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Interviews zu AUTCON und AUSBATT/UNDOF Teil 2

Die Interviews mit drei Ende November 2012 von einem Schussvorfall betroffenen Personen, führte Major Michael Barthou.


Frau Dr. Eder war in zahlreichen Auslandseinsätzen als Ärztin beim Bundesheer tätig. Auf den Golanhöhen leistete sie über zwei Jahre lang durchgehend Dienst. Sie war am 29. November 2012 bei dem Schussvorfall dabei und erstversorgte die verwundeten österreichischen Soldaten.

"Ich habe damit gerechnet"

F: Was war Ihre Funktion bei AUSBATT/UNDOF?

A: Ich habe die österreichischen Soldaten medizinisch betreut. Am Ende dann auch alle Soldaten des UN-Hauptquartiers und andere. Insgesamt waren wir vier Ärzte, bevor das kroatische Kontingent herausgegangen ist - ein kroatischer Kollege und drei österreichische Ärzte.

F: Sie sind dann am 29. November mit zum Flughafen gefahren. Warum waren Sie dabei?

A: Bei jeder Rotation ist im Cargo-Gepäck immer ein Notarzt anwesend, das heißt ein Kraftfahrer, ein Sanitäter oder ein Notfallsanitäter und ein Arzt - egal, ob die C-130 "Herkules" nur aufgeladen wird oder ein Personentransport durchgeführt wird. Das ist so üblich. Für Syrien war es so, dass jeder eine Flughafenfreigabe braucht, das heißt, drei bis vier Wochen vorher hat die UN eine genaue Liste mit Personal und den Autonummern an die syrischen Behörden senden müssen. Nur diese haben eine Flughafenfreigabe für den angegeben Tag bekommen.

F: Sie sind an diesem Tag im vorletzten Fahrzeug gewesen. Wie haben Sie diesen Beschuss mitbekommen?

A: Ich bin in den vergangenen zwei Jahren fast jedes Mal bei den Fahrten zum Flughafen dabei gewesen. Ich kenne die Strecke gut. Am 29. November kamen wir erst später weg. Der Konvoi bestand aus über 54 Autos. Normalerweise sind es um die 30. Ich habe deswegen vorsorglich einen zweiten Notarztrucksack mitgenommen, den ich im vorderen Teil des Konvois platzierte, wo auch zwei Krankenschwestern mitfuhren, damit mehr Sanitätsmaterial vorhanden ist.

Kurz vor Damaskus sind wir das erste Mal gestanden - ein weiteres Mal kurz vor der Abzweigung zum Flughafen. Das war um einige Zeit länger. Mitbekommen habe ich die Anfänge des Beschusses nicht so wirklich, erst als eine Kugel beim Notarztwagen die Fensterscheibe durchschlug. Der Kraftfahrer rief, dass das Fahrzeug am linken Reifen vorne ebenfalls getroffen wurde. Der Fahrzeugkommandant, ein Vizeleutnant, der vorne gesessen war, hat Gas gegeben. Wir sind noch eineinhalb bis zwei Kilometer mit dem kaputten Auto weitergefahren und dann ausgestiegen, weil das Fahrzeug aufgrund des angeschossenen Reifens nicht mehr fahrfähig war. Das war mir relativ egal. Ich bin hinten gesessen. Da sieht man nicht viel, denn der Notarztwagen hat nur bei der Hecktür zwei Fenster, und die sind dunkel beschichtet. Etwa zur gleichen Zeit habe ich über Funk gehört, dass es Schwerverletzte gibt.

F: Wie ist es dann weitergegangen?

A: Wir waren schon fast zwei Kilometer weg. Die Militärpolizei [MP; Anm.] ist mit einem gepanzerten Auto vor uns hingefahren und ausgestiegen, zwei Österreicher sind vorne gesessen und zwei Kroaten sind hinten gesessen. Denen habe ich einen Notfallrucksack in die Hand gedrückt. Ich wollte wieder zurück zu meinem Fahrzeug gehen und noch ein paar Sachen holen. Zwei Militärpolizisten haben mich jedoch gepackt und in ihr gepanzertes Auto gebracht. Ich habe noch zu ihnen gesagt, was das soll und dass ich mein Zeug aus dem Auto herausholen müsse. Sie haben mich aber nicht mehr gelassen. Ich bin in das gepanzerte Auto hinein und wir sind weitergefahren.

