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Die fast Vergessenen der Abwehrstelle Wien

Der Umsturzversuch gegen das nationalsozialistische Regime am 20. Juli 1944, der sich ab dem Jänner 1942 auf die "Walküre-Pläne" gründete, verlief in Wien vorerst erfolgreich. Verbände des Ersatzheeres sollten im gesamten Reichsgebiet befürchtete Aufstände und Unruhen niederschlagen. Der Umsturzversuch war von den Verschwörern geschickt gegen die Institutionen der NSDAP im Reichsgebiet, aber auch in Frankreich umorganisiert worden. Diese in Österreich fast Vergessenen des 20. Juli 1944 sind es wert, sich ihrer Taten zu erinnern.

Neben Hauptmann Carl Szokoll, der als Offizier im Wehrkreis XVII (Wien) als Verbindungsmann zu Oberstleutnant i. G. Robert Bernardis in Berlin an den Planungen und der Umsetzung des Aufstandes maßgeblich beteiligt war, waren noch mehrere Offiziere an den Putschvorbereitungen beteiligt, die zwischen 1938 und 1944 entweder in der Abwehrstelle Wien selbst tätig waren oder in den Widerstandskreisen der deutschen Abwehr eine wichtige Stellung einnahmen.

Unter Admiral Wilhelm Canaris (hingerichtet am 9. April 1945) war das Amt Ausland/Abwehr des Oberkommandos der Wehrmacht (OKW) schrittweise zu einer Bedrohung des Allmachtanspruches der Schutzstaffel (SS) geworden. Die Übernahme und Kontrolle aller polizeilichen und nachrichtendienstlichen Operationen im Frühjahr 1944 durch das Reichssicherheitshauptamt, vorerst unter Leitung des SS-Obergruppenführers Reinhard Heydrich und ab Ende Jänner 1943 unter SS-Obergruppenführer Ernst Kaltenbrunner, erschwerte die Widerstandsaktionen der Angehörigen der Abwehr und trug letztlich zu ihrem Scheitern bei.

Parallel dazu wurde Canaris führungsmäßig kaltgestellt und schließlich in eine vorläufige Ehrenhaft auf der Burg Lauenstein genommen, die schließlich in KZ-Haft und zu seiner Ermordung knapp vor Kriegsende führte. Mehrere Offiziere, die in der Abwehr tätig waren bzw. länger oder kürzer in der Abwehrstelle Wien tätig waren oder durch Befehle und Weisungen direkt auf sie einwirken konnten, standen direkt oder indirekt mit den Vorbereitungen und Aktivitäten am 20. Juli 1944 in Verbindung. Es waren dies Oberst - später Generalmajor - Erwin von Lahousen-Vivremont (bis 1943 Leiter Abteilung II der Abwehr) und Oberst Rudolf von Marogna-Redwitz, der im Ersten Weltkrieg schwer verwundet wurde und von März 1938 bis April 1944 Leiter der Abwehrstelle Wien war (hingerichtet in Berlin am 10. Oktober 1944) sowie dessen zeitweiliger Stellvertreter Oberstleutnant Kurt Fechner. Selten erwähnt wird Oberst Otto Armster (Leiter der Abwehrstelle Wien von April bis 23. Juli 1944, an diesem Tag verhaftet, im Berliner Lehrter-Gefängnis inhaftiert). Er konnte Ende April 1945 aus dem Gefängnis flüchten, wurde aber bereits drei Wochen später vom sowjetischen NKWD verhaftet und als ehemaliger Angehöriger der Abwehr anschließend zehn Jahre in der Sowjetunion inhaftiert. Er starb bereits 1957.

Ebenso hatten Oberstleutnant i. G. Georg Alexander Hansen (hingerichtet am 8. September 1944) und Major Karl Ludwig Freiherr von und zu Guttenberg (ermordet am 23. April 1945 im Berliner Lehrter-Gefängnis) und Major i. G. Hans Ulrich von Oertzen (Freitod am 21. Juli 1944 in Berlin) immer wieder Verbindungen nach Wien aufgenommen, um Kontakte zu vertrauenswürdigen Regimegegnern zu knüpfen und Vorbereitungsmaßnahmen für die Militärrevolte gegen die Herrschaft der NSDAP zu treffen.

