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Trinkwasser für Pakistan

Der Einsatz der AFDRU (Austrian Forces Disaster Relief Unit) mit zwei Wasseraufbereitungsanlagen im Erdbebengebiet von Pakistan war bisher einer der international spektakulärsten. Mit dem Know-how der Österreicher ist es gelungen, eine beginnende Cholera-Epidemie im Katastrophengebiet zu verhindern.

Am 8. Oktober 2005 um 0850 Uhr Ortszeit erschütterte ein Beben der Stärke 7,6 auf der Richter-Skala große Teile Nordpakistans, Afghanistans und Indiens. Das Epizentrum lag in zehn Kilometern Tiefe nahe der pakistanischen Distriktstadt Muzaffarabad, etwa 150 Kilometer nördlich der Hauptstadt Islamabad. Im Umkreis von etwa 100 Kilometern wurden praktisch alle Gebäude zerstört. Riesige Berghänge rutschten ab, Dörfer verschwanden im Nichts. Die Behörden befürchteten vorerst 40 000 Tote.

Die offiziellen Opferzahlen stiegen bald auf 73 000 Tote, 70 000 Schwerstverletzte und drei Millionen Obdachlose.

AFDRU Marsch!

Die AFDRU-Einheit der ABC-Abwehrschule in Korneuburg war innerhalb von wenigen Stunden abmarschbereit. Doch für einen Einsatz mussten die internationalen Prozedere anlaufen und ein Hilfsansuchen des betroffenen Staates vorliegen.

Am 13. Oktober war es dann so weit und Verteidigungsminister Günther Platter verabschiedete am Flughafen Wien-Schwechat 60 Soldaten unter dem Kommando von Oberstleutnant Friedrich Aflenzer. Mit Iljushin-Transportflugzeugen wurden nicht nur vier Wasseraufbereitungsanlagen in den Einsatzraum gebracht, sondern mit ihnen auch fünf "Pinzgauer", ein Sanitätspinzgauer, ein Instandsetzungs-Kfz und zwei Motorräder. Diesen Fahrzeugen sollte im Einsatz eine wesentliche Rolle zukommen.

Im Einsatzraum

Nach der Ankunft in Islamabad musste ein LKW-Konvoi organisiert werden. Die pakistanische Armee zeigte sich äußerst kooperativ und dem Kontingentskommandanten wurde ein Hubschrauber zur Erkundung bereitgestellt.

Nachdem sich das Kontingent über die teilweise verschüttete Gebirgsstraße nach Muzaffarabad durchgekämpft hatte, bot sich den Soldaten ein apokalyptisches Bild: Ein Trümmermeer im Regen und Hagel - darin irrten verzweifelte Menschen umher. Unter den Trümmern wurden 15 000 Tote vermutet. Auch die umliegenden Gebirgsdörfer waren schwer getroffen. Unzählige Flüchtlinge versuchten ins Tal zu kommen. In ihren zerstörten Dörfern hätten sie angesichts des nahenden Winters keine Überlebenschance gehabt.

Das österreichische Kontingent fand am Gelände der zerstörten neuen Universität einen geeigneten Lagerplatz. Unter widrigsten Umfeldbedingungen bauten die Soldaten das Lager mit der Trinkwasseraufbereitungsanlage (TWA) 1 auf. Die TWA 2 mit Vizeleutnant Ronald Seiler und insgesamt 15 Mann wurde etwa einen Kilometer entfernt auf einem pakistanischen Armeeareal direkt am Flussufer eingerichtet. Es war ein scheinbar beschauliches Bild mit einem wunderschönen Gebirgsfluss, einer malerischen Gebirgskulisse mit Himalaya-Abhängen und einer historischen Festungsanlage. Ein trügerisches Bild: Das Flusswasser war von inzwischen 300 000 Erdbebenopfern schwer kontaminiert und am Rande des Camps wurde das erste Massengrab angelegt.

Wasser Marsch!

Am 17. Oktober floss das erste Trinkwasser aus der Anlage. Als wichtigste Lieferorte wurden das Spital, ein Großtank bei der Moschee und mehrere große Flüchtlingslager erkundet. Ein Lager war in unmittelbarer Nähe des Camps. Bei der Ausgabestelle bildeten sich bald lange Menschenschlangen. Jetzt zeigte sich der Wert der mitgeführten "Pinzgauer", denn AFDRU hatte die einzige Trinkwasseraufbereitungsanlage mit einem Verteilersystem. Auf den "Pinzgauer"-Fahrzeugen wurden Plastiktanks montiert, damit war es möglich, auch abgelegene Lager zu erreichen.

