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Luftraumüberwachung (II)

Die Arbeit des Radarleitpersonals ist eine überaus verantwortungsvolle, abwechslungsreiche Tätigkeit. Neben einer langjährigen, fordernden Ausbildung verlangt sie auch die Bereitschaft zur ständigen Weiterbildung. Ob ein Abfangeinsatz erfolgreich ist, hängt wesentlich vom Radarleitpersonal ab.

Obwohl der Radarleitdienst im Österreichischen Bundesheer nur einen zahlenmäßig geringen Personenkreis umfasst, leisten diese Spezialisten einen wesentlichen Beitrag zur Luftraumüberwachung in Österreich. Sie sind sozusagen das dritte Auge des Piloten und sie müssen - ähnlich wie der Pilot selbst - über die technischen Kenntnisse der Luftfahrzeuge, der Leistungsparameter der jeweiligen Typen und ihrer Bewaffnung sowie über entsprechende Kenntnisse der Einsatztaktik verfügen. Ihre Tätigkeit ist von Teamgeist und der Zusammenarbeit - auch mit ausländischen Luftstreitkräften - geprägt.

Geschichte

Am 3. Oktober 1968 flog ein ägyptisches Transportflugzeug vom Typ An-12 (CUB), aus der damaligen CSSR kommend, bei Freistadt über die österreichische Grenze bis Steyr und weiter in Richtung Osten. Ein auf einem Übungsflug befindlicher Jagdbomber des Bundesheeres vom Typ Saab J-29F "Fliegende Tonne", pilotiert von Oberst Helmut Marchard, wurde von der Flugsicherung im Tower des Flugplatzes Linz/Hörsching an das Ziel herangeführt. Der "Abfang" gelang. Dies war der Anfang des österreichischen Radarleitdienstes. Die Offiziere in den zuständigen Stellen erkannten, dass für die Führung der aktiven fliegerischen Komponente der Luftraumüberwachung Radarleitpersonal notwendig ist.

Bereits 1969 erhielten vier österreichische Offiziere eine Radarleitschulung bei der US Air Force in Sembach (Deutschland). Anfang der siebziger Jahre wurden die Radarleitverfahren organisatorisch und betriebsdienstlich weiterentwickelt. Im August 1973 gelang es, ein türkisches Militärluftfahrzeug (eine C-160 "Transall"), das den österreichischen Luftraum ohne Überfluggenehmigung durchqueren wollte, über Tirol abzufangen und zur Landung zu zwingen. Seither - und insbesondere nach der Indienststellung des Luftraumüberwachungssystems "Goldhaube" 1987 - gab es zahlreiche Abfangeinsätze, die ohne Radarleitpersonal nicht erfolgreich durchgeführt hätten werden können. So leiteten die österreichischen Radarleitoffiziere erfolgreiche Abfänge auf zwei bewaffnete F-16C "Fighting Falcon" der US Air Force über Tirol genauso wie auf zwei Stealth-Kampfflugzeuge F-117, die illegalerweise versuchten, im Gefolge eines angemeldeten Tankers den Weg von Deutschland nach Italien über Österreich abzukürzen.

Ausbildung

Die Ausbildung zum Radarleitoffizier bzw. Radarleitunteroffizier (RLO bzw. RLUO) ist sehr umfangreich und dauert je nach Abfolge der erforderlichen Kurse etwa zwei Jahre. Voraussetzung ist die freiwillige Meldung, auf die eine Untersuchung auf Radarleittauglichkeit im Heeresspital Wien folgt. Denn das Radarleitpersonal muss eine besondere Belastungsfähigkeit und Stressresistenz aufweisen, um gleichzeitig unterschiedliche Informationen zu einem Lagebild verarbeiten sowie ein Radarbild dreidimensional interpretieren und so innerhalb weniger Sekunden die richtigen Entscheidungen treffen zu können. Weitere Voraussetzungen sind sehr gute Englischkenntnisse, da der Flugfunkverkehr (Funksprechverkehr) in englischer Sprache abgewickelt wird.

