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Die Deutsche Marine (III)

Der Sanitätsdienst

Je weiter Einsatzkräfte der Deutschen Marine von der dichten, relativ verlässlichen medizinischen Infrastruktur Mitteleuropas entfernt sind, umso wichtiger wird deren Sanitätskomponente. Ein wesentlicher Teil davon sind die Marineeinsatzrettungszentren auf Schiffen, die zumindest in Teilbereichen die Funktion kleiner, moderner Spitäler übernehmen können. Auch effektive medizinische Hilfe für Menschen in fernen Katastrophengebieten ist damit möglich.

Durch die Umstrukturierung des Sanitätsdienstes der Deutschen Bundeswehr (ab 2002) wandelte sich auch der Marinesanitätsdienst von Grund auf. Er konzentriert sich nun ausschließlich auf die sanitätsdienstliche Versorgung der schwimmenden und fliegenden Einheiten der Deutschen Marine. Darüber hinaus soll er - auch in Hinblick auf Einsätze in weit entfernten Regionen - eine den militärischen Erfordernissen der Flotte entsprechende sanitätsdienstliche Unterstützung des eingesetzten Personals sicherstellen, die auch modernen medizinischen und pharmazeutischen Leistungsstandards genügt.

Die Aufgaben

Die Hauptaufgabe des Sanitätsdienstes im Ausbildungs- und Übungsbetrieb der Deutschen Marine besteht in der truppenärztlichen Versorgung im Hafen und in See unter besonderer Berücksichtigung der marinetypischen Arbeits- und Lebensverhältnisse an Bord. Darunter fällt die allgemeinmedizinische Versorgung mit ihren präventivmedizinischen und betriebsärztlichen Anteilen sowie medizinischen Gutachten. Hinzu kommen Schifffahrtmedizin, Tauchmedizin und Flugmedizin, Teilbereiche der Wehrpharmazie, der maritimen Psychologie und andere spezielle medizinische Bereiche. Daneben muss eine notfallmedizinische Versorgung gewährleistet werden. Zu dieser zählen bei längeren Seefahrtsvorhaben in fremden Gewässern auch fachärztliche Komponenten. Ein weiterer Bereich ist der sanitätsdienstliche Beitrag zum Search and Rescue-Dienst (SAR).

All das ist auch im Einsatz erforderlich. Der Marinesanitätsdienst hat dabei jedoch darüber hinaus Vorsorge für das vorhersehbare höhere gesundheitliche Risiko der Soldaten zu treffen. Dies schließt z. B. lebensrettende chirurgische Maßnahmen und die unmittelbare postoperative Pflege ein, gegebenenfalls unter intensivmedizinischer Überwachung. Unter Berücksichtigung der Faktoren Raum und Zeit sowie der Unwägbarkeiten jedes maritimen Einsatzes ist auch eine ausreichend effiziente sanitätsdienstliche Rettungskette sicherzustellen.

Die Leitung des gesamten Sanitätsdienstes obliegt dem Admiralarzt der Marine und seiner Abteilung im Flottenkommando in Glücksburg (bei Flensburg, Schleswig-Holstein). Dem Flottenkommando unterstehen alle schwimmenden, fliegenden und unterstützenden Einheiten der Deutschen Marine, ein wesentlicher Teil davon sind die beiden Einsatzflottillen (siehe "Die Deutsche Marine", Teil II, in TRUPPENDIENST, Heft 3/2006).

Die Leiter der Sanitätsdienste der Einsatzflottillen stellen mit ihren unterstellten Sanitätsoffizieren die medizinische Versorgung der etwa 6 000 Soldaten an Bord von Schiffen, Booten und Luftfahrzeugen sicher. Die Bootsgeschwader der Einsatzflottille 1 werden von Geschwaderärzten versorgt. Die der Einsatzflottille 2 zugeordneten großen Einheiten der Marine, wie die Fregatten und Einsatzgruppenversorger, verfügen hiezu über eigenständige Schiffsarztgruppen.

Dem Leiter des Sanitätsdienstes der Einsatzflottille 2 in Wilhelmshaven unterstehen fachlich 15 Sanitätsoffiziere auf den Fregatten, der Schiffsarzt des Segelschulschiffes "Gorch Fock" und die beiden Schiffsärzte auf den Einsatzgruppenversorgern "Berlin" und "Frankfurt am Main". Außerdem ist der Leiter des Sanitätsdienstes für die Herstellung der personellen und materiellen Einsatzbereitschaft der beiden Marineeinsatzrettungszentren (MERZ) an Bord der Einsatzgruppenversorger verantwortlich.