Wasser war Mangelware. Fast 300 000 Menschen waren bereits im Ruinenfeld von Muzaffarabad gestrandet. Die Lebensmittelversorgung durch die UN-Organisation WFP (World Food Programme) funktionierte schon recht gut; es gab aber keine funktionierende Wasserversorgung und auch keine Abwasserentsorgung. Der Fluss war durch Fäkalien schwer kontaminiert - und doch war er die bisher einzige Trinkwasserquelle für die geflüchteten Menschen in den Lagern (siehe Zeltstadt oben).

Alarm!

Mehrere Organisationen begannen nun mit der Trinkwasseraufbereitung. Doch bald gab es bei den Medical Meetings in der UNO-Einsatzzentrale Alarmmeldungen über massenhafte Durchfallserkrankungen und erste Fälle von Cholera. Die Situation spitzte sich zu. Bald fiel auf, dass in den Lagern mit etwa 40 000 Menschen, die von den Österreichern versorgt wurden, kein einziger Krankheitsfall zu verzeichnen war. Schließlich konnte der österreichische Kontingentsarzt, Majorarzt Dr. Andreas Kaltenbacher, den Entscheidungsträgern der UNO und der Weltgesundheitsorganisation WHO (World Health Organisation) in einem äußerst engagierten Vortrag den mutmaßlichen Zusammenhang zwischen der Wasserqualität und den Krankheitsfällen darstellen. Kaltenbacher griff dabei auf Erfahrungswerte vom Einsatz in Mosambik zurück. General Dr. Malik, der ranghöchste Sanitätsoffizier Pakistans, ließ daraufhin bei allen Organisationen, die Trinkwasser lieferten, Wasserproben entnehmen. Das Ergebnis machte die Österreicher zu "Weltmeistern": Ihre Wasserqualität lag weit über den von der WHO geforderten Standards. Auch das deutsche THW (Technische Hilfswerk), die kanadische Armee und die Caritas lieferten brauchbares Wasser. Einige von NGOs (Non Governmental Organisations) betriebene Anlagen mussten aber sofort gesperrt werden. Sie hatten sich begnügt, das schwer kontaminierte Flusswasser mit Chlortabletten zu versetzen - und lieferten damit eigentlich "Gift" als "Trinkwasser" aus.

Österreichische Qualitätsarbeit

Dieses Ergebnis war der Auslöser für einige Exkursionen von Entscheidungsträgern Pakistans, der UNO und der WHO ins österreichische Camp. Die Anlagen wurden studiert und fotografiert. Dr. Malik erklärte die Österreicher zur quasi obersten Wasserbehörde der Region. Besonders das kleine Feldlabor des Oberleutnant Michael Eichhübl und der Veterinärärztin Katharina Faukal hatten es den Herren angetan. Ab sofort durfte kein Wassertankfahrzeug mehr zu den Menschen fahren, wenn es nicht vorher die Freigabe durch die Österreicher bekommen hatte.

Zwei Tage später gab es keinen einzigen neuen Cholerafall mehr, auch die Durchfallserkrankungen gingen rapide zurück. Mit österreichischer Hilfe wurde das öffentliche Wasserleitungssystem wieder instand gesetzt. Die Österreicher genossen im Talkessel bald einen sagenhaften Ruf. Bis zum letzten Pakistani hatte sich herumgesprochen, dass die Soldaten mit den einfärbig-grünen Kampfanzügen jene mit dem guten Wasser waren. Österreich wurde auch nicht mehr mit Australien verwechselt.

Danksagungen und Besuche

Oberstleutnant Aflenzer konnte nun zu seiner Sammlung von Dankesbriefen einen weiteren, hoch offiziellen, hinzufügen: Mit bewegten Worten bedankte sich Dr. Khalid Shibib, Einsatzleiter der WHO, für das Engagement der eingesetzten österreichischen Soldaten.

Auch EU-Außenkommissarin Benita Ferrero-Waldner konnte sich vor Ort von der Professionalität der Truppe überzeugen. Im Zuge der Geberkonferenz in Islamabad ließ es sich die Außenkommissarin nicht nehmen, die AFDRU- Truppezu besuchen. Eine ebenso ehrenhafte wie nervenaufreibende Angelegenheit: Die AFDRU-Soldaten mussten die hochrangige Politikerin mit zwei Pinzgauern durch den Hexenkessel von Muzaffarabad regelrecht "durchschmuggeln".