F: Sie sind dann am Flughafen angekommen.

A: Es gab kurz vor dem Flughafen Damaskus eine Straßensperre. Das heißt, die Kolonne stand wieder. Über Funk habe ich gehört, dass im Auto vor uns die Verletzten sind. Am Flughafen angekommen, herrschte zuerst ein bisschen ein Durcheinander. Ein Soldat hat mir dann mitgeteilt, wo sich einer der Schwerverletzten befindet. Ich bin gleich aus dem Auto und zu ihm geeilt.

F: Haben Sie da schon etwas Genaueres feststellen können?

A: Der Verletzte hatte noch seine Splitterschutzweste an. Nach der ersten Besichtigung der Wunde an der Schulter war mir klar, dass er nicht allzu schwer verletzt war. Anhand des Blutes sah es nach mehr aus. Dann habe ich ihm noch die Hand gegeben. Er konnte sie drücken, was andeutete, dass die Hand durchblutet war. In dem Augenblick, als er mit mir geredet hat, habe ich gewusst, das kann keine Verletzung im Halsbereich sein, auch wenn es so aussah - das war mir in diesem Moment klar. Während des ganzen Vorganges hat die hinausrotierende Frau HptmA Dr. Brica ebenfalls mit mir die Versorgung der Verwundeten durchgeführt. Der Senior Medical Officer, Oberst Steinberger, entschied, dass der Verwundete nicht mit der Rotationsmaschine nach Hause fliegen darf.

Der andere österreichische Soldat war leichter verletzt. Er hatte einen Abpraller abbekommen. Ihm ist es halbwegs gut gegangen. Einer der etwas älteren Kraftfahrer hatte ihn schon mit dem kleinen Verbandspäckchen, das er selbst bei sich trug, verbunden - hat alles gepasst. Es stellte sich die Frage, ob wir den schwerer Verletzten in ein Krankenhaus in Damaskus bringen sollten. Das kam aber aufgrund der dortigen medizinischen Standards nicht in Frage. Der Bataillonskommandant regelte dann den Abtransport der beiden österreichischen Verletzten mit einem gepanzerten Sanitätsfahrzeug Richtung Israel. Mein Senior Medical Officer und ich waren mit dabei. Ich habe den schwerer Verletzten derweil schon schmerzstillende Medikamente gegeben, damit er ruhig bleibt. Währenddessen wurde das Passieren der Gates zwischen Syrien und Israel geregelt. Auf der israelischen Seite angekommen, war schon der Hubschrauber bereitgestanden, der beide Verletzte nach Haifa in das Internationale Krankenhaus transportierte.

F: Was waren Ihre weiteren Aktivitäten an diesem Tag?

A: Alle anderen mussten am Flughafen bleiben, außer mir. Ich fuhr in das Camp zurück. Ich habe mich hierauf bei Oberst Rotteneder, dem National Contingent Commander, gemeldet, und ihm berichtet. Dann habe ich noch mit Österreich telefonieren müssen. Es war bereits drei Uhr in der Nacht.

Bei mir ist das so: Ich habe gewusst, der schwerer Verwundete hat im Bereich der Schulter eine Verletzung. Aber es waren keine Nerven und kein Gefäß betroffen, seine Lunge war in Ordnung. Ich weiß, das klingt jetzt brutal, aber ich konnte davon ausgehen, dass ich ihm die Schmerzen mit den Medikamenten nehmen konnte und er keine lebensbedrohliche Verletzung hatte. Also war für mich das relativ schnell abgeschlossen - ich war mir auch sicher, dass es ihm gut ging.

F: Wie ist es Ihnen danach gegangen?

A: In meinem Leben hat es immer wieder Situationen gegeben, wo ich gesagt habe: "Das war jetzt knapp. Da könntest du jetzt tot sein." Ich habe mich auch nicht wirklich gefürchtet, kein einziges Mal. Als ich mich für den Einsatz im Tschad gemeldet habe, war mir klar, es kann sein, dass ich nicht mehr zurückkomme. Das habe ich auch meinem Sohn und meinen Freunden gesagt. Ich kann dort in einen Autounfall verwickelt sein oder beschossen werden.

