Bundesheer Bundesheer Hoheitszeichen

Instagram
flickr
YouTube
facebook-button
Bundesheer auf Twitter

Deutsche ABC-Abwehr in der NATO-Response Force

Gliederung - Aufgaben - Übungstätigkeit

Die ABC-Abwehrtruppe der Bundeswehr befindet sich in einer Phase massiver Reduktion und Umstrukturierung. Sie stellt dennoch die Grundstruktur für eine der wichtigsten Komponenten innerhalb der NATO-Response Force 4. Die Leistungsfähigkeit dieses Verbandes wurde bei einer multinationalen Übung im Jahr 2004 überprüft.

Seit einigen Jahren gibt es eine sehr enge Ausbildungskooperation zwischen der deutschen Bundeswehr und dem Österreichischen Bundesheer. Unter anderem wird im Zuge eines On-the-Job-Trainings (OJT) der Austausch von Stabspersonal angeboten. Im Jahr 2004 wurde durch die Bundeswehr ein OJT für einen S3-Stabsoffizier bei der ABC-Abwehrbrigade 100 (ABCAbwBrig100) angeboten, welches der Autor vom 13. September bis 5. November 2004 absolvierte. Bei diesem Training gewann er während der intensiven stabsdienstlichen Verwendung sehr gute Einblicke in die deutsche ABC-Abwehrtruppe (ABC-AbwT) und in die Belange der NATO-Response Force (NRF) - im Speziellen in den Bereich des Multinational Chemical Biological Radiological Nuclear Battalion (mn CBRN Bn).

Die ABC-Abwehrtruppe im Heer der Zukunft

Neben der Landes- und Bündnisverteidigung sind für die Bundeswehr derzeit vor allem Einsätze im Rahmen von Friedensmissionen oder humanitären Hilfeleistungen realistisch. Das Heer wird hiezu als größte Teilstreitkraft mit seinen Fähigkeiten und Strukturen angepasst und ist seit dem Jahr 2001 in einen tiefgreifenden Reformprozess eingebunden. Damit verbunden ist die Konzentration der fünf mechanisierten Heeresdivisionen, der Division Spezielle Operationen (DSO) und der Division Luftbewegliche Operationen (DLO) auf ihre Kernfähigkeiten, insbesondere für die Aufstellung von Einsatzkontingenten.

Kampfunterstützungs- und Logistiktruppenteile in den Divisionen wurden reduziert, unter einheitliche Führung gestellt und in Brigaden zusammengeführt. Nach dem Prinzip der Modularität stehen sie dann den Einsatz- und Übungstruppenteilen zur Verfügung.

Diese Brigaden führt seit 1. April 2002 das Heerestruppenkommando (HTrKdo) in Koblenz.

Die oben erwähnten sieben Divisionen und das HTrKdo unterstehen dem Heeresführungskommando (HFüKdo), das ebenfalls in Koblenz seinen Sitz hat. Dem HTrKdo unterstehen sechs Brigaden.

Die ABC-Abwehrbrigade 100 (ABCAbwBrig 100)

Die ABC-Abwehrbrigade 100 wurde mit 1. April 2002 in Bruchsal bei Karlsruhe aufgestellt (Organigramm der Brigade siehe nächste Seite).

Ihre Hauptaufgaben sind: - die truppendienstliche Führung der unterstellten Bataillone und der leichten Kompanien im Frieden; - die Bereitstellung von Kräften und Mitteln für Operationen des Heeres und für die Unterstützung anderer Teilstreitkräfte; - die Bereitstellung von Kontingenten für Einsätze und Hilfeleistungen innerhalb und außerhalb Deutschlands (unter anderem für die NATO-Response Force); - Planung und Steuerung aller Maßnahmen der Versorgung und der Materialerhaltung sowie der Führungs- und Einsatzunterstützung.

