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Modifikation des Sturmgewehres 77

Zur Erhöhung der Schützensicherheit und zur Vermeidung der ungewollten Schussauslösung wird das Sturmgewehr 77 (StG 77) nach 26-jähriger Nutzungsphase auf den modernsten sicherheitstechnischen Stand gebracht.

Bisherige konstruktive Änderungen

Bevor auf die Details der Modifikation eingegangen wird, sind zum besseren Verständnis die wesentlichen konstruktiven Änderungen seit dem Zulauf (1978) der ersten in Serie gefertigten StG 77 "A0" und deren Ursachen zu erörtern.

Bereits nach kurzer Truppenverwendung traten bei Verwendung von Wachmunition erste Vorfälle wie Waffenzerstörung infolge einer Laufverdämmung durch doppelte Geschoßvorlage auf. Ganz im Gegensatz zur 7,62 mm x 51 (.308)-Munition wird das Geschoß bei der 5,56 mm x 45 (.223)-Munition aus nachfolgend angeführten völkerrechtlich humanitären Gründen nicht angewürgt, sondern nur eingeklebt.

Durch die beim Anwürgen entstehende Einschnürung wird der relativ dünnwandige Geschoßmantel derart geschwächt, dass de facto eine Sollbruchstelle entsteht. Aufgrund der hohen Auftreffenergie verformt oder zerlegt sich das Vollmantelgeschoß auch beim Auftreffen auf weiche Ziele. Da das daraus resultierende Verletzungspotenzial ähnlich dem eines Teilmantelgeschoßes ist, wird das Geschoß nicht angewürgt. Die Folge ist, dass sich im Wachdienst beim Laden, Entladen, Magazinieren oder Entmagazinieren die Geschoße im Hülsenmund lockern, aus der Hülse ausgezogen werden und dabei Pulver verloren geht. Wenn das Geschoß, aus welchen Gründen auch immer, wieder aufgesetzt und die Patrone abgefeuert wird, wird das lockere Geschoß auch ohne Pulver bereits durch den Gasdruck des Zündhütchens ausgezogen und im Übergangskonus angesetzt. Befindet sich nur eine geringe Pulvermenge in der Hülse, so wird es je nach Pulverrest mehr oder weniger weit in den Lauf getrieben. Wird diese Art der Hemmung nicht erkannt und befindet sich das steckengebliebene Geschoß weniger als 8 cm tief im Lauf, so kommt es bei der Schussabgabe zu einem über dem Konstruktionsgasdruck liegenden Gasdruck von ca. 7 000 bis 7 500 bar. Als Größenvergleich ist dem der mittlere Gebrauchsgasdruck von 3 400 bar und der Beschussgasdruck von 4 500 bar gegenüberzustellen.

Beim StG 77 "A0" kann der Auszieher aufgrund des vorhandenen Spieles in der Verriegelungshülse seitlich ausweichen und der Hülsenboden über die Ausnehmung des Ausziehers am Stoßboden abfließen. Durch den aus dem Laderaum entweichenden Gasdruck wird der Kolben im Bereich des Verschlusses durch Gasbeaufschlagung abgesprengt. Die Folge sind Gesichts- und Augenverletzungen des Gewehrschützen durch Kunststoffsplitter und Pulvereinsprengungen.

Um dem entgegenzuwirken, wurde seitens der Firma Steyr im Jahr 1982 das StG 77 "A1" konzipiert. Der Auszieher, die Verriegelungshülse und die Lauflänge (im Verriegelungsbereich um 0,4 mm länger) wurden konstruktiv so abgeändert, dass sich der Auszieher in der Verriegelungshülse abstützt und so das Abfließen des Hülsenbodens verhindert. Zusätzlich wurde die Fallsicherung in die Schlageinheit integriert, die eine Schussauslösung beim Fall auf die Mündung verhindert.

Gegenüberstellung "A0/A0,5" und "A1"

Geänderter Verschlussstückkörper und Auszieher

Der geänderte Verschlussstückkörper mit Auszieher verhindert ein Abfließen des Hülsenbodens bei erhöhtem Gasdruck infolge Laufverdämmung wie doppelte Geschoßvorlage oder Verdämmung durch Wasser und trägt somit passiv zur Schützensicherheit bei. Es muss jedoch angemerkt werden, dass bei derartig hohem Gasdruck die Elastizitätsgrenze der verwendeten Werkstoffe überschritten wird und dadurch die tragenden Komponenten (der Lauf, der Verschlussstückkörper und das Gehäuse mit integrierter Verriegelungshülse) auszuscheiden sind.

Schlageinrichtung mit Fallsicherung

Die Fallsicherung verhindert einerseits die Schussauslösung bei Fall auf die Mündung und andererseits die Schussauslösung bei erhöhtem Rückstoß, wie er zum Beispiel bei der Verwendung des 40-mm-Anbaugerätes auftritt.

