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Force Protection

Das schlagkräftige Element der EUFOR Friedenstruppe in Bosnien und Herzegowina (BiH) ist das Multinationale Bataillon (MNBN), das im Camp Butmir bei Sarajevo stationiert ist. Es ist in einen Stab und zwei Infanteriekompanien gegliedert und kann im Bedarfsfall mit bis zu sechs weiteren so genannten Immediate Reserve-Kompanien (IR-Kompanien) verstärkt werden.

Die IR-Kompanien sind innerhalb von fünf Tagen nach Alarmierung im Einsatzraum und innerhalb weiterer drei Tage einsatzbereit. Von den beiden präsenten Kompanien stellt eine die Türkei, die zweite kommt entweder aus Österreich oder aus Ungarn, wobei sich diese beiden Nationen bei der Truppenstellung im Jahresrhythmus abwechseln. Auffallend ist das Fehlen einer Stabskompanie. Dieser Umstand erklärt sich daraus, dass, anders als bei UN-Einsätzen, die gesamte Versorgung nationale Angelegenheit ist und von den National Support Elements (NSE) der truppenstellenden Nationen wahrgenommen wird. Bedingt durch die Stärke des österreichischen Kontingentes verfügt es für die Eigenversorgung der Hauptquartiersteile und des MNBN zusätzlich über ein Austrian National Element (AUTNE).

Sowohl die gesamte EUFOR-Friedenstruppe in Bosnien und Herzegowina als auch das MNBN werden derzeit von österreichischen Offizieren geführt, nämlich von Generalmajor Dieter Heidecker bzw. von Oberstleutnant Christoph Blasch.

Ausbildungsbereiche

Die Ausbildung der Soldaten erfolgt vorgestaffelt im jeweiligen Heimatland und wird vor Ort in BiH fortgesetzt.

Vorgestaffelt werden alle für friedenserhaltende Operationen (Peace Support Operations-PSO) erforderlichen Szenarien ausgebildet und geübt. Darunter fallen

  • Truppenschutz (Force Protection-FP),
  • militärische Operationen in verbautem Gelände (Military Operations in Urban Terrain-MOUT),
  • Überwachung von unfriedlichen Menschenansammlungen und Eindämmung von Krawallen (Crowd and Riot Control-CRC),
  • Bedeckung (Escorting),
  • Konvoi Operationen (Convoy Ops)

und etliche mehr.

Die Überprüfung dieser Fähigkeiten und Fertigkeiten erfolgt zu Einsatzbeginn in einer Evaluierungsübung in der Dauer von zwei bis fünf Tagen. Wird diese ohne Mängel abgeschlossen, haben die Kräfte den Status der vollen Einsatzfähigkeit (Full Operational Capability, FOC) erreicht.

Sowohl vorgestaffelt als auch im Einsatzraum werden mit Schwergewicht die folgenden Inhalte geübt, wobei eine Grundausbildung ebenso bereits im Entsendestaat erfolgte:

  • Scharfschießen (Life Firing Exercise-LFX),
  • Selbst- und Kameradenhilfe (Medical Training-MedTrng) mit theoretischem und praktischem Teil,
  • Minenkunde (Mine Awareness),
  • Funk- und Fernsprechverkehr (Radio Training) sowie
  • Auf- und Absitzen bei Hubschraubern (Boarding Training).

Um die für das Ausüben des Dienstes als Campwache erforderlichen einsatzraumspezifischen Fertigkeiten zu erlernen, für die abwechselnd ein Zug der beiden präsenten Infanteriekompanien des Multinationalen Bataillons von EUFOR eingeteilt ist, erfolgt zu Beginn der Mission zusätzlich eine spezielle Ausbildung in Force Protection.

Die folgende Beschreibung eines Szenarios ist ein Beispiel dafür, wie diese Ausbildung im Camp Butmir abläuft.

Szenario "Zivilist am Zaun"

Im Wachlokal beobachten die diensthabenden Soldaten die Monitore der Kameraüberwachung. Der gesamte Außenbereich des Camps ist auf diese Art überwacht.