Dislokation der Verbände der ABC-Abwehrbrigade 100

- Brigadekommando und Stabskompanie der ACB-Abwehrbrigade 100 in Bruchsal; - ABC-Abwehrbataillon 750 in Bruchsal; - ABC-Abwehrbataillon 7 in Höxter (385 km nördlich); - ABC-Abwehrbataillon 610 in Albersdorf (700 km nördlich); - ABC-Abwehrbataillon 805 in Prenzlau (766 km nordnordöstlich); - ABC-Abwehr-Lehrbataillon 210 in Sonthofen (296 km südsüdöstlich); dieses vormalige Lehrbataillon wurde mit 31. März 2005 aufgelöst; - leichte ABC-Abwehrkompanie 120 in Sonthofen; die Neuaufstellung dieser Kompanie erfolgte mit 1. Oktober 2004; - leichte ABC-Abwehrkompanie 110 in Prenzlau, Aufstellung mit 1. Juli 2005.

Die beiden leichten ABC-Abwehrkompanien sind speziell für Operationen im Rahmen der DSO und DLO strukturiert und sind komplett luftbeweglich.

Zusätzlich ist die ABC-Abwehrbrigade 100 für drei nicht aktive ABC-Abwehrbataillone der Streitkräftebasis verantwortlich.

Grobstruktur des Heeres im Jahr 2010 - Ausblick

Am 3. November 2004 entschied der Bundesminister der Verteidigung die Standortfrage und gab auch die zukünftige Grobgliederung des Heeres bekannt. Es kam zur Reduzierung auf fünf Divisionen und zur Umwandlung des bisherigen HTrKdo in eine HTrBrig mit Standort Bruchsal.

Im Bereich der ABCAbwT ergeben sich folgende Änderungen: - Auflösung des Kommandos und der Stabskompanie der ABC-Abwehrbrigade 100; - Auflösung der ABC-Abwehrbataillone 610 und 805; - Auflösung der nicht aktiven ABC-Abwehrbataillone 110, 310, 410; - das ABC-Abwehrbataillon 7 wird zum ABC-Abwehrbataillon/Eingreif-Division, mit dem Standort Höxter; - das ABC-Abwehrbataillon 750 wird umgewandelt in das ABC-Abwehrregiment 750, Standort Bruchsal.

Die konkreten Führungs- und Unterstellungsverhältnisse der derzeitigen leichten ABC-Abwehrkompanien 120 und 110 sollen erst in einer späteren Feingliederung des Heeres neu geplant werden.

Der deutsche Beitrag zur NATO-Response Force 4

Für die NATO-Response Force 4 (NRF 4) wurde im ersten Halbjahr 2005 als Land Component Command (LCC) das I. Deutsch/Niederländische Korps (GE/NL-Kps) bestimmt. Innerhalb der NRF 4 wird auch ein Multinational Chemical Biological Radiological Nuclear Battalion (mn CBRN Bn) unter deutscher Hauptverantwortung bereitgestellt.

Die ABC-Abwehrbrigade 100 (GE) wurde mit der Planung, Anlage und Durchführung einer Übung beauftragt, welche die internationale Zertifizierung dieses multinationalen Bataillons zum Ziel hatte.

NATO-Zertifizierungsübung "GOLDEN MASK 04"

Eine nationale Zertifizierung erfolgte durch die jeweilige Entsendenation im Vorfeld der Übung. Das Zertifizierungsschwergewicht lag dabei nicht auf der gefechtstechnischen Bewältigung von ABC-Ereignissen, sondern im Bereich der multinationalen Führung, Informationsverarbeitung und Informationsweitergabe sowie der Befehlsgebung.

Geübt wurde im Zeitraum vom 17. bis 28. September 2004 auf den Truppenübungsplätzen (TÜPl) Bergen und Munster in Norddeutschland.

Als Rahmenverband für das multinationale Bataillon war das ABC-Abwehrbataillon 7 vorgesehen, und es stellte bei der Übung neben der 1. ABC-Abwehrkompanie (Stabs- und Versorgungskompanie) auch die 2. ABC-Abwehrkompanie (Spüren und Dekontamination) ohne internationale Anteile. Die 3. ABC-Abwehrkompanie bestand aus: - dem Kompaniekommando (GE); - je einem Dekontaminationszug aus Deutschland, Polen, Slowenien und Rumänien; - einem ungarischen ABC-Aufklärungszug.

Die 4. ABC-Abwehrkompanie hätte eine B-Aufklärungskompanie (US) (Kompanie zur ausschließlichen Detektion von biologischen Waffen und Kampfstoffen) mit zwei B-Aufklärungszügen sein sollen. Die 5. ABC-Abwehrkompanie war eine multinationale Nachschubkompanie und bestand aus den multinationalen Versorgungsanteilen. Diese sind besonders wichtig, da dieses multinationale Bataillon auch autark einsetzbar sein muss.

