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Reinforcement Kosovo 2004

Wenn Schnelligkeit zum Maßstab wird

Das Kosovo wurde im März des Jahres 2004 von den schwersten Unruhen seit dem Kriegsende im Jahr 1999 heimgesucht. Die Ausschreitungen der albanischen Volksgruppen richteten sich in erster Linie gegen die in der Provinz lebenden serbischen Minderheiten und deren Kulturgüter. Beinahe alle KFOR-Nationen schickten militärische Verstärkung - so auch Österreich.

In diesem Beitrag wird das Reinforcement (die Verstärkung) der KFOR im März 2004 ausschließlich aus der Sicht der 3. Kompanie des Jägerbataillons 25 (Task Force 25) dargestellt. Es werden die Abläufe der ersten Tage beschrieben und Folgerungen daraus kurz skizziert. Die Unruhen im März selbst werden nicht behandelt.

Zwar konnte die österreichische Task Force Dulje in ihrem Verantwortungsbereich unter Aufbietung aller Kräfte die Lage stets unter Kontrolle halten. Die extreme physische und psychische Beanspruchung der Soldaten der Task Force aber veranlasste den Verteidigungsminister, eine Verstärkung von Österreich aus in Marsch zu setzen, um für eine vorübergehende Entlastung zu sorgen.

Die Ausgangssituation

Die schnelle und scheinbar unvorhersehbare Eskalation der Lage in den Regionen des Kosovo traf in erster Linie die vor Ort eingesetzten KFOR-Truppen. Innerhalb von nur zwei Tagen erreichten die gewalttätigen Ausschreitungen in Pristina, Mitrovica und Prizren ihren Höhepunkt. Der Großteil der Angriffe richtete sich gegen die serbischen Enklaven und deren Kulturgüter, aber auch gegen die internationale Verwaltung des Kosovo, die UNMIK (United Nations Interim Administration Mission in Kosovo). Zur traurigen Bilanz zählten über ein Dutzend tote Kosovo-Serben und eine Vielzahl von zerstörten Kirchen und Kulturgütern.

Die KFOR - unter anderem mit dem Schutz und der Überwachung der serbischen Enklaven beauftragt - war gezwungen, mit allen verfügbaren Soldaten diese so genannten NAI (Named Areas of Interest) rund um die Uhr verstärkt zu schützen. Die Kräftekonzentration in den NAI verringerte jedoch den Handlungsspielraum für andere anstehende Aufgaben. Als Reaktion darauf begannen fast alle KFOR-Nationen, ihre Kontingente umgehend mit Truppen aus ihren Heimatländern zu verstärken.

Österreich entschloss sich, 90 Soldaten zusätzlich in das Kosovo zu entsenden. Die Aufbringung der Reinforcement-Teile erfolgte durch das Jägerbataillon 25 mit 60 Mann der 3. Kompanie, der so genannten Task Force 25, einer Kaderpräsenzeinheit (KPE) der Kräfte für Internationale Operationen (KIOP). Das Kommando Sondereinsatzkräfte stellte zusätzlich 30 Mann.

Die Alarmierung

Der Zeitpunkt der Alarmierung der Task Force 25 hätte kaum ungünstiger sein können. Die gesamte Einheit war buchstäblich in alle Ecken und Enden Österreichs verstreut - in Tirol beim Hochalpinkurs, in Wiener Neustadt beim Führungssimulatortraining und in Klagenfurt bei den neu eingerückten KIOP-KPE-Teilen.

Das vorgegebene Zwischenziel war eindeutig und klar: Verlegung in den Einsatzraum - besser heute als morgen!

Verlegung des Vorkommandos

Der Einsatz einer Verstärkung ist am ehesten mit dem Einsatz der Reserve in einem klassischen Gefecht zu vergleichen. Nur zu gut sind Situationen bekannt, in denen militärische Führer mit Ungeduld auf das Eintreffen und Wirksamwerden ihrer Reserve warten.

Im Falle des Reinforcement hätte die Verlegung des Vorkommandos kaum schneller erfolgen können. Die erste Lageinformation durch das Bataillon erfolgte fünf Stunden vor dem Abflug in Wiener Neustadt. Die Ausrüstung des Vorkommandos befand sich jedoch in Klagenfurt; also musste zunächst dorthin verlegt werden. Keine halbe Stunde nach Ankunft in der Heimatgarnison hob die Maschine von Klagenfurt ab und flog via Hörsching in Richtung Balkan. Das Vorkommando traf zehn Stunden nach der ersten Lageinformation im Kosovo ein und begann mit der Erkundung.

