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Scharfschützen (I)

Auswahl, Ausbildung, Einsatz, Waffen und Gerät

Mit dem Begriff des Scharfschützen wurde in den letzten Jahrzehnten vielerlei Schindluder getrieben. Heckenschützen wurden mit Zielfernrohrgewehrschützen und den tatsächlichen Scharfschützen in denselben Topf geworfen. Der folgende Beitrag erläutert die Aufgaben und Ausbildung der Präzisionsschützen des Österreichischen Bundesheeres.

Ausgangslage

Bei allen militärischen Einsätzen muss immer vom - für die eigenen Kräfte - ungünstigsten Bedrohungsbild ausgegangen werden. Das bedeutet, dass militärische Feindkräfte immer versuchen werden, sei es auch nur räumlich und zeitlich begrenzt, mit überlegenen Kräften einen Erfolg zu erringen. Das trifft auf den Kampf der verbundenen Waffen ebenso zu wie auf subversiv kämpfende Feindteile. Um der feindlichen Waffenwirkung zumindest standzuhalten (besser ist, ihr zuvorzukommen), sind weitreichende Waffensysteme erforderlich, die eine sehr hohe Zielgenauigkeit, eine sichere Identifikationsmöglichkeit und eine Wirkung ohne Kollateralschäden aufweisen.

Dabei müssen folgende Faktoren berücksichtigt werden:

- die erweiterten Aufgabenbereiche der Jägertruppe (Raumschutz, Friedensunterstützende Einsätze); - Gefährdung durch Heckenschützen; - Standard moderner Scharfschützensysteme; - Berücksichtigung der Grundsätze Führungsfähigkeit, Durchsetzungsfähigkeit, Durchhaltefähigkeit, Beweglichkeit und Überlebensfähigkeit (Schutzfähigkeit) für die eigene Truppe.

Das Ziel der Jägertruppe muss es sein, ungeachtet der Einsatzart, des Einsatzraumes und der vorherrschenden Witterung den Feind so früh wie nur möglich aufzuklären, um ihn einerseits vor dem Auftreffen auf eigene Kräfte abzunutzen und andererseits Ziele mit großer Genauigkeit (auch auf weite Entfernungen) zu bekämpfen, um Kollateralschäden zu vermeiden.

Um dem Scharfschützen überhaupt die Möglichkeit zu geben, seine Aufgaben zu erfüllen, müssen folgende Forderungen umgesetzt werden:

- Das Erreichen eines hohen Ausbildungsstandes aller am Scharfschützeneinsatz beteiligten Soldaten durch eine entsprechende Auswahl und vorgestaffelte Ausbildung bei der Truppe sowie durch die Absolvierung fachspezifischer Kurse und die verpflichtenden Weiterbildungen an der Jägerschule.

- Steigerung der passiven Schutzmaßnahmen durch die Bereitstellung der entsprechenden einsatzspezifischen Zusatzausrüstung für den Scharfschützen.

- Steigerung der aktiven Schutzmaßnahmen durch Einführung eines modernen Scharfschützenwaffensystems, einer geeigneten Fernmeldeausstattung sowie von Aufklärungs-, Beobachtungs- und Sicherungsmitteln, die dem modernsten Stand der Technik angepasst sind. Der Zweck ist dabei die Stärkung in der Duellfähigkeit unserer Kräfte gegenüber einem modernen Gegner bzw. die Schaffung einer Überlegenheit gegenüber irregulären Kräften, vor allem in den Bereichen Führungs-, Überlebens- und Durchsetzungsfähigkeit.

Die Mittel dazu können sein:

- Beobachtungsfernrohre (Spektive) mit bis zu 60- facher Vergrößerung; - Restlichtverstärker und Wärmebildgeräte zur Beobachtung und zur Bekämpfung.

- Bewegungssensoren, um eine Feindannäherung rechtzeitig erkennen zu können; - Fernmeldegerät, um die Verbindung sowohl innerhalb des Trupps (zu Sicherungsteilen) sowie zum übergeordneten Kommando und zu schweren Waffen sicherzustellen; - digitale visuelle Echtzeitdatenübertragungsmittel, um der Führung ein aktuelles Lagebild übermitteln zu können.

Alle Scharfschützen und Zielfernrohrgewehrschützen müssen dieselbe Beweglichkeit besitzen wie die übrige Truppe (Radpanzer, Mannschaftstransportfahrzeuge, Hubschrauber, Überschneefahrzeuge). Sie führen den Kampf jedoch nicht vom Transportmittel aus, sondern von diesem getrennt (abgesessen). Dabei werden die Zielfernrohrgewehrschützen in der Regel im Rahmen der Jägergruppe/des Jägerzuges eingesetzt, die Scharfschützentrupps jedoch abgesetzt von den eigenen Teilen, gegebenenfalls verstärkt mit einem Sicherungselement (Teile einer Aufklärungs- oder Jägergruppe).

