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Panzer gegen Presse?

Der Beschuss des Hotels Palestine in Bagdad am 8. April 2003

Während des Irak-Krieges kamen auf beiden Seiten der Front Reporter, Fotografen und Kameraleute ums Leben. Der folgenschwerste Zwischenfall ereignete sich, nachdem die amerikanischen Streitkräfte zum Stoß auf Bagdad angesetzt hatten.

Am 7. April 2003 starben im Süden des umkämpften Bagdad die beiden Korrespondenten (Embedded Journalists) Christian Liebig und Julio Anguita Parrado, als um 1030 Uhr eine irakische Rakete mit einem 200-Pfund-Sprengkopf im Operationszentrum der 2. Brigade der 3. Infanterie-Division einschlug. Liebig hatte für das deutsche Magazin "Focus" berichtet, sein spanischer Kollege für die Tageszeitung "El Mundo". Liebig hätte mit der 2. Brigade in den Stadtkern von Bagdad vorrücken können; aber um seiner Sicherheit willen verzichtete er auf den Höllenritt mit den Panzerspitzen. Dennoch verlor er - im relativ weit hinter der Front liegenden Operationszentrum - sein Leben.

Am 8. April, als der Kampf um Bagdad schon fast entschieden war, wurden ein weiterer Journalist und zwei Kameramänner tödlich getroffen, diesmal auf der irakischen Seite der Front. Um 0745 Uhr schlug eine amerikanische Bombe im Büro des arabischen Fernsehsenders Al-Jazeera ein; der jordanische Korrespondent Tariq Ayoub wurde schwer verwundet und starb im Spital.

Ein verhängnisvoller Volltreffer

Vier Stunden später landete ein "Abrams"-Kampfpanzer einen Volltreffer im Hotel Palestine, aus dem rund 100 Reporter den Endkampf um Bagdad live übertrugen. Kurz nach dem Angriff erlagen der spanische Kameramann José Couso und sein ukrainischer Kollege Taras Protsyuk ihren Verletzungen. Couso hatte den alliierten Vormarsch für den Privatsender Tele 5 gefilmt; Protsyuk für die britische Agentur Reuters gearbeitet.

Vor allem der Tod dieser beiden Kameramänner erregte die Journalisten im Palestine-Hotel und auf der ganzen Welt. "Kann es sein, dass die amerikanischen Streitkräfte verhindern wollen, dass aus Bagdad berichtet wird?" fragte der Korrespondent Robert Fisk im britischen "The Independent". Noch weiter ging der Deutsche Journalisten-Verband: Er warf den Angreifern vor, sie hätten die Kameraleute absichtlich getötet.

Die amerikanische Militärführung verteidigte den Schuss auf das Korrespondenten-Hotel von Anfang an. Generalmajor Bufort Blount, der Kommandant der 3. Division, ließ nach dem Vorfall verlauten, seine Truppe sei aus dem Hotel mit Raketen- und Gewehrfeuer belegt worden. Brigadier Vincent Brooks präzisierte im Hauptquartier des Zentral-Kommandos, die vorrückende Division sei aus dem Empfangsraum des Hotels beschossen worden und Oberst David Perkins, der Kommandant der 2. Brigade, mahnte die Journalisten, es sei lebensgefährlich, aus den irakisch beherrschten Vierteln von Bagdad über den Krieg zu berichten.

Wie die mysteriöse Geschichte der Gefreiten Jessica Lynch wurde auch der Beschuss des Hotels Palestine eingehend untersucht. Antonia Rados, Ulrich Tilgner und Stephan Kloss hielten ihre Eindrücke und Beobachtungen in deutscher Sprache fest. Im wahrsten Sinne minuziös schildert das "Spiegel"-Buch "Irak - Geschichte eines modernen Krieges" den Ablauf. Kritisch durchleuchtet das New Yorker "Committee to Protect Journalists" (CPJ) den fatalen Vorgang, und das amerikanische Oberkommando vermittelt kühl die militärisch-taktische Sicht.

Wo sitzt der Beobachter?

