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Die Moral sagt vielleicht Widerstand - ich aber nicht

ObstdG MMag. DDr. Stupka schrieb in seinem lesenswerten Artikel im TRUPPENDIENST-Heft 3/14, über die moralische Verpflichtung des Soldaten zum Widerstand bei "schweren Verfehlungen der Herrschenden". Er erklärte, der Soldat und das Militär sollen sich überhaupt "immer auf die Seite des Volkes" und damit gegen die Tyrannei stellen und "niemals das gesetzliche Unrecht mittragen". Aus philosophischer und vor allem moralischer Sicht ist dieser Standpunkt nicht nur bloß vertretbar, sondern überaus wünschenswert.

Ich möchte aus der Sicht der Psychologie und der Naturwissenschaften einen weiteren und ergänzenden Blickwinkel einbringen, der ebenso große Relevanz hat. Wobei ich betone, dass es sich um eine ergänzende Sichtweise und nicht um einen konträren Standpunkt handelt.

Beim Thema Widerstand gegen ein Regime geht es im Wesentlichen um die Frage, wie wir eigentlich erkennen können, ab wann wir uns zu Recht gegen ein solches stellen sollen.

Wir können davon ausgehen, dass Soldaten den Durchschnitt einer Gesellschaft representieren, also Menschen sind, wie der Installateur, der Polizist oder der Richter, außerhalb des Militärs. Stupka fordert von jedem Soldaten (und darüber hinaus somit von jedem Menschen) nicht nur das Recht, sondern eben auch die Pflicht, laufend die politischen Entscheidungen auf deren moralische Güte zu prüfen.

Vor allem die Offiziere nimmt er hier, aufgrund des höheren Bildungsgrades, in die Pflicht. So schreibt er "nur der gebildete Mensch vermag Politik zu verstehen, politische Verfehlungen richtig und rechtzeitig zu erkennen, um danach die entsprechenden Entscheidungen treffen zu können". Jetzt haben wir Soldaten uns dazu entschlossen, dem österreichischen Volke, geführt von der Bundesregierung, zu dienen.

Diese Entscheidung ist bereits gefallen. Unangenehmerweise unterliegen Entscheidungsprozesse unglaublich vielen Einflüssen, die leider oftmals dazu führen, dass wir einfach falsche Entscheidungen treffen. Und ebenso unangenehmerweise trifft das gebildete und ungebildete Personen in gleichem Maße. Die vielen Fallstricke in Entscheidungsprozessen hier zu beleuchten ist aufgrund des begrenzten Umfanges dieser Kolumne unmöglich.

Weswegen ich nur zwei wesentliche Einflussquellen aufzeigen möchte, die nach getroffenen Entscheidungen wirksam werden, nämlich das Festhalten an Meinungen und Werten und den Bestätigungsfehler. Das Festhalten an einer einmal gefassten Meinung bedeutet, dass wir, wenn wir ein Urteil über eine Situation gefällt haben, nur mehr äußerst schwer davon abzubringen sind. Selbst wenn man uns darauf aufmerksam macht, dass wir irgendwelche Fehlinformationen für unseren Entscheidungsprozess benutzt haben, werden wir an unserem Urteil festhalten.

Nehmen wir als Beispiel ein Geschworenengericht. Den Geschworenen werden vom Staatsanwalt viele sogenannte Beweise präsentiert. Bei dem einen oder anderen legt der Verteidiger Berufung ein und wenn der Richter dieser stattgibt, dürfen die Geschworenen diese einmal präsentierten Beweise nicht mehr berücksichtigen. Jetzt kommt naturgemäß der rosafarbene Elefant ins Spiel, an den Sie nicht denken sollen - und wie wir alle wissen, funktioniert das nicht. Auch die Geschworenen werden weiterhin von den (eigentlich nicht einzubeziehenden) Beweisen beeinflusst, sosehr sie sich vielleicht auch bemühen mögen, diese nicht zu berücksichtigen.

Wenden wir uns wieder dem eigentlichen Thema zu, nämlich dem Widerstand gegen ein unmoralisches Regime. Durch viele Beweise, die den Bürgern durch ein mögliches Regime vorgelegt wurden und werden (denken wir nur an die Rassengesetze im Dritten Reich, die man versuchte "wissenschaftlich" zu begründen), bildet sich die Bevölkerung eine Meinung und glaubt fest an diese.

Die Staatsbürger werden selbst an dieser Meinung festhalten, wenn ihnen jemand die Fehlerhaftigkeit der Entscheidungsgrundlagen vor Augen führt. Und das Schlimme daran ist: Es ist niemand (auch Experten oder "gebildete" Menschen) dagegen immun.

Hinzu kommt noch ein zweiter, äußerst machtvoller Effekt, nämlich der Bestätigungsfehler. Haben wir uns eine Meinung zu einem Thema gebildet, also eine Entscheidung getroffen, so suchen wir aktiv nur mehr Informationen, die diese Meinung unterstützen. Darüber hinaus ignorieren wir Informationen, die unsere Meinung in Frage stellen könnte. Außerdem versuchen wir, jede aufgenommene Information so zu interpretieren, dass diese unsere Meinung unterstützt. Anders ist wohl auch das Festhalten von Staatsbürgern an politischen Vereinigungen nicht zu erklären. Nehmen wir an, wir hätten uns für eine politische Partei entschieden und wären dieser demnach aus Überzeugung beigetreten. Wir werden vermutlich dieser Partei die Treue halten, auch wenn zeitweise unnötige oder unsinnige Meinungen vertreten werden (mir fällt dazu die kürzliche geführte Debatte betreffend der Aussagen von Andreas Mölzer, Stichwort "Negerkonglomerat" oder Alfred Gusenbauers schon länger zurückliegende Bemerkung über "das übliche Gesudere" der Parteibasis ein). Diese, wie auch viele andere Aussagen müssten uns ja eigentlich dazu bringen, Abstand von einer Reihe von politischen Gruppierungen zu nehmen (Vielleicht sogar von allen?). Unglücklicherweise nehmen wir solche Aussagen als Anhänger einer politischen Partei eben nicht wahr, weil hier der Bestätigungsfehler zuschlägt.

