Bundesheer Bundesheer Hoheitszeichen

Instagram
flickr
YouTube
facebook-button
Bundesheer auf Twitter

Soldaten im Hochgebirge

Anfänge des militärischen Alpinismus

Kriegshandlungen im Gebirge waren bis zum Ersten Weltkrieg eher Ausnahmeerscheinungen. Zwar hatte es verschiedentlich, von Hannibal bis Napoleon, immer wieder spektakuläre Alpenüberquerungen von Truppen gegeben, doch waren diese eher bemerkenswerte Marschleistungen, als eigentliche Kampfhandlungen. Erste Ansätze für eine planmäßige Berücksichtigung der Kriegsführung in Gebirgsregionen durch reguläres Militär brachte in Österreich-Ungarn der Feldzug in Bosnien und Herzegowina 1878 mit sich.

Weder die verfügbare Ausrüstung noch die Ausbildung empfahlen die unwirtlichen und unübersichtlichen Gebirgsregionen als Kriegsschauplatz. Berggebiete wie etwa die Schweiz oder Tirol waren zwar wegen der Kontrolle wichtiger Transitrouten strategisch bedeutsam und daher Ziel militärischer Unternehmungen, doch Schauplatz größerer Kämpfe wurde das (Hoch-)Gebirge nur in Ausnahmefällen. Ein solcher war der temporär erfolgreiche Einsatz ortskundiger Schützen im Zuge der "Abwehrkämpfe" zwischen 1800 und 1809 in Tirol und Salzburg. Erste Ansätze für eine planmäßige Berücksichtigung der Kriegsführung in Gebirgsregionen durch reguläres Militär brachte in Österreich-Ungarn der Feldzug in Bosnien und Herzegowina 1878 mit sich. Vor allem die Entwicklung der Gebirgsartillerie und des Gebirgstrains (Zug von Fuhrwerken, welche einer Truppe Kriegsmaterial nachführen; Anm. d. Red.) wurde aufgrund der Erfahrungen am Balkan vorangetrieben.

Trotzdem: Als erste Hochgebirgstruppe der Welt gelten die italienischen Alpini. Mit königlichem Dekret vom 15. Oktober 1872 wurden 15 Kompanien Alpenjäger zum Schutz der Gebirgsgrenzen Italiens formiert. 1888/89 folgte Frankreich mit seinen Chasseurs Alpins. In Österreich-Ungarn erfolgte die Gründung einer speziellen Hochgebirgstruppe erst 1906, als auf Betreiben des k.u.k. Generalstabschefs Conrad v. Hötzendorf das Kärntner Landwehr-Infanterieregiment Klagenfurt Nr. 4 und die beiden Tiroler k.k. Landesschützenregimenter zu Gebirgsregimentern bestimmt wurden (ihnen folgten 1909 das Landesschützenregiment Innichen Nr. III und 1911 das Landwehr-Infanterieregiment Laibach Nr. 27.

Die Aufstellung von Gebirgstruppen ist eng mit der Entwicklung des Alpinismus selbst verbunden. Bergsteigen und Schifahren als Sport sind Errungenschaften des 19. Jahrhunderts. Zwar gab es schon in früherer Zeit Versuche, markante Berggipfel zu besteigen, doch eine systematische "Eroberung" der Alpen setzte erst im Zeitalter der Romantik ein. Waren früher die Berge eher als bedrohliches Hemmnis für Besiedlung, Verkehr und Warentransport betrachtet und allenfalls für Jagd und Almwirtschaft genutzt worden, entdeckte man im ausgehenden 18. Jahrhundert die ästhetische Qualität der Bergnatur. Auch in früheren Jahrhunderten mangelte es nicht an einzelnen Versuchen, Berge zu ersteigen. Die Gamsjagden Kaiser Maximilians mit ihren alpinistischen Leistungen wurden durch die Begebenheit in der Martinswand bei Innsbruck zur Legende, und als eines der ersten Zeugnisse des Bergsteigens gilt die 1518 erfolgte Besteigung des 2 132 Meter hohen Pilatus - mit Genehmigung des Stadtrates von Luzern/Schweiz - durch den Wiener Joachim von Watt.