Demnach begann am 8. April um 0400 Uhr der Kampf um die Tigris-Brücken. "Es ist heftiger als alles, was wir bisher erlebt haben", berichtet Hauptmann Philip Wolford, der Kommandant der A-Kompanie der Task Force 4-64. Die Task Force bildet das 4. Bataillon der 2. Brigade der 3. Division. (Die Nummer 64 ist die Traditionsnummer des 64. Regimentes, das als solches nicht mehr besteht.) Wolfords Vorgesetzte im Bataillon sind Oberstleutnant Philip DeCamp und in der Brigade Oberst Perkins.

Der Auftrag der A-Kompanie lautet, die Jumhuriya-Brücke zu besetzen und auf das östliche Tigris-Ufer vorzurücken. Doch Wolfords Kampfpanzer M-1A1 "Abrams" geraten am Fluss unter massives Feuer. Zwei Soldaten werden verletzt, und im Lauf des Morgens bittet Wolford um Unterstützung aus der Luft. Zu schaffen macht den beiden vordersten Panzern auf der Brücke ein irakischer Beobachter, der vom Ostufer aus das Artillerie-Feuer leitet. Wolford setzt seine ganze Energie daran, diesen gegnerischen Artilleriebeobachter auszuschalten. Von einer brenzligen Lage berichtet später auch Jules Crittenden, der die Kompanie als Korrespondent des "Boston Herald" begleitet: "Alle wollten wissen, wo der Beobachter saß - auch ich suchte ihn fieberhaft. Wir fürchteten, dass uns eine Artillerie-Salve treffen würde, und wir taten alles, dass dies nicht geschah".

Wenn die Kampfpanzer auf der Brücke ihre Rohre flussabwärts drehen, zeigen diese auf zwei markante Hotel-Türme, rechts auf das Ishtar Sheraton, links auf das Meridien Palestine. Das 17 Stockwerke hohe Palestine liegt vom Panzer-Standort, der Jumhuriya-Brücke, rund 1 200 Meter entfernt. Oben prangt weithin sichtbar der Name des Hotels. Mit bloßem Auge ist der Schriftzug nicht zu lesen, sicher aber mit Hilfe eines Feldstechers.

Wo genau liegt das Hotel?

Oberst Perkins führt die Brigade vom neuen Präsidentenpalast am Westufer des Tigris aus. Am Brigadegefechtsstand hört der erfahrene Korrespondent Chris Tomlinson (Associated Press) den Funkverkehr mit. Perkins will eben die Luftwaffe anfordern. Er weiß, dass sich irgendwo auf dem Ostufer des Flusses das Hotel Palestine befindet, aber nicht exakt, wo.

Da bittet Perkins Tomlinson um Rat. Seine Landkarte stamme aus dem Jahr 1993 und enthalte keine Hausnamen. Associated Press berichte doch von beiden Seiten der Front. Da könnte Tomlinson doch seine Kollegen anrufen und herausfinden, wo genau das Hotel liegt. Tomlinson tut sein Bestes und setzt sich mit dem Stützpunkt seiner Agentur in Doha in Verbindung. Er schlägt vor, die Reporter im Palestine sollten weiße Leintücher aus den Fenstern hängen, um das gefährdete Hotel zu kennzeichnen - am besten mit den Aufschriften "Press" und "TV".

Doch dies geschieht nicht. Die Berichterstatter, Fotografen und Kameramänner stehen und sitzen auf den Balkonen, die wie Tribünen der Front zugewandt sind. Vom Palestine aus filmen sie die Panzer auf der Brücke und die irakische Infanterie in ihren Schützengräben und Stellungen. "Es war wie in Hollywood", schwärmte nach dem Krieg Patrick Baz, der seine Bilder für die Agence France Presse schoss, "sie sahen uns, und wir sahen sie."

Gezielt - und getroffen

Um 1120 Uhr flaut das Gefecht ab. Die meisten Reporter ziehen sich in ihre Zimmer zurück. Nur im 14. Stock nimmt José Couso noch einmal den Fluss und die Brücke auf. Taras Protsyuk im 15. Stock bleibt auf dem Balkon sitzen, dreht aber nicht mehr. Vom Präsidentenpalast aus sucht Chris Tomlinson inzwischen über den Tigris hinweg den direkten Kontakt zum Hotel - doch das Unheil nimmt bereits seinen Lauf.