Die Schiffsärzte

Auf den Kampfschiffen bildet den Bordsanitätsabschnitt meist eine Schiffsarztgruppe. Zu dieser gehören neben dem allgemeinmedizinisch in der Funktion eines Hausarztes fungierenden Sanitätsoffizier ein Sanitätsbootsmann und bis zu vier weitere Unteroffiziere und Chargen. Derzeit sind diese noch als Rettungssanitäter und Narkosehelfer, Instrumenteur, Operations- bzw. Röntgengehilfe ausgebildet. Eine deutliche qualitative Verbesserung in der Ausbildung des Bordsanitätspersonals wird durch neue spezielle Aus- und Weiterbildungsgänge zum Schiffsarzt, Schiffsarztgehilfen bzw. Schiffsarztassistenten angestrebt. Damit sollen zivilberufliche Standards in der Rettungs- und Notfallmedizin an Bord erreicht werden.

Zum breit gefächerten Verantwortungsbereich des Schiffsarztes gehören auch die Verwaltung des Sanitätsmaterials sowie die Pflege und Wartung des Sanitätsgerätes. Ferner ist der Schiffsarzt mit der Durchführung der, je nach Funktion differenzierten, Sanitätsausbildung für die Besatzungsangehörigen betraut und nimmt betriebs- und umweltmedizinische Aufgaben an Bord wahr. Das weite Feld der präventivmedizinischen Verantwortlichkeit, die von der Überwachung der Küchen- und Unterkunftshygiene über die Durchführung der Impfungen bis zur Vorbeugung von durch Infektionen hervorgerufenen Epidemien reicht, ergänzt das Spektrum schiffsärztlicher Aufgaben.

Bei Fahrten im Verband oder bei besonderen Ausbildungsvorhaben wird ein Senior Medical Officer aus dem Kreis der Schiffsärzte benannt oder von außen zugeteilt. Dessen Aufgabe (als Stabsmitglied) liegt neben der fachlichen Führung des Sanitätsdienstes des Verbandes in der sachgerechten Einbringung sanitätsdienstlicher Vorgaben in die Befehlsgebung des Verbandsführers. Auf den Einsatzgruppenversorgern bildet die Schiffsarztgruppe gemeinsam mit der aus Medizingerätetechnikern und Logistikspezialisten bestehenden Unterstützungsgruppe des Marineeinsatzrettungszentrums den gemeinsamen Hauptabschnitt 800 "Bordsanitätsdienst", der vom Schiffsarzt geführt wird. (Die Tätigkeitsbereiche an Bord werden als Hauptabschnitte bezeichnet, z. B. Schiffsführung als Hauptabschnitt 100.) Bei einer Aktivierung des Marineeinsatzrettungszentrums, d. h. bei einer Zukommandierung von ärztlichem und pflegerischem Fachpersonal aus klinischen Einrichtungen, wird darüber hinaus ein dienstälterer Marinesanitätsoffizier zum Leiter des Marineeinsatzrettungszentrums ernannt.

Marineeinsatzrettungszentren und Einsatzgruppenversorger

Seit Juni 2002 verfügt die Deutsche Marine für ihre weltweit operierenden Einsatzverbände auf jedem Einsatzgruppenversorger (EGV, Klasse 702) über ein Marineeinsatzrettungszentrum als fest integrierte, präklinische sanitätsdienstliche Versorgungseinrichtung. Die beiden Einsatzgruppenversorger, ein in der Deutschen Marine neuartiger Schiffstyp, sind Teil des Trossgeschwaders der Einsatzflottille 2 (siehe "Die Deutsche Marine", Teil II, in TRUPPENDIENST, Heft 3/2006).

Zur Sicherstellung der Behandlungsebene "Role 2" (siehe Kasten) als Teil der Rettungskette eines in See stehenden Verbandes ist dieses Marineeinsatzrettungszentrum u. a. für die stationäre Behandlung von bis zu 43 Patienten ausgelegt. Es schließt damit die Lücke zwischen den originären Bordsanitätseinrichtungen der Kampfschiffe (Schiffsarzt mit Schiffsarztgruppe, "Role 1") und der abschließenden klinischen Versorgung an Land ("Role 3"). Diese leistungsfähigen maritimen Sanitätseinrichtungen bilden mit ihren jeweiligen Einsatzgruppenversorgern einen technisch-organisatorischen Wirkverbund. Die Behandlungsebenen sind "Role 1": notfallmedizinische Versorgung, sanitätsdienstliche Erstversorgung, Transportfähigkeit herstellen (durch Schiffsarzt mit Schiffsarztgruppe), "Role 2": Operationen, Pflegekapazität einschließlich Intensivpflege, Ambulanz, Röntgen und Labordiagnostik (Marineeinsatzrettungszentrum) und "Role 3": klinische Versorgung (an Land).