Standen bis ins 19. Jahrhundert noch Forscherdrang und extravagantes Abenteuer im Vordergrund der Motive zum Erklimmen bislang unbekannter Höhen, wurden danach Sport und Tourismus immer bedeutsamer. Der Ausbau der Eisenbahnen im Alpenraum war dafür eine wichtige Grundlage. Die Geschichte des Alpinismus ist reich an Tragödien, Bewunderung und Spott für die Alpinisten. Die immer wieder gestellte Frage, welchen Sinn es eigentlich habe, unter Lebensgefahr steile Felsen zu erklimmen, ist wohl bis heute nicht rational zu beantworten.

Die Anwendung des Bergsteigens für militärische Einsätze im Ersten Weltkrieg stellte eine gewaltige Zäsur in der Entwicklung dar, denn erstmals betätigten sich Tausende Männer nicht aus eigenem Antrieb als Kletterer und Schifahrer. Sie gingen nicht zur eigenen Erbauung oder Selbstbestätigung in die Berge, sondern sie mussten bei Wind und Wetter auf einsame Gipfel und ausgesetzte Grate steigen, um die Heimat zu verteidigen. Eigentümlicherweise haben aber trotz dieser Zwangslage viele gerade aus dem Erleben im Krieg ihr Interesse am Bergsport, ja ihre Liebe zu den Bergen - vor allem jenen Südtirols und der Julischen Alpen - entwickelt. Zunächst aber profitierte das Militär von den touristischen Aufbauleistungen vor allem des Alpenvereines, der im ausgehenden 19. Jahrhundert gebietsweise schon einen beachtlichen Fremdenverkehr mit diverser Infrastruktur wie Wegen und Schutzhütten entwickelt hatte.

Alpinismus - mehr als ein "Sport"

Erste Regungen des Alpinismus finden sich zu Ende des 18. Jahrhunderts (nicht nur) in Frankreich: 1786 erreichten Michel-Gabriel Paccard und Jaques Balmat als erste den Gipfel des Montblanc. Zwei Bauern aus Fusch, namens Zanker und Zorner, bestiegen 1798 erstmals das Große Wiesbachhorn in den Hohen Tauern. 1799 rüstete der Fürstbischof von Gurk, Franz Xaver Graf von Salm-Reifferscheid, eine Expedition von 30 Mann (einschließlich Naturwissenschaftern und Geodäten) aus, die, nachdem man mit dem "Alpenpalast" eine erste Schutzhütte unweit der heutigen Salm-Hütte errichtet hatte, tatsächlich den Kleinglockner erreichte. Erst eine zweite Expedition 1800 führte tatsächlich zur Ersteigung des Großglockners. Das Vorhaben gelang, die Gebrüder Klotz und Pfarrer F. Horasch erreichten den 3 798 Meter hohen Gipfel. Ebenfalls 1800 wurde, eher zufällig bei Vermessungsarbeiten, der Mittelspitz des Watzmann durch den aus Slowenien stammenden Valentin Stanic erstiegen. 1804 bezwang, nach Veranlassung durch Erzherzog Johann, der Senner Josef Pichler aus Passeier als Erster den mit 3 900 Metern höchsten Gipfel des damaligen Österreich, den Ortler. 1811 erfolgte die Erstbesteigung der Jungfrau in der Schweiz, 1820 jene der Zugspitze. 1832 stand Peter Gappmayr am Gipfel des Dachsteins und 1841 gelang dem Mittersiller Pfleger Ignaz v. Kürsinger mit einer vornehmlich aus ortskundigen Jägern und Sennern zusammengestellten Expedition die Erstbesteigung des Großvenedigers, nachdem ein erster Versuch unter persönlicher Leitung Erzherzog Johanns 1828 gescheitert war. In der Schweiz wurde 1850 der Piz Bernina bezwungen. Diese oft aus Pioniergeist und Forscherdrang erbrachten Leistungen fanden zunehmend mediale Resonanz und öffentliche Beachtung. Damit wurde, besonders in wohlhabenderen Schichten des aufstrebenden Bürgertums, der sportliche Ehrgeiz geweckt.