Um 1155 Uhr sieht von der Brücke aus Sergeant Shawn Gibson, einer der Panzerkommandanten, ein Teleobjektiv im Palestine-Hotel. "Ich sehe den Vorgeschobenen Beobachter", meldet er über Funk dem Kompaniekommandanten, "dort drüben ist er, auf dem Turm." Wolford gibt Feuererlaubnis, Gibsons 120-mm-Panzerkanone richtet sich auf das Ziel - und trifft.

"Ihr dürft nicht schießen!"

Die HEAT-Granate (High Explosive Anti Tank; Panzersprenggranate) schlägt in der 15. Etage ein, genau dort, wo der Richtschütze des "Abrams" das "Beobachterfernrohr" ausgemacht hatte. Protsyuk wird tödlich getroffen, Couso erwischen einen Stock tiefer Splitter und Trümmer. Er hat Wunden an den Beinen und im Gesicht, der Transport ins Spital rettet ihn genauso wenig wie Protsyuk. Schwer verletzt werden Cousos Reuters-Kollegen Samia Nakhoul, der Bürochef, Paul Pasquale, der Techniker, und Faleh Kheiber, ein Fotoreporter.

Am Tigris fragt Oberstleutnant DeCamp den Kompaniekommandanten Wolford über Funk: "Verdammt noch mal, hast Du auf das Palestine-Hotel geschossen?" Wolford antwortet: "Ja, wir hatten auf dem Turm einen Beobachter entdeckt." Darauf weist DeCamp Wolford mit den Worten zurecht: "Ihr dürft das nicht, ihr dürft nicht auf das Hotel schießen, es ist mir ernst, stellt um Himmels willen das Feuer ein!" Dann fährt DeCamp zu Wolford an die Brücke; was die beiden Kommandanten dort unter vier Augen bereden, bleibt ihr Geheimnis.

"Glatte Lüge"

Auf dem Brigadegefechtsstand raunt Chris Tomlinson Oberst Perkins zu: "Jetzt ist es zu spät." "Ja, ich weiß", räumt Perkins ein, "ich habe soeben befohlen, dass keiner mehr auf das Hotel schießt - unter keinen Umständen, nicht einmal dann, wenn wir von dort beschossen werden." Rasch geben nun Perkins, sein Vorgesetzter Blount und der offizielle Sprecher Brooks ihre Version ab: die Task Force 4-64 sei von der Hotel-Lobby aus beschossen worden. Die Journalisten im Palestine widersprechen dem vehement. Das französische Fernsehen spielt ein Tonband ab, auf dem während der fraglichen Zeit rund um das Hotel keinerlei Gefechtslärm zu hören ist. Ulrich Tilgner spricht von einer "glatten Lüge", und Stephan Kloss weist darauf hin, dass die Hotel-Lobby, der Empfangsraum des Palestine, von der Front abgewandt liegt.

Ein Orden für Wolford

Rasch verlangt das "Committee to Protect Journalists" vom amerikanischen Verteidigungsminister Donald Rumsfeld eine gründliche Untersuchung des tragischen Vorfalles. Es ist dann aber nicht das Pentagon, das die beteiligten Einheits- und Panzerkommandanten vernimmt, sondern das United States Central Command (USCENTCOM). Am 12. August, vier Monate nach dem Vorfall, kommt dieses zum Schluss, die Aktion sei in Notwehr erfolgt und stehe "in vollem Einklang mit den Gefechtsregeln". Der amtliche Bericht hält die Frontstellung am Tigris fest und hebt hervor, dass es die Pflicht der A-Kompanie gewesen sei, den irakischen Beobachter zu bekämpfen. Zur Rolle der Reporter heißt es knapp: "Bagdad war erfüllt von schweren Kämpfen. Dennoch hatten sich gewisse Journalisten entschlossen, an der Front zu bleiben. Sie waren vorher gewarnt worden, dass sie sich in äußerster Gefahr befanden." An die Adresse von DeCamp, Wolford und Gibson richtete das Kommando keinerlei Vorwürfe. Die Beteiligten wurden von jeglicher Schuld freigesprochen. DeCamp schlug Wolford für den Silver Star (einer der höchsten Tapferkeitsorden) vor, allerdings für Wolfords Einsatz an einer anderen Brücke.

In Lebensgefahr

Die kritischen Untersuchungen zeigten, dass die freien Berichterstatter die Balkone des Palestine-Hotels ungeschützt benutzt hatten. Sie hätten eigentlich wissen müssen, dass sie sich so nahe an der Front in Lebensgefahr befanden.