Plötzlich entdecken sie einen Mann, der von außen am Zaun rüttelt und daran hinaufklettert. Es sieht so aus, als wolle er über den Zaun steigen und auf diese Weise an der Wache vorbei ins Camp gelangen. Allerdings wird er vom Stacheldraht gebremst, welcher oben auf dem Zaun angebracht ist.

Im Wachlokal reagiert man sofort: Ein Soldat, der den Monitor überwacht, informiert seinen Kommandanten. Dieser setzt umgehend einen Trupp der "schnellen Eingreifgruppe" in Marsch und schickt sie zum Ort des Geschehens (die schnelle Eingreifgruppe ist ein gruppenstarkes Element des Wachzuges, das sich je zur Hälfte im Wachlokal und im Bereitschaftsbunker aufhält). Zusätzlich wird der Sicherheitsoffizier des Camps alarmiert, um mit ihm das weitere Vorgehen zu koordinieren.

Am Zaun angekommen, wird der Unbekannte gefragt, was er wolle. Dieser gibt keine Antwort darauf und fährt mit seinem Kletterversuch fort (an dieser Stelle ist zu erkennen, dass es sich entweder um ein Übungsszenario handelt oder der Eindringling von einer schweren Bewusstseinsstörung betroffen ist).

Nach einigen Minuten, als der zweite Trupp der "schnellen Eingreifgruppe" aufschließt, der mit einem Mannschaftstransportwagen aus dem Bereitschaftsbunker aus der Tiefe des Camps kommt, gibt der Mann seinen Versuch, den Zaun zu überwinden, auf und verschwindet zwischen den Häusern außerhalb des Camps.

An der Nachbesprechung nehmen die Wachsoldaten, der Sicherheitsbeauftragte des Camps, welcher auch Ausbildungsleiter ist, sowie der alte und der neue Kommandant des Force-Protection-Zuges (FPZg) teil. Dieser Zug wird derzeit von der türkischen Infanteriekompanie des MNBN gestellt. Ihre Züge werden gerade in einem Abstand von 14 Tagen durch "frische" Soldaten aus ihrem Heimatland abgelöst, um dann für sechs Monate im Einsatzraum Dienst zu versuchen. Der Ablösevorgang wird als "Rotation" bezeichnet und ist der Grund dafür, warum zwei Zugskommandanten anwesend sind.

Es stellt sich heraus, dass die Wache alle Vorgaben gemäß ihrer Dienstvorschrift in der richtigen Reihenfolge erfüllt hat. Als verbesserungsfähig wird erkannt, dass mit dem Zaunkletterer keine Verständigung möglich war, da dieser anscheinend weder Englisch noch Türkisch verstanden hatte oder einfach nicht antworten wollte. Als pragmatische Lösung bietet der aus Bulgarien stammende Ausbildungslei ter an, sich im Realfall als Sprachmittler zur Verfügung zu stellen, da seine Muttersprache dem Bosnischen recht ähnlich ist und von den Einheimischen verstanden wird.

Mit der Nachbesprechung ist dieses Übungszenario abgeschlossen. Bei der Erfüllung der gestellten Aufgabe ist positiv aufgefallen, dass sowohl Neuankömmlinge als auch Abgelöste engagiert gearbeitet haben. Es entstand der Eindruck, dass die Soldaten die Übungseinlage als real betrachteten und sich bemühten, eine Lösung herbeizuführen, um weiterhin die Sicherheit des Camps zu gewährleisten.


Autor: Oberstleutnant Peter Reinhardt, Magister für Marketing und internationale Geschäftstätigkeit (FH), Jahrgang 1957. Einrückungstermin 1981, Einjährig-Freiwilliger 1982 beim Versorgungsregiment 2, danach bei diesem mobbeordert als Feldzeugoffizier, stv. S4 und S4. Seit 2011 Verbindungsoffizier beim Militärkommando Burgenland. Derzeit als Press-Information-Officer beim Multinationalen Bataillon (MNBN) in Bosnien und Herzegowina.

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