Das Schicksal der überlebenden handelnden Personen nach 1945

Eine Gruppe, die seit Ende der vierziger Jahre in engem Kontakt stand und aus Sicherheitsgründen Decknamen verwendete, bestand aus Generalmajor i. R. Maximilian Ronge (1874 bis 1953), Generalstabsoffizier im Evidenzbüro (der an der Überführung des Meisterspions Oberst Alfred Redl im Frühjahr 1913 mitwirkte) und letzter Chef des Evidenzbüros des Generalstabes der Streitkräfte und der Nachrichtenabteilung des Armeeoberkommandos der Habsburgermonarchie. Ronge war auch in der Ersten Republik nachrichtendienstlich - primär im staatspolizeilichen Bereich - tätig. Als politisch Verfolgter nach dem "Anschluss" im März 1938, sollte er mit Liebitzky und Fechner ab 1945 in Verbindung stehen (Deckname "Keppler") und - um einer Verhaftung durch sowjetische Organe in Österreich zu entgehen - von Salzburg aus für den Wiederaufbau eines Nachrichtendienstes intensiv tätig sein. Kurz nach seiner Rückkehr nach Wien starb Maximilian Ronge.

Emil Liebitzky (1892 bis 1961) war Artillerieoffizier im Ersten Weltkrieg, Adjutant des Verteidigungsministers Vaugoin in der Ersten Republik, Militärattaché in Rom vor 1938 und wurde nach dem Anschluss zwangspensioniert. Liebitzky war in Wien ebenfalls mit Widerstandsgruppen in Kontakt gewesen und wurde Ende 1945, wenn auch nur kurz, in dem Ende April 1945 aufgestellten "Heeresamt" tätig. Anfang 1946 war er als stellvertretender Leiter der Abteilung "L" (für "Liquidierendes Heeresamt") im Bundeskanzleramt tätig, musste jedoch nach der Auflösung auch dieser Abteilung auf alliierte Anordnung in das Finanzministerium wechseln, wo er als "Wirklicher Hofrat" zum Leiter der "Pensionsabteilung A" ernannt wurde. Diese beschäftigte sich zwar offiziell mit den Ruhestandsbezügen ehemaliger Offiziere, arbeitete jedoch verdeckt, aber intensiv an der Aufstellung österreichischer Streitkräfte. Die Vorformen waren ab Jahresende 1950 die Alarmeinheiten der Gendarmerie und die 1952 aufgestellte "B-Gendarmerie", die vom "Wiener Komitee" (von den Offizieren des Ersten Bundesheeres Iglseder, Linhart und Linsbauer und dem Generaldirektor für die Öffentliche Sicherheit, Wilhelm Krechler, gebildet) vorbereitet wurden. In den folgenden drei Jahren gingen die Arbeiten für die Vorbereitung der Schaffung regulärer Streitkräfte der Republik Österreich mit nun klarer US- und nicht unwesentlicher französischer und britischer Unterstützung weiter. Im Sommer 1955 war das Ziel mit der Aufstellung eines Österreichischen Bundesheeres erreicht, dessen erster General Dr. Emil Liebitzky werden sollte.

Zu den wichtigen Personen, die zur Aufstellung eines militärischen Nachrichtendienstes in Österreich nach 1945 beitrugen, gehörten besonders Generalmajor Erwin Lahousen (1897 bis 1955), der nach seiner Ausmusterung an der Theresianischen Militärakademie 1915 und Dienstleistung als Offizier im Ersten Weltkrieg in die Volkswehr und in das Erste Bundesheer übernommen worden war. Mit Kurt Fechner schon seit der Zeit der Ersten Republik befreundet, absolvierte er den Heerespsychotechnischen Kurs und den Kurs für den höheren militärischen Dienst (Generalstabsausbildung). Von 1935 bis März 1938 leitete Lahousen den Evidenz- und Informationsdienst in der Nachrichtenabteilung des Bundesministeriums für Landesverteidigung. In das Amt Abwehr/Ausland der Deutschen Wehrmacht übernommen, bildete Lahousen mit mehreren Offizieren der Abwehr eine Widerstandsgruppe, die zu Jahresbeginn 1943 ein Attentat gegen Hitler versuchte. Von seinem Posten abberufen, wurde er als Kommandant eines Jägerregimentes am 19. Juli 1944 schwer verwundet, und daher nicht mit dem gescheiterten Attentat des 20. Juli 1944 in Verbindung gebracht und entging den Verfolgungen des NS-Regimes. Er lebte nach kurzer Kriegsgefangenschaft und als Zeuge im Nürnberger Prozess ab Sommer 1947 in Seefeld in Tirol, wo er bald wieder in engem Kontakt mit Kurt Fechner stand.

