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Wüllersdorf-Urbair

Mit dem Untergang der Monarchie im Herbst 1918 verlor die nachfolgende Republik (Deutsch-)Österreich den Zugang zum Meer. Das Andenken in der Öffentlichkeit an die einstige Marine des Vielvölkerstaates verblasste immer mehr. Einzig Österreichs berühmtester Seeheld, der Sieger von Lissa, Vizeadmiral Wilhelm von Tegetthoff ist hier eine Ausnahme. Tegetthoffs Vorgesetzter jedoch, der Wissenschafter und spätere Handelsminister Bernhard von Wüllerstorf-Urbair, ist bis heute fast unbekannt geblieben.

Im Küstenland geboren

Bernhard von Wüllerstorf-Urbair erblickte im Jahre 1816 als Sohn des Beamten Leopold von Wüllerstorf-Urbair in Triest das Licht der Welt. Schon früh Halbwaise stand er unter dem Einfluss seines Stiefvaters Johann Graf von Marzani, später Vizepräsident der Regierung in Venedig, der ihn ermunterte, sich mit naturwissenschaftlichen Themen zu beschäftigen. Nach dem Besuch des Gymnasiums in Padua und in Ofen entschied sich Bernhard von Wüllerstorf-Urbair für den Offiziersberuf. Er trat 1828 in die k.k. Pionierschule in Tulln ein, aus der er nach fünf Jahren zum Infanterieregiment 40 als Kadett ausmustert (Galizisches Infanterie Regiment "Ritter von Pino" Nr. 40).

Rückkehr an die Adria

Im gleichen Jahr erließ die oberste Heeresbehörde, der k.k. Hofkriegsrat, den Aufruf an junge Offiziere, sich zur Marine zu melden. Kadett Bernhard von Wüllerstorf-Urbair trat in die Seestreitkräfte des österreichischen Kaiserstaates ein.

Nach nur einem Jahr bestand er die notwendigen nautischen Prüfungen und avancierte zum "ordentlichen Seecadetten". Seine praktische Ausbildung als Seemann erhielt er auf den k.k. Schiffen "Arriana" und "Sfinge". Auf letzterer stand der junge Mann unter dem Kommando von Linienschiffsleutnant Milanopulo, der ihm riet, in Wien Astronomie zu studieren. Wüllerstorf-Urbair folgte seinem Rat. Durch seine Erfolge wurde er bereits 1839 zum Schiffsfähnrich befördert und übernahm die Leitung der Lehrkanzel für Astronomie und Nautik an der Marineakademie in Fiume. Aus dieser Zeit sind die ersten wissenschaftlichen Aufsätze von Wüllerstorf-Urbair überliefert, die sich unter anderen mit Berechnungen zur Breitenbestimmung beschäftigten.

Revolution

Die Revolution des Jahres 1848 traf den jungen Seeoffizier Bernhard von Wüllerstorf-Urbair - seit 1847 mit der Gräfin Anna O’Conor of Connaught, eine Tochter einer in Venedig ansässigen irischen Adelsfamilie, vermählt - fast unvorbereitet. Schon im Jänner 1848 hatte es in der Lagunenstadt Unruhen gegeben.

Am 23. März 1848 rief Daniele Marin die unabhängige Republik von Venedig aus ("Repubblica di San Marco"), nachdem am Tage zuvor Unruhen ausgebrochen waren, die das österreichische Militär sowie die Beamtenschaft zwangen, sich vorerst aus der Lagunenstadt zurückzuziehen. Wüllerstorf-Urbair floh nach Triest, wo sich die Reste von Österreichs Marinestreitkräften sammelten.

Im Juli 1848 verstarb seine junge Frau Anna gewaltsam im revolutionären Venedig. In der alten Hafenstadt Triest begann die Rückeroberung der italienischen Gebiete, an der der junge Offizier tatkräftig mithalf. Dabei agierte er auch als Adjutant des Marineoberkommandanten bei der Belagerung von Venedig. Die Stadt selbst kapitulierte im August 1849. Die österreichische Regierung unter dem jungen Kaiser Franz Joseph I.begann mit der Reorganisation der Marine. Man holte dazu einen erfahrenen dänischen Seeoffizier, Hans Birch Freiherr von Dahlerup. Auch Wüllerstorf wurde in den Stab Dahlerups versetzt. Hier bemühte er sich um die Einführung von Deutsch als Dienstsprache als Ersatz für das bisher gepflogene Italienisch. Wüllerstorf-Urbair übersetzte taktische Vorschriften und entwarf ein neues Signalsystem.