Definitionen

Zielfernrohrgewehrschütze

Ein Zielfernrohrgewehrschütze ist ein Soldat, der ab der Waffeneigenen Basisausbildung (WBA) in seinem Verband in den Gefechtsaufgaben als Präzisionsschütze ausgebildet wird, um im abgesessenen Einsatz unter Verwendung eines Zielfernrohrgewehrwaffensystems im Rahmen der Jägergruppe/des Jägerzuges ausgewählte Ziele, vorrangig auf nahe und mittlere Entfernung, mit präzisem Feuer zu bekämpfen.

Scharfschütze

Der Scharfschütze ist ein Soldat, der nach einer Auswahltestung im eigenen Verband die Scharfschützengrundausbildung und Scharfschützenweiterbildung an der Jägerschule erhält. Seine Einsatzfähigkeit wird jährlich überprüft. Der Einsatz erfolgt truppweise, abgesessen, unter Verwendung eines Scharfschützenwaffensystems, grundsätzlich ohne unmittelbaren Anschluss an eigene Teile. Der Scharfschütze bekämpft ausgewählte Ziele vorrangig auf mittlere und weite Entfernung mit präzisem Feuer.

Sicherungsschütze

Der Sicherungsschütze ist ein ausgebildeter Scharfschütze, der zusammen mit dem Scharfschützenpaar eingesetzt ist und unter Einsatz von automatischen Waffen, Aufklärungsmitteln (Bewegungssensoren, tag- und nachtkampffähigen Beobachtungsmitteln), einer geeigneten Fernmeldeausstattung (Verbindung zum Scharfschützenpaar, zu Sicherungsteilen, zu schweren Waffen) das Scharfschützenpaar sichert und durch sein Waffensystem in einem Begegnungsgefecht die Durchsetzungs- und Überlebensfähigkeit sicherstellt.

Scharfschützentruppkommandant

Der Scharfschützentruppkommandant ist ein erfahrener Scharfschütze, der durch eine Kommandantenausbildung für Scharfschützen an der Jägerschule dazu befähigt ist, den Einsatz des Scharfschützentrupps zu planen und durchzuführen.

Schwerer Scharfschützentrupp

Ein schwerer Scharfschützentrupp ist ein Scharfschützentrupp, welcher unter Einsatz eines schweren Scharfschützenwaffensystems grundsätzlich ohne unmittelbaren Anschluss an eigene Teile ausgewählte Ziele vorrangig auf weite Entfernungen, auch wenn sie sich hinter Deckungen und leichten Panzerungen befinden, mit präzisem Feuer bekämpft.

Scharfschützengruppenkommandant

Der Scharfschützengruppenkommandant ist ein Offizier oder Unteroffizier mit besonderer Eignung und Qualifikation, der die Scharfschützengruppe nach den Vorgaben des Kompanie- bzw. Bataillonskommandanten führt. Er muss dazu befähigt sein, die Trupps im Sinne der übergeordneten Ebene einsetzen zu können.

Scharfschützenwaffensystem

Das Scharfschützenwaffensystem ist die Gesamtheit an Waffen, Munition, Ausrüstung und Gerät, die den Scharfschützentrupp befähigt, Ziele auf 400 m bis 1 000 m zu bekämpfen.

Zielfernrohrgewehrwaffensystem

Das Zielfernrohrgewehrwaffensystem ist die Gesamtheit an Waffen, Munition, Ausrüstung und Gerät, die den Zielfernrohrgewehrschützen befähigt, Ziele auf 500 m Entfernung zu bekämpfen. Im Vergleich zum Scharfschützenwaffensystem sind folgende Komponenten geändert:

- Waffe; - Zielfernrohr: 3- bis12 fache Vergrößerung; - Munition: Bekämpfung von Mannzielen bis 500 m; - Zubehör: Entfernungsmesser bis 1 000 m.

Schweres Scharfschützenwaffensystem

Das schwere Scharfschützenwaffensystem ist die Gesamtheit an Waffen, Munition, Ausrüstung und Gerät, die den schweren Scharfschützentrupp befähigt, Ziele auf 1 500 m und andere empfindliche Ziele (Radar, Raketen, FM-Kfz) auf 2 000 m zu bekämpfen. Im Vergleich zum Scharfschützenwaffensystem sind folgende Komponenten geändert:

- Waffe; - Zielfernrohr: 6- bis 24 fache Vergrößerung; - Munition: Streukreis unter 100 cm auf 1 000 m; - Zubehör: Wärmebildgerät.

