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"COOPERATIVE BEST EFFORT 2005"

Bestes Bemühen für gemeinsame Taten - Die Übungsserie der NATO-PfP-Organisation

Böse Zungen behaupten, die Kooperation des besten Bemühens hätte endgültig ein Ende. Das stimmt auch teilweise: Nächstes Jahr wird die Übungsserie nicht nur ihren Namen, sondern auch ihren Rahmen ändern. Vom Bataillon geht es aufwärts zur Brigade, von der Ukraine ab nach Spanien - die Übung wird ab dann "COOPERATIVE LANCER" heißen. Somit fand im Juni 2005 die letzte multinationale Übung unter dem Namen "COOPERATIVE BEST EFFORT" statt - diesmal in den Wäldern der Ukraine.

Bereits im TRUPPENDIENST-Heft, Ausgabe 5/2005 wurden die Eckpunkte und Rahmenbedingungen der diesjährigen zweiwöchigen NATO-PfP-Übung veröffentlicht. Es wird empfohlen, den Rundschaubeitrag vorab zu lesen, um Zusammenhänge besser zu verstehen.

Als einzigartig gilt wohl, dass die Peace Support Operations-Themen dieser Übungsserie multinational gemischt bis auf Gruppenebene geübt werden. Immerhin handelt es sich hiebei um 18 truppenstellende Nationen, die Teilnehmer reichen vom Bataillonskommandanten bis hin zum Schützen. Besonders die letztgenannte Personengruppe kommt in diesem Beitrag zu Wort.

Die Teilnehmer

Das aus 30 Soldaten bestehende österreichsche Kontingent wurde am 17. Juni 2005 mit einer schweizerischen Infanteriegruppe und drei Offizieren als Instruktoren verstärkt. Die Österreicher stellten zwei Infanteriegruppen: Eine Jägergruppe aus der "TASK FORCE 6" (Kaderpräsenzeinheit [KPE] der Kräfte für internationale Operationen [KIOP] aus Bludesch in Vorarlberg) und eine Jägergruppe des Jägerbataillons 24 aus Lienz, die sich charakterlich stark unterschieden: In der KIOP-Gruppe einerseits die etwa 20 Jahre alten KPE-Soldaten vom Gefreiten bis zum Wachtmeister, in der Jägergruppe andererseits die doch schon abgebrühten Kadersoldaten aus Lienz mit den Dienstgraden Wachtmeister bis Vizeleutnant. Der Zugang zu den verschiedenen PSO-Techniken, die während der zwei Wochen dauernden Übung exzessiv geübt werden sollten, konnte verschiedener nicht sein.

Neben den "Kämpfern" wurden aber auch noch folgende Funktionen von österreichischer Seite in die "COOPERATIVE BEST EFFORT 2005" eingemeldet:

- Instruktoren, die in den drei Phasen der Übungsanlage verschiedene Ausbildungsaufgaben - von der Anlern- über die Anwendungs- bis hin zur Festigungsstufe - vorzubereiten und durchzuführen hatten; - ein Evaluator, dessen Aufgaben man mit jenen der österreichischen Gruppen-, Zugs- und Kompanieschiedsrichter in einer Person vergleichen kann; - ein Unteroffizier im Real Life Support Center, der gemeinsam mit den spanischen Kameraden für Allfälliges zuständig war, von der Bettenreservierung über die Verpflegung bis hin zu den Waffen und zum WC-Papier; - ein Kontingentsarzt, der ohne Zweifel im Übungsraum der einzige Mediziner war, dessen Ausrüstung gereicht hat, um wirklich helfen zu können (es gab auch kleinere Realfälle); - ein Sanitätsunteroffizier mit der Qualifikation des Diplomkrankenpflegers; interessanterweise wird ein Sanitätsunteroffizier in den NATO-Papieren als "Nurse" (bedeutet zwar landläufig Kindermädchen oder Krankenschwester, im Fachjargon jedoch auch Krankenpfleger) geführt, was jährlich zur Belustigung der deutschsprachigen Kontingente beiträgt; - ein Offizier als Chief Production and Internal Information im Press Information Center, verantwortlich für mitarbeitende Reporter, Fotografen, Kameraleute und Übersetzer, die Herstellung einer Übungszeitung und einer Website sowie für die Kommunikation vom Übungsraum hinaus zu den diversen NATO-Stellen; - der Dienstführende als "Mutter" des Kontingentes, der mit nahezu allen Stellen der immerhin 1 200 Teilnehmer umfassenden Übung kooperieren musste, um die beste Unterstützung für seine Soldaten gewährleisten zu können; - der Kontingentskommandant als Gesamtverantwortlicher: er repräsentierte das Österreichische Bundesheer und sollte "Lessons Learned" in Bezug auf NATO-PfP-Themen für die Ausbildung nach Österreich mitnehmen.