Als nächster Schritt muss der Anwärter nach einem Fachkurs die Radarverwendungsprüfung ablegen; nach deren positiver Absolvierung wird eine monatliche Zulage ausbezahlt. Im Verlauf der Ausbildung werden dem Teilnehmer das Grundverständnis für die Luftraumüberwachung, deren Anlagen und Einrichtungen sowie die damit verbundene Technik und Informationen über das Luftkriegswesen vermittelt. Danach folgen die Flugsicherungskurse I und II, in denen sich der Teilnehmer das Wissen über die Luftraumstruktur, Luftraumklassen, Verfahren im Flugbetrieb, Meteorologie sowie über Flugsicherungs- und Navigationsanlagen und deren Technik aneignet. Ein weiterer Schritt ist die Erlangung des Allgemeinen Sprechfunkzeugnisses, welches zum Betrieb eines Sprechfunkgerätes (nach den allgemein gültigen Bestimmungen, wie sie auch für das Bundesheer gelten) in Österreich berechtigt.

Erst danach darf der angehende Radarleitoffizier bzw. Radarleitunteroffizier den Radarleitkurs Ausland besuchen. Seit 1999 erfolgt diese Ausbildung in Erndtebrück (Deutschland); davor fand sie bei der US Air Force in Florida statt. Der Radarleitkurs in Deutschland dauert derzeit sechs Monate und gliedert sich in - den Theorieteil, - den Simulatorteil und - den Praxisteil.

Ziel dieses Kurses ist es, dem Teilnehmer jenes Wissen und die notwendigen Fähigkeiten zu vermitteln, um Abfangjäger alleinverantwortlich im zivilen Luftraum an ein Luftfahrzeug (Flugziel) heranführen zu können. Im Praxisteil wird mit den vergleichsweise langsamen Turboprop-Trainern Pilatus PC-9 begonnen, Abfangübungen durchzuführen. Im Laufe der Ausbildung steigert sich die Flugzeug-Klasse und damit die Geschwindigkeit bis zu den derzeit bei der Bundeswehr noch im Einsatz stehenden F-4F "Phantom", mit denen auch Überschall-Abfänge geübt werden. Mit etwas Glück stehen fallweise auch belgische oder niederländische F-16 "Fighting Falcon" für Abfänge zur Verfügung. Der Ausbildungserfolg wird im Simulator und in der Praxis mit je drei Prüfungen nachgewiesen, die in Summe positiv sein müssen, ansonsten scheidet der Teilnehmer aus dem Kurs aus. Der Kurs kann nur einmal wiederholt werden. Die Ausbildung endet mit der kommissionellen Abschlussprüfung zur Erlangung der so genannten "Radarleitjagdlizenz". Diese Ausbildung genießt in Europa höchstes Ansehen und gibt den österreichischen Teilnehmern die Möglichkeit, aktuelle NATO-Verfahren kennen zu lernen und auch anzuwenden.

Zurück in Österreich wird die Ausbildung zum Radarleitoffizier bzw. Radarleitunteroffizier mit dem Radarleitkurs "Ö" weitergeführt und abgeschlossen. Dabei wird speziell auf österreichische Verfahren eingegangen und eine Adaptierung an die österreichischen Verhältnisse durchgeführt. Auch diese Ausbildung endet mit einer kommissionellen Abschlussprüfung. Während der gesamten Ausbildung zum RLO/RLUO ist bei den verschiedenen Prüfungen stets ein Wissensstand von mindestens 75 Prozent nachzuweisen.

Nach einer weiteren, zwei Monate dauernden Praxis unter Aufsicht erfahrener Radarleitoffiziere wird der Radarleitschein ausgestellt, der alle zwei Jahre verlängert wird, wenn der entsprechende Praxisnachweis erfolgt. Nun ist der RLO/RLUO befähigt, alleinverantwortlich eines oder mehrere zum Abfang geeignete Luftfahrzeuge mittels Funk und Radar zu leiten. Danach wird der RLO/RLUO schrittweise an den Luftkampf bis zur Ebene Zwei gegen Zwei herangeführt.