Einsatz und Aufgaben

Allgemeines

Scharfschützen- und Zielfernrohrgewehrschützen werden in allen Einsatzarten und besonderen Gefechtshandlungen sowie bei allen Techniken für den Friedensunterstützenden Einsatz eingesetzt.

Sie bekämpfen grundsätzlich Ziele, welche - die eigene Truppe besonders gefährden oder für den Feind von großer Bedeutung sind, - aufgrund ihrer geringen Größe bzw. der verwendeten Tarnung schwer zu erkennen und zu bekämpfen sind, - nur mit unverhältnismäßig hohem Munitionseinsatz anderer Waffen zu vernichten sind, - sich außerhalb der Einsatzschussweite der Sturmgewehre befinden, aber - möglichst unter Vermeidung von Kollateralschäden bekämpft werden müssen.

Mögliche Ziele für Scharfschützen und Zielfernrohrgewehrschützen sind:

- Scharfschützen (Heckenschützen); - Kommandanten; - Bedienungen schwerer Waffen; - Beobachter von schweren Waffen; - Aufklärungsteile; - Pioniere; - Funker und Melder.

Darüber hinaus bekämpfen Scharfschützen vor allem die schweren Scharfschützen:

- Feuerleiteinrichtungen; - Gefechtsfeldradargeräte; - Abschussrampen; - Munitions- und Tankfahrzeuge; - Hubschrauber; - Optiken gepanzerter Fahrzeuge.

Der Einsatz der Scharfschützen- und Zielfernrohrgewehrschützen hat unter allen Gelände-, Sicht- und Witterungsbedingungen zu erfolgen. Das setzt voraus, dass Zielfernrohrgewehrschützen und Scharfschützen Schifahren und sich im Gebirge bewegen können sowie lufttransportfähig sind.

Die Ausrüstung ist entsprechend der Lage und dem Auftrag so zusammenzustellen, dass sie für eine erfolgreiche Auftragserfüllung zweckmäßig ist. Das bedeutet, dass der (schwere) Scharfschütze aus seinem Ausrüstungssatz jene Ausrüstungsgegenstände wählt, die er braucht, um erfolgreich zu sein. Er muss daher zum Beispiel ständig Zugriff auf einen Alpinausrüstungssatz (Beweglichkeit, Überlebensfähigkeit, Durchhaltefähigkeit) haben oder wählt, je nach Witterung und Bodenbeschaffenheit, die geeignete Grundtarnung (Tarnanzug).

Scharfschützen und Zielfernrohrgewehrschützen führen den Feuerkampf - wo immer es möglich ist - aus gedeckten Stellungen, die schwer aufklärbar sein sollen und ein unerkanntes Beziehen und Räumen erlauben. Wesentlich hierbei ist, dass der Scharfschütze in keiner Phase, weder beim Bezug noch beim Feuerkampf und auch nicht beim Verlassen der Stellung, aufgeklärt wird. Dies setzt einerseits einen hohen Ausbildungsstand in der Geländeausnutzung und der Tarnung, andererseits die Ausstattung mit einer Ausrüstung, welche Schutz vor technischer Aufklärung (Wärmebildgerät, Funk) bietet, voraus.

Bei den Truppkommandanten ist vor allem auf die Fähigkeit, einen Einsatz sorgfältig planen zu können, besonderer Wert zu legen. Daher sollten diese Soldaten dazu befähigt sein, folgende Kriterien beim Führungsverfahren bzw. bei der Planung von Einsätzen zu berücksichtigen:

- Auswertung von Luftbildern des Einsatzraumes; - Beurteilung der notwendigen Ausrüstung (Tarnung, Biwak Fernmeldemittel); - Einsatz von besondern Transportmitteln (Ski-Doo, All-Terrain-Vehicle); - Einsatz eines zusätzlichen Sicherungselementes; - Zusammenarbeit mit schweren Waffen; - Wiederaufnahme bei den eigenen Kräften.

Zielfernrohrgewehrschütze

Die Aufgaben des Zielfernrohrgewehrschützen werden auch in Zukunft ähnlich jenen bleiben, wie sie bereits in der derzeit noch gültigen Dienstvorschrift "Das SSG 69 und der Scharfschützentrupp" festgelegt sind. Die Zielfernrohrgewehrschützen der Jägergruppe/des Jägerzuges bilden ein eigenes Feuerelement für den Gruppen/Zugskommandanten. Ihr Einsatz erfolgt grundsätzlich im Rahmen der Jägergruppe/des Jägerzuges oder in deren/dessen unmittelbarer Anlehnung.

Scharfschütze

Scharfschützen sind immer truppweise einzusetzen.

