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Luftraumsicherung bei Großveranstaltungen

Ein Einsatzszenario der Österreichischen Luftstreitkräfte im Frieden

Internationale Großveranstaltungen werden nur mehr dann an Österreich vergeben, wenn das Land tatsächlich in der Lage ist, die effektive Luftraumsicherung für die gesamte Veranstaltungsdauer zu garantieren.

Die Ereignisse vom 11. September 2001 haben auch die militärische Welt nachhaltig verändert. Anforderungen und Aufgaben für Streitkräfte zum Schutz von nationalen Sicherheitsinteressen waren nach den Anschlägen auf das World Trade Center (WTC) in New York und das Pentagon in Washington, DC, neu zu definieren. Der Begriff Luftraumsicherung (LRSi) war vor dem Jahr 2001 im militärischen Sprachgebrauch zwar vorhanden, jedoch wurde der Luftraumsicherung nicht allzu hohe Priorität eingeräumt. Seit September 2001 hat die Luftraumsicherung im Allgemeinen und bei Großveranstaltungen im Besonderen als Einsatzverfahren von Luftstreitkräften eine wesentliche Bedeutung erlangt.

Österreich hat als Veranstalter und Ausrichter internationaler Großereignisse im sportlichen und politischen Bereich Tradition. Das Land versucht seit Jahrzehnten, seine geographische Kleinheit durch internationale Reputation auszugleichen. Daher wird Österreich auch in Zukunft Großveranstaltungen wie die Rad-WM 2006, die Fußball EM 2008 oder Gipfeltreffen, beispielsweise der EU oder der OSZE, ausrichten.

Großveranstaltungen sind ein potenzielles Ziel für terroristische Aktivitäten zur best- und schnellstmöglichen Zielerreichung. Daraus ergibt sich, dass Österreich trotz seiner Neutralität, traditionell guter internationaler Beziehungen und relativer Bedeutungslosigkeit auf dem internationalen politischen Parkett auch Ziel terroristischer Aktivitäten werden könnte.

Daraus folgt, dass internationale Großveranstaltungen nur mehr dann an Österreich vergeben werden, wenn das Land in der Lage ist, eine effektive Luftraumsicherung für den Veranstaltungsort über eine bestimmte Zeitspanne garantieren zu können. Ein Land kann jedoch diese Herausforderung aus Kapazitätsgründen in der Regel nicht im Alleingang erfüllen. Praktischen Überlegungen folgernd, kann eine Bewältigung nur in einer multinationalen Sicherheitskooperation, allenfalls in regionaler Ausrichtung, sinnvoll erfolgen.

Begriffsdefinitionen

Luftraumsicherung (LRSi)

Die Luftraumsicherungsoperation steht im Konzept für den Einsatz des Österreichischen Bundesheeres als ein eigenständiges, grundsätzlich von den Landstreitkräften unabhängiges Einsatzverfahren der Luftstreitkräfte im Rahmen der militärstrategischen Sicherung. Zur Wahrung der Lufthoheit werden Maßnahmen unter verminderter Herausforderungsintensität gegenüber der Luftabwehroperation gesetzt.

Im Falle der Gefahr von Luftraumverletzungen, die über die normalen Herausforderungen der Wahrung der Lufthoheit hinausgehen, werden zusätzliche Maßnahmen zur Intensivierung und Verdichtung der Luftraumbeobachtung im Vorfeld des gefährdeten Luftraumes notwendig. Diese umfassen einen der Lage entsprechenden Einsatz mobiler Radarsysteme als Ergänzung der ortsfesten Sensoren, vor allem zur Überwachung des unteren Flughöhenbereiches, sowie Maßnahmen zur Verstärkung der aktiven Komponente der militärischen Luftraumüberwachung (LRÜ), um eine rasche Reaktion auf Luftraumverletzungen mit angemessenen Einsatzmitteln zu gewährleisten. Der Schutz wichtiger gefährdeter Objekte, Anlagen und Einrichtungen der militärischen und zivilen Luftfahrt vervollständigt die Maßnahmen der Luftraumsicherungsoperation.