In der Umgebung des Hotels Palestine fanden am 8. April schwere Gefechte statt. Vom Ostufer des Tigris aus leistete die irakische Infanterie Widerstand, und wie der Funkverkehr belegt, leitete vom Hotelviertel aus ein Artilleriebeobachter den Einsatz der irakischen Artillerie. Vom Hotel selber ging aber kein Feuer aus - schon gar nicht von der Hotel-Lobby, die lediglich zur (irakischen; Anm.) Etappe, nicht aber zur Front offen war. Insofern entsprachen die Aussagen hoher amerikanischer Offiziere nicht der Wahrheit.

Captain Wolford und Sergeant Gibson legten nach dem Vorfall allerdings glaubwürdig dar, dass sie nicht gewusst hatten, dass der Turm 1 200 Meter flussabwärts ein von Journalisten belegtes Hotel war. Gibson handelte in Notwehr - er glaubte, das Teleobjektiv auf dem Hotel-Balkon gehöre dem gegnerischen Beobachter, den er auszuschalten hatte.

Letztlich enthielten die amerikanischen Bagdad-Karten keine Angaben zu den Gebäuden. Der Brigadekommandant wusste wohl, dass es ein Hotel Palestine gab; aber selbst er kannte dessen genauen Standort nicht. Die Rettungsaktion des Korrespondenten und Kriegsveteranen Tomlinson kam zu spät.

Wie 1999 in Belgrad

Das allgemein gehaltene Kartenbild der verwendeten Landkarten erinnert an Hauptmann Kings Irrfahrt in Nassiriyah: auf der Marschroute seiner Kompanie fehlte die Ausweichstraße. (Siehe auch "Der Kampf um Nassiriyah am 23. März 2003" in TRUPPENDIENST, Heft 6/2003). Und unvergessen bleibt der irrtümliche Beschuss der chinesischen Botschaft in Belgrad, als die CIA am 7. Mai 1999 das Ziel grob fahrlässig auf einem zehn Jahre alten Stadtplan bestimmte.

Zu fragen ist, ob die Angreifer verpflichtet gewesen waren, zu wissen, dass das Hotel Palestine Reporter beherbergte. Ulrich Tilgner wirft der amerikanischen Führung vor, sie habe nachlässig gehandelt. Demgegenüber beharren Frontkommandanten wie Blount oder Perkins auf dem Standpunkt, die Berichterstatter hätten sich selber in Gefahr begeben.

Kritik an der Sorglosigkeit der Berichterstatter übten auch Journalisten. Unbedarftheit sei an der Front ein schlechter Ratgeber. Zu viele Reporter seien mangelhaft ausgebildet und unzureichend ausgerüstet in den Krieg gezogen - oder wie es der CNN-Chef Chris Cramer ausdrückte: "Man schickt einen Feuerwehrmann auch nicht ohne Schlauch ins Feuer." ___________________________________ ___________________________________ Autor: Oberst Dr. Peter Forster, Schweiz, Jahrgang 1946. 1966 bis 1970 Studium der Geschichte und des Staatsrechts an der Universität Zürich, 1970 Promotion zum Dr. phil.; 1971 bis 1972 Post-graduate-Studium in New York und Berkeley; 1973 bis 1977 Nahost-Korrespondent der Neuen Zürcher Zeitung mit Sitz in Jerusalem; 1978 bis 1980 Dozent am Ausbildungszentrum Wolfsberg der Schweizerischen Bankgesellschaft; 1981 bis 2001 Chefredaktor (Chefredakteur; Anm.) der Thurgauer Zeitung. Seit 2002 Präsident des Lilienbergrates (Gremium von Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Politik und Gesellschaft) und Präsident der Eidgenössischen Kommission für Innere Sicherheit. 1975 bis 1981 Kommandant der Schweren Kanonenbatterie I/33, nachher Kommandant der Armeestabsabteilungen 510 und 540 sowie der Armeestabsgruppe 500; seit 1996 Kommandant des Informationsregimentes 1; 2000 OSZE-Einsatz in Bosnien. Autor der Bücher: "Aber wahr muss es sein" (ein Sachbuch über Militärjournalismus) und "Fällt Jerusalem?"

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