Die Aufstellung der Kompanie

Die Aufstellung der Kompanie begann mit der Zusammenziehung in Klagenfurt. Die personelle Befüllung des Organisationsplanes wurde zur ersten Hürde. Grundsätzlich waren zwei Einsatzzüge und ein vermindertes Kommando vorgesehen. Hinsichtlich der Aufstellung der Züge gab es kaum Probleme, die Stärke und Zusammensetzung des Kompaniekommandos wurde diskutiert.

Zunächst wurde vehement an der Stärke von 60 Mann festgehalten. Auswärtige Elemente wie ein Militärhundeführertrupp und stärkere Sanitätsteile sollten in der Kompanie aufgenommen werden. Dies hätte klarerweise zu einer Schwächung des infanteristischen Kampfwertes der ohnehin schon verminderten Züge geführt und die Auftragserfüllung eingeschränkt. Letztendlich wurden dem Kompaniekommando ein Sanitätstrupp und ein Hundeführertrupp zugewiesen, die Stärke von 60 auf 62 Mann angehoben und somit ein Ausgleich geschaffen.

Die personelle Befüllung der Kompanie am Papier garantierte aber noch keineswegs, dass tatsächlich 62 Mann in die C-130 "Hercules" steigen würden. Zwar war die 3. Kompanie des Jägerbataillons 25 zu diesem Zeitpunkt schon eine der ersten KIOP-KPE-Kompanien, jedoch hatte gut ein Drittel der Soldaten noch keinen dreijährigen KIOP-Vertrag. Sie absolvierten gerade die ersten Wochen der KIOP-Selektion. So kam es bis kurz vor dem Start noch zu "Rückziehern". Diese Fehlstellen wurden durch die personelle Reserve der 7. Jägerbrigade aufgefüllt.

Gerät und Ausrüstung

Neben der personellen Aufstellung der Kompanie musste noch eine zweite Hürde genommen werden - die Bereitstellung des Gerätes. Abgesehen von der routinemäßigen Mannes- und Zusatzausrüstung war das CRC-(Crowd and Riot Control-)Gerät der Knackpunkt. Diese Ausrüstung ist im Bundesheer nur zeitweise verfügbar, aber ein absolutes Muss in jedem internationalen Einsatz.

In diesem besonderen Fall wurde die CRC-Ausrüstung für das Reinforcement in der Nacht vor der Verlegung aus der Einsatzvorbereitung des neuen KFOR-Kontingentes abgezogen und stand somit im Einsatzraum noch rechtzeitig zur Verfügung. Die Unruhen im März im Kosovo waren von großen Demonstrationen begleitet. Nur mit einer solchen soliden Ausrüstung war eine Kontrolle der Menge durch die KFOR-Soldaten damals möglich.

Im Zusammenhang mit Waffen und Gerät trat aber ein weiteres Problem auf. Wie funktioniert der Transport in der C-130 "Hercules", und welche Einschränkungen sind zu berücksichtigen? Für das Reinforcement behalfen sich die Soldaten mit allen nur verfügbaren Soldierboxes (Alutransportkisten für den Eigenbedarf) bzw. mit Seesäcken, die in kurzer Zeit bereitgestellt werden konnten, um das gesamte Zusatzgerät (Nachtsichtgeräte, Checkpoint-Kontrollgeräte, Maschinengewehre etc.) für den Lufttransport vorbereiten zu können.

Die CRC-Ausrüstung, die erst in den frühen Morgenstunden des Abflugtages eintraf, wurde aus den Kartons in Gitterverschläge umgeschlichtet. Bevor das gesamte Gerät per LKW Richtung Hörsching geschickt wurde, mussten sämtliche Behältnisse beschriftet, gewogen und mit Prioritäten gekennzeichnet werden.

Die größten Herausforderungen der gesamten Verlegung waren sicherlich die Aufbringung der Ausrüstung und des Gerätes sowie die rasche Herstellung der Transportbedingungen.

Die Lessons Learned aus diesem Reinforcement sind vielschichtig. So zeigte sich, dass bereits in Stand-by-Phasen Verladepakete zu definieren sind. Diese Basisverladepakete müssen jenes Gerät beinhalten, welches in jedem Einsatz immer und überall benötigt wird. Alle anderen Pakete können spezifisch zusammengestellt werden. In jedem Fall müssen Alutransportkisten in ausreichender Anzahl zur Verfügung stehen, um die entsprechenden Vorkehrungen zur Verladung treffen zu können.