Ich habe in Syrien auf den Golanhöhen mit den jüngeren Kameraden des Kontingentes gesprochen und gesagt, dass, wenn man raus fährt und jedes Mal überlegt, es könnte etwas passieren, auch etwas passieren wird. Und dann gefährdest du dich und die anderen. Wenn du Angst davor hast, dass dir was passiert, dann musst du die Härte besitzen und heimgehen. Mich als Vertragsbedienstete, hätte es einen Anruf gekostet und ich wäre in 24 Stunden daheim gewesen. Ich bin kein Aktiver und keine Milizangehörige gewesen, ich hätte nichts machen müssen, außer anrufen und sagen "Ich will nach Hause".

Stabswachtmeister Michael Faustik, Militärpolizist bei AUSBATT/UNDOF. Er war am 29. November 2012 während des Schussvorfalles auf den UN-Konvoi zum Flughafen Damaskus dabei.

"Habe keine Gedanken verschwendet zu denken, ‚das ist jetzt gefährlich‘ oder ‚da könnte ich jetzt sterben‘ - das war nicht vorhanden."

F: Was war Ihre Funktion bzw. Ihre Einteilung beim Konvoi zum Flughafen nach Damaskus am 29. November 2012?

A: Meine Aufgabe war es, im schließenden Fahrzeug des Hauptkonvois, also im letzten Fahrzeug des Konvois, mitzufahren. Aus Gründen der Absicherung und des Konvoischutzes ist das bei uns immer ein gepanzertes Fahrzeug. Im Zuge der zweigeteilten Ausbildung - national und international - wird im internationalen Teil, dem Militärpolizei-Teil, Konvoibegleitung und Konvoischutz ausgebildet.

F: Es wurde dann der Konvoi während der Fahrt beschossen. Können Sie aus Ihrer Situation schildern, was sich genau abgespielt hat, bzw. wie Sie das erlebt haben?

A: Ich kann das sehr genau schildern, weil ich später durch den Kontingentskommandanten mit der Leitung der Ermittlungen in diesem Fall betraut worden war, da ich Sonderermittler in der Militärpolizeistation war. Es ist auf der Autobahn zwischen Damaskus und dem Flughafen passiert. Es hat vorher schon Anzeichen gegeben, dass in diesem Gebiet Kampfhandlungen stattgefunden haben, kurz bevor wir auf die Autobahn auffuhren. Ich konnte auch noch sehen, dass leichte Artilleriegeschoße auf die Autobahn eingeschlagen haben, was aufgrund der Splitterteile und Krater auf und neben der Fahrbahn zu erkennen war - teilweise noch sehr frisch. Die Feuereröffnung kam schlagartig. Bevor wir es richtig mitbekommen haben, sehe ich noch immer in meinem geistigen Auge, wie zwei Burschen auf der Ladefläche eines Pick-ups sitzen, die sich plötzlich auf dieser Ladefläche total flach machen. Und das waren nur wenige Sekunden, bevor wir gemerkt haben, dass das Feuer eröffnet wird. Dann habe ich nur mehr den Gefechtslärm und die Einschläge in die Fahrzeuge gehört.

F: Wie haben Sie in dieser Situation reagiert?

A: Es war mir zum Beispiel nicht möglich, die Schützen auszumachen, weil sie auf einer leichten Hinterhangstellung gestanden sind. Das Gelände rechts von mir war leicht ansteigend, deswegen haben wir [Anm.: der Kraftfahrer und StWm Faustik] in dieser Situation das einzig Logische gemacht: Die Abstände zu den Fahrzeugen vergrößert und Vollgas gegeben. Der ganze Konvoi hat versucht, aus dieser Situation so rasch wie möglich herauszukommen.

A: Das heißt, der ganze Konvoi ist weitergefahren, ein Auto ist aber ausgefallen.

F: Genau, vor mir war der Ambulanztrupp mit seinem Sanitäts-Kfz. Das war das vorletzte Fahrzeug, unmittelbar vor mir. Ich habe dann gesehen, wie das Fahrzeug Probleme beim Fahren bekommen hat. Es fing an, Schlangenlinien zu fahren, wobei dem Fahrzeug der Gummi links vorne von der Felge abgegangen ist. Dann ist der Wagen ins unbefestigte Parkett abgedriftet, wo der Fahrer das Fahrzeug zum Stillstand gebracht hat, weil es unlenkbar wurde. Mittlerweile hat das Fahrzeug auch angefangen zu rauchen. Die Ambulanz war ein Totalausfall.

F: Was haben Sie dann gemacht? Waren Sie noch unter Beschuss?