Prinzipiell müssen bei den Teilnehmern dieser Übungsserie vier Personengruppen unterschieden werden:

- Zum Ersten war dies jene multinationale Gruppe von Soldaten, welche im Allied Land Component Command Madrid arbeitet und für die Durchführung aller NATO-PfP-Übungen verantwortlich ist.

- Die zweite Gruppe waren die truppenstellenden Staaten (teils NATO-, teils NATO-PfP-Staaten und Israel als einziger aktiver Teilnehmer des NATO-Mediterranean Dialogue-Programmes).

- Dritte und stärkste Gruppe waren die Gastgeber mit alleine 700 Soldaten als Fülltruppe und für Dienstleistungen.

- Last but not least besuchten als vierte Gruppe Beobachter aus neun Staaten die Übung; darunter Soldaten aus Kuwait, Bahrain und Saudi-Arabien.

Nach dem Motto: "Viele Wege führen in die NATO!", loteten diese Staaten Wege in Richtung NATO-Partnerschaft bzw. Mitgliedschaft aus. Israel zum Beispiel war in den letzten Jahren Beobachter und nahm heuer, wie oben erwähnt, erstmals im Zuge des Mediterranean Dialogue mit einer Infanteriegruppe teil.

Das Umfeld

Die Übung fand in der 54 Kilometer westlich von L‘viv (Lemberg) gelegenen Peace Support Operation Training Area in Yavoriv statt. Hier handelt es sich leider "noch" nicht um ein standardisiertes NATO-Trainingscenter. Bereits in der Real Life Support-Niederschrift der Main Planning Conference steht festgeschrieben: "Für die Jägergruppen gibt es nur Mannschaftsunterkünfte - zirka 100 Personen in einem Schlafsaal, keine Spinde, keine Steckdosen." Und weiter: "Die Mitnahme von Soldierboxen (siehe unten) ist zwingend erforderlich, die Mitnahme von Salewa-Zelten wird empfohlen." Geübt wurde im Bataillonsrahmen - heuer war erstmals auch ein Tactical Operations Center (TOC) als taktischer Überbau eingesetzt. Das TOC stellte die Links vom Bataillonskommandanten zu den drei multinationalen Kompanien und der ukrainischen Logistikkompanie her, kontrollierte die Einsätze des Bataillons und plante neue Szenarien für die übende Truppe. Das TOC mit seinen fünf Zellen (S1/personnel, S2/intelligence, S3/operations, S4/logistics und CIMIC/civil military cooperation) dürfte als ein zukünftiger Brigadegefechtsstand geplant sein, denn ab 2006 sollen die im TOC zuständigen Offiziere vom Allied Land Component Command Madrid für die neue Übungsserie "COOPERATIVE LANCER" als Brigadekommando verantwortlich zeichnen. Der Charakter Führungsausbildung bis auf die Ebene Gruppe soll jedoch beibehalten werden.

