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Weltgeist um 1700. Prinz Eugen als Gestalter Europas (II)

Der zweite Teil der Abhandlung über Prinz Eugen von Savoyen (1663 - 1736) rückt seine Laufbahn beim Militär in den Mittelpunkt. Mit 20 Lebensjahren zum Obersten, mit 24 zum Feldmarschallleutnant befördert, nahm er in höchster Führungsverantwortung in den großen, für Österreich entscheidenden und siegreichen Schlachten auf den italienischen, süddeutschen und vor allem südosteuropäischen Kriegsschauplätzen gegen die osmanischen Heere teil. Der 1736 verstorbene Feldherr sollte einen maßgeblichen Anteil an der um die Wende zum 18. Jahrhundert entstehenden Großmacht Österreich haben.

Großer Türkenkrieg 1683 bis 1699

Als sich das türkische Heer 1683 vor die Tore Wiens heranwälzte, ist das Reich an der Kippe gestanden. Aber nun entfaltete sich mit dem Sieg über die Türken die Möglichkeit, Ungarn wieder in Besitz zu bekommen. Im Jahre 1526, nach dem Tod des ungarischen Königs Ludwig II. in der Schlacht bei Mohács, war das Land durch Erbfolge an die Habsburger gefallen, doch konnten diese lediglich den nördlichsten Teil unter ihrer Herrschaft halten. Der Rest war durch die den Balkan heraufdrängenden Türken besetzt worden. Jetzt, nachdem sich die osmanischen Heerscharen bis nach Belgrad zurückziehen mussten, war der Weg nach Ungarn offen. Bereits im Herbst 1683 wurde die bedeutende Festung Gran/Esztergom nach hundertfünfzigjähriger türkischer Besatzung zurückerobert. Prinz Eugen fiel durch seine Entschlusskraft und sein Engagement bei diesem Feldzug so überdurchschnittlich aus der Reihe, dass ihm der Kaiser ein Regiment anvertraute und ihn zum Obersten beförderte - mit 20 Lebensjahren wohlgemerkt!

Bereits im Jahr 1684 standen die Kaiserlichen vor Ofen/Budapest, allerdings gelang ihnen erst 1686 der Sturm auf die Festung und deren Einnahme. Prinz Eugen wurde bei beiden Gefechten verwundet, aber ob seiner Tapferkeit, wie bereits erwähnt, in den Kreis der Generale aufgenommen. Maßgeblicher Förderer des Prinzen war kein geringerer als Graf Rüdiger von Starhemberg, der Verteidiger von Wien, und zu jener Zeit der Präsident des Wiener Hofkriegsrates. Dem Kaiser und dem Papst war es inzwischen gelungen, die "Heilige Liga", bestehend aus dem Reich, dem Königreich Polen-Litauen und der Republik Venedig, gegen die Türken zu formieren. Später kamen noch andere christliche Staaten hinzu. Von besonderer Bedeutung war das russische Zarenreich, das sich ab 1690 anschickte, die Weltbühne betreten zu wollen.

Während auf den westlichen Kriegsschauplätzen die Festungen das Schlachtgeschehen dominierten oder zumindest stark beeinflussten, da man sich im Schutz der Fortifikationen (Befestigungswerke) gegenseitig auszumanövrieren versuchte, war man im weiträumigen Osten viel stärker auf konzentrierte Attacken und das direkte Herangehen an den Feind fokussiert. Diese Art der Kriegsführung kam Prinz Eugen gelegen, und er verstand es meisterhaft, durch eine eindeutige Schwerpunktbildung die Entscheidung zu erzwingen. Die vorsichtige Vorgehensweise des Absicherns nach allen Seiten unterließ er zugunsten der Konzentration der Kräfte auf die Schwachstelle des Feindes; zudem nutzte er - soweit er konnte - das Moment der Überraschung aus und verblüffte damit seine Gegner. In der Ebene um die Ortschaft Mohács, wo die Türken das ungarische Heer 1526 vernichtend schlugen, und infolgedessen das Land unter osmanische Herrschaft geraten war, stellte sich ein überlegenes türkisches Heer 1687 am Berg Harsány erneut den Kaiserlichen entgegen; diese standen unter dem Kommando des Herzogs Karl von Lothringen. Dem türkischen Angriff wurde standgehalten, und die Osmanen wurden im Gegenangriff vernichtend geschlagen. Prinz Eugen war zwar nicht der Oberkommandierende der Kaiserlichen, aber er stand zusammen mit dem Markgrafen Ludwig von Baden - dem Türkenluis - an der Spitze des Gegenangriffes. Dies brachte ihm die Beförderung zum Feldmarschallleutnant.