Besondere Bekanntheit erlangten die tragischen Ereignisse rund um die Erstbesteigung des Matterhorns durch den Engländer Edward Whymper, drei weitere Engländer und zwei Schweizer Bergführer im Jahre 1865. Um den Triumph, als erster am Matterhorn zu stehen, war ein publikumswirksamer Wettlauf entbrannt. Die Engländer triumphierten zwar über eine gleichzeitig zum Gipfel aufgebrochene italienische Gruppe, doch fanden vier der englisch-schweizerischen Seilschaft beim Abstieg den Tod. Gerade die Verquickung von sportlichem Erfolg und tragischem Schicksal, von großartiger physischer Leistung und Todesgefahr scheint viel zur Popularisierung des Alpinismus beigetragen zu haben. Und eben diese Popularisierung ließ in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, unter anderem dank der zunehmenden Erschließung der Gebirgsgegenden durch die Bahn, den Bergtourismus zu einem wichtigen Wirtschaftszweig werden. In alpinistisch attraktiven Regionen entwickelten sich kleine Dörfer zu bekannten "Bergführerdörfern" wie Sexten, Kals, Fusch oder Heiligenblut. Einer Anregung des Alpenvereines folgend hatte sich beispielsweise das k.k. Landes-Präsidium in Salzburg 1863 "bestimmt gefunden, ... im Interesse des reisenden Publikums" eine Bergführer-Ordnung zu erlassen, welche die Rechte und Pflichten (u. a. solche des Bergrettungsdienstes) autorisierter Bergführer regelte. In nachfolgenden Gesetzesnovellen wurde ein Befähigungsnachweis seitens des Alpenvereines der Konzessionserteilung zugrunde gelegt. 1893 wurde bereits eine Mindest-Ausrüstung (Kletterseil, Kompass, Eispickel, Steigeisen) festgelegt, die später auch für die Ausrüstung der Heeresbergführer vorgeschrieben wurde.

Auch die wissenschaftliche Forschung etablierte sich in den Alpen. Der Züricher Botaniker Johann Jakob Scheuchzer beschrieb schon zu Beginn des 18. Jahrhunderts nicht nur viele Pflanzenarten der Alpen zum ersten Mal, er führte auch trigonometrische und barometrische Vermessungen des Berglandes durch. Um 1800 begannen die erwachenden Naturwissenschaften, sich gründlich der alpinen Gegebenheiten anzunehmen. Nicht nur Geologen, Botaniker und Zoologen fanden zunehmend Interesse an der Natur in den Bergen. 1886 wurde das erste hochalpine Observatorium, die älteste Bergwetterstation Europas, am Hohen Sonnblick in 3 105 Meter Höhe errichtet. Trotzdem: der Alpinismus als sportliche Betätigung nahm zunächst von Großbritannien seinen Ausgang - Angehörige eines wohlhabenden Mittelstandes leisteten sich Bergfahrten in die Hochalpen als extravagante Unternehmung. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts begann die planmäßige Eroberung der Gipfelwelt.

Globalisierung des Bergsports

Im 19. Jahrhundert erlangten auch teils aus wissenschaftlichem Interesse, teils aus Abenteuerlust durchgeführte Expeditionen in außereuropäische Gebirge einige Popularität. Alexander v. Humboldt unternahm schon 1802 Bergfahrten in den Anden, 1880 bezwang der berühmte italienische Bergführer Jean Antoine Carell den 6 310 Meter hohen Chimborazzo in Südamerika. Dem Innsbrucker Ludwig Purtscheller gelang gemeinsam mit dem Deutschen Hans Meyer 1889 die Erstbesteigung des höchsten Berges Afrikas, des Kilimandscharo - damals Grenzberg der Kolonie Deutsch-Ostafrika. Purtscheller zählte mit dem Schweizer Alexander Burgener und dem Wiener Emil Zsigmondy, der mit seinem Buch "Die Gefahren der Alpen" wesentliche theoretische Grundlagen der Felskletterei erarbeitet hatte, zu den Prominenten der Frühzeit des Klettersports. Purtscheller, Zsigmondy, später auch Julius Kugy und viele andere trugen durch ihre reichen publizistischen Arbeiten über ihre Bergfahrten sehr dazu bei, das Bergsteigen bekannt zu machen.

Auch außerhalb der Alpen erfuhr der Klettersport im 19. Jahrhundert eine rasche Entwicklung. Eines der Zentren war das Elbsandsteingebirge im Königreich Sachsen. 1864 gelang Turnern aus Bad Schandau die Erstbesteigung des Falkensteins. Aus dieser Region kamen später wichtige Impulse für das Felsklettern.