Übungsablauf

Die Übung wurde in drei Phasen durchgeführt. Die Übungsphase 1 dauerte vom 20. bis zum 22. Juni 2005. Ziel war das Einzel- und Gruppentraining der Soldaten in PSO-Szenarien im Stationsbetrieb sowie die Durchführung eines Scharfschießens mit Handfeuerwaffen der jeweils anderen teilnehmenden Nationen. Den Abschluss bildete ein Zugswettkampf (Challenge Day) mit drei Bewerben (Scharfschießen mit Sturmgewehren, Maschinengewehren, Scharfschützengewehren, Handgranatenwerfen und einem Drei-Meilen-Marsch).

Gruppen- und Zugstraining bildeten die Übungsphase 2 vom 23. bis zum 25. Juni.

Die Soldaten wurden im Stationsbetrieb in konkreten PSO-Gefechsttechniken (mehr darüber im Tagebuch) als Vorbereitung für die Übungsphase 3 trainiert.

Sie war die eigentliche Gefechtsübung mit den dazugehörigen Evaluierungen und dauerte vom 27. bis zum 30. Juni 2005. Sie wurde im Bataillonsrahmen durchgeführt, wobei die Anwendung der in den Phasen 1 und 2 vermittelten Fertigkeiten und Gefechtstechniken überprüft wurde. Den Abschluss fand die Übungsphase 3 mit dem Besuchertag (Distinguished Visitors Day), wo Vorführungen zu den Themen Vehicle Control Point sowie Cordon and Search in Verbindung mit Crowd Riot Control (CRC) veranstaltet wurden.

Für alle Übungsphasen war eine taktische Lage ausgearbeitet worden. Die gesamte Ausbildung war auf diese Lage abgestimmt. Den Rules of Engagement und der Einhaltung des humanitären Völkerrechtes kam dabei eine zentrale Rolle zu.

___________________________________ __________________________________ Autor: Hauptmann Michael Mayerböck, Jahrgang 1970, Militärakademie 1992 bis 1995, Jahrgang Kaiser Maximilian I. Ausmusterung als Fernmeldeoffizier zum Heeres-Nachrichtenamt, Zugskommandant und Ausbildungsoffizier, später Einsatzleiter. 1999 bis 2002 Ausbildungsoffizier und S3 des Fliegerfernmeldebataillons, seit April 2002 Redakteur beim TRUPPENDIENST. 2002 Afghanistan-Einsatz als Presseoffizier, 2003 Journalistenausbildung, 2004 und 2005 "COOPERATIVE BEST EFFORT"-Teilnehmer in Aserbaidschan und in der Ukraine als Chief Production.

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Lessons Learned

Die österreichischen Teilnehmer haben die ihnen gesteckten Ziele erreicht. Besonders hervorzuheben ist der vorbildliche Einsatz der Soldaten der beiden Jägergruppen. Anfangsschwierigkeiten bestanden vorwiegend darin, dass beide Jägergruppen zum Beginn der Übung ein "zusammengewürfelter Haufen" waren. Aufgrund des Afghanistan-Einsatzes der KIOP-Soldaten der TASK FORCE 6, die ursprünglich für die Übung vorgesehen waren, wurden die Soldaten kurzfristig aus verschiedenen Dienststellen rekrutiert. So kam das Personal der 2. Jägergruppe aus vier verschiedenen Heimatkompanien. Beide Gruppen entwickelten sich jedoch sehr rasch zu guten Teams.

Das Personal der TASK FORCE 6 und das Ausbildungspersonal des Jägerbataillons 24 konnten wertvolle Erfahrungen gewinnen, insbesondere in den PSO-Gefechtstechniken (siehe Tagebuch) sowie in der Zusammenarbeit mit anderen Nationen. Der intensive Gedankenaustausch mit den Soldaten vieler Nationen trug dazu bei, Vorurteile abzubauen und neue Eindrücke zu gewinnen. Diese zwischenmenschlichen Erfahrungen sind im Sinne des PfP-Prozesses ernorm wichtig und gesellschaftspolitisch höher zu bewerten als die gefechtstechnischen Erfahrungen. Die Soldaten aus Lienz haben beispielsweise aus der direkten Vergleichsmöglichkeit mit den israelischen Soldaten besonders profitiert.