Bei der Belagerung von Belgrad 1688 neuerlich verwundet, begab sich der Prinz nach seiner Genesung 1693 nach Norditalien, um dem Haus Savoyen gegen die Franzosen beizustehen. Er konnte sich dabei insoweit in Szene setzen, als ihn der Hofkriegsrat 1697, als Nachfolger des zum König von Polen avancierten Kurfürsten August von Sachsen, zum Oberbefehlshaber des kaiserlichen Heeres in Ungarn ernannte. Nachdem im Rahmen des Pfälzischen Erbfolgekrieges Ludwig XIV. seine gierigen Finger wieder einmal nach Deutschland ausgestreckt hatte und die Kaiserlichen dort gebunden waren, war es nicht mehr möglich, weitere Truppen für den südöstlichen Kriegsschauplatz freizubekommen. Teile der im Osten eroberten Gebiete, wie die Festung Belgrad, gingen wieder an die Türken verloren.

Die türkische Streitmacht operierte im September 1697 im Raum der österreichischen Festung Peterwardein (siehe Titelbild, heute: Ortsteil von Novi Sad). Prinz Eugen sammelte seine im ungarischen Raum aufgeteilten Truppen und beabsichtigte, sich den Türken in einer Schlacht zu stellen. Die Türken zogen ab und marschierten zunächst Richtung Stadt und Festung Szegedin. Prinz Eugen, mit seinen Truppen in numerischer Unterlegenheit, folgte im Gewaltmarsch, um die Türken zur Schlacht zu zwingen. Diese ließen von ihrem ursprünglichen Ziel ab und begannen bei Zenta die Theiß zu übersetzen, um in die Winterquartiere zu gehen. Prinz Eugen erkannte die Lage rechtzeitig und griff nach einem weiteren Gewaltmarsch aus der Bewegung heraus die sich in relativer Sicherheit glaubenden Türken an. Der Großwesir hatte nicht mit einem derart raschen Heranrücken der Kaiserlichen gerechnet. Der Prinz nutzte damit das Schwächemoment der Flussüberquerung aus und schlug das Heer des Sultans vernichtend: Etwa 30 000 Türken ließen ihr Leben, drei Millionen Gulden des türkischen Kriegsschatzes, tausende Ochsen und Pferde, Wagen, Proviant und das Siegel des Sultans gelangten den Kaiserlichen in die Hände, die selbst nur sehr geringe Verluste hinzunehmen hatten. Um diesen Sieg abzurunden, unternahm der Prinz einen Feldzug nach Sarajewo und zeigte damit, dass die Kaiserlichen auch imstande wären, auf türkisches Kerngebiet vorzustoßen.

Dieser überwältigende Sieg machte den Prinzen letztlich in ganz Europa bekannt und berühmt. Im Frieden von Karlowitz 1699 verzichteten die Osmanen auf Ungarn und Siebenbürgen - der Große Türkenkrieg galt als beendet.

Spanischer Erbfolgekrieg 1701 bis 1714

Die habsburgische Linie in Spanien war mit dem Tod Karls II. im Jahre 1700 ausgestorben und der Thron verwaist. Sowohl der österreichische Zweig der Habsburger als auch die französischen Bourbonen hatten ihren Anspruch auf den Thron erhoben, und es stellte sich bald heraus, dass diese Erbstreitigkeiten nicht anders als durch Krieg zu lösen sein würden. In Oberitalien ging es in erster Linie um die reiche Provinz Mailand, vom Kaiser als ein Reichslehen betrachtet, das mit dem Tod des Königs an das Reich zurückgefallen war. Der dortige Statthalter jedoch gehorchte den Befehlen aus Madrid, wo inzwischen ein Enkel Ludwigs XIV. als Philipp V. den Thron bestiegen hatte. Prinz Eugen war als Oberkommandierender der Italien-Armee darauf bedacht, die französisch-spanischen Truppen und ihre norditalienischen Verbündeten baldmöglichst zu schlagen. Denn als Hauptkriegsschauplatz wurde Deutschland angesehen, wo sich einerseits zwar manche Reichsfürsten mit den Franzosen verbündeten, andererseits aber England und die Niederlande zusammen mit anderen Fürsten des Reiches mit dem Kaiser selbst zu einer Allianz gegen Ludwig XIV. zusammengeschlossen hatten.