Die Einsatzgruppenversorger

Die am 5. Januar 2001 in Dienst gestellte "Berlin" und die am 27. Mai 2002 in Dienst gestellte "Frankfurt am Main" sind Multifunktions-Kriegsschiffe. Mit 20 240 t Einsatzverdrängung, einer Länge von 173 m und einer Breite von 24 m sind sie die größten Schiffe der Deutschen Marine. Sie vereinen einen weitgehenden Automatisierungsgrad mit Handelsschiffstandards und wichtigen militärischen Forderungen. Als Hauptversorgungsplattformen in See können sie die Seeausdauer eines aus bis zu vier Fregatten bestehenden Verbandes (theoretisch) von 21 auf 45 Tage steigern. Neben der Möglichkeit, eine Einsatzgruppe in See zu versorgen, können die Einsatzgruppenversorger auch landseitig wirken, zum Beispiel im Rahmen von Evakuierungsoperationen oder zur humanitären Hilfe.

Die Einsatzgruppenversorger sind Doppelhüllenschiffe und erfüllen die neuesten Vorschriften zur Verhinderung von Meeresverschmutzung durch Öl im Falle einer Kollision, Havarie oder Strandung. Zur Reduzierung der Kosten wurde beim Bau weitgehend auf Erfahrungen und technische Lösungen aus dem Handelsschiffbau zurückgegriffen.

Die Stammbesatzung jedes Einsatzgruppenversorgers umfasst 150 Soldaten. Sie setzt sich aus 11 Offizieren, 24 Portepeeunteroffizieren, 46 Unteroffizieren und 69 Mannschaftsdienstgraden zusammen, die in den fünf Hauptabschnitten - Schiffseinsatz (Hauptabschnitt 100), - Schiffstechnik (Hauptabschnitt 200), - Führungsmittel-Waffeneinsatz (Hauptabschnitt 300), - Zentrale Dienste (Hauptabschnitt 400) und - Bordsanitätsdienst (Hauptabschnitt 800), tätig sind. Für den im Bedarfsfall zusätzlich eingeschifften Hauptabschnitt Hubschrauber (Hauptabschnitt 500) stehen weitere 28 Kojen bereit. Ist das Marineeinsatzrettungszentrum komplett besetzt, befinden sich weitere 45 Soldaten an Bord. Insgesamt kann das Schiff somit planmäßig 233 Besatzungsangehörige aufnehmen.

Der Einsatzgruppenversorger besitzt großzügige Seeversorgungseinrichtungen zur Übergabe und Übernahme von Personen, Stückgut sowie von flüssigen und festen Gütern. Dem modernen Handelsschiffstandard entsprechend ist die Überwachung, Steuerung und Regelung der schiffstechnischen Abläufe weitgehend automatisiert. Als zentrales Display, Daten- und Alarmmanagement für die Schiffsführung arbeitet ein nautisches Datenmanagementsystem. Mit diesem sind eine militärische und eine zivile Satellitennavigationsanlage, ein Selbststeuerungssystem und die elektronische Seekartenanlage verknüpft. Im Bereich der Führungsmittel verfügt der Einsatzgruppenversorger über eine Videokonferenzanlage, Battle Force-E-Mail sowie Systeme zur Collaboration at Sea (Zusammenarbeit mit den Seestreitkräften anderer Länder). Das Schiff ist mit zwei Link-11-Konsolen (Geräte zur Datenübertragung) in den aktiven und passiven Lagebildaustausch des Verbandes eingebunden.

Zum Selbstschutz ist der Einsatzgruppenversorger mit vier Marineleichtgeschützen bewaffnet. Damit können angreifende Kampfboote, Flugzeuge und Hubschrauber, aber auch Sprengfallen bekämpft werden.