Bergsport und Militär

Bemerkenswert ist die Vielzahl markanter Erstbesteigungen, so jene der Gipfel der Drei Zinnen zwischen 1869 und 1881. 1890 durchkletterten Veit Innerkofler und der später als Standschützen-Bergführer berühmte Sepp Innerkofler die schwierige Nordwand der Kleinen Zinne und Hans Dülfer 1913 die Westwand der Großen Zinne. Die Fünffingerspitze in der Langkofelgruppe war 1890 von Robert Schmitt und J. Santner erstmals erklettert worden, der Langkofel selbst 1869 von Paul Grohmann, und so ließen sich noch viele Gipfel aufzählen, die ab 1915 eine bedeutende Rolle im Krieg in den Bergen spielen sollten. Auch Angehörige des Militärs beteiligten sich in zunehmendem Maße an alpinistischen Aktivitäten, wenn auch die Tragweite militärischer Aktionen im Hochgebirge erst sehr zögerlich erfasst wurde. Schon 1892 hatte J. Baumann in der Zeitschrift des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins anhand geschichtlicher Beispiele nachzuweisen versucht, welchen Einfluss das Hochgebirge auf die Kriegsführung habe und konstruktive Vorschläge ausgearbeitet, durch welche Maßnahmen ein erfolgreicher Angriff oder eine erfolgreiche Verteidigung in einem Gebirgsland sicherzustellen wären. Seine Schlussfolgerung, dass eine Gebirgstruppe vor allem die physische Eignung zum Dienst im Hochgebirge haben müsse, fand im Ersten Weltkrieg ihre Bestätigung. Die Statistik des Alpenvereins für die Marmolada weist ab dem Jahre 1903 eine steigende Zahl an Touren durch das Militär aus. Die alpinistische Ausbildung beim Militär nahm vornehmlich ab 1906 mit Schaffung der k.k. Landwehr-Gebirgstruppen mit ihrer Zweckbestimmung des Grenzschutzes zwischen Ortler und Isonzo konkrete Formen an. Patrouillen der Tiroler Landesschützen gehörten im Ortlergebiet oder in den Dolomiten zum ständigen Erscheinungsbild. Immer öfter gelangte die Kunde beachtenswerter bergsteigerischer Leistungen der Militärs an die Öffentlichkeit. Nicht wenige bergbegeisterte junge Männer aus Wien und anderen Teilen der Monarchie trachteten danach, durch freiwillige Meldung ihren Wehrdienst bei den Landwehr-Gebirgstruppen ableisten zu können.

Die rasche Popularisierung des Bergsteigens wäre undenkbar ohne die Tätigkeit alpiner Vereine. Die - bis heute - größte Bedeutung erlangte dabei der Alpenverein. Schon 1862 wurde der Oesterreichische Alpenverein (OeAV) in Wien gegründet, 1869 in München der Deutsche. Beide Vereine schlossen sich 1873 zum zwischenstaatlichen "Deutschen und Oesterreichischen Alpenverein" (DuOeAV) zusammen, der 1875 bereits rund 4 000 Mitglieder zählte und 17 Hütten besaß. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden in Österreich und Deutschland wiederum jeweils nationale Organisationen, der Oesterreichische bzw. Deutsche Alpenverein (DAV) ins Leben gerufen. Daneben gibt es in Österreich seit 1869 den Österreichischen Touristenklub (ÖTK) und seit 1878 den Österreichischen Alpen-Klub (ÖAK), 1895 folgte der Touristenverein "Die Naturfreunde" (TVN). Der älteste alpine Verein wurde allerdings nicht im Alpenraum gegründet, sondern in England: der "Alpine Club" mit dem Gründungsjahr 1857 und Sitz in London. Waren die ersten Bergtouristen noch durchwegs mit Bergführern unterwegs, änderte sich dies ab etwa 1900, als immer mehr Bergsteiger individuell, also "führerlos" kletterten. Das Streben, Freiheiten zu erhalten, ohne die Bergwelt zu schädigen, formte im Alpenverein erste Naturschutzbestrebungen, denn die einst als Bedrohung empfundenen Berge waren nun selbst durch die intensive Nutzung bedroht.