Der Durchmarsch nach Oberitalien musste in jenen Tagen entweder entlang der Etsch oder durch Judikarien, im Raum nördlich des Gardasees, erfolgen. Diese einzigen für Truppen gangbaren Verbindungen in die Poebene wurden von den Franzosen unter Marschall Nicolas de Catinat gesperrt. Ein Anrennen gegen diese befestigten Stellungen beurteilte Prinz Eugen als nicht zielführend, und er entschloss sich zu einer für die damalige Zeit ungewöhnlichen Maßnahme. Um die Franzosen zu umgehen, marschierte er mit allen seinen Truppen unter Zurücklassung schwacher Kräfte zur Bindung des Feindes über die Lessinischen Alpen - heute Vizentiner Alpen - östlich der Etsch in den Rücken der Franzosen und schlug Marschall Catinat im Juli 1701 in der Schlacht bei Carpi. Es war eine sehr gewagte Operation gewesen, Truppen durch unwegsames Hochgebirge zu führen, mitsamt den Geschützen und Versorgungswagen, die auf dem Marsch, teilweise nur in Manntragelasten zerlegt, transportiert werden konnten. Schnell verbreitete sich dieses Bravourstück des Prinzen über ganz Europa, der nunmehr mit Hannibal und dessen Alpenüberquerung verglichen wurde. Eugen hatte damit den Krieg ohne Kriegserklärung und unter Missachtung der Neutralität Venedigs begonnen. In weiterer Folge schlug er die Franzosen im Herbst noch einmal bei Chiari. Das Jahr 1702 verlief in Italien trotz mancher Gefechte unentschieden.

Im Jahre 1703 schien sich das Kriegsglück zunächst zur französischen Seite hin zu neigen. Die Bayern, die sich auf die Seite Frankreichs geschlagen hatten, waren unter Kurfürst Max Emanuel in Tirol einmarschiert und suchten sich mit den aus Süden vorstoßenden Franzosen zu vereinigen. Allein die Erhebung der Tiroler Bauern, vornehmlich im Etsch-, Eisack- und Inntal, unter Martin Sterzinger verhinderte diesen Schachzug, indem sie die Bayern aus dem Land warfen. Dieses Tiroler Aufgebot mit der Verpflichtung zur eigenständigen Verteidigung der Heimat entstammte dem von Maximilian I. im Jahre 1511 erlassenen Landlibell, wonach die Tiroler zwar keine Truppen für den Kaiser zu stellen, aber bei Gefahr das Land eigenständig zu verteidigen hätten. Maximilian hatte erkannt, dass in den Gebirgsregionen geordnete Truppenbewegungen zur Kriegsführung nur schwer möglich sind, aber der Heimvorteil, den die Landesbewohner durch die Kenntnis des Geländes besitzen, den Nachteil regulärer Truppen aufzuwiegen vermag.

Prinz Eugen war 1703 vom italienischen Kriegsschauplatz abgezogen worden, um als Präsident des Hofkriegsrates das gesamte kaiserliche Kriegstheater (praktisch die gesamten Kiegsschauplätze) zu koordinieren, denn es hatten sich zu allem Überdruss die Ungarn unter Georg II. Rákóczi erhoben, und die Franzosen drängten nach Deutschland herein. Im August 1704 gelang es dem Prinzen, die Armee am Oberlauf der Donau zu konzentrieren. Zusammen mit dem englischen Feldherrn John Churchill Herzog von Marlborough, der vom belgischen Kriegsschauplatz herbeigeeilt war, gelang es dem Prinzen, die Franzosen und Bayern in der zweiten Schlacht von Höchstädt im August 1704 vernichtend zu schlagen. Damit war in Deutschland die Entscheidung gefallen, und bis in das Jahr 1705 wurden die deutschen Provinzen, vor allem Bayern - auch unter Einsatz von Brachialgewalt - befriedet.