Für den bordgestützten Hubschraubereinsatz steht das Waffensystem "Sea King" Mk.41 bis zum Zulauf des Bordhubschraubers NH-90 zur Verfügung. Bei ca. 400 sm Reichweite kann ein "Sea King"-Hubschrauber bis zu 18 sitzende Passagiere oder sechs liegende Verwundete (auch Intensivpflegefälle) transportieren. Der zentrale Abflug- und Ankunftsbereich an Bord ist das Flugdeck des Versorgers.

Die Standardbeladung eines Einsatzgruppenversorgers setzt sich aus den für die Eigenversorgung notwendigen Artikeln und dem Bedarf der zu versorgenden Einsatzgruppe zusammen. Im Schiff befinden sich u. a. Staumöglichkeiten für 230 t Proviant, Tiefkühlräume für Gefrierfleisch, Obst-, Gemüse- und Getränkelasten, Munitionsräume bis hin zu klimatisierten Müllräumen, in denen Fremdmüll gelagert werden kann. Zusätzlich ist es möglich - abhängig vom jeweiligen Einsatzprofil - weitere Güter einzustauen. Auf dem Oberdeck befinden sich zudem Aufstellmöglichkeiten für bis zu 78 Container unterschiedlichen Ausmaßes. Der Kraftstoffvorrat des Schiffes beträgt ca. 9 000 m3, die an Bord verfügbare Frischwassermenge wird aus eigenen Frischwassererzeugern mit einer Tagesleistung von 60 m3 permanent ergänzt. Aus diesem Vorrat, der den Eigenverbrauch der Besatzung weit übersteigt, kann Wasser auch an andere Schiffe oder an Land abgegeben werden.

Die beiden Einsatzgruppenversorger verschaffen der Deutschen Marine unverzichtbare Fähigkeiten zur unmittelbaren Versorgung von Einsatzverbänden - auch mit unterschiedlichen Schiffstypen - einschließlich der umweltgerechten Entsorgung von deren Abfall, sowie der sanitätsdienstlichen Versorgung im weltweiten Einsatz. Darüber hinaus sind die Versorger zur humanitären Hilfe in küstennahen Regionen als nützlicher - und weithin sichtbarer - deutscher Beitrag einsetzbar. Inzwischen wurde die Beschaffung eines dritten Einsatzgruppenversorgers eingeleitet. Dessen Projektierung befindet sich bereits in der Endphase.

Das Marineeinsatzrettungszentrum

Die Einsatzvorgaben des Marineeinsatzrettungszentrums regelt vor allem die vom Inspekteur des Sanitätsdienstes der Bundeswehr erlassene "Fachliche Leitlinie für die sanitätsdienstliche Versorgung von Soldaten der Bundeswehr im Ausland". Nach diesem auch für den maritimen Bereich geltenden Grundlagendokument hat die sanitätsdienstliche Versorgung von Verletzten, Verwundeten oder Erkrankten im Auslandseinsatz vom Ergebnis her jener in Deutschland zu entsprechen.

Die Leistung des Marineeinsatzrettungszentrums ist grundsätzlich auf eine chirurgische Erstversorgung von Verwundeten durch bis zu drei Operationsteams und auf eine erweiterte postoperative Pflegekapazität ausgelegt.

Nach einer Aktivierung wird das Marineeinsatzrettungszentrum mit einer Gesamtpersonalstärke von bis zu 58 Soldaten (einschließlich der bordeigenen Schiffsarztgruppe und der Unterstützungsgruppe MERZ) organisatorisch dem Hauptabschnitt 800 "Bordsanitätsdienst" zugeordnet. Bei derartigen Aktivierungen, die entweder bereits im Heimathafen oder auch in Auslandshäfen erfolgen können, wird der überwiegende Teil des medizinischen Fachpersonals vom Zentralen Sanitätsdienst der Bundeswehr gestellt. Der Marinesanitätsdienst ist dabei mindestens mit den Soldaten der originären Schiffsarztgruppe (fünf Personen), dem logistisch-technischen Kernelement der acht Soldaten der Unterstützungsgruppe MERZ und dem Leiter des MERZ vertreten. Diesem obliegen an Bord neben den Aufgaben des Hauptabschnittsleiters die organisatorischen Aufgaben des klinischen Direktors. Er untersteht truppendienstlich dem Ersten Offizier bzw. dem Kommandanten. Die taktische Einsatzführung wird vom Kommandeur der Einsatzgruppe gesteuert, in dessen Stab sich gewöhnlich ebenfalls ein Marinesanitätsoffizier befindet.