Die Luftraumsicherung wird bei Bedrohung ausschließlich aus der Luft auf sich allein gestellt, oder abhängig von der Bedrohungslage, zeitgleich mit einer Sicherungsoperation der Landstreitkräfte (LaSK) durchgeführt. In diesem Fall wird die Koordinierung der beiden Einsatzverfahren durch die militärstrategische Führung wahrgenommen.

Großveranstaltungen

Unter Großveranstaltung wird jedes Ereignis sportlicher, politischer oder kultureller Natur verstanden, an dem entweder eine über die örtliche und subjektive Norm hinausgehende Anzahl von Menschen teilnimmt, dessen Bedeutung die regionale Ebene weit übersteigt oder wenn die Veranstaltung einem gesteigerten nationalen und internationalen medialen Interesse entspricht.

Der Begriff "Renegade"

Für den Begriff "Renegade" ist keine deutsche Übersetzung vorgesehen bzw. in Verwendung. Das "Renegade-Concept" wurde geschaffen, um einem möglichen terroristischen Angriff so rasch als möglich mit Mitteln der Luftstreitkräfte entgegenzutreten. Der Begriff "Renegade" wird seit 2002 international verwendet und definiert ein Flugzeug, das in Verdacht steht, als Waffe für einen terroristischen Angriff verwendet zu werden. Es werden drei Arten von "Renegades" unterschieden:

- verdächtige, - vermutliche und - bestätigte terroristische Angriffe.

Jede Art ist genau definiert und löst unterschiedliche Vorgangsweisen bei der Durchführung der Luftraumsicherung aus. Diese Vorgangsweisen sollten international ident sein, um Missverständnisse von vornherein auszuräumen.Tatsache ist, dass der Waffengebrauch gegen ein "Renegade"-Flugzeug ausschließlich in nationaler Verantwortung liegt. NATO-Kommanden ist es ausdrücklich verboten, den Waffengebrauch gegen "Renegades" anzuordnen.

Bedrohungsanalyse

Das Einsatzverfahren Luftraumsicherung richtet sich in erster Linie gegen eine mögliche Bedrohung aus der Luft. Insgesamt stehen dem terroristischen Gegner in Bezug auf Aktionen, welche zur Bedrohung werden können, drei unterschiedliche Möglichkeiten zur Verfügung:

Der Einsatz von bemannten Luftfahrzeugen

Der Einsatz von bemannten Luftfahrzeugen beinhaltet mehrere Varianten der terroristischen Nutzung. Die Verwendung von Militärluftfahrzeugen durch Terroristen ist aufgrund der sehr schwierigen Beschaffungsmöglichkeit nicht sehr wahrscheinlich.

Die Verwendung von Linienflugzeugen und von Privatjets ist zwar aufgrund der äußerst verschärften Sicherheitsvorkehrungen aufwändig, aber auch sehr spektakulär. Solange das Flugzeug seinen Kurs beibehält bzw. sich gemäß den luftfahrtrechtlichen Bestimmungen verhält, ist die Bedrohung kaum erkennbar. Ein terroristischer Angreifer wird daher versuchen, möglichst lange unerkannt zu bleiben und erst möglichst spät das Flugzeug zur Waffe umzufunktionieren; die verbleibende Reaktionszeit ist damit äußerst kurz. Der Gefahr eines Anschlags kann am besten dadurch begegnet werden, indem man generell keine Flugzeuge in den bedrohten Raum einfliegen lässt (Flugverbotszonen; Anm.). Bei Missachtung des Einflugverbotes verbleibt noch ausreichend Zeit für Identifizierung und für Gegenmaßnahmen; bei der Detektion des Zieles sind dabei kaum Probleme zu erwarten. Jagdflugzeuge mit entsprechender Flugleistung und Verweildauer im Raum sowie die Fliegerabwehr (FlA) sind gegen diese Art der Bedrohung einzusetzen.

Terroristisch genützt werden können jedoch neben großen Linienflugzeugen und schnellen Privatjets auch kleinere Privatluftfahrzeuge und Hubschrauber. Hier liegt die Herausforderung in der Erfassung des Zieles, da dieses vermutlich im Tiefflug, um möglichst lange unerkannt, sein Ziel erreichen will. Für diesen Fall sind Maßnahmen zur Verdichtung des Radarbildes vorzusehen, Erfassungslücken zu schließen bzw. geeignete Luftfahrzeuge einzusetzen, die langsame, tieffliegende Ziele auch wirklich abfangen können.