Eugen war mit seinem neuen Posten als Präsident des Hofkriegsrates bis in die innersten politischen Kreise des habsburgischen Machtgefüges vorgedrungen - und dies im Alter von 40 Jahren! Durch seine unverbrüchliche Loyalität gegenüber dem Kaiser und dem Reich hatte er sich ein Vertrauen erworben, das grundsätzlich nur schwer jemandem zugestanden wird, der im Alter von 20 Jahren quasi erst "eingebürgert" worden ist. In dieser Position jedoch vermochte der Prinz die Armee neu zu strukturieren. Unter anderem führte er bei der gesamten Infanterie die so lange Zeit für den österreichischen Soldaten prägende perlgraue Uniform ein. Bereits 1706, nachdem die Franzosen in der Lombardei eingefallen waren, marschierte er an der Spitze einer Armee nach Oberitalien und schlug bei Turin die gegnerischen Truppen vernichtend. Diese Niederlage veranlasste Ludwig XIV. zur Kapitulation. Damit verlagerte sich der Krieg nach Norden in den niederländisch-belgischen Raum. Mittlerweile war Prinz Eugen von den Reichsständen und dem Kaiser gemeinsam zum Reichsfeldmarschall gewählt worden.

Die tiefe Freundschaft, die den englischen Feldherrn Marlborough und Prinz Eugen verband, ließ sie gemeinsam zahlreiche weitere Schlachten im Rahmen dieses Erbfolgekrieges gewinnen: Sie siegten 1708 bei Oudenaarde (Provinz Ostflandern) und 1709 in der sehr verlustreichen Schlacht von Malplaquet (Nordfrankreich). Das Reich Ludwigs XIV. drohte an Erschöpfung zu zerbröseln, als 1711 Kaiser Joseph I. überraschend starb und im Zuge der Erbfolge nun, der als König von Spanien designierte Karl III., als Karl VI. zum Kaiser des Reiches bestellt wurde. Diese Machtzusammenballung Spaniens, des Reiches und zahlreicher Besitzungen in Italien sowie der spanischen Kolonien veranlasste die Seemächte, aus der Koalition gegen Frankreich auszuscheren, um das Gleichgewicht der Mächte in Europa zu erhalten. Der Krieg zog sich zwar noch bis ins Jahr 1714, letztendlich aber erhielt Österreich durch den Frieden von Rastatt, den Prinz Eugen im Auftrag des Kaisers aushandelte, Belgien, Neapel, Sardinien, Mailand und Mantua. Philipp V. wurde als König von Spanien anerkannt, musste jedoch auf den französischen Thron verzichten. Prinz Eugen, der sich zur Schaffung eines vorteilhafteren Friedens nach England begeben hatte, vermochte auf dem diplomatischen Parkett dies nicht zu bewirken, nachdem der Herzog von Marlborough aufgrund von Intrigen seinen Einfluss bei Hof verloren hatte. Auch gegen den Prinzen waren Intrigen am Wiener Hof im Gange gewesen, die ihm Machtgelüste nach der Kaiserwürde unterstellten. Doch der Prinz hatte seine sofortige Niederlegung aller Ämter angekündigt und vermochte die Verantwortlichen für dieses Lügengebäude aufzudecken. Seinen besten Feldherrn zu opfern, hätte für den Kaiser fatale Folgen gezeitigt, dennoch sind derartige Intrigen ständiger Begleiter im Dunstkreis der Mächtigen, wo Neid, Missgunst und Machtgier ganz besondere Blüten zu treiben vermögen.

Österreichisch-Veneziani­scher Türkenkrieg 1714 bis 1718

Der Spanische Erbfolgekrieg war noch kaum zu Ende gegangen, als sich erneut an der türkischen Front etwas zusammenbraute. Die Osmanen hatten die Österreicher erschöpft geglaubt und der von Korruption und dekadenter Lebensformen schwächelnden Repu­blik Venedig den Krieg erklärt. Die im Frieden von Karlowitz den Venezianern zugestandene Halbinsel Morea/Peloponnes wurde kurzerhand von den Osmanen in Besitz genommen, ebenso die Besitzungen Venedigs auf Kreta. Mit einer Reaktion Österreichs, das mit Venedig im Bündnis stand, hatten die Türken nicht gerechnet. Wieder stießen die Heere im August 1716 im Raum der Festung Peterwardein aufein­ander, und das kaiserliche Heer unter Prinz Eugen brachte den Türken eine empfindliche Niederlage bei. Abermals schaffte es der Prinz, aus der numerischen Unterlegenheit heraus mit einem riskanten Manöver aus den Verteidigungsstellungen anzugreifen und die Türken vernichtend zu schlagen. Die reiche Kriegsbeute und der Tod des Großwesirs spornten den Prinzen an, weiter in das Banat (Gebiet zwischen Maros, unterer Theiß und Donau; heute großteils im südwestlichen Rumänien gelegen) vorzustoßen und dessen Hauptstadt Temesvár zu belagern. Die Türken kapitulierten bereits nach sechs Wochen im Oktober 1716. Der Prinz gewährte der Garnisonsbesatzung in der Stärke von 12 000 Mann samt Waffen und Tross sowie dem türkischen Bevölkerungsanteil freien Abzug.