Aufbau

Das Marineeinsatzrettungszentrum besteht aus einer Kombination schiffsfester Einbauten (Schiffslazarett zur Eigenversorgung und eine Bettenstation) sowie dem vor dem Deckshaus stehenden Containersystem. Insgesamt bildet es einen Wirkverbund mit einer Kapazität von 43 Betten. Die Container sind in ihren technischen Schnittstellen auf das Schiff ausgerichtet und befinden sich im Normalbetrieb einsatzbereit am Oberdeck. Außerhalb der Einsatzzeiten, z. B. während längerer Werftaufenthalte des Schiffes, können sie an einem speziellen Landaufstellplatz in Wilhelmshaven für Übungszwecke funktionsfähig betrieben werden.

Die Container sind Sonderkonstruktionen. Um den ständigen Aufenthalt von Personen in den Containern auch bei Schlechtwetterlagen zu ermöglichen, haben die MERZ-Container eine deutlich höhere Materialfestigkeit als Normcontainer. Gleichzeitig ist der Containerverbund aber elastisch genug, um die Biegebewegungen des Schiffsdecks bei Seegang zu kompensieren. Die überwiegend handelsüblichen Sanitätsgeräte wurden unter Berücksichtigung ihrer medizinischen Funktionalität und schiffbaulicher Vorgaben nach einem eigenständigen Einrichtungskonzept installiert.

Das Kernstück des Marineeinsatzrettungszentrums bildet das zweilagige Containersystem vor dem Deckshaus des Schiffes. Es ist aus 20-Fuß- und 30-Fuß-ISO-Containern zusammengesetzt. Die beiden Lagen sind untereinander und mit der Bettenstation durch Treppenaufgänge sowie einen Fahrstuhl verbunden. Sämtliche Ver- und Entsorgungsleitungen für die Klimaanlage, die Wasser- und die Stromversorgung werden in kompakten Modulen an der Außenseite der Container entlang geführt. Das spart Innenraum.

Die untere Ebene

Die untere Ebene (untere Containerlage, B-Deck) ist die Behandlungsebene. Um Räume ausreichender Größe zu erhalten, wurden hier mehrfach je zwei Container durch Entfernung von Längswänden zu einem Arbeitsbereich verbunden. Der Eingangscontainer mit der großen Wetterschleuse für liegende Patienten ist mit dem Container für administrative Aufgaben, Patienten- und Materialsteuerung gekoppelt. Vom Eingangscontainer unmittelbar zugänglich ist eine Röntgenanlage mit digitaler Auswerteeinheit sowie der Container "Zahnärztliche Behandlung/Oralchirugie". Der Container "Personalschleuse", ausgelegt für den Bekleidungswechsel des Personals, sowie für das Einschleusen von Material und Patienten, bildet den Zugang zum Reinraumbereich, dem Kern der Behandlungsebene. Der Reinraumbereich umfasst die beiden Operationsräume, einen auch zur Intensivpflege nutzbaren OP-Vorbereitungsraum, ein Sterilgutlager und einen Entsorgungsraum.

Die obere Ebene

Ein weiterer Eingangscontainer mit Wetterschleuse und diversen Aufbewahrungssystemen ermöglicht den Zugang zur oberen Ebene (obere Containerlage, C-Deck), der Versorgungsebene. Mit einem klinisch-chemischen und einem mikrobiologischen Labor verfügt diese über eine umfassende Laborkapazität. Das daran anschließende Zahnlabor neben dem separaten Gipsraum bietet zusätzlich einen Raum zur Aufbewahrung und Aufbereitung von Material und Instrumenten für den Zahnarzt/Oralchirurgen.

Die zahlreichen funktionsentscheidenden medizinischen Geräte erfordern qualifizierte Wartungs- und Reparaturarbeiten. Diese werden von Medizintechnikern im gut ausgestatteten Medizingerätetechnik-Container kontinuierlich durchgeführt. Zwei daran anschließende Container verfügen über eine Sauerstoffproduktionsanlage (Molekularsiebverfahren) und eine Drucklufterzeugungsanlage. Von hier aus erfolgt die zentrale Versorgung des Containerkomplexes und der Bettenstation im Schiff mit Sauerstoff und medizinischer Druckluft. Zum Bug hin schließt sich dem Eingangsbereich der Doppelcontainer für die Sterilgutaufbereitung an, gefolgt von einem weiteren Doppelcontainer, der Apotheke. Hier erfolgt neben der Lagerung der Arzneimittel und sensibler Medizinprodukte in erster Linie die Sanitätsmaterialverwaltung unter Zugriff auf ein speziell im Schiff eingerichtetes, abgetrenntes Materiallager für Einzelverbrauchsgüter und Nichtverbrauchsgüter, das auch ausreichend gekühlt ist. Anfallender infektiöser Abfall wird in der Abfallsterilisation durch hochfrequente Mikrowellenbestrahlung zu ungefährlichem Hausmüll. Der Energieumwandler neben dem Container "Abfallsterilisation" liefert die für den Betrieb handelsüblicher Medizingeräte innerhalb des Containerkomplexes erforderlichen Spannungen und Frequenzen.