Der Einsatz von unbemannten, ferngesteuerten Luftfahrzeugen

Der Einsatz von unbemannten, ferngesteuerten Luftfahrzeugen ist wenig aufwändig. Die Nutzlastkapazität dieser Luftfahrzeuge (Sprengstoff, Kampfstoffen u.ä.) ist zwar eher bescheiden, jedoch können verschiedene Stoffe, an sensiblen Stellen ausgebracht, enormen Schaden anrichten. Als Beispiel seien biologische oder chemische Kampfstoffe oder mit radioaktiven Stoffen verunreinigtes Material genannt. Darüber hinaus sind Kleinluftfahrzeuge aufgrund ihrer minimalen Radarrückstrahlfläche und -signatur durch Radar de facto kaum zu orten. Dieser Bedrohung kann eigentlich nur durch den Einsatz von Flugmeldern (Auge-Ohr-Beobachtung), verstärkte Überwachung bzw. Sperrung von Modellflugplätzen in unmittelbarer Nähe und entsprechende Auswahl der Räumlichkeiten der Großveranstaltung unter weitgehender Vermeidung von exponierten und leicht einsehbaren Örtlichkeiten begegnet werden.

Der Einsatz von ballistischen Raketen, Marschflugkörpern und Lenkwaffen größerer Reichweite

Dem Einsatz von ballistischen Raketen, Marschflugkörpern und Lenkwaffen größerer Reichweite, ist derzeit kein sicheres militärisches Mittel entgegenzusetzen. Diese Schwäche wurde von vielen Streitkräften erkannt, daher arbeitet die Rüstungsindustrie mit Nachdruck an der Entwicklung von Raketenabwehrsystemen. Seit 1991 scheinen das Fliegerabwehr-Lenkwaffensystem Patriot (PAC3) und ähnliche Systeme (SA 10, "Arrow", Anm.) die einzigen zu sein, die bedingt in der Lage sind, Flugkörper abzufangen. Aufgrund von Proliferation und Technologietransfer ist nicht gänzlich auszuschließen, dass Raketen und Marschflugkörper auch in die Hände von terroristischen Gruppierungen gelangen.

Der mögliche Einsatz von Lenkwaffen, welche im Wesentlichen im direkten Richten auf das Ziel abgefeuert werden, setzt vorbeugende Maßnahmen am Boden, wie verstärkte Überwachung von geeigneten Abschussstellen und Vermeidung von exponiert liegenden Schutzobjekten voraus.

Das Ergebnis der Bedrohungsanalyse ist die Definition der Intensität der Bedrohung. Diese richtet sich nach dem jeweils heranstehenden Ereignis und ist daher von Einsatzfall zu Einsatzfall verschieden. In einem "Normfall" mit geringer, aber doch möglicher Bedrohung, ist von einer Einsatzoption auszugehen, bei der mit relativ geringem eigenen Aufwand (wenig eigene Einsatzmittel, jedenfalls keine Fliegerabwehrkräfte) ein gewisses Maß an Sicherheit erzeugt wird. Im "worst case" wäre von einer Einsatzoption auszugehen, bei der unter Ausnützung aller verfügbaren eigenen Mittel, unter Inkaufnahme einer verminderten Durchhaltefähigkeit, ein Höchstmaß an Sicherheit das zu erreichende Ziel ist.