Aufbauleistungen des Alpenvereines

Die alpinen Vereine bemühten sich besonders um die Erschließung der Alpen durch Steige und Wege sowie die Errichtung von Schutzhütten. 1907 wurde zwischen dem k.k. Ministerium für Landesverteidigung und dem Hauptausschuss des Alpenvereines eine Vereinbarung über die Benützung der Schutzhütten durch das Militär getroffen. 1914 nannte der DuOeAV nicht weniger als 323 Schutzhütten sein Eigen. Diese erlangten während des Ersten Weltkrieges einige Bedeutung als Basislager im frontnahen Bereich, aber auch als Zentren der Alpin- und Schiausbildung tausender Soldaten im Hinterland. Viele der unter großen Mühen vor allem zu Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts aufgebauten Schutzhäuser wurden durch Kriegseinwirkung 1915 bis 1918 zerstört. Große Bedeutung hatte auch die vom Alpenverein geförderte kartografische Erfassung der heimischen Bergwelt, deren Ergebnisse 1915 bis 1918 von großem militärischen Wert waren. Die Alpenvereinskarten mit ihrer detaillierten Darstellung der damals neuartigen Höhenschichtenlinien erlaubten eine wesentlich präzisere Geländebeurteilung, als die noch mit Schraffen versehenen Militärkarten. Unverständlicherweise lehnte die österreichische Heeresverwaltung das Angebot des Alpenvereines, AV-Karten zur Verfügung zu stellen und nachdrucken zu lassen, 1914 ab. Erst im weiteren Kriegsverlauf griff man doch auf diese vorzüglichen Grundlagen zurück. Schließlich war es die vom Alpenverein vorangetriebene Ausbildung junger Menschen in bergsportlichen Aktivitäten, die - ohne dass dies konkrete Absicht gewesen wäre - vielen schon in Friedenszeiten das Rüstzeug für spätere alpinistische Unternehmungen an der Front in Fels und Eis gab. Von unschätzbarem Wert erwies sich auch die profunde, vom Alpenverein etablierte Bergführerausbildung, wenngleich allzu viele hochqualifizierte Führer bei Kriegsbeginn zu irgendwelchen anderen Truppenteilen eingezogen worden waren und somit nicht für den Dienst an der Alpenfront zur Verfügung standen. Von der schwerfälligen Militärverwaltung wurden sie nicht ohne weiteres für den Alpindienst abgestellt. Trotzdem dienten bald einige der bekanntesten Bergführer und Hochalpinisten der damaligen Zeit in den Reihen der k.u.k. Armee. Die Namen Angelo Dibona, Sepp Innerkofler oder Guido Mayer mögen hier als Beispiele stehen.

Selbst der damals schon mehr als fünfzigjährige Dr. Julius Kugy und der bereits sechzig Jahre alte Matthias Zdarsky, der später bei der Bergung von verschütteten Soldaten selbst von einer Nachlawine mitgerissen und schwerst verletzt worden ist, stellten sich 1915 in den Dienst der bedrohten Heimat.

Alpiner Schilauf

Am Anfang stand die Notwendigkeit, sich auch im Winter bei Schneelage als Jäger Nahrung verschaffen zu müssen. Erst Ende des 19. Jahrhunderts wurde das Schifahren als sportliche Aktivität entdeckt. Zunächst eher elitären alpinistischen Kreisen vorbehalten, war es zunächst das beginnende Interesse an sportlicher Freizeitgestaltung, dann aber vor allem der breitgestreute Einsatz im Ersten Weltkrieg, der das Schifahren großen Teilen der (männlichen) Bevölkerung zugänglich machte. Populär wurde das Schifahren mit der zunehmenden Bedeutung sportlicher Wettbewerbe in der Zwischenkriegszeit. Damit wurde der Schilauf auch zum bedeutenden Wirtschaftsfaktor. Die Erfolgsgeschichte des Schilaufes beginnt freilich viel früher.

Unser Wort Schi leitet sich übrigens aus dem norwegischen "Ski" (Scheit) her. Aus Nordeuropa gelangte der Schilauf schließlich erst relativ spät, gegen Ende des 19. Jahrhunderts, in den Alpenraum. Einer der ersten Schipioniere scheint der Rauriser Gewerke (alte Bezeichnung für den Eigentümer eines Bergwerkes) Ignaz Rojacher gewesen zu sein, der bereits 1880 von einer Reise nach Schweden ein Paar Schier mitbrachte und im Raurisertal ausprobierte. In weiterer Folge war es Ritter von Arlt, der bereits mit Schikursen für Bergführer in Rauris begann und Tourenbeschreibungen verfasste, in denen er die Schier als "norwegische Schneeschuhe" bezeichnete. Wilhelm von Arlt führte 1894 die weltweit erste Besteigung eines Dreitausenders (Sonnblick) mit Schiern durch.