Da für viele PSO-Gefechtsaufgaben keine bzw. nicht ausreichende Vorschriften des Österreichischen Bundesheeres verfügbar sind, sollten Erfahrungen wie jene der Übungsserie "COOPERATIVE BEST EFFORT" in die heimische Ausbildung einfließen.

Diese Übungsserie ist die einzige, bei welcher das Kaderpersonal in Kampffunktionen auf unterster Ebene (innerhalb des Zuges) gemischt wird. Damit ist der Erfahrungsgewinn im internationalen Kontext sehr hoch. Die Österreicher haben innerhalb ihrer Übungszüge mit Soldaten aus fünf verschiedenen Nationen zusammen gearbeitet.

Ausbildungsunterlagen und Vorschriften

Das Fehlen der entsprechenden Vorschriften behindert die praktische Ausbildung für die neuen PSO-Aufgaben. Das Ausbildungspersonal kann nur auf der Grundlage eigener Erfahrungen im Rahmen von verschiedenen Lehrgängen, Übungen oder Einsätzen ausbilden. Es besteht eine große Unsicherheit innerhalb des Ausbildungspersonals, inwieweit die praktischen Erfahrungen einer solchen Übung "zu Hause" angewandt werden sollen, dürfen bzw. können.

Sofortmaßnahmen unumgänglich

Bei der "COOPERATIVE BEST EFFORT 2005" zeigte sich auch, dass die in Österreich ausgebildeten Gefechtstechniken zwischen den Verbänden sehr unterschiedlich sind. Insbesondere gibt es große Ausbildungsunterschiede beim Vergleich von KIOP-Soldaten mit Nicht-KIOP-Soldaten.

Diese Unterschiede fielen vor allem beim Kampf im verbauten Gebiet auf. Es wäre daher anzustreben, dass der Truppe möglichst rasch umfassende Ausbildungsunterlagen und Vorschriften für standardisierte PSO-Gefechtstechniken zur Verfügung stehen.

Österreichische Soldaten dürfen sich von der Entwicklung am sich rasch verändernden Gefechtsfeld nicht überholen lassen, sie müssen sich laufend anpassen. Das Wissen und Können ist vorhanden - es bedarf nur einer entsprechenden Bündelung und Strukturierung.

Dieser Prozess muss jedoch von oben nach unten erfolgen, weil jede Änderung der Ausbildung einer Legitimation bedarf. Die Ausbildung muss auf der Basis verbindlicher Ausbildungsunterlagen und Vorschriften und nicht nur auf der Basis persönlicher Erfahrungen und Meinungen erfolgen.

Die Mannesausrüstung der österreichischen Soldaten ist im internationalen Vergleich unzureichend. Unsere Soldaten waren die einzigen, die keine Kampfwesten hatten. Sie hatten nur den Kampfgurt der Rüstung S mit den Magazintaschen. Nicht einmal die Soldaten der KPE des Jägerbataillons 23 (obwohl ausschließlich für Auslandseinsätze vorgesehen) konnten mit Besserem aufwarten.

Die Splitterschutzweste ist für viele Aufgaben nicht verwendbar, weil sie zu sperrig und für den Dauereinsatz bei geringer Bedrohung zu schwer ist. Die Soldaten konnten beim Einsatz mit dem Schützenpanzer BTR-80 im Rahmen der "COOPERATIVE BEST EFFORT 2005" (fast alle Aktionen wurden mit dem BTR-80 durchgeführt) die Splitterschutzweste nicht tragen, weil sie damit im BTR-80 ganz einfach nicht Platz hatten.

Die Splitterschutzweste ist besonders auch deshalb ungeeignet, weil sie nicht je nach Bedrohung flexibel einsetzbar ist. Ein aufbauendes System (Splitterschutz/Schutz gegen Faustfeuerwaffen und Kugelschutz mit Kevlarplatten gegen 7,62-mm-NATO-Munition), wie es die Schweizer Armee verwendet und wie es auch den österreichischen Soldaten im Auslandseinsatz zur Verfügung gestellt wird, ist enorm wichtig. Es ist daher die Bereitstellung einer entsprechenden Ausrüstung für die Ausbildung aller Soldaten in Österreich dringend erforderlich: Westen ohne Kevlarplatten für alle Soldaten, Westen mit Kevlarplatten für KIOP-Soldaten sowie Soldaten bei Einsätzen und internationalen Übungen - auch dann, wenn diese nicht KIOP-Soldaten sind.