Zeitkalkül

Das Zeitkalkül bestimmt unter anderem das zu verwendende Einsatzmittel. Ziel des Zeitkalküls ist es, jeder Form der Bedrohung rechtzeitig mit einem effektiven Einsatzmittel entgegentreten zu können. Da nach erfolgter Detektion, während das Ziel "pending" ("in Bearbeitung", Anm.) ist, mehr oder weniger Zeit vergeht, kommt es darauf an, nach erfolgter Klassifizierung des Flugzeuges als "Renegade", schnellstmöglich mit dem vorgesehenen Einsatzmittel, also Abfangjägern, vor Ort zu sein, um endgültig Klarheit zu schaffen oder Gegenmaßnahmen setzen zu können. Um den Zeitpunkt der Einleitung von Klassifizierungsmaßnahmen möglichst früh ansetzen zu können, wird ein imaginärer Luftraum um die zu schützende Örtlichkeit definiert, in den entweder keine oder nur bestimmte Flugzeuge - unter Einhaltung strenger Auflagen - einfliegen dürfen. Die räumliche Ausdehnung dieser Area of Interest (AOI) hängt von der Art der zu erwartenden Bedrohung ab. Genügen bei langsam fliegenden "Renegades" Räume mit einem Radius von etwa 40 bis 60 NM (Nautische Meilen, 1 NM = 1,852 km) um den bedrohten Ort, so müssten für Düsenflugzeuge bereits Räume mit dem zwei- bis dreifachen Radius als Area of Interest festgelegt werden.

Nach der erfolgten Klassifizierung des "Renegade", muss der Abfangjäger noch rechtzeitig am Ziel eintreffen und die erforderlichen Maßnahmen abschließen können, bevor das Ziel in die gefährliche Nähe des Schutzobjektes kommt. Das bedeutet, dass weiter entfernt liegende Flugplätze als Einsatzbasis für die Abfangjäger (Alarmrotte) nicht in Frage kommen und die Abfangflugzeuge meist als Combat Air Patrol (CAP) in der Luft bereitgehalten werden müssen. In der Regel wird direkt am oder in der Nähe des Schutzobjektes eine Rotte Interzeptoren (abfangfähige Luftfahrzeuge) vorzusehen sein, um gegen einen Aggressor rasch wirksam werden zu können.

Eigene Einsatzmittel

Abhängig von der Bedrohungslage und der Bedrohungsintensität müssen Einsatzmittel in ausreichender Zahl in der Luft und am Boden gegen den Aggressor zum Zusammenwirken gebracht werden. Es sind dies:

- Radarsensoren unterschiedlicher Reichweite und das Führungssystem der Luftstreitkräfte als passive Komponente; - schnell und langsamfliegende Einsatzmittel; - Fliegerabwehrwaffen unterschiedlicher Reichweite als aktive Komponente, zur Abwehr der zu erwartenden Gefährdung.

Fliegende Einsatzmittel

Abgeleitet vom Ergebnis der Bedrohungsanalyse werden die entsprechenden fliegenden Einsatzmittel eingesetzt, um auf alle Arten der Bedrohung adäquat reagieren zu können. Gegen schnellfliegende Ziele wären Kampfflugzeuge vorzusehen, welche in der Lage sind, die "Renegades" abzufangen und im Extremfall zu bekämpfen. Das Einsatzmittel SB35 (Saab "Draken") war zur Abfangjagd zwar tauglich, Probleme ergaben sich jedoch durch das nur eingeschränkt nutzbare Bordradar und die kurze Verweildauer in der Luft (endurance). Dazu kommt, dass einerseits ein tieffliegendes Ziel vom System Goldhaube, abhängig vom Gelände, vermutlich nicht durchgehend erfasst werden wird, andererseits der "Draken" durch die fehlende "Look down - Shoot down Capability" (Fähigkeit des Abfangjägers, mit Radar tiefer fliegende Ziele zu erfassen und zu bekämpfen) sein Ziel nicht verfolgen konnte. Da das System SB35 nicht für einen Einsatz in Bodennähe optimiert war, wären auch technische Nachrüstungen nicht zielführend gewesen. Auch das bis zur Indienststellung des Eurofighter "Typhoon" als Zwischenlösung eingeführte Einsatzmittel F5 "Tiger", kann aus technischen Gründen diese Problematik nicht entscheidend verbessern. Das Einsatzmittel SB05 (Saab 105Ö) könnte zwar trotz der mangelnden Bewaffnung bedingt zum Abfang langsamer Ziele eingesetzt werden, aufgrund der unzureichenden Flugleistungen scheidet dieses Einsatzmittel gegen "angreifende" Jets jedoch aus.