1887 hatte Graf Harrach auf seinen Gütern Jäger und Forstleute für den winterlichen Dienst mit Schiern ausrüsten lassen. Der berühmte österreichische Polarforscher Julius Payer brachte Schier von der österreichischen Nordpolexpedition mit und auch in anderen europäischen Ländern, vor allem in der Schweiz und in Süddeutschland, begannen sich die Menschen für den Schilauf zu interessieren. Der eigentliche Durchbruch für die Verbreitung der Schier gelang jedoch erst 1891 keinem geringeren als dem späteren Friedensnobelpreisträger und weltberühmten Polarforscher Fritjof Nansen, der in seinem im selben Jahr erschienen Buch über seine Grönland-Expedition ein umfangreiches Kapitel dem "Schneeschuh-Laufen" widmete und somit gleichsam das erste Lehrbuch für den Schisport verfasste. Noch im gleichen Jahr wurde der "Erste Wiener Schiverein" gegründet, 1892 konstituierte sich bereits der "Österreichische Schiverein" - ebenfalls in Wien.

Die Anfänge des militärischen Schilaufes in Österreich

Offiziere des Klosterneuburger k.u.k. Eisenbahn- und Telegraphenregiments dürften die ersten österreichischen Soldaten gewesen sein, die im Winter 1890/91 Versuche mit Schiern unternahmen. 1891 bis 1895 stellten auch die Feldjägerbataillone Nr. 3 in Steyr und Nr. 27 in Villach "Ski-Detachements" auf. 1895 führte man einen Schikurs für 130 Offiziere und Soldaten der k.u.k. Armee, der k.k. Gendarmerie sowie der k.k. Finanzwache "nach norwegischer Art" durch; an der Theresianischen Militärakademie in Wiener Neustadt lehrten eine Zeit lang zwei norwegische Offiziere den Schilauf. 1897/98 begann man, den alpinen Verhältnissen der Gebirge entsprechend, die Lilienfelder Technik des Matthias Zdarsky zur Grundlage der militärischen Schiausbildung zu machen.

1904 verlegte erstmals die k.u.k. Armee eine Einheit zur Winterausbildung mit Schiern nach Saalbach. Die Soldaten waren im Gasthaus Neuhaus einquartiert. 1905 fand der erste Schikurs der Tiroler Kaiserjäger unter dem damaligen Oberleutnant Bilgeri in Kitzbühel statt. Das erste militärische Schilehrbuch hatte schon 1892 der k.u.k. Oberleutnant Raimund Udy, ein Freund des steirischen Schipioniers Max Kleinoscheg, verfasst. In der k.u.k. Militärakademie Wiener Neustadt, in Kärnten, Korneuburg und in Steyr erfolgten Schiausbildungslehrgänge für Angehörige des k.u.k. Heeres.

Die zunehmende Verbreitung des Schisports durch den winterlichen Alpinismus zeigte auch den Militärs die Notwendigkeit, sich mit den daraus resultierenden taktischen Möglichkeiten auseinanderzusetzen. Dabei waren die Vorzüge des Schilaufes keinesfalls auf den alpinen Raum beschränkt zu sehen, hatte doch Österreich-Ungarn namhaften Anteil an schneereichen Gebieten etwa der Karpaten oder am Balkan. Hier sollte auch im Winter 1914/15 tatsächlich der erste kriegsmäßige Einsatz von Schiläufern der k.u.k. Armee erfolgen.

Mit der Schaffung eigener k.k. Landwehr-Gebirgstruppen vor 100 Jahren, 1906, wurde dort ein Ausbildungsschwerpunkt auf den Kampf im alpinen Gelände gelegt, der auch den Schilauf mit einschloss.