Zusätzlich benötigen alle Soldaten Knie- und Ellbogenschützer sowie geeignete Handschuhe zum Schutz gegen Verletzungen und Verunreinigung.

Die Verbesserungsvorschläge wurden mit dem Erfahrungsbericht den zuständigen Dienststellen auf dem Dienstweg übermittelt.

Autor: Oberstleutnant Martin Lamprecht, Kontingentskommandant CBE 05 ___________________________________ __________________________________

Tagebuch eines Schützen

Anreise und Vorbereitung

Die Übung "COOPERATIVE BEST EFFORT 2005" begann für uns mit der Verlegung in den frühen Morgenstunden des 13. Juni 2005 zum Fliegerhorst Vogler in Hörsching bei Linz. Den ersten Tag verbrachten wir mit verschiedenen Einweisungen, den letzten Schutzimpfungen und dem Verzollen des Gepäcks.

Verlegung

Eingecheckt wurde am 14. Juni. Mit der "Hercules" C-130 verlegten wir auf den Luftwaffenstützpunkt Dübendorf in der Schweiz. Da die Schweizer Lufttransportmöglichkeiten eingeschränkt sind, verlegten die Schweizer Kameraden mit uns in die Ukraine. Die Flugzeit von Dübendorf nach Lemberg betrug zwei Stunden 40 Minuten.

Erste ukrainische Eindrücke

Auf den ersten Blick sah der Flughafen etwas heruntergekommen aus. Die meisten Gebäude und Hangars in Lemberg waren beschädigt, und auf den Abstellplätzen standen mehrere alte, teils ausgeschlachtete Maschinen russischer Bauart.

Es war sehr heiß auf dem Flugfeld, und unsere Weiterreise verzögerte sich aufgrund der übergenauen ukrainischen Zollformalitäten. Wir mussten sämtliche Gepäcks- und Ausrüstungsgegenstände auf dem Flugfeld auflegen. Nach der Kontrolle konnten wir dann unsere Ausrüstung auf zwei bereitgestellte ukrainische Lastwägen verladen. Danach wurden wir noch zur Bank gefahren, wo wir unsere Euros in die nationale Währung (Grivnija) wechseln konnten, bevor es Richtung Truppenübungsplatz Yavoriv weiterging.

Ankunft in Yavoriv

Wir erreichten unsere Basis (Central Town) am späten Nachmittag, bezogen unsere Unterkünfte und versorgten unser Kontingentsgerät. Unsere zwei Jägergruppen bezogen im "Hotel 7" ihre Unterkunft: Zwei 100-Mann-Schlafsäle.

Wir versorgten das Kontingentsgerät und hatten anschließend unser erstes Abendessen in der Ukraine. Nach dem anschließenden Kontingents-Briefing war gegen 2200 Uhr Ortszeit Dienstschluss.

Erste Probleme und neue Freunde

Die größten Probleme, mit denen wir zu kämpfen hatten, waren die sanitären Einrichtungen, das Essen und die vielen Moskitos.

Zu den wertvollen Erfahrungen gehörte auf jeden Fall der Kontakt mit Soldaten aus anderen Nationen. In den ersten Tagen war noch nicht so sehr viel los, da wir eine der ersten Nationen vor Ort waren. Jeden folgenden Tag trafen weitere Nationen ein. Wir Österreicher wurden in weiterer Folge mit Kanadiern, Kasachen und Moldawiern zu einem Zug zusammengefasst.

Eingewöhnungsphase

Da wir vergleichsweise schon sehr früh in der Ukraine eingetroffen waren, hatten wir Zeit, uns ein wenig einzugewöhnen. Heißes und feuchtes Klima machten sportliche Betätigungen mühsam.