Mit dem Jahr 1717 sollte der Prinz den Höhepunkt seines militärischen Ruhmes und seiner Berühmtheit erreichen. Sein Angriffsziel war die Festung Belgrad als Schlusspunkt zur endgültigen Vertreibung der Türken aus dem gesamten Donauraum. Die Stadt selbst ist am Zusammenfluss der Donau mit der Save auf einem nur nach Süden offenen Gelände gelegen. In Anbetracht der Tatsache, dass die Donau ohnehin den Hauptstrom bildet und mit der Save einer ihrer wasserreichsten Nebenflüsse einmündet, lässt sich daraus entnehmen, dass ein Angriff auf die Festung nur von Süden her als erfolgversprechend eingestuft werden konnte. Zusätzlich hatte der Prinz eine starke Donauflottille bauen lassen, die einerseits die Versorgung der Truppen gewährleisten und andererseits eine vollständige Einschließung der Festung ermöglichen sollte. Dennoch bestand die Gefahr, mit dem Heer zwischen den Festungstruppen und der anrückenden Entsatzarmee der Türken eingekesselt und langsam aufgerieben zu werden. Der Prinz entschloss sich daher abermals zu einem für die Gefechtsführung jener Zeit ungewöhnlichen Angriff: bei Nacht aus den Verteidigungsstellungen heraus gegen das türkische Entsatzheer. Den Überraschungseffekt ausnutzend, und durch einen mit äußerster Disziplin und Zielstrebigkeit geführten Angriff gelang Eugen gegen die übermächtige türkische Armee ein glänzender Sieg. Zuvor war ihm noch gegen die Festung das Kriegsglück hold gewesen, da eine Mörsergranate das große Pulvermagazin mit einem Direkttreffer zerstört und tausende Tote verursacht hatte.

Das türkische Entsatzheer wurde am 16. August 1717 in die Flucht geschlagen und zum Teil aufgerieben, die Festung kapitulierte zwei Tage später und erhielt freien Abzug. Nach relativ langwierigen Friedensverhandlungen mit den Osmanen konnte am 21. Juli 1718 der Frieden von Passarowitz unterzeichnet werden, worin sich die Türken zu einem dauerhaften Frieden mit dem Reich verpflichteten und weite Gebiete des Balkans an Österreich abzutreten hatten. Die habsburgischen Lande erreichten mit diesem Frieden ihre größte Ausdehnung nach Südosten, und obwohl einige Gebiete, wie beispielsweise die Walachei, später wieder verloren gingen, blieben die Siege und Eroberungen Prinz Eugens doch der Grundstock für die damalige Großmacht Österreich bis zum Jahr 1918.

Nach diesem ruhmreichen Höhepunkt zog sich der Prinz aus dem militärischen Geschehen mehr und mehr zurück und widmete sich wissenschaftlichen Studien und der politisch-diplomatischen Tätigkeit. Mit seinem letzten militärischen Auftritt im Polnischen Thronfolgekrieg von 1733 konnte der durch Krankheit gezeichnete greise Prinz an seine bisherigen Erfolge nicht mehr anknüpfen. Er verstarb im Jahr 1736 im Alter von 73 Jahren in Wien und wurde im Rahmen eines Ehrenbegräbnisses im Wiener Stephansdom beigesetzt.

