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Zum Nachdenken: Änderung des Kriegsbildes - Folgen für die Streitkräfte

Kriege sind nach wie vor die "Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln". Aber sowohl die Akteure der Politik als auch die eingesetzten Mittel haben sich in den letzten Jahrzehnten geradezu dramatisch verändert.

Die Akteure in Kriegen sind heute untereinander verflochtene Machtzentren von demokratischen Staaten und Regierungen bis hin zu vernetzten Agenturen und Organisationen aus verschiedensten Bereichen und mit unterschiedlichsten Interessenlagen. Auch geht es in heutigen Kriegen nicht primär um die Vernichtung von Menschen ("Gegnern"), sondern um den politischen Einfluss auf diese, also um Macht und um die Durchsetzung des eigenen politischen Willens. Das jüngste Beispiel dafür ist der Krieg im Irak mit seinen relativ geringen personellen Verlusten. Durch die weltweite Vernetzung in allen Bereichen gibt es kaum einen Konflikt ohne Rückwirkungen auf andere Weltregionen, obwohl diese von der kriegerischen Auseinandersetzung nicht direkt betroffen sind. So betrifft der jüngste Krieg im Irak z. B. indirekt auch die Rüstungspolitik Nordkoreas.

Um diese neue Entwicklung systematisch bewerten zu können, hat die Arbeitsgemeinschaft zur Kriegsursachenforschung (AKUF) weltweit empirische Untersuchungen durchgeführt (siehe unten). Diese ergaben ein - auch für die Zukunft zu erwartendes - massiertes Auftreten von Kriegen, die nicht den gängigen Vorstellungen entsprechen und auf die viele (vor allem) intellektuell noch nicht vorbereitet sind. Es scheint z. B. durchaus möglich, dass - der Low Intensity War in Zukunft den zwischenstaatlichen Krieg ablöst, - durch den technologischen Fortschritt zwischenstaatliche Kriege immer unwahrscheinlicher werden und gerade die mächtigsten, modernsten Streitkräfte für die neuen Konfliktformen und Konfliktarten weitgehend bedeutungslos werden und in einem Low Intensity War versagen könnten.

Kriege und Bewaffnete Konflikte

Kriege sind gewaltsame Massenkonflikte mit folgenden Merkmalen:

- An den Kämpfen sind zwei oder mehrere bewaffnete Streitkräfte beteiligt, bei denen es sich mindestens auf einer Seite um reguläre Streitkräfte (Militär, paramilitärische Verbände, Polizeieinheiten) einer Regierung handelt.

- Auf beiden Seiten muss ein Mindestmaß an zentral gelenkter Organisation der Kriegführenden und des Kampfes gegeben sein.

- Die bewaffneten Operationen ereignen sich mit einer gewissen Kontinuität und nicht nur als gelegentliche spontane Zusammenstöße, d. h. beide Seiten operieren nach einer planmäßigen Strategie.

Bewaffnete Konflikte sind gewaltsame Auseinandersetzungen, bei der die obige Definition nicht in allen Punkten zutrifft (vor allem wegen der fehlenden Kontinuität der Kriegshandlungen).

Kriege von 1945 bis 2000

Insgesamt gab es 218 Kriege (davon 27 Prozent in Afrika, 27 Prozent in Asien, 25 Prozent im Nahen und Mittleren Osten, 14 Prozent in Lateinamerika und 7 Prozent in Europa).

35 Prozent waren Antiregime-Kriege, in denen (innerstaatlich) um den Sturz von Regierungen oder um die Veränderung bzw. den Erhalt politischer Systeme/der Gesellschaftsordnung gekämpft wurde.

26 Prozent waren Autonomie- und Sezessionskriege, in denen (innerstaatlich) um größere regionale Autonomie innerhalb eines Staates (Staatenverbandes) oder um die Trennung davon gekämpft wurde.

17 Prozent waren zwischenstaatliche Kriege, in denen Streitkräfte etablierter Regierungen mindestens zweier Staaten (Staatsvolk, Staatsgewalt, Staatsgebiet) einander gegenüberstanden.

9 Prozent waren inner- und zwischenstaatliche Kriege (gleichzeitig).

7 Prozent waren innerstaatliche Mischkriege (keiner der ersten drei angeführten Kategorien eindeutig zuordenbar).

6 Prozent waren Dekolonisationskriege, in denen um die Befreiung von einer Kolonialherrschaft gekämpft wurde.

Weltweiter Trend: Eine markante Abnahme zwischenstaatlicher Kriege.