A: Ich habe mich mit unserem Fahrzeug vor das andere Fahrzeug gesetzt, angehalten und gemeinsam mit meinem Kraftfahrer die Besatzung evakuiert. Das waren die Frau Dr. Eder und ihr Kraftfahrer. Bei der Militärpolizei bekommt man eine zusätzliche Evakuierungs- und Schutzausbildung. Mein Kraftfahrer und ich hatten den Vorteil eines gehärteten Fahrzeuges, somit haben wir unser Fahrzeug als Schutz gegen Handfeuerwaffen eingesetzt, um die Personen zu evakuieren. Wir haben sie an den Schultern gepackt und in den hinteren Raum unseres Fahrzeuges verbracht. Dann sind wir weitergefahren.

F: Was war das Gefährlichste in dieser Situation?

A: Auf jeden Fall, dass wir die Schützen nicht ausmachen konnten. Es hat aufgrund der Rules of Engagement keine Möglichkeit gegeben, schwerere Waffen außer Pistolen bei Ausfahrten mitzunehmen. Wir waren in der Gefechtsbereitschaft unterlegen. Das Evakuieren während des Feuergefechtes war eine unangenehme Situation.

F: Haben Sie von den verletzten Kameraden etwas mitbekommen?

A: Ich war am Ende des Konvois und habe mich um den ausgefallenen Sanitätswagen gekümmert. Im Funkverkehr habe ich hierauf die Schadensmeldung von den anderen Bussen gehört, die gemeldet haben, "Wir sind beschossen worden, wir haben keine Verletzten". Das ist wirklich eine unheimliche Situation, wenn du dann am Funk hörst, "Bei uns im Auto blutet einer komplett arg". So ging das dann weiter. Daraufhin habe ich schon ein relativ gutes Lagebild gehabt und gewusst, dass zwei Leute verletzt bzw. getroffen wurden.

Am Flughafen eingetroffen, ist ein leichtes Chaos ausgebrochen. Die Auschecker waren etwas mitgenommen, da es eben zwei Verletzte gab. Auch war nur wenig Personal im Dienst wie der S1 und die Militärpolizei. Somit ist die MP sofort eingeteilt worden, unter anderem den verletzten Offiziersstellvertreter zu bergen. Den haben wir dann vorsichtig aus dem Bus herausgeholt - der hat große Schmerzen gehabt. Er ist dann von Frau Dr. Eder auf einer Heeresdecke notversorgt worden. Während das Ganze passiert ist, sind die Auschecker schon in Damaskus auf dem Flughafen gewesen, im Transitraum. Oberst Schiffbänker hat hierauf weitere Hilfe organisiert, indem er Soldaten aus dem Transitraum herausholte: "Wir brauchen die Sanitäter jetzt sofort, die müssen da jetzt herauskommen". Eine Notärztin hat dann gemeinsam mit Frau Dr. Eder den Mann versorgt.

F: Was würden Sie beim nächsten Mal anders machen, wenn so etwas passiert?

A: Ich muss sagen, in der Situation, haben wir sehr gut reagiert, weil so etwas drillmäßig eingeübt ist. Alle Dinge, die ich das nächste Mal besser machen würde, kann ich nicht von mir aus steuern. Ich habe keine Möglichkeit zum Beispiel Radpanzer anzufordern und zu verwenden, weil das einfach die Rules of Engagement nicht zulassen. Gefechtstechnisch hätten wir nichts besser machen können.

F: Wie ist das, wenn man das jetzt wirklich erlebt, dass ein Kamerad verletzt ist bzw. wie spricht man dann im Nachhinein mit seinen Kameraden darüber?

A: Ich selbst habe diesen Vorfall total surreal in Erinnerung. Für mich ist das so, wie wenn ich nur Teilnehmer gewesen wäre. Ich habe dort keine willkürlichen Entscheidungen getroffen, sondern habe wirklich das Drillprogramm heruntergespult. Erst danach, wie wir wieder alle im Camp waren, ist mir erst eingefallen, was da eigentlich wirklich passiert ist. Ich habe dann drei Tage nicht gut geschlafen und bin im Zuge der Krisenintervention vom damaligen Bataillonskommandanten und vom Psychologen betreut worden bzw. haben wir in einer Supervision, in einer Gruppentherapie, darüber geredet. Jetzt geht es mir wieder gut, aber es hat mich nicht kalt gelassen.