Die Bettenstation

Die Bettenstation befindet sich ortsfest im Schiff. Sie entspricht hinsichtlich ihrer funktionellen Elemente grundsätzlich einer üblichen Krankenhausstation. 24 Krankenhausbetten sind jeweils in Viererblöcken um eine Versorgungswand gruppiert, die neben der Patientenrufanlage und der Lichtsteuerung die Strom-, Sauerstoff- und Druckluftversorgung enthält. Ein krankenhausübliches Schienensystem ermöglicht die flexible Einrüstung von diversen Medizingeräten, bis hin zu einem Intensivbehandlungsplatz. Weitere zehn Betten in Doppelkojenausführung dienen zur Aufnahme leichter verwundeter bzw. teilmobiler internistischer Patienten. Zusätzlich ist die Bettenstation des Schiffslazarettes mit ihren neun Betten in die Pflegeorganisation integriert und kann aufgrund ihrer abgesetzten Lage bei Bedarf auch als Isolierstation dienen.

Bei der Anbordnahme von Patienten wird im Hubschrauberhangar vorübergehend ein Sichtungsbereich eingerichtet, von wo aus, je nach Zustand der Patienten, eine Weiterleitung entweder in den Schockraum (Schiffslazarett des Einsatzgruppenversorgers), in die Behandlungscontainer oder über einen Aufzug direkt zur Bettenstation möglich ist.

Erfahrungen aus den Einsätzen

Nach einer umfangreichen Entwicklungs- und Testphase fanden seit Frühsommer 2001 bisher fünf Aktivierungen dieser schwimmenden Rettungszentren mit bis zu 58 Sanitätssoldaten statt. Bis zum Winter 2004 erfolgten drei Einsätze im Rahmen der Operation "Enduring Freedom" am Horn von Afrika. Diese haben zu einer Optimierung der Funktionalitäten und der spezifischen Abläufe bis hin zu einer gesetzeskonformen Lagerung der Grundbeladung des Einsatzvorrates geführt.

Im Januar 2005 folgte nach dem verheerenden Tsunami in Südostasien der erste Einsatz in einer für humanitäre Hilfe modifizierten Einsatzkonfiguration ("Einsatzkonfiguration 4") vor Sumatra. Zum Zeitpunkt des Seebebens am 26. Dezember 2004 befand sich der Einsatzgruppenversorger in der Operation "Enduring Freedom" in der Arabischen See.

Von Maskat/Oman aus verlegte das Schiff in Richtung des Katastrophengebietes Nordwest-Sumatra, um dort zusammen mit dem landgestützten Sanitätseinsatzverband/Rettungszentrum eine gemeinsame sanitätsdienstliche Versorgungseinrichtung unter einheitlichem Kommando zu betreiben. Inzwischen wurden in Deutschland eine für das zu erwartende Szenario vor Sumatra sinnvolle Personalkonfiguration und eine zusätzliche Materialzusammenstellung vorbereitet. Die Anbordnahme erfolgte vom 6. bis 9. Jänner 2005 während einer Hafenliegezeit der "Berlin" in Cochin/Indien. Dabei wurde das bereits an Bord aktivierte Marineeinsatzrettungszentrum personell um 24 Soldaten verstärkt, vor allem durch eine weitere OP-Gruppe und tropenmedizinisch-hygienische Kapazität. Außerdem konnten das vorab zusammengestellte Sanitätsmaterial für die humanitäre Hilfe sowie zusätzlich etwa 140 Tonnen Hilfsgüter der Gesellschaft für technische Zusammenarbeit und des Deutschen Roten Kreuzes an Bord genommen werden. Dazu kamen weitere für einen Katastropheneinsatz sinnvolle Güter, wie Dixie-Mobiltoiletten, Verpflegungsrationen sowie Wasser- und Kraftstoffkanister zur späteren Verteilung in der Krisenregion.