Auch hat es sich als nützlich erwiesen, dem in den Einsatz verlegenden Nachschubunteroffizier einen zweiten fachkundigen Kameraden für den gesamten Zeitraum der Formierung zur Seite zu stellen. Dieser ist vor allem dann wichtig, wenn Teile des Gerätes am Luftumschlagpunkt (LUP) zurückbleiben und der entsandten Einheit nachgeschickt werden müssen. Er weiß auch am besten über alle Details Bescheid und kann im Anlassfall auf allfällige Änderungen reagieren.

Am Luftumschlagpunkt

Der hohe Zeitdruck und das umfangreiche Gerät machten das Reinforcement sicherlich zu einem Sonderfall am LUP. Trotz großer Bemühungen des LUP war es unmöglich, mit einer C-130 rund 60 Mann mitsamt der persönlichen sowie der nötigen Zusatzausrüstung in nur einem Lift zu verlegen. Das überzählige Gerät - mitunter auch die CRC-Ausrüstung - musste zurückbleiben und kam erst mit dem nächsten Lift an. Genau zu diesem Zeitpunkt war eine klare Prioritätenreihung von entscheidender Bedeutung. Es galt stets abzuwägen, was der Soldat in jedem Fall sofort im Einsatzraum verfügbar haben muss, und welches Gerät eine niedrigere Priorität bekommen kann.

Mittlerweile ist für KIOP-Einheiten ein mehrtägiges Seminar am LUP vorgesehen, um in Zukunft noch effizienter arbeiten zu können.

"Operational" im Einsatzraum

Knapp 36 Stunden nach der ersten Lageinformation trafen die Hauptkräfte der Reinforcement-Teile im österreichischen Camp Casablanca ein. Nach einem Tag Ausbildung und Erkundung wurden die NAI der Task Force Dulje durch die Kompanie übernommen. Der Einsatz in diesen Hot Spots dauerte über drei Wochen und ermöglichte den reibungslosen Übergang von AUCON9 auf AUCON10.

Keine andere im Kosovo vertretene Nation konnte ihre Verstärkungsteile schneller in den Einsatzraum verlegen als Österreich.

Schlussfolgerungen

Verstärkungen nach dem Muster des Reinforcements Kosovo 2004 sind sicherlich nicht die Regel, da sich eine Lageentwicklung meistens längerfristig abzeichnet. So wurden z. B. als Konsequenz der Anklage von Ministerpräsident Ramush Haradinaj im März 2005 einige KFOR-Kontingente, darunter auch das österreichische, frühzeitig verstärkt.

Das System der KIOP-Einheiten vereinfacht in jedem Fall die personelle Aufstellung von Verstärkungsteilen, vorausgesetzt die Organisationspläne werden nicht kurzfristig abgeändert. Inwieweit die derzeitigen KIOP-Organisationspläne des Bundesheeres wirklich einsatzbezogen sind, wird sich erst zeigen, wenn KIOP-Einheiten in genau dieser Konfiguration eine Mission erfolgreich erfüllen - bleibt der Erfolg aus, muss es zu Änderungen kommen.

Bei der Verfügbarkeit der Ausrüstung und des Gerätes kann durch eine vorausschauende Ausbildung und Planung vieles im Vorfeld erledigt werden. Das Ziel muss ein für alle verständlicher Ablauf sein, der von Zeit zu Zeit geübt wird. Die KIOP-Ausbildung sieht derartige Übungen bereits vor, sie müssen nur noch realisiert werden. Alle Anstrengungen lassen sich aber nur dann in die Tat umsetzen, wenn KIOP-Einheiten tatsächlich mit ihrem eigenen Gerät in den Einsatz verlegen.

Der Erfolg des Reinforcement Kosovo 2004 kam letztendlich dadurch zu Stande, weil in dieser Krisensituation auf allen Ebenen zielstrebig und loyal im Sinne eines gemeinsamen Zieles gearbeitet wurde.

___________________________________ __________________________________ Autor: Oberleutnant Mag. (FH) Christoph Kyrle, Jahrgang 1975. Nach der Offiziersausbildung an der Theresianischen Militärakademie 2003 ausgemustert zum Jägerbataillon 25. Erstverwendung als Zugskommandant. Seit Beginn 2004 stellvertretender Kompaniekommandant in der Task Force 25. Zwei Auslandseinsätze im Zuge des Reinforcements KFOR im März 2004 und bei AUCON 12/KFOR.

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