Vor allem habe ich es arg gefunden, dass ich in dieser Situation überhaupt keinen Gedanken verschwendet habe, dass es jetzt gefährlich sei oder dass ich jetzt sterben könnte. Das war nicht vorhanden. Aber danach, wenn der Stress und der Druck abfallen, dann denkt man schon nach, dass das eigentlich jetzt nicht so ohne war.

F: Wie haben Sie in weiterer Konsequenz den Abzug der Österreicher aus dem Einsatzraum empfunden?

A: Ich bin mir nicht sicher, ob ich das richtig beurteilen kann. Aber es sind davor viel schlimmere Dinge passiert. Die Versorgungswege der Österreicher waren des Öfteren abgeschnitten und an diesem Tag, wo der Abzug entschieden worden ist, war das A-Gate vielleicht drei bis vier Stunden blockiert, dabei ist es vorher oft viel länger blockiert gewesen.

F: Wird man in der Einsatzvorbereitung auf derartige Situationen vorbereitet?

A: Ich möchte das auf jeden Fall bestätigen: Alles was man in der Einsatzvorbereitung macht, ist wichtig. Der Golan war das Paradebeispiel: Da sind die Leute davon ausgegangen, dass dort ein Jahr nichts passieren wird. Genau an diesem Einsatz hat man aber gesehen, dass jedes Training, jede Drillausbildung, jedes Szenario, was man übt, egal auf welchem Level, wichtig und gut ist. Ich möchte auch noch anmerken, dass ich an diesem Tag von der Führung sehr positiv beeindruckt war. Die Kommandanten haben ihre Führungsaufgabe ausgezeichnet wahrgenommen, haben sehr gute Entscheidungen getroffen und wirklich gut reagiert. Man verfällt ja oft in dieses Denken, dass alles, was wir im Inland machen, nicht funktioniert, weil wir keine Einsatzarmee sind. Aber in der Situation kann ich wirklich den Offizieren, den verantwortlichen Kommandanten, meine Hochachtung aussprechen. Es waren alle Befehle transparent, verständlich und gefechtstechnisch und taktisch richtig. Das finde ich gut. Das muss man auch einmal sagen, wenn etwas gut funktioniert hat!

Hauptmann Claus-Dieter Glavanovits, eingeteilter Konvoikommandant am 30. November 2012. Er hat die Strecke vom Camp zum Flughafen an diesem Tag zwei Mal zurückgelegt und die seit dem Vortag auf dem Flughafen festsitzenden Soldaten in das UNDOF-Camp gebracht.

"Wir haben einen Hugo!"

F: Sie waren am 30. November 2012, einen Tag nach dem Schussvorfall, mit zwei Verletzten im 1. Fahrzeug im Konvoi Richtung Flughafen. Wie kamen Sie dazu?

A: Ich habe an dem Tag, an dem der Konvoi beschossen worden war in der TOC [Anm.: Tactical Operation Center] Hauptdienst gehabt. Der Bataillonskommandant Oberst Schiffbänker, hat den Konvoi zum Flughafen am nächsten Tag zusammengestellt und geführt. Ich habe mich dafür ebenfalls gemeldet und wurde als Kommandant des Bergeelementes eingeteilt.

Dabei war meine Aufgabe ursprünglich die Bergung von dem am Vortag angeschossenen Sanitätsfahrzeug. Auf dem Weg zum Flughafen gab es mit dem syrischen LO (Liaisonofficer = Übersetzer) eine Verzögerung, da er auf die offizielle Anordnung warten musste, wodurch ich als eigenständiger Teil des Konvois auf halber Strecke vom Camp zum Flughafen warten musste und dann weiterfahren sollte. Unterwegs habe ich gehört, dass die ersten Fahrzeuge, unter der Führung des BaonKdt, wieder beschossen worden sind, wodurch natürlich die Bergung abgesagt wurde. Das zerschossene Sanitätsfahrzeug wurde in der Nacht auf die Stelle des Hinterhaltes verbracht und sollte vermutlich als Falle dienen. Als das der Kommandant bemerkte, befahl er mir, ins Representative Office in Damaskus (ROD) zu fahren, das eine UN-Einrichtung am Stadtrand von Damaskus ist, wo zu diesem Zeitpunkt noch ein österreichischer Offizier eingesetzt war. Dort sollte ich auf weitere Befehle warten. Das war ungefähr um 0800/0900 Uhr in der Früh. Um 1200 Uhr hat mich dann Oberst Schiffbänker angerufen und befohlen, dass ich nur mit den 2 gepanzerten Fahrzeugen zum Flughafen fahren sollte. Ein Grund war erstens die Aufklärung der Strecke, um zu erfahren, wie sich jetzt wirklich das Lagebild an der Stelle des Hinterhaltes darstellte bzw. zweitens, dass man zusätzlich Transportraum für die Personen schaffen konnte. Da habe ich natürlich nicht gezögert, und wir sind mit den zwei gehärteten Kleinfahrzeugen zum Flughafen gefahren. Unterwegs sind wir ebenfalls beschossen worden … F: Wie hat sich jetzt dieser Beschuss, wo Sie dabei waren, abgespielt?