Des Weiteren verfügte das Bataillon über ein Deployable NBC Analytical Laboratory (NBC AL), welches aus einem A-, B-, und C-Labor besteht. Dazu gehören auch SIBCRA-Teams (Sampling, Identification of Biological, Chemical and Radiological Agents), die qualifizierte Probennahmen in enger Zusammenarbeit mit Explosive Ordnance Disposal-(EOD-)Teams und eigenen Dekontaminationsteams durchführten.

Als Einstiegszenario für diese Übung wurde eine relativ hohe ABC-Gefährdung aufgrund einer schadhaften zivilen Infrastruktur (Kernkraftwerk) der Area of Responsibility (AOR), aber auch wegen terroristischer Aktivitäten angenommen.

Das Land Component Command (LCC) wurde durch acht Offiziere des I. GE/NL Kps dargestellt. Die Übungsleitung nahm das Kommando der ABC-Abwehrbrigade 100 wahr, wobei der Autor als Führer der Rahmen-Leitgruppe Blau (vergleichbar mit dem Kommandanten der Leitungstruppe) für die Darstellung und Einspielung sämtlicher ABC-Ereignisse verantwortlich war.

Im Zuge der Übung wurden eingespielt: - ein Störfall in einem Kernkraftwerk; - ein ROTA-Unfall (Releases Other Than Attack) in Form eines Eisenbahnunglücks mit Parathion (E 605); - zwei Terroranschläge mit C-Granaten; - ein Anschlag mit B-Kampfstoffen; - ein Terroranschlag mit einer "Schmutzigen Bombe"; - die subversive Kontamination der Trinkwasserversorgungseinrichtung eines Flüchtlingslagers; - das Auffinden von Terroristencamps mit Laborkapazitäten durch Kampfverbände der NRF.

Speziell zur Beübung der Analyselabors, der SIBCRA- und der EOD-Teams wurde ein dreitägiges Live Agent Training (LAT) mit scharfen A-, B- und C-Kampfstoffen - teilweise auch im freien Gelände - durchgeführt, und zwar mit Unterstützung des Wissenschaftlichen Institutes zur Schutzforschung (WIS) in Munster.

Übungserkenntnisse

Die im Rahmen der Übung eingesetzten Soldaten zeichneten sich durch ein hohes Maß an Motivation, Einsatzbereitschaft und Disziplin aus. Auf die Sicherung und Tarnung wurde besonderes Augenmerk gelegt, um Anschläge auf die eigenen Truppen zu verhindern.

Im Zuge der Übung hat es sich aber auch deutlich gezeigt, dass es äußerst problematisch ist, Kräfte auf Kompanieebene multinational zu mischen. Dies führte im Bereich der 3. ABC-Abwehrkompanie aufgrund von Sprachproblemen beinahe zu einem Zustand der Unführbarkeit. Es gab z. B. ein Kontingent, welches über nahezu keine Fremdsprachenkenntnisse (weder Englisch noch Deutsch) verfügte und daher über lange Phasen der Übung keine Aufträge umsetzen und keine Aufgaben bewältigen konnte. (Dessen Angehörige waren z. B. nicht in der Lage, eine ABC-Beobachtungsmeldung zu erstellen und abzusetzen.) Andererseits wurde sehr deutlich aufgezeigt, welche Kraftanstrengungen durch die neuen NATO-Mitgliedstaaten im Bereich der ABC-Abwehr unternommen werden. So war der slowenische Dekontaminationszug mit neuen Deko-Fahrzeugen italienischen Ursprungs ausgestattet und die Soldaten aller Dienstgrade verfügten über einen hohen ABC-Ausbildungsstand und gute bis sehr gute Englischkenntnisse.

Die 4. ABC-Abwehrkompanie (US) wäre aufgrund ihrer Befähigung zur B-Aufklärung besonders interessant gewesen, jedoch wurde diese Kompanie durch die Vereinigten Staaten nicht entsandt und stattdessen lediglich eine response cell (Anlaufstelle zur Entgegennahme und Weitergabe von Befehlen und Meldungen) mit fünf US-Soldaten ohne Gerät eingerichtet. Die näheren Gründe für diese Absage wurden nicht bekannt gegeben.