Dienstbetrieb

Grundsätzlich werden die RLO/RLUO im Diensthabenden System der Luftraumüberwachung in der Luftraumüberwachungszentrale (LRÜZ) der Einsatzzentrale/Basisraum (EZ/B) in St. Johann/Pongau eingesetzt. Daneben befinden sich aber auch Flugsicherungsoffiziere mit Radarleitausbildung im Military Control Center (MCC) in Wien, die als back-up den Radarleitdienst übernehmen können.

Sowohl in der LRÜZ als auch im MCC leistet das Radarleitpersonal Schicht- und Wechseldienst mit regelmäßiger Einteilung an Sonn- und Feiertagen. Dienstbeginn ist um 0745 Uhr; das Dienstende richtet sich nach der jahreszeitabhängigen Länge des Tages (Tageslicht) und schwankt zwischen 17:00 Uhr im Winter und längstens 20:15 Uhr im Sommer. Bei Nachtflugbetrieb sowie bei Einsätzen und Übungen verlängert sich die Dienstzeit entsprechend.

Das Radarleitpersonal stellt in erster Linie - 365 Tage im Jahr - die Führung der aktiven Komponente der Luftraumüberwachung, also der Einsatzbereitschaft (EB), sicher. Die Einsatzbereitschaft besteht aus der zwei Abfangjäger umfassenden EB-Rotte (derzeit primär Northrop F-5E "Tiger" II, bewaffnet mit zwei 2-cm-Bordmaschinenkanonen mit je 75 Schuss und zwei Luft-Luft-Lenkwaffen AIM-9P "Sidewinder") und einer Reservemaschine. Darüber hinaus werden mit dieser EB auch regelmäßig Abfangübungen durchgeführt, um sowohl die Piloten als auch die Radarleitoffiziere bzw. Radarleitunteroffiziere für den so genannten "Priority Alpha"-Einsatz zu trainieren. Durchschnittlich erfolgen im Rahmen der aktiven Luftraumüberwachung 50 bis 70 "Priority Alpha"-Einsätze jährlich.

Auch beim Übungs- und Ausbildungsbetrieb der Staffeln (mit den Flugzeugen F-5E, Saab 105Ö, PC-7 sowie den Hubschraubern S-70A und OH-58B) besteht Bedarf am Radarleitdienst, wobei eine enge Zusammenarbeit zwischen dem Piloten und dem RLO/RLUO erforderlich ist. Um als RLO/RLUO die Arbeit der Piloten noch besser zu verstehen, erhalten daher die RLO/RLUO eine Mitfluggenehmigung auf der Saab 105Ö, damit das Radarleitpersonal zweimal jährlich Abfang- oder Luftkampfübungen hautnah miterleben kann.

Taktik und Übungen

Auf die taktische Ausbildung des Radarleitpersonals wird großer Wert gelegt. Dazu ist es für den RLO/RLUO notwendig, die Einsatzmöglichkeiten der verschiedenen Luftfahrzeugmuster, ihre Leistungsdaten, aber auch ihre Bewaffnungs- und Wirkungsmöglichkeit genau zu kennen.

In Österreich wurde in der "Draken"-Ära der Luftkampf mit Luft-Luft-Lenkwaffen AIM-9P "Sidewinder" bis zur Ebene Zwei gegen Zwei geübt. 1995, 1997 und 2002 verlegte eine Einheit nach Waddington an der britischen Ostküste, wo bei den Übungseinsätzen auf der ACMI-Range (ACMI - Air Combat Maneuvering Instrumentation) über der Nordsee die Radarleitoffiziere und Piloten die angewandten Taktiken anhand simulierter Abschüsse überprüfen und verbessern konnten. 2002 leiteten österreichische Radarleitoffiziere in Waddington unter anderem einsatzerprobte britische Piloten mit ihren "Harrier"-Kampfflugzeugen und wurden von diesen für ihre hervorragende Arbeit besonders gelobt. Aber auch bei verschiedenen Übungen mit internationaler Beteiligung wie den Übungen der "AMADEUS"-Serie 1997, 1999 und 2002 konnten die RLO/RLUO bei der Radarleitung der französischen "Mirage" 2000 oder der Schweizer F/A-18 "Hornet" wichtige Erfahrungen sammeln.