Zusammenfassung

Prinz Eugen konnte 34 aktive Kriegsjahre während seines Lebens verzeichnen. Mit seinem Einsatz als Feldherr, Diplomat und loyaler Diener des Kaisers hatte er Österreich in den Rang einer mächtigen zentraleuropäischen Großmacht gehoben und die Landkarte Europas maßgeblich um- bzw. mitgestaltet. Sein Talent fußte auf einer umfassenden Bildung, die nicht nur den militärischen Technokraten als Hintergrund aufweisen konnte, sondern auch den weltoffenen und für neue Herangehensweisen bereiten Menschen. Gepaart war dieses Maß an Bildung mit zielstrebiger Entschlusskraft und der notwendigen Zähigkeit in der Verfolgung seiner Zielsetzungen. Als genialer militärischer Geist beachtete er stets jene unumstößlichen Grundlagen, die heute als Führungsgrundsätze bezeichnet werden. Er war flexibel im Handeln, nutzte jede Möglichkeit zur Überraschung des Gegners, legte besonderen Wert auf die Konzentration seiner Truppen im Schwergewicht, anstatt sie aufzuteilen, und er arbeitete geschickt mit Reserven, um bei einer Krise im Gefecht an der Spitze ebendieser Kräfte eine Entscheidung herbeizuführen. Besonderen Wert legte er auf die Anlage von Feldbefestigungen, da diese, auch mit schwachen Kräften besetzt, eine nachhaltige Verteidigung ermöglichten und zudem Truppen für andere Aufgaben freispielten.

Was wäre aber ein noch so genialer Geist ohne das Vertrauen seiner Soldaten, die seine Entschlüsse, ohne sie zu hinterfragen, mittragen und sich mit ihm auch in zahlenmäßiger Unterlegenheit siegessicher und tapfer in die Schlacht stürzen? Keine Zauberei und keine Demagogie vermögen dies auf Dauer zu leisten, sondern lediglich das persönliche Vorbild ist jenes Mittel, das jeden Mitarbeiter und Untergebenen beflügelt. Einerseits ist es die unverbrüchliche Treue zum Kaiser und zum Reich und andererseits die dem Prinzen eigene Zugehensweise auf seine Soldaten, in denen er die Menschen sah und nicht das Schlachtvieh. Dementsprechend gut war auch seine Für- und Obsorge über die ihm anvertrauten Truppen, die er zwar mit eiserner Disziplin, aber sehr wohl auch mit absolut gelebter Gerechtigkeit zu führen vermochte. Diese Kombination aus hervorragendem militärischem Feldherrn und menschlicher Führungskompetenz hat den Prinzen während seiner Schaffenszeit berühmt gemacht. Dies wirkt bis in unsere Tage fort, weshalb er für alle nachfolgenden Soldatengenerationen und auch für das Österreichische Bundesheer traditionsbegründend ist.

Wenn der deutsche Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel später diagnostizieren sollte, dass sich der Weltgeist immer wieder in einzelnen Gestalten der Weltgeschichte manifestiert, so war Prinz Eugen von Savoyen für die Zeit um 1700 jener gewesen.


Autor: Oberst des Generalstabsdienstes MMag. DDr. Andreas W. Stupka Jahrgang 1963. 1982 Eintritt in die Streitkräfte, 1984 - 1987 Offiziersausbildung an der Theresianischen Militärakademie zu Wiener Neustadt, 1987 - 1994 Truppendienst Fliegerabwehr und Infanterie, 1994 - 1997 Generalstabsausbildung an der Landesverteidigungsakademie zu Wien, ab 1997 Hauptlehroffizier und Lehrgangskommandant an der Landesverteidigungsakademie. Studium der Politikwissenschaft/Philosophie an der Universität Wien, 2002 Promotion zum Dr. phil. (Politikwissenschaften). Abgeschlossene Journalistenausbildung/Medienakademie Salzburg, ab März 2001 Chefredakteur/Österreichische Militärische Zeitschrift/ÖMZ; 2003 - 2004 Bataillonskommandant, 9/2005 - 9/2006 Kommandant des Österreichischen Truppenkontingentes auf den Golan-Höhen & Chief of Staff/UNDOF (Syrien/Israel), seit September 2008 Leiter des Institutes für Human- und Sozialwissenschaften/IHSW an der Landesverteidigungsakademie, 2010 Promotion Dr. phil. (Philosophie), 3/2011 - 9/2011 Kommandant des Österreichischen Truppenkontingentes im Kosovo & ACOS J5/HQ KFOR (Plans&Policy), Mitglied der "Wissenschaftskommission beim BMLVS" und der "Kommission für wissenschaftliche Zusammenarbeit von Dienststellen des BMLVS mit der Österreichischen Akademie der Wissenschaften". Publikationen: Multinationale Streitkräfte als wesentliche Komponente der europäischen Integration. Eine sicherheitspolitische Analyse (Buch, Salzburg 1997); Strategie denken (Buch, Wien 2008); Militärwissenschaften - ihre Grundlagen und ihr System (Buch, Wien 2011); zahlreiche Aufsätze und Kommentare zu den angegebenen Forschungsgebieten in Fachzeitschriften und Sammelbänden.

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