Gegen langsamfliegende Ziele, d. h. Propellermaschinen und Hubschrauber, müssen adäquate Einsatzmittel bereitgestellt werden. Ein "zu schneller" Abfangjäger ist nicht in der Lage, ein langsames Ziel effizient abzufangen. Für diese Aufgabe stehen mit dem Einsatzmittel SB05, dem waffenfähigen Schulflugzeug Pilatus PC-7, und mit dem bewaffneten Hubschrauber Bell OH-58 taugliche Einsatzmuster zur Verfügung. Mit einer technisch möglichen Bewaffnung des neu eingeführten Transporthubschraubers Sikorsky S-70A ("Black Hawk"), stünde aufgrund überlegener Leistungsreserven eine optimale Plattform gegen langsamfliegende Ziele bereit.

Radarsensoren und Zentralen

Das System "Goldhaube" mit seinen ortsfesten Radarstationen (ORS) ist im Einsatz auf einen das österreichische Staatsgebiet und sein Vorfeld ausreichend abdeckenden Sensoreinsatz optimiert. Hiezu werden Daten aller verfügbaren militärischen und zivilen Radargeräte eingebunden. In der Einsatzzentrale (EZ/Berg) erfolgt die Führung des Luftraumsicherungseinsatzes, je nach Bedrohung, aus der Luftraumüberwachungszentrale (LRÜZ) oder aus dem Air Operation Center (AOC). Die Topographie Österreichs bringt es jedoch mit sich, dass nicht alle Teile des Luftraumes, vor allem nicht in Bodennähe, befriedigend ausgeleuchtet werden können. Zur Verdichtung der Radarbedeckung und zur Redundanz in sensiblen Räumen steht die mobile Komponente der Luftraumüberwachung mit zwei Mobilradarstationen (MRS) zur Verfügung. Zum Schließen von Lücken, Überwachen typischer Tieffliegeranflugsrouten und zum Ausleuchten von sichttoten Räumen, werden bis zu sechs Tieffliegererfassungsradargeräte (TER) zum Einsatz gebracht werden. Diese sind aufgrund der hohen Mobilität der Trägerfahrzeuge, der geringeren Reichweite und der damit zusammenhängenden höheren Umdrehungszahl und somit schnelleren Datenerneuerungsrate für den Luftraumsicherungseinsatz bestens geeignet.

Das System Kreidfeuer

Das System Kreidfeuer ist ein elektronisches Luftlagedarstellungssystem, das in der Lage ist, die aufbereitete Luftlage in Echtzeit einer Vielzahl von Bedarfsträgern gleichzeitig zur Verfügung zu stellen. Die Aufbereitung und Selektion der relevanten Daten erfolgt in der Luftraumüberwachungszentrale. Die Bedarfsträger, egal ob militärischer oder ziviler Natur, sind an den Datentransfer über Endgeräte eingebunden. Das garantiert eine optimale Datenverteilung an alle Stellen, die für ihre Entscheidungsprozesse eine aktuelle Luftlagedarstellung benötigen.

Fliegerabwehr

Die Fliegerabwehr wird erst bei einer relativ hohen Bedrohungsintensität zum Einsatz kommen. Sie ist das allerletzte, meist tödliche Mittel, um einen terroristischen Angriff auf ein Schutzobjekt zu verhindern. Hiezu können Feuerleitgeräte, Zielzuweisungsradargeräte und Feuereinheiten (Rohrwaffen, Lenkwaffen) eingesetzt werden. Für die Fliegerabwehr ist ein tief anfliegendes Zivilluftfahrzeug sicherlich eine leichte Beute, jedoch sind die Bemühungen dahin auszurichten, durch alle erdenklichen Maßnahmen den Einsatz der Fliegerabwehr (FlA) nicht nötig werden zu lassen und bereits im Vorfeld die Situation zu klären. Die Flugmeldeorganisation der Fliegerabwehrtruppe ist hiezu eine wertvolle Hilfe. Im normalen Fliegerabwehreinsatz sind bis zu fünf Flugmeldetrupps ringförmig acht bis zwölf Kilometer um die Feuereinheit verteilt und melden über Funk, auf der so genannten Flugmelde-Frequenz per Blindabsatz, die anfliegenden feindlichen Flugzeuge. Die Bedarfsträger (Feuereinheiten) hören mit und reagieren auf die Meldung, indem sie die Waffen in die angegebene Richtung ausrichten. Im LRSi-Einsatz werden die Flugmeldetrupps wesentlich weiter vorn in jenen Geländeabschnitten eingesetzt, die entweder von Radargeräten (ORS, TER) nicht eingesehen werden können und daher aufgrund der erwarteten Bedrohung (z. B. durch Kleinluftfahrzeuge) der Einsatz eines "Auge-Ohr-Beobachters" am zweckmäßigsten erscheint. Problematisch dabei ist das Halten der Verbindung und die rasche Informationsübergabe an den Bedarfsträger. Dieser Bedarfsträger im Luftraumsicherungseinsatz ist der Einsatzoffizier Fliegerabwehr (EOFlA) in der Luftraumüberwachungszentrale, da dieser als Mitglied im Current Operations-Bereich das Bindeglied zwischen Luftraumüberwachung einerseits und Fliegerabwehr andererseits darstellt.