Bei der taktischen Ausbildung werden die neuen Einsatzmöglichkeiten des Eurofighter "Typhoon" bereits berücksichtigt. So fanden in den Jahren 2005 und 2006 für Piloten und RLO/RLUO Simulationsausbildungen in Schweden statt, wo unter dem (simulierten) Einsatz von weitreichenden Luft-Luft-Lenkwaffen Taktiken erlernt werden konnten, die wichtige Erkenntnisse für die weitere Ausbildung und zukünftige Einsatzverfahren liefern.

Laufbahn

Während Radarleitunteroffiziere ausschließlich für die Führung von Luftfahrzeugen vorgesehen sind, werden Radarleitoffiziere nach zweijähriger Verwendung weiter zum Einsatzoffizier Abfang (EO Abfang) ausgebildet. Der EO Abfang ist Kommandant aller RLO/RLUO und Piloten im Diensthabenden System der Luftraumüberwachung. Er beurteilt die Durchführbarkeit eines Abfangeinsatzes und löst danach den Alarmstart der EB-Rotte aus.

Nach weiteren (mindestens) zwei Jahren kann er die Position des Diensthabenden Leiters/Luftraumüberwachung erreichen. Dieser ist der Kommandant aller im Diensthabenden System der Luftraumüberwachung eingesetzten Soldaten und damit sowohl für die passive Luftraumbeobachtung als auch für die aktive Luftraumüberwachung verantwortlich. Er entscheidet nach Rücksprache mit dem Diensthabenden Offizier/Führungsbereitschaft/Luft über einen "Priority Alpha"-Abfang und gibt dann den entsprechenden Befehl an den Einsatzoffizier Abfang.

Radarleitoffiziere sind wegen ihrer hohen fachlichen Qualifikation sehr gefragt und finden später Folgeverwendungen in höheren Führungsebenen. Sie sind daher auch wesentlich an der Planung von Übungen und Luftraumsicherungsoperationen (wie beispielsweise anlässlich der EU-Präsidentschaft 2006, des Besuches von Papst Benedikt XVI. in diesem Jahr oder der Fußball-Europameisterschaft 2008) beteiligt.

Zusammenfassung

Die Arbeit des Radarleitoffiziers bzw. Radarleitunteroffiziers ist durch hohe Verantwortung, Teamgeist, ständige Weiterbildung, Abwechslung, Anwendung von standardisierten Verfahren (teilweise auch von NATO-Verfahren) und von der Zusammenarbeit - auch mit ausländischen Luftstreitkräften - gekennzeichnet. Die Sicherheit des österreichischen Luftraumes hängt damit wesentlich von der Qualifikation und von der Ausbildung der Radarleitoffiziere und der Radarleitunteroffiziere ab.

___________________________________ ___________________________________ Autor: Hauptmann Christian Probst, Jahrgang 1971. 1996 Ausmusterung zum Fernmeldebataillon 4 als Kommandant eines Richtverbindungszuges; 1997 Versetzung zum Kommando Luftraumüberwachung in Salzburg, eingesetzt als Kommandant eines Fernmeldezuges der Mobilradarstation 1/Radarbataillon. 1999 Versetzung in die Luftraumüberwachungszentrale in St. Johann und Beginn der Ausbildung zum Radarleitoffizier; seit 2001 Radarleitoffizier, seit 2003 Einsatzoffizier Abfang, seit Mitte 2005 Diensthabender Leiter Luftraumüberwachung.

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