Begegnungen

Eine interessante Begegnung hatte Militärdekan und Camp-Pfarrer Franz Auer: Mitten in Muzaffarabad - einer teilweise fundamentalistisch dominierten Region - gibt es den katholischen Pater Elias mit seiner winzigen Kirchengemeinde. Elias wurde ebenfalls beim Beben verschüttet und gerettet. Die AFDRU-Soldaten wurden von Brigadier Hermann Loidolt auf die Spur von Elias gebracht. Loidolt hatte den rührigen Pater während seines Einsatzes als Kommandant der UNMOGIP- (United Nations Military Observer Group in India and Pakistan-)Mission im pakistanisch-indischen Grenzgebiet kennen und schätzen gelernt. Nach langwierigen Recherchen konnte Elias tatsächlich ausfindig gemacht werden. Militärdekan Auer würdigte das Ereignis mit einem gemeinsamen Gottesdienst im Essenszelt, an dem AFDRU-Soldaten, pakistanische Katholiken und befreundete Muslime teilnahmen.

Recreation

In der letzten Novemberwoche organisierte Kontingentskommandant Aflenzer eine Recreation. Die Männer und die Tierärztin hatten diese nach dem Dauerstress dringend nötig. Zur Auswahl standen eine Bergtour, eine Fahrt nach Islamabad oder einfach nur Faulenzen im Camp und spazieren gehen. Die Mannschaft verteilte sich relativ gleichmäßig auf die drei Neigungsgruppen. Die Bergsteiger machten eine interessante Beobachtung: Das Beben hat in den Bergen tiefe Risse hinterlassen - so, als ob sie jeden Moment zusammen stürzen würden.

Helfen oder Heimkehren?

Am 30. November wurden insgesamt 55 Tonnen Hilfsgüter aus Heereslagern für den Transport verladen. Darunter 12 000 Feldpullover, 1 000 Felddecken sowie Zelte, Unterlagsmatten, Kochkisten und Feldkochherde. Eine zivile Boeing der NATO brachte die Hilfslieferung nach Islamabad. Inzwischen war das Leid der Flüchtlinge aus den Bergen grenzenlos. Gleichzeitig musste AFDRU an die Heimkehr denken. Doch die Soldaten wollten ihre Schützlinge nicht einfach verlassen. Ersatz wurde gesucht und gefunden: Eine britische NGO übernahm die Lager der Österreicher, außerdem funktionierte inzwischen die öffentliche Wasserversorgung zumindest wieder teilweise.

Am 2. Dezember wurde die Trinkwasserproduktion eingestellt. Zuvor wurden bereits Vertreter einer britischen NGO in die zu versorgenden Standorte eingewiesen. Auch General Dr. Malik ließ sich noch einmal die Trinkwasseranlage und das Analyseprogramm erklären.

Das Analysezelt wurde einer nahe gelegenen Schule gespendet und von der ABC-Gruppe aufgebaut. Bis dahin hatte dort der Unterricht im Freien stattgefunden.

Doch zurück

Am 7. Dezember um 0126 Uhr landete die erschöpfte Truppe am Flughafen Wien-Schwechat. Insgesamt waren nach einer teilweisen Ablöse 86 Soldaten im Einsatz, darunter drei Frauen. Die stolze Bilanz: 4 876 270 Liter Trinkwasser, mit dem während des 47 Tage dauernden Einsatzes etwa 40 000 Menschen versorgt wurden.

Verteidigungsminister Günther Platter ließ es sich nicht nehmen, die Soldaten persönlich mit der Einsatzmedaille auszuzeichnen. Beim Festakt in der Dabsch-Kaserne in Korneuburg war auch der pakistanische Verteidigungsattaché, Brigadegeneral Iqbal Shaukat, anwesend, der sich mit bewegten Worten für die Hilfe bedankte.

___________________________________ __________________________________ Autor: Wilhelm Theuretsbacher, Jahrgang 1957. Redakteur der Tageszeitung KURIER. Absolvent des Bundesrealgymnasiums der Theresianischen Militärakademie; aktiver Dienst beim Österreichischen Bundesheer von 1977 bis 1984, UN-Einsatz am Golan 1978. Mobverwendung als Referent Massenmedien im Militärkommando Niederösterreich. Berichterstatter aus zahlreichen Kriegsgebieten der vergangenen Jahre: Kosovo, Bosnien und Herzegowina, Albanien, Mazedonien, Afghanistan, Golan, Zypern. Teilnehmer bei Katastropheneinsätzen in Bam/Iran, Sri Lanka, Thailand, Pakistan. Autor der Bücher "Ich gelobe ..." und "The Austrian Armed Forces".

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