Die "Berlin" erreichte Banda Aceh am Morgen des 13. Jänner 2005, dem Tag 18 nach der Katastrophe. In Hinsicht auf Mobilität und Flexibilität erwies sich der Einsatzgruppenversorger mit MERZ- und MEDEVAC-Komponente für einen solchen humanitären Einsatz an Küsten als bestens geeignet.

MEDEVAC (Medical Evacuation) war dabei durch den Hubschrauber (Hauptabschnitt 500) möglich, der auch für regelmäßige logistische Vorhaben genutzt wurde. Im Verbund mit dem in Banda Aceh aufwachsenden Rettungszentrum im Bereich des General Hospitals und verschiedenen NGOs begannen anschließend die Übernahme und die Behandlung von schwer verletzten bzw. schwer kranken indonesischen Patienten.

Der Patientenzu- und -abtransport erfolgte großteils mit dem Hubschrauber und nur selten durch die Barkasse oder das Speedboot des Schiffes. Der Transport von Schwerkranken sowie von künstlich zu beatmenden Intensivpatienten, Frauen, Kindern und alten Menschen war per Lufttransport auch über längere Distanzen problemlos möglich.

Im Marineeinsatzrettungszentrum entwickelte sich die Bettenstation bald zum zentralen Ort der pflegerischen und kommunikativen Maßnahmen. Dort erfolgte erstmalig eine Patientenbehandlung, die, entsprechend dem Umfang, der Schwere und der Zusammensetzung der Erkrankungen, die Funktionalität der Einrichtung eindrucksvoll unter Beweis stellte und die das sonst übliche Behandlungsspektrum eines Rettungszentrums bei weitem übertraf. Unter den Intensivpatienten befanden sich auch mehrere Kleinkinder.

Zeitweise waren bis auf zwei freigehaltene Intensivbetten alle 30 Unterbringungsmöglichkeiten der Station belegt, d. h. es hielten sich dort 16 Patienten, 13 Angehörige und die Dolmetscherin auf, eine ehemalige Patientin und Krankenschwester, die fließend Englisch und Indonesisch sprach. Vor Einsatzbeginn war davon ausgegangen worden, indonesische Angehörige nicht mit an Bord zu nehmen. Dies ließ sich nicht verwirklichen, denn in Indonesien ist die Begleitung und teilweise die krankenpflegerische Betreuung von Patienten durch Angehörige in zivilen Krankenhäusern die Regel. Zudem galt es, Angst und Misstrauen von Patienten vor einer Behandlung in einer seegestützten medizinischen Einrichtung abzubauen - gerade in Anbetracht der noch präsenten Tsunami-Katastrophe. Zweimal täglich hatten alle gehfähigen Patienten der Bettenstation sowie deren Angehörige unter Aufsicht von Pflegern die Möglichkeit zu einem längeren Aufenthalt am Oberdeck in der frischen Luft. Der Umgang mit den kranken Indonesiern und deren Angehörigen war völlig problemlos. Sie waren sehr angenehme, zurückhaltende und freundliche Menschen und zeigten eine von tiefer Dankbarkeit geprägte Haltung gegenüber dem Sanitätspersonal und der geleisteten Behandlung.

Erstmals sind im Marineeinsatzrettungszentrum auch Patienten gestorben: zwei Patienten mit Aspirationspneumonie (besonders gefährliche Lungenentzündung, ausgelöst z. B. durch das Eindringen von Erbrochenem oder mit Krankheitserregern verseuchten Flüssigkeiten in die Lunge), ein Patient mit Darmarterieninfarkt und ein Patient mit Herzinsuffizienz nach einem ausgedehnten Hinterwandinfarkt. Alle Sterbenden wurden bis zuletzt unter größtmöglicher Wahrung der Intimsphäre von ihren Angehörigen betreut und begleitet.

Hinsichtlich des Krankheitsspektrums an Bord dominierten in den ersten sechs Wochen des Einsatzes nicht die ursprünglich erwarteten notfallchirurgischen, sondern internistische, infektiologisch-tropenmedizinische Krankheitsbilder. Diese erforderten in ihrem Verlauf zum Teil eine Behandlung auf der Intensivstation. Bei fast allen Behandlungen war der Einsatz hochwirksamer Antibiotika notwendig. Die aufgenommenen Patienten litten an schweren, durch den Tsunami bedingten Erkrankungen, die zuvor in Deutschland relativ unbekannt waren. Dazu zählte z. B. die bereits oben erwähnte Lungenentzündung, verursacht durch stark verunreinigtes Meerwasser. Auch ein Tetanus-Patient befand sich in Intensivbehandlung.