Der Trupp besteht aus einem Scharfschützenpaar und einem Sicherungsschützen. Gegebenenfalls kann der Scharfschützentrupp durch einen Sicherungstrupp verstärkt werden. Dieser wird bei längerer Einsatzdauer neben den Sicherungstätigkeiten vor allem zur Geländeverstärkung und für Versorgungstätigkeiten herangezogen.

Die Zielwahl der Scharfschützen ist ähnlich jener der Zielfernrohrgewehrschützen. Lediglich der Einsatzraum ist ein anderer, er ist meist abgesetzt von eigenen Teilen.

Das setzt voraus, dass Scharfschützen in der Lage sein müssen, - ihren Einsatz selbstständig, von eigenen Kräften abgesetzt, zu planen und durchzuführen, - unerkannt ihren Einsatzraum bzw. ihre Feuerstellung zu erreichen, - sich bei überraschender Feindberührung erfolgreich vom Feind zu lösen, - selbstständig auf der Führungsebene mitzudenken und im Sinne des Kommandanten handeln zu können, - die eigene Aufklärung zu ergänzen und zu verdichten sowie - als Hilfsbeobachter mit Steilfeuerwaffen zu schießen.

Grundvoraussetzung für einen solchen Einsatz ist jedoch die genaue Kenntnis des Einsatzplanes des Verbandes. Anderenfalls ist ein Ausfall des Trupps durch eigenes Steilfeuer, eigene Minen oder eigene vordere Teile nicht auszuschließen.

Die Einsatzdauer eines Scharfschützentrupps, abgesetzt von eigenen Teilen und ohne Sicherungstrupp, darf 48 Stunden nicht übersteigen.

Scharfschützen tragen somit wesentlich zur Sicherstellung des Erfolges im Gefecht bei, indem sie das planmäßige "In-das-Gefecht-treten" des Feindes durch vorgestaffelte Aufklärung, jagdkampfartige Kampfführung und Einsatz von Steilfeuer verhindern. Dabei nützen die Scharfschützen das Überraschungsmoment durch - Schnelligkeit, - Geländeausnützung, - Täuschung und - Auswahl eines unerwarteten Zeitpunktes hinsichtlich Uhrzeit und Witterung (das moderne Gefecht nützt die 24 Stunden des Tages) und verborgene, bewegliche und unberechenbare Kampfführung (Aussparen von Hauptbewegungslinien, nicht nach Schema handeln, Wechsel zwischen frontalem und flankierendem Einsatz bzw. Wechsel in der Bekämpfung von Spitzenkräften und nachfolgenden Teilen).

Scharfschützen können im Rahmen der Einsatzarten und besonderen Gefechtshandlungen unter anderem folgende Aufgaben haben:

- Verstärkung der Gefechtsvorposten; - Abnützen des Feindes vor dem Vorderen Rand der Verteidigung (VRV) ("Freie Jagd"); - Unterstützung bei Aufnahme vorne eingesetzter Teile; - Feuerverdichtung am VRV; - Weitreichendes Unterstützungselement für Gegenstöße, Gegenangriffe; - Unterstützungselement bei Handstreichen und Stoßtruppeinsätzen; - Abriegeln von Geländeteilen während eines Durchkämmens; - Überwachen des Räumens der Stellung beim Verzögerungskampf; - Bekämpfung von feindlichen Scharfschützen.

Im Rahmen von Friedensunterstützenden Einsätzen überwachen bzw. unterstützen Zielfernrohrgewehrschützen, Scharfschützen und schwere Scharfschützen die Truppe bei:

- Dienst an stationären oder beweglichen Kontrollpunkten; - Patrouillen (Marsch); - Bedeckung; - Sicherung eines Camps; - Objekt- und Personenschutz; - Sicherungsring bei Hausdurchsuchungen.

(wird fortgesetzt) ___________________________________ ___________________________________ Dieser Beitrag ist ein Auszug aus dem Scharfschützenkonzept für die Jägertruppe. Dieses Konzept zeigt die Lageentwicklung der letzten Jahre auf und stellt die Grundlage für alle weiteren Überlegungen zum Präzisionsschützenwesen dar.

Autoren:

Autorenkollegium der Lehrgruppe Ausbildungsunterstützung der Lehrabteilung 1/Jägerschule: Hauptmann Markus Neureiter (Kommandant der Lehrgruppe und Hauptlehroffizier), Hauptmann Hannes Anhofer (Lehroffizier für die Scharfschützenausbildung), Offiziersstellvertreter Johann Obwaller (Hauptlehrunteroffizier für die Scharfschützenausbildung), Stabswachtmeister Stefan Zorn (Lehrunteroffizier für die Scharfschützenausbildung).

Eigentümer und Herausgeber: Bundesministerium für Landesverteidigung und Sport | Roßauer Lände 1, 1090 Wien
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