Eine weitere Handlungsoption wäre der Einsatz von Feuerleitgeräten "Skyguard" zusammen mit den Flugmeldetrupps. Das Suchradar deckt den Luftraum bis zu einer Entfernung von 20 km ab und ist vom Modus her auf die Erfassung von tieffliegenden Zielen in bodennahen Räumen optimiert.

Das Feuerleitgerät kann besser als ein "Auge-Ohr-Beobachter" Richtung, Entfernung und Geschwindigkeit des Zieles bestimmen und das auch bei Dunkelheit und schlechter Sicht. Schwierig ist jedoch auch hier die Einbindung der gewonnenen Daten in das System "Goldhaube".

Zusammenarbeit Luftraumüberwachung und Fliegerabwehr

Die Zusammenarbeit Luftraumüberwachung und Fliegerabwehr ist aufgrund mangelnder Schnittstellen schwierig. Während die Luftlagedaten des Systems "Goldhaube" mittels Luftlagedarstellungssystem Kreidfeuer in die Tieffliegererfassungszentrale (TEZ = Taktische Einsatzzentrale; wird bei Einsatz von mehr als einer Feuereinheit auf Ebene Fliegerabwehrregiment gebildet) oder das Zielzuweisungsradargerät (ZZR) "Flamingo" direkt übertragen werden, gibt es kein Übertragungssystem für fliegerabwehrspezifische Daten zur Luftraumüberwachung. Die Kreidfeuer-Daten stellen jedoch eine wesentliche Entscheidungsgrundlage für die Klassifizierung des Zieles als freundlich oder feindlich dar.

Das Air Operation Center wird bei einer Bedrohungslage, die den Einsatz von FlA-Kräften im Rahmen der Luftraumsicherung erfordert, zur Koordinierung der verschiedenen Einsatzmittel wahrscheinlich operationell sein und befiehlt die Feuerregelung und die Bereitschaftsstufen von Waffen und Radargeräten auf der Grundlage der Rules of Engagement (ROE). Der Zustand "Weapons Hold" (Schießen auf Luftfahrzeuge nicht erlaubt; Ausnahme: Selbstverteidigung oder gesonderter Befehl) und "Weapons tight" (Schießen auf Luftfahrzeuge erlaubt, wenn eindeutig als feindlich identifiziert) sind vorstellbar, "Weapons free" (Schießen auf Luftfahrzeuge erlaubt, wenn nicht eindeutig als freundlich identifiziert) wird es im Luftraumsicherungseinsatz nicht geben. Im Falle des Fehlens eines Air Operation Centers übernimmt die Tieffliegererfassungszentrale die Feuerregelung.