Die schwierige hygienische Situation in der Bettenstation, Resultat vieler Problemkeime, forderte Hygieniker, Tropenmediziner und Labormediziner. Eine Patientin litt z. B. an Dengue-Fieber (Hämorrhagisches Fieber); es war dies das erste Auftreten dieser Krankheit in der Provinz Banda Aceh. Dem Fall folgten umfangreiche Meldungen und Umgebungsuntersuchungen auch an Land. Die Laborkonzeption erwies sich dabei als außerordentlich leistungsfähig. Sie umfasste das Leistungsspektrum eines mikrobiologischen und klinisch-chemischen Labors einschließlich einer richtlinienkonformen Transfusionsmedizin.

Neben diesem sanitätsdienstlichen Auftragsschwerpunkt kamen insbesondere die flexiblen, zusätzlichen Einsatzoptionen der "Berlin" zur humanitären Hilfe zur Geltung - auch entlang der Westküste Sumatras. Beispielsweise wurden Zehntausende Mückenschutznetze in unzugänglichen Gebieten von See aus verteilt. In Banda Aceh ergänzten einander das landgestützte Rettungszentrum und das Marineeinsatzrettungszentrum geradezu ideal. Das Marineeinsatzrettungszentrum als flexible und vom ersten bis zum letzten Tag einsatzbereite Einrichtung mit höchstem klinischen Standard im chirurgischen, intensivmedizinischen, labormedizinischen und hygienischen Bereich bedeutete jedenfalls für das Landkontingent in Reichweite der Küste eine äußerst wertvolle Ergänzung der eigenen, eher breitenmedizinischen Möglichkeiten.

Nach dem Indonesieneinsatz wurde das Marineeinsatzrettungszentrum der "Berlin" im Herbst 2005 nochmals aktiviert, um für einige Wochen im Golf von Guinea eine militärische Evakuierung deutscher und anderer europäischer Bürger aus der Republik Elfenbeinküste sanitätsdienstlich zu unterstützen.

Auf einen Blick

Die in der deutschen Marinegeschichte völlig neuartige medizinische Komponente Marineeinsatzrettungszentrum füllt die Lücke zwischen der sanitätsdienstlichen Erstversorgung durch die originären Bordsanitätseinrichtungen der Kampfschiffe und der abschließenden klinischen Versorgung an Land. Die Einsatzgruppenversorger mit ihrer großen logistischen und sanitätsdienstlichen Kapazität, ihren Hubschraubern und vielfältigen Operationsmöglichkeiten können zudem auch bei humanitären oder Evakuierungseinsätzen wirkungsvoll zur Geltung kommen.

(wird fortgesetzt) ___________________________________ __________________________________ Autor: Flottenarzt Dr. med. Volker Hartmann (Deutschland), Jahrgang 1960. Leiter Sanitätsdienst der Einsatzflottille 2 der Deutschen Marine, Facharzt für Arbeitsmedizin. Seit 1984 Marinesanitätsoffizier, fünfjährige Verwendung als Schiffsarzt auf Schnellbooten und auf dem Segelschulschiff "Gorch Fock", mehrjährige klinische Tätigkeit in einem Bundeswehrkrankenhaus, Einsatz im Schifffahrtmedizinischen Institut der Marine in Kiel, im Stab des Admiralarztes der Marine und im Bundesministerium der Verteidigung in Bonn. Seit 2002 Leiter des Sanitätsdienstes der Zerstörerflottille (jetzt Einsatzflottille 2). Teilnahme an der Operation "Enduring Freedom" am Horn von Afrika und Leiter des Marineeinsatzrettungszentrums an Bord der "Berlin" bei der Humanitären Hilfe in Südostasien (Banda Aceh) und bei der Evakuierungsoperation vor der Elfenbeinküste. Bisher 70 wissenschaftliche Publikationen (Themenbereiche Schifffahrtmedizin, Geschichte der Maritimen Medizin, Marinesanitätsdienst, Sanitätsdienst der Deutschen Kriegsmarine). 1995 Paul-Schürmann-Preis der Deutschen Gesellschaft für Wehrpharmazie und Wehrmedizin.

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