A: Man muss sich vorstellen: Der Weg zum Flughafen ist keine direkte Gerade, sondern man fährt auf der Damaskus-Autobahn. Die ist in der Art wie die Tangente (in Wien; Anm.), nur halt entlang von Damaskus. Und dann gibt es eine Abzweigung auf die Flughafen-Autobahn, die Oberst Schiffbänker als das "Ohrwaschl" (Ohrmuschel; Anm.) getauft hat, weil das auf der Karte so ausschaut wie ein Ohr und damit wir [AUSBATT; Anm.] gleichzeitig auch eine Art Tarnung für den Begriff haben. Das ist auch der einzige Weg, wie man zum Flughafen kommt. Das Problem ist, das diese Straße mitten durch zwei umkämpfte Stadtgebiete von Damaskus geht, die schon längst gesperrt waren, wie Damaskus als solches.

Als wir dann unterwegs waren, ist kurz vor dem "Ohrwaschl" irgendwo ein Schuss gefallen. Ziemlich nahe, aber nur ein Schuss. Ich habe dann erst einmal den Kraftfahrer gefragt, ob er das auch gehört hätte. Er sagte ja, doch wir dachten uns nichts dabei. Wie wir von dem "Ohrwaschl" auf die Damaskus-Autobahn abgefahren sind, ist wieder ein Schuss gefallen. Da habe ich wieder gefragt, ob er das auch gehört hätte - wieder kam ein "ja". Und kurz darauf sind wir schon in die Zone des Beschusses gekommen. Wir wurden dann vermutlich von einer Gruppe mit leichten Infanteriewaffen unter Feuer genommen. Im Nachhinein kann man sagen, dass das wahrscheinlich am Vortag mit dem Konvoi ähnlich war und die einzelnen Schüsse eine Art Meldesystem der Kämpfer vor Ort waren beziehungsweise eine Art Alarmierung, dass wieder ein UN-Fahrzeug kommt.

F: Wie ging es Ihnen in dieser Situation?

A: Um ehrlich zu sein: Man dreht sich auf die Seite, schaut wo das herkommt und nimmt das ganz gelassen. So war es bei mir, und auch der Kraftfahrer ist komplett ruhig geblieben. Den Insassen des anderen Fahrzeuges ging es ähnlich. Wir hatten nicht viele direkte Treffer. Das klingt, wie wenn irgendwo etwas scheren würde, und wenn das Fahrzeug dann wirklich getroffen wird, ist es nur ein dumpfer Knall, weil die Panzerung hält. Am Vortag waren jedoch ungepanzerte Fahrzeuge unterwegs, was zu den Verwundungen der Kameraden führte.