Wir schlossen uns auch mit den Schweizer Kameraden zusammen und machten eine gemeinsame Ausbildung. Die Schweizer zeigten uns auf verschiedene Arten, wie sie verdächtigen Personen Handschellen bzw. Handfesseln anlegen und wie sie mit Hilfe eines unscheinbaren Holz- oder Aluminiumstäbchens eine Person unter Kontrolle bringen. Sie führten uns auch ihr "Verhalten im Trupp" (Einteilung nach unterschiedlichen Farben) und einen "Feuerüberfall" vor. Wir mischten auch die Trupps mit Österreichern und Schweizern und spielten das Ganze dann mehrfach durch. Am 19. Juni, fünf Tage nach der Ankunft, war dann die Eröffnungsfeier der "COOPERATIVE BEST EFFORT 2005".

Phase I

Die Phase I erstreckte sich über die ersten drei Tage der zweiten Woche.

Erster Tag: Zuerst erfolgte eine erste Einschulung auf dem BTR-80, dem Mannschaftstransportpanzer der ukrainischen Armee - Thema war das Auf- und Absitzen. Anschließend wurden wir von israelischen Soldaten im Kampf gegen Terroristen und Guerillas geschult. Auch ein Unterricht über die Rules of Engagement während der Übung stand auf dem Programm. Die Ukrainer machten uns mit dem Thema Medical Evacuation vertraut. Von den Ungarn erhielten wir eine Lehrvorführung über UXOs (unexploded ordnances), EOD (explosive ordnance disposal) und Minen. Zu guter Letzt bekamen wir noch einen Crash-Kurs in Ukrainisch.

Zweiter Tag: Die zweite Einweisung auf den BTR-80 umfasste wieder das Auf- und Absitzen und das Mitfahren im Mannschaftstransportpanzer im Gelände. Wir bezogen nach den Vorgaben eines Schweizer Ausbilders einen Checkpoint und trainierten die Personen- und Fahrzeugkontrolle. Das Betreiben eines Beobachtungspunktes und der Schutz gegen eine aufgebrachte Menge Zivilisten beendeten den Vormittag.

Am Nachmittag war das Scharfschießen mit Waffen aus anderen Nationen an der Reihe. Hauptsächlich wurde aber mit Ukrainischen Waffen (AK-74, RPK, "Dragunov" etc.) geschossen, da nicht alle Nationen ihre Waffen zur Verfügung stellten. Österreich präsentierte das Sturmgewehr 77 und das Maschinengewehr 74.

Dritter Tag: Der dritte Tag der Phase I war der Challenge Day - das war ein Wettkampf zwischen den einzelnen Zügen. Er schweißte die Gruppen in den Zügen zu einer richtig festen Gemeinschaft zusammen. Drei Disziplinen waren im Wechsel zu absolvieren. Die erste Disziplin für unseren Zug war das Scharfschießen mit den Sturmgewehren, je einem Scharfschützen und einem Maschinengewehrschützen. Hiebei schnitt unser Zug gut ab: Wir holten zwei Punkte. Die nächste Station war das Handgranaten-Werfen. Es mussten Granaten in ein 4 x 2 Meter großes Ziel in 25 Meter Entfernung geworfen werden. Hier erreichte unser Zug sechs Punkte. Beim abschließenden Zwei-Meilen-Lauf (3,2 Kilometer) erzielten wir noch vier Punkte. Dabei hatten wir die zwei Meilen im Dienstanzug und mit Waffe zu laufen. Die Zeit wurde gestoppt, als der letzte Mann des Zuges die Ziellinie überquerte. Unser Zug absolvierte den Kurs mit der schnellsten Zeit (17 Minuten 40 Sekunden). Das ergab in Summe zwölf Punkte und Platz Drei.

Phase II

Die Phase II dauerte ebenso wie Phase I drei Tage und umfasste wieder unterschiedlichste Ausbildungsthemen.