Die Probleme der Mischung auf unterster Ebene setzten sich auch im Bereich der Analyselabors fort, wo es sich zeigte, dass aufgrund der erforderlichen engen Zusammenarbeit zwischen SIBCRA-, Dekontaminations- und EOD-Teams diese derselben Nation angehören müssen. Im Bereich EOD bestätigte sich, dass auch die NATO-Länder derzeit nicht in der Lage sind, den Bereich Improvised Explosive Devices Disposal (IEDD) mit Sachkundigen ausreichend abzudecken.

Aufgrund der vielfältigen Fahrzeuge, der Gerätetypenvielzahl, der unterschiedlichsten Betriebsmittel (bis hin zu verbleitem Superbenzin) und verschiedenartiger Deko-Betriebsmittel in allen möglichen Gebinden war auch der Logistikbereich äußerst komplex und kaum noch handhabbar.

Ableitungen für das Bundesheer

Durch die Teilnahme an dieser Übung konnte ein sehr guter Einblick in die Abläufe und die Strukturen innerhalb der NATO und der Bundeswehr - bezogen auf die NRF - gewonnen werden, und es wurde ein wertvoller Schritt für die Interoperabilität von Stabspersonal in Schlüsselfunktionen eines höheren multinationalen Stabes gesetzt.

Für die österreichische ABC-Abwehrtruppe gilt es, umgehend einige Defizite zu beheben, um das Interoperabilitätsniveau zu erreichen. Neben der Forderung nach einem gehärteten Spürfahrzeug, ausgestattet mit einem automatisierten Spürsystem, ist es auch notwendig, auf die B-Detektion vermehrtes Augenmerk zu legen. Weiters wird die Fähigkeit zur qualifizierten Probennahme und Analyse in der ABC-Abwehrtruppe zu implementieren sein.

Sollte es je zu einem österreichischen Beitrag im Rahmen eines multinationalen Verbandes (z. B. im Hinblick auf die Europäische Sicherheits- und Verteidigungspolitik) kommen, muss dieser Beitrag zumindest im Kompanierahmen erfolgen (z. B. durch die Kaderpräsenzeinheit/ABC-Abwehr).

Österreich braucht mit seinen ABC-Abwehrkräften absolut keinen Vergleich mit jenen im multinationalen Bataillon der NATO-Response Force vorhandenen Kräften und deren bisher gezeigten Fähigkeiten und Fertigkeiten zu scheuen.

Persönliche Erkenntnisse

Die Tätigkeit im Rahmen des On-the-Job-Trainings erfüllte die gesetzten Erwartungen von beiden Seiten zu 100 Prozent. Nach einer kurzen Einarbeitungsphase erfolgte die Verwendung in der G3-Abteilung, mit Schwergewicht auf der Umsetzung von ABC-abwehrdienstlichen Fähigkeiten im nationalen und multinationalen Stabsdienst. Positiv war auch der vorbehaltlose Zugang zu allen relevanten Dokumenten.

___________________________________ __________________________________ Autor: Major Bernd Bergner, Jahrgang 1967. Nach der Offiziersausbildung in der Waffengattung ABC-Abwehr Ausmusterung 1989 zur Stabskompanie/Militärkommando Kärnten, Verwendung als Kommandant des ABC-Abwehrzuges. 1999 Versetzung zum Militärkommando Steiermark, dort Kommandant der ABC-Abwehrkompanie und anschließend Stabsverwendung als S3 terr/ABC-Abwehroffizier. Auslandseinsätze als Chemiewaffen-Inspektor bei UNSCOM/IRAK, als Kompaniekommandant bei UNDOF und als Search and Rescue-Experte bei AFDRU/Algerien und AFDRU/Iran. Seit Jänner 2003 als Referent ABC-Abwehr in der Stabsabteilung 3/Militärkommando Kärnten tätig und seit Juni 2005 Kommandant des territorialen Jägerbataillons 46 (mob).

Eigentümer und Herausgeber: Bundesministerium für Landesverteidigung | Roßauer Lände 1, 1090 Wien
Impressum | Kontakt | Datenschutz