Gefederter Schlagbolzen

Die Masse des zur Zeit schwimmend gelagerten Schlagbolzens reicht aus, um bei Abschuss einer 40-mm-Geschoß- oder Granatpatrone eine im Lauf befindliche Patrone zu zünden. Wird eine Patrone mit einem sehr empfindlichen Zündhütchen verwendet - bei internationalen Einsätzen kann dies durchaus der Fall sein - so besteht ebenfalls die Gefahr, dass die Patrone bereits beim Laden gezündet wird. Durch die Verwendung eines gefederten Schlagbolzens wird dies verhindert.

In sich abgedichtetes Zielfernrohr mit Metallabsehen

Der Vorteil des neuen Zielfernrohres (ZF) gegenüber dem alten ist der, dass es in sich abgedichtet ist und bei einem Wechsel der Seiten- und Fixierschrauben nicht mehr mit Stickstoff befüllt werden muss. Das metallische Absehen gegenüber dem geätzten Absehen hat den Vorteil, dass die zusätzliche Glasscheibe, auf dem das Absehen eingeätzt war, entfällt. Ein Beschlagen (trübe Optik), das letztlich zur Ausscheidung der alten Optik führte, ist nun nicht mehr möglich.

Sonstige Neuerungen

Aufgrund der jahrzehntelangen Erfahrungen und Änderungen bei der Fertigung sind auch andere Funktionsteile zur Erhöhung der Lebensdauer und Funktionalität bei extremen Bedingungen sowie zur Reduktion der Fertigungskosten geändert worden. Da es sich jedoch nicht um sicherheitsrelevante Bauteile handelt, ist deren sukzessiver Austausch im Zuge der Instandsetzung vorgesehen. Als Beispiel sei der Austausch des Gaskolbens angeführt.

Begleitmaßnahmen und Dienstaufsicht

Aufgrund des gefederten Schlagbolzens wird künftig auf die Mindestkraft (Länge) der Sperrfeder vermehrtes Augenmerk zu legen sein. Bei Aufhebung der Federkräfte (Sperrfeder zur Schlagbolzenfeder) wird die Sperrbuchse von den Verriegelungsfahnen des Schlagbolzens gedrückt, und es kommt dadurch beim Schießen zum Verdrehen des Schlagbolzens. In weitere Folge zerlegt sich der Verschluss von selbst.

Putzfimmel

Wie der relativ hohe Anfall an verbogenen Schlagbolzen zeigt, wird der Schlagbolzen aus Mangel an geeigneten Reinigungsgeräten und verlangtem, oft übertriebenem Sauberkeitsgrad, bei der Truppe missbräuchlich zur Reinigung verwendet. Beim neuen gefederten Schlagbolzen muss diesem Umstand durch Dienstaufsicht massiv entgegengewirkt werden. Die unsachgemäße Verwendung kann zu Funktionsstörungen führen. Hiezu ist anzumerken, dass zur Zeit ein neues Reinigungsverfahren in Erprobung ist, das einerseits den hohen Verbrauch an Reinigungsgeräten und Reinigungsmitteln reduziert und anderseits auch zur Schonung der Waffen beitragen soll.

Müssen der Gaskolben und die Gaskolbenringe im StG blank sein? Wer reinigt und poliert in einem Motor den Kolben und die Kolbenringe?

Selbstverständlich sind die Verbrennungsrückstände unterschiedlich und daher ist zur Sicherstellung der Funktion auch ein gewisses Maß an Reinigung erforderlich. Keinesfalls führen jedoch Oberflächenverfärbungen (in die Oberfläche diffundierter Pulverschmauch) zu Funktionsstörungen.

Falsch praktizierte Reinigungsverfahren, wie der Einsatz von Schmirgelleinen oder Drahtbürsten, die nicht nur auf das fälschliche Verlangen nach einem nicht erforderlichen Sauberkeitsgrad zurückzuführen sind, führen oftmals zur Zerstörung des Oberflächenschutzes (z. B. der Chromschicht am Gaskolben). Völlig zu Recht wird behauptet, dass unsere Waffen zu Tode gereinigt und nicht zu Tode geschossen werden. Um der Macht der Gewohnheit entgegenzuwirken, wird zur Umsetzung des neuen Reinigungsverfahrens ein großes Maß an Überzeugungsarbeit zu leisten sein und insbesondere den Kommandanten in allen Ebenen ein hohes Durchsetzungsvermögen abverlangt werden.