Der typische Krieg der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts und der Jahrtausendwende ist der innerstaatliche Krieg und nicht der klassische zwischenstaatliche Krieg.

(Quelle: AKUF - Arbeitsgemeinschaft zur Kriegsursachenforschung)

Kriege ohne Regeln

Die Kriege werden also gleichsam "entstaatlicht", und unter den neuen Gegnern befinden sich mehr und mehr nichtstaatliche Akteure. Der Staat hat sein Monopol auf den Krieg verloren. Die neuen Gegner verfügen - verglichen mit dem Staat - über asymmetrische logistische, militärische Ressourcen und Fähigkeiten, folgen unterschiedlichen Vorstellungen, haben bislang unbekannte Organisationsformen und kämpfen für unterschiedlichste Ziele. Da sie meist schwächer sind als reguläre staatliche Streitkräfte, greifen sie zu Guerilla- und Partisanenpraktiken und verwischen somit absichtlich die Grenze zwischen Kombattanten und Nicht-Kombattanten. "Entscheidungsschlachten" weichen einer Strategie vieler Nadelstiche, der Konflikt wird dadurch in die Länge gezogen und die Phasen der gewaltsamen Auseinandersetzung und des relativen Friedens verschwimmen.

Dies führt gerade in High-Tech-Streitkräften zu einer kollektiven physischen und psychischen Ermattung. Dazu kommt, dass irreguläre Akteure schon durch das bloße Nicht-Verlieren in der kriegerischen Auseinandersetzung "punkten" können, während die staatlichen Kriegsparteien auf einen eindeutigen (möglichst raschen) Sieg angewiesen sind. "Der Partisan (Guerilla) gewinnt, wenn er nicht verliert. Der Soldat hingegen verliert, wenn er nicht gewinnt." Der zwischenstaatliche Krieg war und ist eher ein geregelter Krieg mit dem Kriegsvölkerrecht als gewaltbeschränkender, regelnder Kraft. Dieser Beschränkung fühlen sich die nichtstaatlichen Akteure im Low Intensity War nicht unterworfen, was zu einer, der asymmetrischen Kriegführung anscheinend systemimmanenten, Brutalisierung führt (z. B. Autobomben gegen Spitäler und Selbstmordattentate gegen unbeteiligte Zivilpersonen). Streitkräfte, die längere Zeit gegen Terroristen oder Partisanen eingesetzt werden, antworten selbst oftmals mit Methoden, die sich der Kampfweise der irregulären Streitkräfte angleichen. Dies umso mehr, je länger der Konflikt dauert. Das wiederum trifft vor allem die Zivilbevölkerung der umkämpften Region, da ja bei asymmetrischen Kampfhandlungen die Grenze zwischen Kombattanten und Nicht-Kombattanten verwischt wird.

Was bedeutet das für reguläre Streitkräfte?

Bei den neuen Kriegen geht es um Einfluss, Beeinflussung und nicht primär um die rasche Vernichtung eines Gegners auf dem Schlachtfeld. Die Bereiche Frieden, Konflikt und Krieg scheinen heute nur noch bei zwischenstaatlichen Konflikten bzw. Kriegen klar voneinander getrennt zu sein.

Die größere Brutalität - speziell gegen die Zivilbevölkerung - in Low Intensity Wars ist vor allem eine Folge der Asymmetrie in der kriegerischen Auseinandersetzung. Doch die neuen Kriege werden - zumindest seitens der High-Tech-Streitkräfte - auch im Informationsbereich ausgefochten (Command and Control Warfare und Psychologische Maßnahmen) und entschieden.

Durch diesen faktisch weltweiten Kriegszustand auf lange Dauer erfassen die Streitkräfte aber zwangsläufig Bereiche, die bisher der Diplomatie vorbehalten waren. Die "Kriegführung" setzt demnach schon zu einer Zeit ein, in der von einem Krieg (noch) keine Rede ist und auch die mögliche Konfliktnachbearbeitung (wie im Irak) dient noch immer dem angestrebten Kriegsziel.

Obwohl bei Streitkräften westlichen Zuschnitts generell am Primat der Politik gegenüber dem Militär festgehalten wird, hat all das ungeheure Auswirkungen auf die erforderliche Struktur und das Selbstverständnis regulärer Streitkräfte sowie auf das Spannungsverhältnis zwischen Politik und Militär. Und darüber sollte man rechtzeitig nachdenken.

Autor: Ministerialrat i. R. Dr. Hermann Jung

Eigentümer und Herausgeber: Bundesministerium für Landesverteidigung | Roßauer Lände 1, 1090 Wien
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