Kurt Fechner (1896 bis 1985) wurde manchmal von der kommunistischen Propaganda in Österreich und der DDR, aber auch mehr oder weniger gut gemeint als "Österreichs Gehlen" (nach dem letzten Chef der Abteilung "Fremde Heere Ost", Generalmajor Reinhard Gehlen, dem Leiter der mit US-Unterstützung aufgebauten "Organisation Gehlen" und erster Leiter des Bundesnachrichtendienstes) bezeichnet. Als Sohn eines später zum Obersten beförderten Offiziers in der k.k. Landwehr, war er nach seiner Ausmusterung im März 1915 in Wiener Neustadt Offizier des IR Nr. 4 und wurde nach einer schweren Verwundung im Juni 1916 und der anschließenden Genesung im Frühjahr 1918 in dem von den Truppen des k.u.k. Heeres besetzten Teiles der Ukraine nachrichtendienstlich verwendet.

Im Februar 1919, nach dem Zusammenbruch der Monarchie, wurde er in die Deutsch-Österreichische Volkswehr und im November 1920 in die Österreichische Wehrmacht (ab April 1921 "Bundesheer") übernommen. Am 1. Oktober 1929 wurde er Leiter der "Heerespsychotechnischen Stelle", der er bis zum Anschluss 1938 als Major blieb. Vorerst in die Deutsche Wehrmacht übernommen, entließ man ihn am 30. Juni 1939 als Halbjude aus "rassischen Gründen". Er arbeitete aber bis zum Frühjahr 1942 im Auftrag Oberst Lahousens für die Abwehr. Im Mai 1942 wurde er als Major auf Betreiben von Admiral Canaris und Oberst Lahousen wieder in die Wehrmacht aufgenommen und zum stellvertretenden Leiter der Abwehr/Leitstelle Südost II in Wien ernannt. Hier war er Angehöriger jener Widerstandsgruppe, die von dem vom März 1938 bis April 1944 amtierenden Leiter der Abwehrstelle Wien, Oberst Graf von Marogna-Redwitz, geführt wurde und konnte über die von der Abwehr betriebene Tarnfirma "Monopol" zahlreichen verfolgten Juden als "V-Männer der Abwehr" damit zur Flucht in die Schweiz und schließlich von der Verhaftung bedrohten Juden in Budapest helfen.

Ende März 1945, nach seiner Ablöse und der möglichen bevorstehenden Verhaftung durch Angehörige des SS-Jagdkommandos unter Otto Skorzeny, konnte der mittlerweile zum Oberstleutnant beförderte Fechner noch vor der Einkesselung Wiens durch die Rote Armee aus Wien entkommen und schlug sich mit wichtigen Dokumenten von Admiral Canaris (der am 9. April 1945 im Konzentrationslager Flossenbürg hingerichtet worden war) und Lahousen (darunter Teile dessen Tagebuches) über Oberösterreich nach Pertisau in Tirol durch. Hier nahm nach dem Einmarsch der US-Truppen das "Counter Intelligence Corps" (CIC) der U.S.-Army schon in der ersten Maihälfte 1945 mit ihm Kontakt auf und führte mit ihm mehrere Verhöre und Befragungen durch. Obwohl offiziell bis Sommer 1946 in Gefangenschaft, konnte er sich in Tirol relativ frei bewegen, da die zahlreichen mitgebrachten Dokumente und sein Fachwissen über deutsche Agentennetze und die politische Lage in Südosteuropa nicht nur die Amerikaner, sondern ab August 1945 auch die Außenstelle des französischen Nachrichtendienstes in Innsbruck unter Commandant (Major) Madeleine Bihet-Richou in den Jahren 1945 bis 1947, sehr interessierten.

Als wichtiger Verbindungsmann (Deckname "Langer") zu Liebitzky und Ronge waren seine Kontakte zu den Westalliierten bis 1955 wesentlich für die Heeresplanungen in einem souveränen Österreich. Auch mit Erwin Lahousen stand er in Tirol bis zu dessen Ableben kameradschaftlich und ebenso (nachrichten-)dienstlich in engem Kontakt.