Zukunftsaspekte

Unbeschadet dessen, dass das StG 77 seit 26 Jahren im Einsatz steht, braucht es auch künftig keinen Vergleich mit anderen Sturmgewehren zu scheuen. Seit Einführung dieses Gewehres ist jeder österreichische Sturmgewehrschütze de facto ein Zielfernrohrschütze. In anderen Armeen wird pro Gruppe nur ein solcher Zielfernrohrschütze gefordert. Außerdem ist das StG 77 nach wie vor den heute gestellten Anforderungen hinsichtlich Zuverlässigkeit, Präzision, Feuerkraft, Einsatzschussweite und auch Modifizierbarkeit gerecht geblieben.

Als nächster Schritt wird zur Verlängerung der Nutzungsphase und zur Kampfwertsteigerung eine Modifikation in Richtung Modulbauweise (StG 77 "A3") anzustreben sein. Die Ergänzung mit verschiedenen Tag- und Nachtzieleinrichtungen sowie diverser Anbaugeräte steht an.

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Begriffserklärungen

Laufverdämmung

Eine Laufverdämmung liegt dann vor, wenn sich ein Fremdgegenstand wie Erde, Schnee, Putzdocht oder aber auch ein Geschoß im Lauf befindet. Wird dies nicht erkannt und wird ein Schuss abgegeben, so kommt es unweigerlich zur Beschädigung des Laufes. Befindet sich der Fremdgegenstand nicht unmittelbar im Übergangsbereich (-konus) - Übergang vom Patronenlager zum gezogenen Teil (Drall) des Laufes - kommt es im Kollisionsbereich zu einer bleibenden Überdehnung des Laufes, d. h. zu einer Laufaufbauchung. Befindet sich der Fremdgegenstand im Übergangsbereich, so kann es in Abhängigkeit der Masse des Fremdgegenstandes zu einem Gasdruckanstieg, der in weiterer Folge zu einem Hülsenreißer oder aber auch zu einer Laufaufsprengung führen kann, kommen.

Doppelte Geschoßvorlage

Befindet sich zusätzlich ein Geschoß im Übergangsbereich, so verdoppelt sich die von der Treibladung zu beschleunigende Geschoßmasse. Dies wird auch als "Doppelte Geschoßvorlage" bezeichnet.

Einschnürung

Nennt man die, beim mechanischen Anwürgen (Festklemmen) des Geschoßes im Hülsenmund entstehende, bleibende Querschnittsverringerung des Geschoßes, wenn dieses keine dafür vorgesehene "Würgerille" hat.

Hülsenmund

Ist die zur Aufnahme des Geschoßes dienende vordere Öffnung der Patronenhülse.

Übergangskonus

Ist der Übergag vom Patronenlager in den gezogen Laufteil - Beginn des Dralles!

"Angewürgt"

Unter "Anwürgen" (Festklemmen) versteht man die formschlüssige Verbindung des Geschoßes mit der Patronenhülse zur Erreichung des festen Geschoßsitzes. Geschoße größerer Kaliber haben eine dafür vorgesehene Rille (Würgerille).

"Eingeklebt"

Unter "Eingeklebt" versteht man die kraftschlüssige Verbindung des Geschoßes mit der Patronenhülse zur Erreichung des festen Geschoßsitzes. Da Geschoße kleinerer Kaliber aufgrund der relativ geringen Geschoßmantelstärke in der Regel keine Würgerille haben und beim Anwürgen die für das Geschoßverhalten negative Einschnürung auftreten würde, werden diese Geschoße eingeklebt.

Stoßboden

Ist die Stirnfläche des Verschlusses, an dem sich der Patronenboden abstützt.

Gasbeaufschlagung

Ist die Einwirkung von Pulvergasen auf Bauteile der Waffe.

40-mm-Anbaugerät

Eine an einer Trägerwaffe montierbare, für den Verschuss von 40-mm-Geschoß- und Granatpatronen vorgesehene Abschussvorrichtung.

Absehen

Ist die im optischen Visier (Zielfernrohr) integrierte Zielmarke.

___________________________________ ___________________________________ Autor: Oberst Ing. Wolfgang Weinseiß, Jahrgang 1953. Nach Absolvierung der HTL Ferlach, Fachrichtung Waffentechnik, 1974 als Vertragsbediensteter zum Amt für Wehrtechnik (AWT) ins Referat "Leichter Waffenversuch". Nach der Ausmusterung 1979 Technischer Offizier im Panzerbataillon 33; ab 1981 wieder beim AWT im Referat "Schwerer Waffenversuch"; ab 1985 Referatsleiter des Referates Konstruktion & Werkstätten. Ab 1989 Sicherheitsoffizier am Truppenübungsplatz Bruckneudorf; ab 1991 Referatsleiter und Sachverständiger Offizier des AWT. Seit 2002 im Amt für Rüstung und Wehrtechnik in der Abteilung Waffen und Flugkörpertechnik mit der Führung des Referates "Leichte Waffen & Maschinenkanonen & Sonderwaffentechnik" beauftragt.

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