterstützung von Innenminister Deva (und gegen den Einspruch des deutschen Auswärtigen Amtes, das an der Fiktion der albanischen Neutralität festhalten wollte) mit der Aufstellung einer albanischen SS-Division, der 21. Waffen-Gebirgs-Division der SS. Nach dem legendären Helden des albanischen Kampfes gegen die Osmanen im 15. Jahrhundert erhielt sie den Namen "Skanderbeg".

Im Gegensatz dazu versuchte das albanische Landesverteidigungskommando weiter, eine eigene Wehrmacht aufzubauen. Es war Aufgabe Kirchners, der schon lange mit den albanischen Verhältnissen vertraut war, diese Truppe neu zu gestalten. Sie sollte aber nicht als Werkzeug deutscher Interessen in Albanien dienen und daher der albanischen Exekutive unterstellt werden. Kirchner arbeitete eng mit dem Regenten Mehdi Frashëri zusammen, der bezüglich der Einrichtung der albanischen Armee und deren Aufgaben im offenen Konflikt mit dem Innenminister Deva stand.

Die Rolle Kirchners im Landesverteidigungskommando und seine antideutsche Einstellung blieben den deutschen Behörden nicht verborgen. Am 8. Januar 1944 meldete der Kommandierende General des XXI. Gebirgs-Korps: "Bei diesem Landesverteidigungskommando sitzt ein Baron von Kirchner. Dieser Mann ist durch den D.G.A. [Deutschen General in Albanien] auf Ansuchen dieser Behörde und vorbehaltlich der Genehmigung der oberen Dienststellen zur Verfügung gestellt. Er ist albanischer Oberst und begeht nach meiner Auffassung den gemeinsten Verrat. Er ist kein deutscher Offizier, der nur unsere Interessen vertritt. Ich halte ihn für einen Zogisten [d. h. Anhänger des Königs Ahmet Zogu]. [...] Ich halte es für notwendig, dass dieser Mann bald verschwindet. Er ist wie ein Jesuit, der nichts sagt, aber alles hört. Aber er ist noch nie gekommen, um mir zu sagen, es steht so oder so." Das große Interesse der deutschen Führungsinstanzen am schnellen Aufbau albanischer Truppen erklärte sich vor allem aus den Angriffen albanischer Partisanen gegen die Deutschen. Die Situation war unklar, die albanische Öffentlichkeit rechnete mit einer möglichen Landung der Alliierten in Albanien. Das Landesverteidigungskommando verfolgte unter diesen Umständen eine pragmatische Politik. General Fehn meldete weiter: "Die Leute haben mit einer Landung gerechnet. Das scheint ihnen aber allmählich aufgegangen zu sein, dass vor Frühjahr nicht damit zu rechnen ist. Deshalb nehmen sie uns gegenüber [zwar] einen kameradschaftlichen Standpunkt ein, bauen sich [aber] ihre Sache auf und wir haben später die albanische Gendarmerie vereint mit den kommunistischen Verbänden hinter uns an den Passstraßen sitzen." Kirchner war nicht nur gegen die Instrumentalisierung albanischer Truppen für deutsche militärische Zwecke, sondern es ging ihm primär um den Aufbau einer schlagkräftigen albanischen Truppe - von der General Fehn, wie dem Zitat zu entnehmen ist, befürchtete, dass sie eventuell sogar gegen die Wehrmacht kämpfen würde. In dieser Situation sahen sich die deutschen Instanzen veranlasst, Kirchner von seinem Dienstposten abzuberufen bzw. wieder aus Albanien zu entfernen. Der Sonderbevollmächtigte, Gesandter Neubacher, ordnete daher kurz nach Eingang dieser Meldung an, dass Kirchner durch die Heeresgruppe F unter einem Vorwand zu einer Unterredung nach Belgrad befohlen werden sollte, um dort die Auflage zu erhalten, nicht mehr nach Albanien zurückzukehren. "Darüber hinaus möge ihm Gelegenheit zur Frontbewährung geboten werden [...] und so könne Kirchner den Albanern gegenüber seinen Abgang am besten begründen", schrieb Neubacher.