Ein steiler Aufstieg

Im Jahr 1850 erhielt Bernhard von Wüllerstorf-Urbair (1849 aufgerückt zum Korvettenkapitän) mit der Brigg "Montecuccoli" sein erstes eigenständiges Kommando und segelte in die Levante. An Bord befand sich auch ein junger Fregattenleutenant, der zum berühmtesten Seehelden Österreichs aufsteigen sollte: Wilhelm Tegetthoff. 1854 übernahm Erzherzog Maximilian den Oberbefehl über die k.k. Marine. Unter ihm stieg Wüllerstorf weiter in der Hierarchie auf. Es folgten wieder Seereisen in die Levante. 1857 bekam Bernhard von Wüllerstorf-Urbair das Kommando über die einzige Weltumsegelung der österreichischen Marine. Die Berichte ("Reise der österreichischen Fregatte Novara um die Erde", herausgegeben von Karl von Scherzer) darüber, in viele Sprachen übersetzt, machten den Commodore aus Triest und sein Team damit weltberühmt.

Die Weltumsegelung

An Bord der umgebauten schweren Fregatte "Novara" brach am 30. April 1857 Wüllerstorf-Urbair zu der von der Akademie der Wissenschaften mitgeplanten Weltumsegelung auf. Mit zwei renommierten Wissenschaftlern, dem Geologen Ferdinand von Hochstetter und dem Zoologen Georg von Frauenfeld, segelte die "Novara" über die Atlantikinsel Madeira nach Südamerika, zurück über den Atlantik und das Kap Hoorn in den Indischen Ozean und weiter nach China, Australien und Neuseeland. Über das Kap Hoorn kehrte die "Novara" am 26. August 1859 zurück nach Triest. Die mitgebrachten Proben und Präparate gingen an die kaiserlichen Museen, die gewonnenen Erkenntnisse über Ozeanografie und Hydrografie bereicherten die Wissenschaft. Kaiser Franz Joseph erhob Bernhard von Wüllerstorf-Urbair in den erblichen Freiherrnstand.

Weiterer Aufstieg

Im darauffolgenden Jahr avancierte er zum Festungskommandanten von Pola (heute: Pula, Kroatien) und wurde zum Konteradmiral befördert. 1861 amtierte Bernhard von Wüllerstorf-Urbair als Vertreter des Marineoberkommandanten beim Reichsrat, bevor er zu einer Forschungsreise - diesmal auf dem Festland - aufbrach, um in Deutschland, Frankreich und Belgien die Eisenindustrie und die dortigen Seestreitkräfte zu studieren. 1863 finden wir ihn als Hafenadmiral und Arsenalkommandanten in Venedig.

Der Krieg mit Dänemark

Die Länder Schleswig und Holstein mit größtenteils deutschsprachiger Bevölkerung waren trotz des Krieges 1848 bis 1851 weiterhin Bestandteil des dänischen Königreiches geblieben. Als 1863 die Krone für die gemeinsamen Angelegenheiten Dänemarks und des Herzogtums Schleswig eine neue Verfassung aus der Taufe hob, galt dies als Bruch der Friedensbestimmungen von 1851 - und damit einen Kriegsgrund für Österreich und Preußen. Bismarck beschloss nun, mit Österreich das Problem gewaltsam zu lösen und blieb mit seinen Verbündeten siegreich. Um die dänische Seeblockade der deutschen Nordseehäfen zu brechen, wurde Linienschiffskapitän Wilhelm Tegetthoff mit drei österreichischen Schiffen in die Nordsee entsandt. Beim Zusammentreffen des dänischen und des österreichisch-preußischen Geschwaders am 9. Mai 1864 in der Schlacht vor Helgoland (damals noch britisch!) gab es keinen eindeutigen Sieger - beide Seiten reklamierten den Erfolg aber für sich. Konteradmiral Bernhard von Wüllerstorf-Urbair, der mit einer Eskadre (Schiffsgeschwader; Anm. d. Red.) aus Triest in die Nordsee unterwegs war, musste nicht mehr eingreifen, da die Seeblockade bereits aufgelöst worden war. Dass er nicht rechtzeitig eintraf, um Tegetthoff zu unterstützen, trug ihm Kritik ein.