Noch einer - bis heute positiv nachwirkenden - Episode der Schigeschichte sei hier gedacht: der k.u.k. Major Theodor v. Lerch kam in militärischer Mission nach Japan, wo er dem Heer zugeteilt wurde. Lerch war ein Freund des Lilienfelder Schipioniers Matthias Zdarsky - und so mit dem Schilaufen vertraut. Natürlich nahm er auch seine Schier mit nach Japan. Als er 1910 in die Garnison Takata in Süd-Honschu kam, wo im Winter üblicherweise Schnee liegt, konnte er bald mit der Schiausbildung für die Japaner beginnen. Ein regelrechtes Schifieber muss nicht nur die Soldaten, sondern auch die Zivilbevölkerung der Gegend ergriffen haben, denn bald fand der von Major Lerch gelehrte Schisport weite Verbreitung. Es ist ein wohl nicht unbedeutendes Verdienst eines Offiziers der alten österreichisch-ungarischen Armee, Japan für den Schisport gewonnen zu haben.

Methodenstreit und technische Neuerungen

Der schon erwähnte Matthias Zdarsky publizierte 1896 sein erstes Schilehrbuch "Alpine Lilienfelder Skilauftechnik". War die klassische, mit zwei Stöcken ausgeführte "norwegische" Methode vor allem dazu gedacht, verschneites (aber weitgehend flaches) Gelände möglichst praktikabel zu überqueren, so befasste sich Zdarsky vor allem mit dem Problem des Fahrens im steilen alpinen Gelände. Seine bekannte Einstocktechnik schuf, in Verbindung mit der von ihm entwickelten Metallfederbindung, einen neuen Fahrstil auf Schiern. Als Weiterentwicklung der Bindung Zdarskys ist die wesentlich bekanntere und weiter verbreitete Bindungskonstruktion von Georg v. Bilgeri zu sehen. Während des Ersten Weltkrieges (und noch lange Zeit danach) war die Bilgeri-Bindung das verlässlichste und häufigste Patent für Tourenbindungen.

Die anfängliche Auseinandersetzung zwischen dem "Norweger Skilauf" und der "Alpinen Lilienfelder Skilauftechnik" spiegelt sich auch im militärischen Vorschriftenwesen der k.u.k. Armee wider. In der vom k.u.k. Kriegsministerium 1908 herausgegebenen "Anleitung für den Gebrauch und die militärische Verwendung der Ski und Schneereifen" steht noch zu lesen: "Ein Doppelstock ist für das Gebirgsskilaufen nicht brauchbar!" Es dauerte jedoch nicht lange, bis sich ebenso wie im zivilen Bereich auch beim militärischen Schilauf die "Doppelstocktechnik" durchsetzte. Beispielsweise setzt die 1915 vom k.u.k. Kommando der Armeegruppe "General der Kavallerie Rohr" in Innsbruck herausgegebene Broschüre "Gebirgskrieg im Winter" die Doppelstocktechnik bereits als allgemein gültig voraus.

Hauptziel der militärischen Schiausbildung in Österreich-Ungarn war jedenfalls bereits vor dem Ersten Weltkrieg, für den Gebirgskrieg im Winter ausreichend schilaufkundiges Personal, insbesondere für Aufklärungs- und Sicherungsdienste aber auch grundsätzlich zur Fortbewegung im verschneiten Terrain zur Verfügung zu haben. "Der Gebirgsskiläufer muss sehr beweglich sein, Hindernisse sturzfrei bezwingen können und allen Gefahren des winterlichen Gebirges Rechnung zu tragen verstehen" heißt es in der zitierten Anleitung von 1908.

Während des Ersten Weltkrieges erfolgte schließlich, vor allem in Anbetracht der schneereichen Winter an der Dolomitenfront, eine umfassende Ausbildung im Schilauf, die trotz der Mühsalen und Gefahren des Krieges dazu beitrug, den Schilauf insgesamt bekannt und populär zu machen. Tausende Männer - beiderseits der Frontlinien - wurden im Schilauf unterwiesen. Die Kurse für Angehörige der k.u.k. Armee (einschließlich der Landwehren) fanden in geeigneten Destinationen des Ostalpenraumes statt, im Arlberggebiet und in Kitzbühel ebenso, wie am Kitzsteinhorn, im Gasteinertal oder in den Bergen der Steiermark. Das Vorhandensein von Berghotels oder Schutzhütten der alpinen Vereine, die als Stützpunkte unabdingbar waren, qualifizierten derartige Regionen mit entsprechender Infrastruktur als Ausbildungsplätze.