Wir sind mit Höchstgeschwindigkeit, was die Fahrzeuge hergaben, durch den Hinterhalt gefahren. Das war jetzt nicht schwierig, da wir nur mit zwei Fahrzeugen unterwegs waren. Dann waren wir drinnen am Flughafen. Die Flughafen-Autobahn ist um die fünf Kilometer lang. Ich bin dort ausgestiegen, habe die Kugelschutzweste abgelegt und habe mich beim Bataillonskommandanten zurückgemeldet. Ich habe ihm die Ergebnisse meiner "Aufklärungspatrouille" durchgegeben. Er hat mich dann nach meiner Einschätzung der Lage, ob wir durchfahren können, gefragt. Ich habe gesagt, dass die Fahrzeuge den Beschuss aushalten. Beschossen werden wir werden. Er hat sich dann entschieden, die Leute in Kleingruppen aufzuteilen. Für den ersten Konvoi habe ich mich freiwillig als Kommandant gemeldet. Wir sind daraufhin mit einem Konvoi von fünf Fahrzeugen losgefahren, wobei wir die Fahrzeuge mit so vielen Leuten wie möglich besetzt haben. Zum Beispiel sind in dem Auto, in dem die Kroaten mitgefahren sind, zwölf Mann gesessen. In meinem Fahrzeug waren es zehn Mann. Kurz gesagt, wir haben wirklich alles mitgenommen, was im Kfz Platz hatte. Die Vorgabe war, dass nur Personen mitgenommen wurden - die Ausrüstung und das private Gepäck ist in Container versperrt und zurückgelassen worden. Die Personen hinten in den Fahrzeugen haben keine Kugelschutzweste getragen, weil das zu sperrig gewesen wäre und wir weniger transportieren hätten können. Nur der Kraftfahrer und ich haben eine Kugelschutzweste getragen, nämlich mit der Begründung, sollte aus irgendeinem Grund der Konvoi gestoppt werden, wäre ich der Einzige gewesen, der aussteigt und versucht, in Verhandlungen zu treten bzw. das Problem zu lösen. Als Verbindungselement haben wir den syrischen Verbindungsoffizier mitgehabt.

Im Vorfeld habe ich den Kraftfahrern und Fahrzeugkommandanten befohlen, dass wir mit den Fahrzeugen kompakt zusammenbleiben mussten, aber trotzdem mit hoher Geschwindigkeit sicher durchfahren. Ebenfalls spielte die Tarnung unseres Funkverkehrs eine große Rolle. Wir, meine Kameraden und ich, haben uns überlegt, wie man etwas durchgeben kann, wenn man getroffen worden oder unter Beschuss gekommen ist, ohne dass das gleich jeder mitbekommt. Dass wir abgehört wurden, war uns auch klar. Die Tarnung sollte einfach und leicht zu merken sein. Irgendwer hat dann gesagt, dass das alles für den "Hugo" sei. Damit hatten wir unsere Tarnung: Der Treffer ist der "Hugo", und "Wir haben einen Hugo" heißt, dass wir einen, zwei, drei Treffer haben. Dann kam von Oberst Schiffbänker das O.K. zum Start des Konvois.

Als wir mit den Fahrzeugen in den Bereich des Hinterhaltes gekommen waren, wurden wir wieder beschossen. Wir haben, glaube ich, insgesamt sieben "Hugos" erhalten. Ich habe die Informationen auf Funk gesammelt und dem Bataillonskommandanten weitergemeldet, dass die Durchfahrt mit gepanzerten Fahrzeugen weiterhin möglich ist. Dieser hat dann den zweiten Konvoi in Marsch gesetzt. Nachdem ich mich am Funk abgemeldet habe, ist unmittelbar danach ungefähr 50 Meter neben mir eine Granate detoniert, vermutlich von einem Artilleriegeschütz. In dem Moment habe ich mich in Richtung der Detonation gedreht, "F***" gesagt und zugeschaut, wie die Rauchsäule aufsteigt und ein Splitterhagel übers gepanzerte Fahrzeug drüberfährt. Man merkt die Druckwelle im Magen. Das war aber nur die einzige Granate. Der Kraftfahrer, ein Vizeleutnant, ist tadellos in dieser Situation gefahren. Auf jeden Fall habe ich gleich darauf den Bataillonskommandanten angefunkt, dass der zweite Konvoi stoppen soll, da ich nicht wusste, ob das ein Versuch war, uns zu treffen, oder nur eine verirrte Granate gewesen ist. Der zweite Konvoi wurde unverzüglich angehalten, als er gerade den Flughafenbereich verlassen wollte.

Im Nachhinein haben wir erfahren, dass jeder Soldat im Camp am Funkgerät mitgelauscht hatte. Die hatten die gesamte Aktion mitverfolgt und um ihre Kameraden in Damaskus gezittert. Sie haben uns dann erzählt, dass sie zuerst einmal verwirrt waren, als sie von den "Hugos" gehört haben. Keiner hat sich ausgekannt. Erst beim zweiten und dritten Konvoi haben sie natürlich daraus geschlossen, dass das vermutlich Treffer sein werden. Die innovative Tarnung hat ihr Ziel erreicht.

F: Wie ist es dann weitergegangen?