Handelsminister von Wüllerstorf-Urbair

Nach der Rückkehr aus der Nordsee bekam der Konteradmiral das Angebot, in die Regierung von Ministerpräsident Richard Graf von Belcredi einzutreten. Nach einigem Zögern folgte der Konteradmiral der Bitte des Grafen, und der Kaiser ernannte ihn zum Handelsminister. Bernhard von Wüllerstorf-Urbair begann mit der Umsetzung eines ehrgeizigen Programmes. Zahlreiche Handelsverträge mit Frankreich, Italien, Holland und der Schweiz wurden durch ihn initiiert und das Postwesen (Senkung der Posttarife) sowie das Kommunikationsnetz erneuert und ausgebaut. Besonderes Augenmerk lenkte Handelsminister von Wüllerstorf-Urbair auf das Eisenbahnnetz der Monarchie und den Ausbau des Triester Hafens. Als 1866 der Konflikt mit Italien wieder ausbrach, verblieb Bernhard von Wüllerstorf-Urbair im Handelsministerium. Hier blockierte er vehement die Idee, die italienische Handelsschifffahrt durch die Ausstellung von Kaperbriefen zu schädigen. Im Jahr 1866 machte sich beim Minister ein Nervenleiden bemerkbar. Auch hatte Bernhard von Wüllerstorf-Urbair große Vorbehalte gegen den Ausgleich mit Ungarn 1867, so dass er im gleichen Jahr sein Amt niederlegte.

Lebensabend

Der Kaiser ernannte den scheidenden Minister zum "Geheimen Rat" sowie zum lebenslangen Mitglied des Herrenhauses. Bernhard von Wüllerstorf-Urbair zog sich vollkommen aus der Öffentlichkeit zurück und lebte als Pensionär mit seiner zweiten Frau in Graz. Bis zu seinem Tode 1883 veröffentlichte er zahlreiche wissenschaftliche Werke aus der Geo- und Hydrografie, der Nautik sowie aus Astronomie und Ozeanografie. Die kaiserliche Akademie der Wissenschaften ernannte ihn wie auch die königlich-bayerische Akademie der Wissenschaften in München zum Ehrenmitglied. 1883 verstarb der Wüllerstorf-Urbair in Gries bei Bozen und wurde hier begraben.

Auf einen Blick

Konteradmiral Bernhard von Wüllerstorf-Urbair ist einer der wenigen österreichischen Soldaten, die neben ihrer erfolgreichen Karriere im Bereich der Streitkräfte auch in Wissenschaft und Politik sowie als Forscher und Expeditionsleiter hervortraten. Der letzte dieser Offiziere in der Geschichte Österreichs ist und bleibt General a. D. Bundespräsident Theodor Körner. Doch stand und steht Bernhard von Wüllerstorf-Urbair bis heute zu Unrecht im Schatten seines Offizierskameraden Wilhelm von Tegetthoff.


Autor: Mag. Martin Prieschl, MA, Jahrgang 1976. Mitglied des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung, Wehrdienst im Panzergrenadierbataillon 13, Angehöriger des JgB Wien I. Studium der Rechtswissenschaft und Geschichte an der Universität Salzburg. Abschluss in Geschichte 2003 mit Auszeichnung; Auszeichnung des Bundesministeriums für Unterricht und Kunst für die besten Studierenden 2003/2004; Ausbildung zum Archivar am Institut für Österreichische Geschichtsforschung (IFÖG Universität Wien) und an der Fachhochschule Potsdam, Dissertation an der Universität Linz. Nach dem Studium neben zahlreichen Publikationen u. a. Tätigkeiten im Verlagswesen und Ausstellungskoordinator. 2007 bis 2009 Archivar bei der Evangelischen Kirche AB (Oberkirchenrat, Diözese Niederösterreich, Salzburg-Tirol, Militärsuperintendentur), Funktionsdienste bei der Österreichischen Militärischen Zeitschrift ÖMZ. Seit 2009 Geschäftsführer der Fa. Archivtechnik & Systeme (Kommunal- und Firmenarchive).

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