Schon am 24. Jänner wurde Kirchner beauftragt, sich am 27. Jänner persönlich beim Kommandeur der Heeresgruppe F, Generalfeldmarschall Maximilian Freiherrn von Weichs, in Belgrad zu melden. Auf seine Frage nach dem Hintergrund antwortete man ihm, dass es sich wahrscheinlich um persönliche Angelegenheiten handle. Die Wahrheit sollte ihm verheimlicht werden, damit er keine Gegenmaßnahme hinsichtlich seiner Abkommandierung treffen konnte. Auch sollte verhindert werden, dass die albanischen Dienststellen dagegen protestierten. In Belgrad angekommen, würde man ihm dann die Wahrheit sagen. Zur Sicherheit wurde Kirchner bis zu seiner Abreise vom Sicherheitsdienst rund um die Uhr überwacht und bei der Fahrt neben dem Fahrer von zwei deutschen Offizieren begleitet.

Am 25. Jänner 1944 reiste Kirchner wie befohlen aus Tirana ab. In Shkodra hatte er aber mit seinem Auto einen Unfall (seinen Angaben nach fuhr der Fahrer zu schnell in eine enge Kurve; das Auto kam von der Straße ab und überschlug sich). Er wurde mit einer Halswirbelstauchung ins Lazarett von Shkodra eingeliefert; auch seine Begleiter überlebten den Unfall. Kirchner wurde, kaum geheilt, noch im selben Monat - wieder in Begleitung zweier Bewacher - von Shkodra nach Belgrad gebracht. Die Fahrt - teils unter militärischer Bedeckung durch das Partisanengebiet - war "eine sehr schmerzhafte und stürmische mehrtägige Reise". Am 13. Februar 1944 wurde ihm durch den Ic (Abwehr-Offizier; Anm. d. Red.) der Heeresgruppe F eröffnet, dass sein Verbleib in Albanien "nicht mehr notwendig erscheint", und Kirchner kehrte nach Graz zurück.

Seine Dienstzeit im albanischen Staat war damit nach zwölf Jahren endgültig beendet. In gewisser Weise war dies für ihn selbst vielleicht eine glückliche Fügung. Im Zuge des allgemeinen Rückzuges aus Südosteuropa mussten die deutschen Truppen im Herbst 1944 auch Albanien räumen. Kirchners alter Freund und Förderer General von Myrdacz (wie Kirchner schrieb: "dieser gute und edle, hochgebildete und um Albanien sehr verdiente altösterreichische Offizier" - in den deutschen Quellen ist der Name gelegentlich fälschlich "Myrdatsch" geschrieben) blieb bis 1945 in Albanien, wurde aber Anfang 1945 von albanischen Partisanen gefangengenommen, vor ein Kriegsgericht gestellt und - obwohl er kein albanischer Staatsbürger war - wegen Verrates schuldig gesprochen, zum Tode verurteilt und hingerichtet.

Zurück in Graz

Nach Graz zurückgekommen, wurde Kirchner - soeben zum zweiten Mal verheiratet - gleich nach dem Attentat auf Adolf Hitler vom 20. Juli 1944 von der Gestapo verhaftet. Nach fünf Tagen freigelassen, blieb er unter polizeilicher Überwachung. Er arbeitete weiter im Autohaus seines Bruders.

Auf einen Blick

Hermann Kirchner, Hauptmann a. D. der k.u.k. Armee und Oberst a. D. der albanischen Armee, verstarb am 8. März 1953 in Graz. Er war ein hervorragender und tapferer österreichischer Offizier, und leistete auch einen wichtigen Beitrag zum Aufbau und zur Organisation der albanischen Streitkräfte in der Zwischenkriegszeit. Damit ist seine Geschichte auch ein wichtiger Teil der albanischen Militärgeschichte. Gerade angesichts der heute engen bilateralen militärischen Zusammenarbeit zwischen Österreich und Albanien ist es wichtig, sich auch daran zu erinnern.


Autor: Major M.A. Marenglen Kasmi wurde 1977 in Gramsh, Albanien geboren. 1997 bis 2000 Offiziersanwärterlehrgang bei der Deutschen Bundeswehr (Artillerietruppe) und 2004 bis 2008 Magisterstudium für Geschichtswissenschaften an der Helmut-Schmidt Universität/Universität der Bundeswehr, Hamburg. Seit 2008 Dozent für Militärgeschichte und seit 2012 Gruppenleiter der Militärgeschichtlichen Gruppe an der Akademie der albanischen Streitkräfte. Arbeitet derzeit an seiner Dissertation über die "Deutsch-albanischen Beziehungen 1912 bis 1939" am Institut für Zeitgeschichte in Tirana und "Die deutsche Besatzung in Albanien 1943 bis 1944" an der Akademie der albanischen Streitkräfte in Tirana.

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