Erster Tag: Als erste Aufgabe hatten wir einen Beobachtungspunkt zu betreiben und wir mussten auf unterschiedliche Zwischenfälle reagieren. Das erste Szenario war eine Autobombe am Haupttor, das zweite ein Artillerie- oder Granatwerferbeschuss des Beobachtungspunktes. Zuletzt mussten wir noch auf einen Scharfschützenbeschuss reagieren.

Die zweite Aufgabe war eine Road Patrol. Hierfür mussten wir einen Straßenabschnitt vor Angriffen feindlicher Kräfte schützen, nach Sprengfallen absuchen und das gefahrlose Passieren eines Konvois gewährleisten.

Am Nachmittag war Conduct a Cordon and Search an der Reihe. Hier erhielten wir durch einen britischen Ausbilder (Scotsman; siehe Bild links) eine entsprechende Belehrung und bauten einen inneren Sicherungsring um ein Gebäude auf.

Abschließend war noch die Crowd Riot Control-Ausbildung durch eine Einheit des ukrainischen Innenministeriums angekündigt. Hier demonstrierten sie uns zuerst ihr Vorgehen, dann übernahm ein ukrainischer Offizier unseren Halbzug und brachte uns ihre Formationen und Befehle bei, welche wir dann auch gleich umzusetzen hatten. Eine mit Stöcken und vollen Plastikwasserflaschen bewaffnete Menschenmenge fungierte als "aufgebrachte Menschenmenge" und wurde auf uns Soldaten losgelassen.

Zweiter Tag: Am Vormittag wurden wir von israelischen Soldaten ausgebildet: zuerst mussten wir an einem Checkpoint auf unterschiedliche Scharfschützenattacken reagieren und dann noch gegen einen Scharfschützen und gleichzeitig auftretende feindliche Kräfte im Checkpoint aktiv werden. Bei diesen Simulationen hätten wir im Realfall einige Verluste in unseren Reihen zu verzeichnen gehabt. Danach wurde uns die Taktik der Israelis für den Kampf im verbauten Gebiet vorgestellt, die wir auch umzusetzen hatten. Wir rückten durch einen Straßenzug vor und bekämpfen feindliche Kräfte, um einen Terroristen auszuschalten.

Am Nachmittag wurden Gebäude durchsucht und eine Konvoi-Eskorte geübt. Während der Eskorte war immer wieder auf Zwischenfälle zu reagieren.

Dritter Tag: Am Vormittag hatten wir einen Checkpoint einzurichten, diesen zu betreiben und auf unterschiedliche Situationen zu reagieren. Zusätzlich mussten wir eine Aufklärungspatrouille durchführen, wir waren mit Minen und Sprengfallen konfrontiert und gerieten in einen Hinterhalt, aus dem wir uns aber befreien konnten.

Nach der Mittagspause bekamen wir noch eine Belehrung über unterschiedliche Patrouillenarten und worauf bei einer Patrouille speziell geachtet werden muss. Abschließend wurden wir im Umgang mit Medienvertretern geschult. Hier musste jeder von uns ein Interview in Englisch geben. Da die meisten aber die Sprache nicht besonders gut beherrschten, übersetzte ein Kamerad für alle anderen.

Cultural Day

Am Sonntag, dem 26. Juni 2005, bestand die Möglichkeit, die Stadt Lemberg zu besuchen. Der Großteil unseres Kontingents nahm diese Möglichkeit wahr. Einige blieben auch in der Kaserne und ruhten sich aus. Am späten Nachmittag mussten sich alle zu einem Konzert im großen Vortragssaal einfinden: ein Ensemble der ukrainischen Militärmusik spielte gemeinsam mit einem Soldatenchor und einer ukrainischen Volkstanzgruppe auf.