Unzählige Menschen hielten dem Dritten Reich die Treue und das ist auch durch diesen Bestätigungsfehler zu erklären.

Die Menschen, und zwar völlig unabhängig vom Bildungsgrad, haben aktiv Informationen aufgenommen, die ihre damaligen Werte und ihre Meinung unterstützten (beispielsweise Kriegs- oder ökonomische Erfolge des Regimes), wohingegen alle Informationen, die diesen Werten entgegengesetzt waren (Deportationen, unmenschliche Behandlungen etc.), einfach ignoriert wurden. Hinzu kommen naturgemäß noch weitere (sozialpsychologische) Faktoren wie Gruppendruck oder aber die Androhung von Repressalien, die meist nicht nur die eigene Person, sondern ebenfalls das nähere (und manchmal auch das weitere) soziale Umfeld betroffen hätten. Und einen weiteren Faktor möchte ich im Zusammenhang mit dem Festhalten an einem "Unrechtsregime" ins Treffen führen, nämlich das Machtstreben der Menschen. Philip Zimbardo hat 1971 in seinem Stanford Prison Experiment eindrucksvoll aufgezeigt, zu welchen Taten "normale" Menschen fähig sind und welche Mittel sie einsetzen, um ihre einmal erreichte Machtposition nicht zu verlieren.

Die Werte und Einstellungen werden in den meisten Fällen durch unser unmittelbares familiäres Umfeld geprägt. Durch soziales Lernverhalten haben wir uns bis zum Erwachsenenalter ein Repertoire an Werten und Einstellungen angeeignet und an diesem werden wir, ob wir wollen oder nicht, zu einem Gutteil festhalten. Bedenken wir bloß die Tatsache, dass viele Kriminelle aus Familien stammen, in denen meist die Eltern oder andere nahe Verwandte in kriminelle Aktivitäten verstrickt sind. Diese Wertvorstellungen werden oft über Generationen tradiert und ein Ausbrechen aus diesem Teufelskreis ist in vielen Fällen unmöglich. Diese Werte und Einstellungen bestehen also bereits vor dem Eintritt in das Militär und können von diesem naturgemäß auch nicht wesentlich verändert werden.

Die (politische) Bildung innerhalb des Militärs ist für die Grundwehrdiener nur ein Tropfen auf dem heißen Stein und wir sollten besser keine Erwartungen hegen, damit Einstellungen tiefgreifend zu verändern. Ebenso verhält es sich mit den moralischen Werten. Und selbst bei längerdauernden Ausbildungsgängen ist die Wahrscheinlichkeit wesentlicher Einstellungsänderungen eher gering. Frei nach dem alten Spruch "Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmer mehr".

Und trotz dieser zwei überaus mächtigen Effekte, dem Festhalten an Meinungen und dem Bestätigungsfehler, schaffen wir Menschen es, gelegentlich unsere Meinung zu ändern. Besonders schwer wird es allerdings, wenn diese Meinungsänderung grundlegend ist, schwerwiegende Folgen hat oder vielleicht öffentlich gemacht wird. Helfen kann uns dabei oftmals nur eine Lösung, bei der wir "unser Gesicht wahren können" und vielleicht bei unserem sozialen Umfeld an Ansehen gewinnen.

Das manchmal fehlerhafte Festhalten an Werten und Einstellungen sowie der Bestätigungsfehler treten, wie schon erwähnt, bei allen Menschen auf, egal ob man ein Studium der Psychologie oder den Generalstabslehrgang oder eine Druckerlehre absolviert hat. Deswegen wird es allen, Offizieren, Unteroffizieren und Mannschaften schwerfallen, herauszufinden, wann wir uns gegen ein Regime auflehnen sollen oder müssen. Wir werden es, wie viele Beispiele der Geschichte beweisen (und man nehme wieder das Dritte Reich her), vermutlich zu spät bemerken "wann die Herrschaft in eine Tyrannis umschlägt", wie Stupka treffend formulierte.

Für interessierte Leser hier zwei Literaturhinweise:

Betreffend der Entscheidungen und vor allem der Fehlerquellen bei Entscheidungsprozessen, Kahneman, D. (2011). Thinking, fast and slow. London, England: Penguin Books Ltd. und betreffend der Psychologie des Bösen sowie dem erwähnten Stanford Prison Experiment, Zimbardo, P. (2008), Der Luzifer-Effekt. Die Macht der Umstände und die Psychologie des Bösen. Heidelberg: Spektrum Akademischer Verlag.

Bestätigungsfehler

(englisch: confirmation bias) Wir suchen aktiv nur Informationen, die unsere Meinungen und Entschlüsse unterstützen und ignorieren Informationen oder werten deren Glaubwürdigkeit herab, die unsere Meinungen konterkarieren. Aufgenommene Informationen interpretieren wir jeweils so, dass diese unsere Meinungen unterstützen.

Festhalten an Meinungen

(englisch: belief persistence) An einmal gefassten Meinungen und Entschlüssen halten wir Menschen fest, selbst wenn man uns von der Unsinnigkeit der zugrundeliegenden Fakten überzeugt.


Major dhmfD Ing. Mag. Stefan Rakowsky

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