Internationale Zusammenarbeit

Die Luftraumsicherung ist als Aufgabe für einen einzelnen Staat aufgrund der Komplexität der Abläufe, der Vielzahl und Qualität der Einsatzmittel sowie des enormen Bedarfes an Luftraum, im Alleingang nur bedingt realisierbar. Dies gilt umso mehr für einen Kleinstaat wie Österreich, da eine Großveranstaltung oftmals in Grenznähe situiert sein wird und daher automatisch Nachbarländer tangiert. Als Lösungsvariante könnten bi- oder multilaterale Abkommen mit dem Ziel, anstehende Aufgaben im Bereich der Luftraumsicherung durch benachbarte Staaten gemeinsam zu erfüllen, dienen. Vorgesehen ist dabei, die verschiedenen Begingungen wie genügend großer Luftraum, ausreichende Einsatzmittel sowie Zusammenarbeit bei der Detektion (Auffindung) und bei der raschen Klassifizierung der Ziele gemeinsam bereitzustellen bzw. zu erledigen. Für letzteres ist eine enge Zusammenarbeit der nationalen Einsatzzentralen der jeweiligen Nachbarländer mit der Luftraumüberwachungszentrale unabdingbar. Im Zuge dieser gemeinsamen Anstrengungen treten jedoch nicht zu unterschätzende Probleme zu Tage.

Als ein Hauptproblem ist der rechtliche Aspekt anzusprechen, da nationales Recht teilweise stark differiert. So ist es zwar vorstellbar, dass österreichische Abfangjäger einem potenziellen Ziel ins Ausland entgegenfliegen oder ihm nacheilen und dieses abfangen, sofern der Nachbarstaat nicht rechtzeitig geeignete Mittel zur Verfügung stellen kann. Probleme sind jedoch zu erwarten, wenn österreichische Abfangjäger ein Verkehrsflugzeug, das als "Renegade" klassifiziert wurde, im Luftraum eines Nachbarstaates abschießen würden. Das gleiche gilt für Unfälle und Schäden an Personen und Sachwerten, welche durch österreichische Flugzeuge im Ausland möglicherweise verursacht werden könnten. Weiters wird die Zusammenarbeit der Control and Reporting Centers (CRCs) mit der Luftraumüberwachungszentrale in der passiven Komponente durch die Bündniszugehörigkeit der meisten Nachbarstaaten zur NATO behindert oder zumindest erheblich erschwert. Gangbare Wege der Kooperation wurden jedoch in den vergangenen Jahren im Zuge von multinationalen Übungen (z.B. "AMADEUS", "SAFE NEIGHBOURHOOD") erprobt und laufend verbessert.

Erkannte Mängel und Defizite

Neben einer Vielzahl von Mängeln, die sicherlich durch regelmäßige Übungstätigkeit bereinigt werden können, bleiben einige Defizite bestehen, welche die Durchführung einer Luftraumsicherungsoperation durch die österreichischen Luftstreitkräfte beeinträchtigen. Es sind dies:

- der Einsatz der SB35 ("Draken") und F5 ("Tiger") aufgrund mangelnder Einsatzdauer, nicht vorhandener "Look lown - Shoot down-Fähigkeit" und mangelhafte Flugleistung in Bodennähe; - fehlende Bewaffnung für die SB05 (Saab 105Ö); - fehlende Lenkwaffenbewaffnung des S-70A (Sikorsky "Black Hawk"); - fehlende Möglichkeit der gegenseitigen Datenübermittlung Luftraumüberwachung - Fliegrabwehr; - fehlende Funkmöglichkeit zwischen der Lufraumüberwachungszentrale und dem "Renegade" auf allen in Frage kommenden Kanälen; - noch nicht reibungslos eingespielte Zusammenarbeit zwischen den Luftstreitkräften und den zivilen Dienststellen (Exekutive, Flugsicherung, Flughafenbetriebsgesellschaften); - noch nicht realisiertes Abkommen über multilaterale Zusammenarbeit (rechtliche Aspekte, Zusammenarbeit der CRCs, gemeinsame Nutzung des Luftraumes usw.).

Erst mit der Beschaffung eines Nachfolgemusters für die SB35-Flotte und Unterzeichnung von bi- und multilateralen Abkommen zwischen den verschiedenen Nachbarstaaten über die Sicherheit im Luftraum werden wesentliche Mängel aus der Welt geschafft.