Die eigentliche Übung

Die Phase III dauerte drei Tage. Hiefür wurden den Zügen unterschiedliche Aufgaben zugewiesen, die sie zu bewältigen hatten, gekoppelt mit unterschiedlichen Übungseinlagen. Diese wurden von Evaluatoren bewertet. Die Übung bestand hauptsächlich aus dem Warten auf neue Einlagen - daraus entstand der Eindruck, dass die eigentliche Übung zu wenig fordernd war. Der Einzige, der fast durchgehend beschäftigt wurde, war der Zugsfunker. Er beherrschte die englische Sprache bestens und war dadurch gleichzeitig Dolmetsch für unseren Gruppenkommandanten.

Sicherung eines Flüchtlingscamps: Am ersten Tag bekam unser Zug die Aufgabe, ein Flüchtlingscamp zu sichern und - falls erforderlich - Flüchtlinge in das Camp zu eskortieren.

Jede Gruppe erhielt eine Aufgabe, die dann durchgewechselt wurde. Eine Gruppe sicherte das Lager, eine hielt sich für Eskort-Aufgaben zur Verfügung, die dritte Gruppe befand sich als schnelle Eingreiftruppe (Quick Reaction Force - QRF) im Lager und die vierte Gruppe hatte die Kampfkraft zu erhalten.

Unser Zug hat an diesem Tag Flüchtlinge in das Camp eskortiert. Danach musste das Lager gegen eine aufgebrachte Menschenmenge, die von einem Kriegsverbrecher geführt wurde, geschützt werden. Nachdem wir ihn als Verbrecher erkannt hatten, wurde er sofort festgenommen.

Als unsere Gruppe als QRF eingeteilt war, wurde das Lager zudem noch von einem Scharfschützen beschossen. Wir stürmten aus dem Camp und gingen unter gegenseitiger Sicherung im Schutz von Gebüschen gegen den Scharfschützen vor, durchsuchten die Umgebung, konnten ihn aber nicht stellen - er hatte sich bereits abgesetzt.

Checkpoint: Am zweiten Tag der Übung hatte unser Zug die Aufgabe, einen Checkpoint zu errichten und zu betreiben. Das war einer der heißesten Tage überhaupt, und nur unsere Fahrzeuge spendeten ein wenig Schatten.

Der Checkpoint wurde von zwei Gruppen betrieben. Eine Gruppe eskortierte festgenommene Personen zum Auffanglager, die andere hielt sich als QRF zur Verfügung.

Am Checkpoint waren wir mit unterschiedlichen Situationen konfrontiert, die durch uns ohne Probleme gemeistert werden konnten: Wir fanden Waffen und Sprengstoffe, ein gesuchter Kriegsverbrecher konnte festgenommen werden, ein Zivilist meldete eine verletzte zivile Person in einem Minenfeld. Unsere QRF begab sich auf den Weg, um die Gefahrenstelle zu sichern, Kontakt mit dem Opfer aufzunehmen und auf die Ankunft des EOD-Teams zu warten.

Batallions-QRF und Patrouille: Am Vormittag des letzten Tages waren wir als schnelle Eingreiftruppe des Batallions eingeteilt. Da uns das Batallion aber nicht einsetzen wollte, hatten wir eine lange Pause.

Am Nachmittag war im Halbzug eine Fußpatrouille durchzuführen, während der andere Halbzug eine motorisierte Patrouille stellte. Auf dieser Patrouille ereigneten sich Zwischenfälle, die von Minen, feindlichem Beschuss und bewaffneten Zivilisten geprägt waren.

Jedes Szenario hat sein Ende

Am Donnerstag gab es noch eine Vorführung für höhere Militärs und Politiker, in die unser Zug aber nicht mehr involviert war. So konnten wir donnerstags schon beginnen, für die Heimreise zu packen. Am Nachmittag fand die offizielle Abschlusszeremonie statt. Der Abend wurde bis in den Morgen hinein dazu genutzt, mit den Soldaten anderer Nationen Abschied zu feiern.

Am 1. Juli flogen wir wieder von Lemberg über Dübendorf zurück nach Hörsching. In den Abendstunden wurde das Kontingent aufgelöst und wir verlegten in unsere Heimatgarnisonen.

Autor: Gefreiter Thomas Fröhle, KPE-Soldat CBE 05

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