A: Dann sind wir ins Camp gefahren. Wir mussten uns den Weg durchargumentieren mit dem syrischen LO. Das sah so aus, dass wir bei jedem syrischen Checkpoint entlang unserer Marschstrecke aufgehalten worden sind. Natürlich waren die Besatzungen auf den gesamten Checkpoints von Damaskus bis zu uns ins Camp hoch nervös, weil sie von Rebellen permanent angegriffen wurden. Es hat viele gestohlene UN-Fahrzeuge gegeben, da konnten sie nicht wissen, ob wir Rebellen waren oder nicht. Die Situation war nicht ganz einfach.

Auf dem Heimweg hat mir der Bataillonskommandant über Funk den Auftrag gegeben, dass wir mit einem weiteren Konvoi die restlichen Soldaten vom Flughafen ins Camp holen sollten. Er verblieb bis zum Schluss auf dem Flughafen, wo die Kampfhandlungen der Syrer immer näher kamen. So wurden im Camp alle gepanzerten Fahrzeuge, die vorhanden waren, bereitgestellt, und ich konnte mich wieder auf die ungefähr 50 km lange Strecke nach Damaskus machen. Kaum am Flughafen angekommen, sprangen alle Soldaten in die Fahrzeuge und waren heilfroh, dass sie jetzt auch endlich Richtung Camp fahren konnten. Da es bereits dunkel war, wurden wir diesmal nicht beschossen. Vermutlich sind die Rebellen nicht nachtkampfähig gewesen. So entschied der Kommandant, dass wir endgültig mit allen österreichischen und kroatischen Soldaten den Flughafen verlassen sollten. Somit fuhren wir dann letztmalig Richtung Camp. Wir haben relativ lange gebraucht, weil natürlich an den Checkpoints jedes einzelne Fahrzeug kontrolliert wurde.

F: Wie haben Sie das Erlebte verarbeitet, nachdem Sie wieder im Camp waren?

A: Wie dann alle im Camp waren, sind schon Emotionen bei allen hochgekommen. Die Leute haben nach Hause telefoniert, waren müde und hungrig, hatten teilweise Tränen in den Augen. Ich bin dann relativ bald ins Bett gegangen und sofort eingeschlafen, weil ich in der Nacht davor auch nur zwei Stunden geschlafen hatte. Erst am Nachmittag des darauffolgenden Tages habe ich zu Hause angerufen, weil ich am nächsten Tag in der Früh wieder einen Auftrag bekam. Diesmal musste jedoch ein anderes Problem gelöst werden. Da gab es eine ordentliche Standpauke von meiner Mutter, weil ich mich nicht gleich gemeldet habe und sie sich Sorgen gemacht hatte, da all diese Vorfälle ständig in den Medien waren. Ich hab aber etwas gelogen und ihr gesagt, dass ich von all dem kaum was mitbekommen habe und absolut nicht involviert war.

F: Wie haben Ihre Kameraden reagiert?

A: Die Österreicher auf den Golanhöhen bestanden zum großen Teil aus Milizsoldaten, das war immer bekannt und auch zeitweise verschrien. Es war von den "Alten Hasen" in Österreich nicht gern gesehen, wenn junge Soldaten dort im Einsatz waren. Gerade die Vorfälle am 29. und 30. November 2012 haben aber eines gezeigt: wenn es darauf ankommt, sind alle füreinander da. Und ich weiß noch, wie ich mit dem Waffenmeister von der Stabskompanie, der auch ein Kraftfahrer vom Konvoi war, nachher gesprochen habe. Der hat zu Hause Familie gehabt und hat kurz überlegt, ob er wirklich beim Konvoi mitfahren soll. Er hätte die Möglichkeit gehabt, aus persönlichen Gründen im Camp zu bleiben. Trotzdem hat er sich freiwillig gemeldet, mit dem Grund, dass er Soldat ist, und es seine Pflicht ist, dass er die Kameraden "rausholt". In meinen Augen haben alle im Endeffekt soweit Heldenmut gezeigt, dass keiner die Nerven "weggeschmissen" hat und jeder bei der Sache war. Ich glaube, die Österreicher zeichnet aus, dass sie, wenn es drauf ankommt, egal welcher Dienstgrad und egal welche Ausbildung, Top-Soldaten sind. Dieser Vorfall am Golan hat bewiesen, dass wir uns vor keiner anderen Armee verstecken müssen.

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