Nach dem überraschenden Tod Lahousens am 24. Februar 1955, der eigentlich bis 1953 - als sich sein Gesundheitszustand allerdings immer weiter verschlechtert hatte - ursprünglich als erster Leiter des militärischen Nachrichtendienstes Österreichs vorgesehen war, wurde Kurt Fechner am 27. September 1955 in das Bundeskanzleramt/Sektion VI/Amt für Landesverteidigung (Gruppe II/Abt. Nachrichtenevidenz, damaliger Leiter Gendarmerieoberst Johann Linsbauer) übernommen und am 8. Juni 1956 von Bundeskanzler Julius Raab aufgrund seiner bisherigen Verdienste um die Republik Österreich zum Hofrat und zum Leiter der Gruppe Nachrichtenwesen im Amt für Landesverteidigung im Bundeskanzleramt ernannt. Kurt Fechner konnte sich bald auf einige auch schon vorher im Nachrichtendienst tätige Offiziere stützen. Darunter waren unter anderen Oberst ­­ a. D. ­Andreas Figl (1873 bis 1967), bereits ein genialer Dechiffrierspezialist im Ersten Weltkrieg. Als "freier Mitarbeiter" - war er der Schöpfer der Grundlagen für die Dechiffrierausbildung des Bundesheeres nach 1955. Auch der spätere Brigadier Robert Wrabel (1900 bis 1978), im Ständestaat als Gendarmeriemajor 1934 Adjutant von Sicherheitsminister Fey und nach 1938 als Zivilangestellter in der Abwehrstelle Wien tätig, fanden rasch ihren Weg in die Gruppe Nachrichtenwesen. Kurt Fechner blieb nach der Errichtung des Bundesministeriums für Landesverteidigung im Juli 1956 in dieser Funktion und trat im Dezember 1961 in den Ruhestand, wirkte aber noch bei seinem Nachfolger Brigadier Alexander Buschek beratend bis zum Jahresende 1962 weiter.

Unbedingt auch zu erwähnen sind jedoch in dieser Gruppe jene, die für die Aufstellung des Bundesheeres und des militärischen Nachrichtendienstes eine wichtige Rolle spielten. Es sind dies u. a. der Oberstleutnant i. G. in der Deutschen Wehrmacht und spätere General des Bundesheeres Dr. Zdenko Paumgartten (1903 bis 1984), der als Vertreter des Bundeskanzleramts zu den französischen Behörden in Tirol und ab Ende 1951 als Mitglied des "Salzburger Komitees" wichtige Verhandlungen mit den US-Behörden im Vorfeld der Aufstellung des Bundesheeres führte und enge Verbindung zum "Wiener Komitee" unter Liebitzky hielt. Das gleiche galt für den 1918 geborenen ehemaligen Wehrmachtsoffizier und Ritterkreuzträger Hauptmann a. D. Georg Gaupp-Berghausen (Deckname "St."), der 1944 wegen seiner offen ablehnenden Haltung gegen die Verbrechen des Nationalsozialismus mehrmals Kriegsgerichtsverfahren entgangen war. Später war er Mitbegründer der "Gesellschaft für politisch-strategische Studien" und bis zu seinem Tod im Jahr 1985 ein anerkannter Experte auf dem Gebiet der Hispanistik.

Letztlich standen diese Männer bis zum Kriegsende auf verlorenem Posten. Pannen und Fehler im Ablauf der Revolte, das schwankende, auf persönliche Absicherung zielende und fallweise zwielichtige Agieren einiger Personen, aber die schließlich rasche und brutale Reaktion eines totalitären Regimes, das mit Verschwörern gegen den alleinigen Machtanspruch kurzen Prozess machte und sie hinrichten ließ, aber auch vor den Angehörigen der Aufständischen im Wege einer Sippenhaftung nicht haltmachte, führte dazu, dass der Krieg noch über neun Monate andauern sollte. Ob die Alliierten mit einer neuen Regierung des Deutschen Reiches eine politische Einigung gefunden hätten, ist zweifelhaft und bleibt daher ­Spekulation.


Autor: Hofrat Professor Dr. Wolfgang Etschmann, Oberleutnant, Jahrgang 1953. Studium der Zeitgeschichte und Germanistik an der Universität Wien; 1979 Promotion zum Dr. phil., danach als wissenschaftliche Hilfskraft am Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien tätig. Von 1981 bis 1982 Kompaniekommandant beim Landwehrstammregiment 21. Ab 1982 Referent für neuere Militärgeschichte am Heeresgeschichtlichen Museum/Militärwissenschaftliches Institut; 1994 bis 2011 Leiter der Militärgeschichtlichen Forschungsabteilung des Heeresgeschichtlichen Museums. Seit 2011 im Institut für Human- und Sozialwissenschaften, Referat Kriegstheorie an der Landesverteidigungsakademie.

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