Zusammenfassung

Österreich kann als Ausrichter von Großveranstaltungen politischer, sportlicher oder kultureller Art ein Ziel von terroristischen Anschlägen aus der Luft werden. Zur Begegnung und Abwehr dieser Gefahr ist durch die Österreichischen Luftstreitkräfte im konkreten Anlassfall eine Luftraumsicherungsoperation durchzuführen. In jedem Fall hat dem Luftraumsicherungseinsatz eine Bedrohungsanalyse voranzugehen, aus der die Gefährdungsintensität hervorgeht. Für den Fall einer geringen bis mittleren Bedrohung sind die österreichischen Luftstreitkräfte aufgrund ihrer Ausrüstung und Ausbildung sehr gut dazu geeignet den Einsatz durchzuführen und das notwendige Maß an Sicherheit zu garantieren. Es stehen geeignete Abfangjäger (Strahltriebwerk und Propeller), Hubschrauber und Radarsensoren zur Erfassung und Verfolgung tieffliegender Ziele und ein effizientes diensthabendes System zur Führung der Kräfte im Raum zur Verfügung.

Weiters ist aufgrund von Erfahrungen aus vergangenen Luftraumsicherungseinsätzen ein gewisses Maß an Erfahrung erworben worden, das durch Übungen laufend erweitert wird. Die Zusammenarbeit mit den Luftstreitkräften von Nachbarstaaten wurde bereits erfolgreich erprobt und die Umsetzung des trilateralen Abkommens über die Sicherheit im Luftraum zwischen Österreich, Deutschland und der Schweiz lässt eine weitere Intensivierung der Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Luftraumsicherungseinsätze erwarten.

Für den Fall einer massiven Bedrohung sind die österreichischen Luftstreitkräfte nur bedingt in der Lage, das geforderte Höchstmaß an Sicherheit zu gewährleisten. Der Grund liegt in der derzeit noch fehlenden Fähigkeit, Abfangflugzeuge mit entsprechender Flugleistung in Bodennähe und mit entsprechender Verweildauer rund um die Uhr bereitzuhalten. Den erhöhten Anforderungen bei einer massiven Bedrohung kann jedoch durch die multinationale Zusammenarbeit mittels einer gemeinsamen Bereitstellung von Luftfahrzeugen, einer engen Kooperation der Führungszentralen, einer gemeinsamen Nutzung von Luftraum und Minimierung der erwartbaren legistischen Probleme erfolgreich begegnet werden.

Mit diesen Maßnahmen sind jedoch die derzeit vorhandenen Probleme der Einbindung der Fliegerabwehrkräfte in den Luftraumsicherungseinsatz nicht zu lösen. Die Fliegerabwehrkräfte, als letztes und meist tödliches Mittel der Gefahrenabwehr, müssen in den Datenfluss und Datenverbund der Luftstreitkräfte eingebunden werden. Damit wäre der "Kampf der verbundenen Waffen" der Luftstreitkräfte in der Luftraumsicherungsoperation gewährleistet.

___________________________________ ___________________________________ Autor: Major Markus Kronreif, Jahrgang 1965. Ausmusterung 1990 als Flugmelder zum Ver-band LRÜ. Verwendung als Identifizierungsoffizier und Einsatzoffizier RADAR in der Luftraumüberwachungszentrale in St. Johann/Pongau.; 1996 bis 1997 Auslandsein-satz bei AUSBATT/UNDOF als Signals Officer; seit 2001 Verwendung als S2/Kommando Luftraumüberwachung in der Schwarzenberg-Kaserne in Wals.

Quellen:

BMLV, Der Generaltruppeninspektor: Konzept für den Einsatz des Österreichischen Bundesheeres (Einsatzkonzept 2001), Stand: 3. Juni 2002, Beilage zu GZ 64.400/3-5.6/02.

Moser, Gerald, Olt / Wulz, Wolfgang, Mjr: Erfahrungsbericht Unterstützung "Prague Summit Meeting", KdoLRÜ vom 24. Jänner 2003 Zl.: 15-Verschl/30/03.

Staudacher, Arnold, MjrdG: Konzept zur Sicherung des Luftraumes gegenüber terroristischen Aktionen während des European Economic Forum (EEF) in Salzburg vom 13. - 15. September 2002, KdoLRÜ vom 28 05 02, o.GZl.

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