Viele damals bereits bekannte Alpinisten und viele später bedeutende Persönlichkeiten des Schisports haben während des Ersten Weltkrieges als Schi-Instruktoren gewirkt. Luis Trenker war 1915 einer von ihnen und auch Hannes Schneider, der in der Zwischenkriegszeit maßgeblich die Entwicklung des alpinen Schilaufes vorantreiben sollte.

Damit wurde ein Weg vorgezeichnet, der vom elitären Sport über die militärische Anwendung zum winterlichen Freizeitvergnügen führte, welches spätestens seit den zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts Grundlage der wirtschaftlichen Prosperität vieler Berggebiete - nicht nur in den Alpen - ist. Der Alpenraum ist heute ein Gebiet friedvoller grenzüberschreitender Zusammenarbeit der Alpenstaaten im Herzen Europas. Dazu ist eine ganzheitliche Betrachtung ohne Ressentiments und eine nachhaltige Entwicklung des alpinen Lebens-, Natur-, Kultur- und Freizeitraumes erforderlich. Eine wesentliche Grundlage hiefür bietet die 1991 in Salzburg unterzeichnete Alpenkonvention, international beispielgebend für eine ausgewogene und friedliche Entwicklung zum Wohle der Menschen.

(wird fortgesetzt) ___________________________________ __________________________________ Autor: Oberleutnant Univ.-Lektor Oberforstrat Dipl.-Ing. Hermann Hinterstoisser, Jahrgang 1956. 1974 Einjährig-Freiwilliger beim Ausbildungsregiment 8, Fernmeldeausbildung bei der Fernmeldetruppenschule, bis 1987 Fernmeldeoffizier/Jägerbataillon 24. Referatsleiter beim Amt der Salzburger Landesregierung, unter anderem Vertreter Salzburgs im Österreichischen Nationalkomitee der Alpenkonvention. Autor zahlreicher militärhistorischer und uniformkundlicher Publikationen, Mitglied im Redaktionsstab der militärhistorischen Zeitschrift "Pallasch", Mitarbeiter an diversen historischen Ausstellungen.

Literatur und Quellen

Detaillierte Quellenangaben befinden sich in den Fußnoten der gedruckten Version. Verwendet wurden u. a.

Hinterstoisser/Schmidl/Ortner: Die k.k. Landwehr-Gebirgstruppen; Verlag Militaria, Wien 2006 Guido Rosignoli: Alpini; Parma 1989 Jean Mabire (Hg.): Les troupes de montagne; Paris 1992 Schematismus der k.k. Landwehr und der k.k. Gendarmerie für 1913; Wien 1913 Alpenvereinsjahrbuch München 1988 Zeitschrift des DuOeAV Jg.1892, 1912 und 1919 Clemens M. Hutter u. Peter Schreiner: Österreichs Nationalpark Hohe Tauern; Salzburg 1990 Martin Uitz (Hg.), Wolfgang Bauer, Klaus Achleitner (Red.): Der Berg ruft!; Salzburg 2001 Gesetze und Verordnungen für das Herzogthum Salzburg, Jg.1863, 1874 und 1893 k.u.k. Kriegsministerium: Der Gebirgskrieg I. Teil 5. Heft; Wien 1918 Friederike Zaisberger: Geschichte Salzburgs; Wien 1998 Carl Diem: Weltgeschichte des Sports und der Leibeserziehung; Stuttgart 1960 Julius Kugy: Aus vergangener Zeit; Graz 1943 H. Nußbaumer: Sieg auf weißen Pisten; Linz 1963 E. Peege und J. Noggler: Jahrbuch des Wintersports 1912/13; Wien 1913 Heinz Polednik: Das Glück im Schnee; Wien 1991 k.u.k. Kommando der Armeegruppe G.d.K. Rohr: Gebirgskrieg im Winter - Merkblätter und Weisungen; Innsbruck 1915 Rudolf Nottebohm u. Hans-Jürgen Panitz: Fast ein Jahrhundert - Luis Trenker; München 1987 Peter Hasslacher: Vedemecum Alpenkonvention; Innsbruck 2002

Eigentümer und Herausgeber: Bundesministerium für Landesverteidigung | Roßauer Lände 1, 1090 Wien
Impressum | Kontakt | Datenschutz