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Psychologie: Eine Erfahrung reicher!

Belastungsempfindungen sind subjektiv, weshalb sich die Symptome sowohl hinsichtlich ihrer Art als auch ihrer Intensität individuell unterscheiden können. Typisch sind jedoch Schlafstörungen, innere Unruhe, Flashbacks usw. Die Betreuung von Soldaten mit derartigen Belastungssymptomen ist auch eine der häufigsten Aufgaben von Militärpsychologen, vor allem während oder nach einem Einsatz. Die Möglichkeit, als Psychologe selbst einmal Betroffener zu sein, wird jedoch meist aus unserem Bewusstsein verdrängt. Im Rahmen eines Kurzeinsatzes in Syrien durfte ich jedoch selbst entsprechende Erfahrungen sammeln. Völlig unerwartet kam der Anruf Anfang November 2012 mit der Anfrage, ob ich kurzfristig für einen ca. zweimonatigen Einsatz als Psychologe beim österreichischen UN-Kontingent in Syrien zur Verfügung stehen würde.

Am 29. No­­vember 2012 bestieg ich mit den anderen Soldaten des Kontingentes das Flugzeug in der Meinung, noch am Abend im UN-Camp einzutreffen. Doch es kann anders. Bereits im Anflug auf den Flughafen Damaskus konnte man in der Stadt Granat­einschläge erkennen, was bereits ein leichtes Unbehagen hervorrief. Dieses verstärkte sich nach der Ankunft, da uns kein "Empfangskomitee" zur Abwicklung der Einreiseformalitäten erwartete. Nachdem auch Versuche scheiterten, mit dem österreichischen Kontingent telefonisch in Verbindung zu treten, wurden ernste Verunsicherungen bemerkbar und Gerüchte wurden laut. Nach ca. drei Stunden traf schließlich das sichtlich gezeichnete "Empfangskomitee" ein und informierte uns über den Grund der Verzögerung. Das österreichische Kontingent wurde auf der Fahrt zum Flugplatz beschossen, und es gab mehrere Verletzte. Wir mussten daher aus Sicherheitsgründen bis auf Weiteres am Flughafen verbleiben. Nach einer schlaflosen Nacht mit Gefechtslärm im Hintergrund war es gegen 1500 Uhr des folgenden Tages aber soweit. Ein Konvoi von leicht gepanzerten Kfz stand für die Verlegung bereit. Der Umstand, in einem gepanzerten Kfz zu sitzen, vermittelte ein Gefühl von relativer Sicherheit. Dieses verschwand jedoch schlagartig, als unser Kfz bereits nach kurzer Fahrt von den ersten Projektilen getroffen wurde und fast zeitgleich eine Artilleriegranate 50 Meter neben dem Kfz detonierte. Bäume wurden durch die Druckwelle auseinandergerissen und das tonnenschwere Fahrzeug wurde kräftig durchgeschüttelt. Die psychische Anspannung war enorm, auch wenn sich niemand etwas anmerken ließ. Alles schien im Zeitlupentempo abzulaufen und nicht real zu sein. Dies wurde durch den Umstand verstärkt, dass trotz weiterer Granateinschläge in unmittelbarer Nähe ein Fußballspiel stattfand und sich weder Spieler noch Zuseher davon beeindruckt zeigten. Auch ein feuernder Raketenwerfer, der keine 20 Meter neben der Hauptstraße in Stellung war, schien - außer uns - niemanden zu irritieren. Die scheinbare Sorglosigkeit der Bevölkerung war mir zu diesem Zeitpunkt nicht erklärbar. Nach unzähligen Kontrollen durch syrische Sicherheitskräfte trafen wir gegen 1800 Uhr im Camp ein. Die innere Anspannung wich zwar augenblicklich einem Gefühl von Sicherheit, allerdings war auch hier die scheinbare Sorglosigkeit der Soldaten irritierend. In den folgenden Tagen kontaktierten mich mehrere Soldaten, die aufgrund der Erlebnisse unter akuten Stressreaktionen litten. Ich selbst bemerkte an mir anfänglich keine Symptome. Diese traten nach ca. einer Woche völlig unerwartet auf - am Weg von meiner Unterkunft zum Abendessen. Plötzlich einsetzendes Herzrasen, begleitet von einer starken inneren Unruhe und Anspannung - das Gefühl von akuter Bedrohung. Diese Symptome traten in den folgenden Tagen zwar noch einige Male auf, verschwanden schließlich aber so schnell wie sie gekommen waren. Obwohl mittlerweile Artillerie- und Maschinengewehrfeuer auch im Nahbereich des Camps an der Tagesordnung waren, reagierte mein Körper nicht mehr. Scheinbar war das "Abnormale" auch für mich zur "Normalität" geworden. Mitte Februar 2013 war mein Einsatz in Syrien zu Ende, und ich befand mich wieder in Österreich. Die erste Woche zuhause verlief ohne Vorkommnisse. Dass ich mit den Erlebnissen noch nicht abgeschlossen hatte, wurde mir erst bewusst, als die Symptome wieder einsetzten - völlig unerwartet und von gleicher Intensität wie beim ersten Mal. Zusätzlich reagierte ich sehr schreckhaft auf Geräusche, hatte mehrere Wochen lang mit Schlafstörungen zu kämpfen und verspürte eine extrem hohe Angespanntheit. Mittlerweile sind acht Monate vergangen und auch die Symptome weitgehend verschwunden. Das Gefühl der Angespanntheit ist jedoch geblieben sowie das Bewusstsein, dass niemand gegen derartige Belastungen immun ist - auch Psychologen nicht! Jedenfalls bin ich um eine Erfahrung reicher - möglicherweise die wertvollste meiner bisherigen beruflichen Laufbahn!


Oberst dhmfD MMag Diethard Otti

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