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Auf akademischer Basis - aber wo?

Die Offiziersausbildung im akademischen Umfeld

Das Bundesheer braucht qualifiziertes, motiviertes und charakterlich geeignetes Führungspersonal, einsetzbar für verantwortungvolle, anstrengende und fallweise gefährliche Tätigkeiten. Der Offiziersberuf muss daher auf dem Arbeitsmarkt konkurrenzfähig sein, wenn schon nicht mit angenehmen Arbeitsbedingungen so doch zumindest mit einer Einstufung, adäquat zu anderen akademischen Berufen.

"Die Ausbildung der Offiziere des Österreichischen Bundesheeres muss auf akademischer Basis erfolgen." Das stellte der Generalstabschef des Österreichischen Bundesheeres, General Roland Ertl, anlässlich der Sponsion des Ausmusterungsjahrganges der Theresianischen Militärakademie 2005 zum/zur Magister/Magistra (FH) fest. In seiner Ansprache definierte der ranghöchste Offizier des Österreichischen Bundesheeres - unmissverständlich und ohne die Möglichkeit von Fehlinterpretationen - die Erfordernisse zur Ausübung des Offiziersberufes.

"Akademische Basis" bedeutet Hochschule oder Universität. "Akademisch" bedeutet aber auch, dass diese Ausbildung nun im Rahmen des so genannten Bologna-Systems (siehe unten) erfolgen muss. Dieses wurde erst kürzlich als zukünftiges tragendes System der europäischen Bildungslandschaft etabliert und ist daher noch nicht überall bekannt. Auf einige Aspekte dieses Systems sei hier näher eingegangen. Werden diese negiert, schürt das Konflikte zwischen den Altersgruppen, den Generationen sowie zwischen Gruppen unterschiedlicher "formaler" Bildung.

Im Bologna-System gilt - verbindlich - u. a. folgende Grundregel: (Bildungs)Ziele und damit bestimmte personenbezogene Qualifikationen sind auf mehreren Wegen erreichbar und zwar: - sowohl im Wege formaler Bildungsprozesse - als auch im Wege nicht formalen Lernens. Zu letzterem zählt z. B. die Berufs- und Lebenserfahrung.

Die Nichtberücksichtigung des nicht formalen Lernens bei der Qualifizierung von Personen und Personengruppen steht somit im Widerspruch zum Bologna-System.

Das Problem beginnt schon damit, dass im Österreichischen Bundesheer sogar formale Bildung zum Teil nicht berücksichtigt oder nicht als Qualifikationssteigerung akzeptiert wird. So blieb z. B. die Ausbildung von Offizieren zum "akademischen Wehrpädagogen" dienstposten- und einstufungsmäßig qualitativ unberücksichtigt. Andere Beispiele liegen auf der gleichen Linie. Nicht einmal die Umwandlung der Ausbildung an der Militärakademie in ein mehrjähriges Hochschulstudium (Magister FH) änderte bislang etwas an der finanziellen und dienstpostenmäßigen Situation der Absolventen der Militärakademie. Sie sind nach wie vor als Maturanten eingestuft (B, H 2, MBO 2).

Das führt viele Personalgewinnungsmaßnahmen, viele Aussagen zu "Motivation" oder neue "Erwartungen" an das Personal schlicht ad absurdum. Es ist auch für viele Betroffenen kaum noch länger akzeptabel.

Das Bologna-System

Bei einer Bildungskonferenz in Bologna im Jahr 1999 unterzeichneten Minister aus 29 Staaten eine gemeinsame Erklärung und setzten damit einen Prozess zur Schaffung eines gemeinsamen europäischen Hochschulraumes in Gang, den so genannten Bologna-Prozess. Bei einer Nachfolgekonferenz in Prag schlossen sich 2001 weitere vier Staaten diesem Prozess an.

Die Staaten haben sich damit konkret u. a. zur Einführung eines postsekundären (d. h. nach der Matura), mehrstufigen Bildungssystems verpflichtet. Dessen erste Stufe schließt mit dem Bachelor ab, die zweite generell mit dem Master. Nach diesen "berufsrelevanten" Graduierungen kann als dritte Stufe ein "Forschungsdoktorat" (PhD) erworben werden. Regelvoraussetzung für den Zugang zur zweiten Stufe ist der erfolgreiche Abschluss der mindestens drei Jahre dauernden ersten. Deshalb wurde auch in Österreich der Bachelor eingeführt.

Ebenfalls neu ist ein Leistungspunktesystem. Zur Graduierung erforderliche Leistungspunkte können in manchen Fällen auch außerhalb der Hochschulen, z. B. durch Berufserfahrung erworben werden.

Lebensalter, Qualifikation und Funktion

In vielen Bereichen des Berufslebens finden sich heute junge Akademiker. Die Qualifikationsstufe "Magister/Magistra" bzw. "Master" ist bereits unterhalb der Managementebene durchaus üblich. Personen mit dieser Qualifikation steigen in weiterer Folge in Führungspositionen auf, sowie - meist nach Erlangen ergänzender oder zusätzlicher Qualifikationen - in das Management ihrer Organisationen. Die Frage, in welchem Lebensalter man mit welcher (akademischen) Qualifikation welche Funktionsebene erreicht, ist daher als Bewertungskriterium für Organisationen hinsichtlich ihrer Gewichtung in der Gesellschaft zulässig - und durchaus zielführend.

Es gibt Planungen, gemäß denen der Offizier nach der Militärakademie nur mehr Bachelor sein soll (derzeit ist er Magister/Fachhochschule). "Jung-Master" wäre er nach diesen Planungen erst mit ca. 30 Lebensjahren, Jahre nach seinen Klassenkameraden, falls diese einen anderen akademischen Beruf - wie z. B. Arzt, Notar, Richter, oder Anwalt - gewählt haben.

Daraus leiten sich - ohne zu werten - mehrere Kernfragen ab: - Sollen Offiziere bei Antritt ihrer Funktion das Qualifikationsniveau von Sozialarbeitern haben oder brauchen sie eine höhere Qualifikation?

- Ist ein dreißigjähriger "Jung-Master" in einer Managementfunktion ein Qualitätsmerkmal für diesen Betrieb oder sieht man in ihm eher einen "aufgestiegenen Sozialarbeiter"?

- Welchen "Wert" misst man einer Organisation bei, die ihre Mitarbeiter in entsprechenden Führungsebenen geringer qualifiziert als vergleichbare andere Organisationen?

- Welche Durchsetzungskraft hat ein Offizier etwa in Verhandlungen, wenn er lauter "höher qualifizierten" Personen gegenübersitzt.

Selbst wenn man davon ausgeht, dass "die Gesellschaft" grundsätzlich rational agiert und sich nicht von Vorurteilen leiten lässt, gilt: Eine selbstbewusste Organisation, die auf ein entsprechendes Sozialprestige Wert legt, muss sich auch mit Äußerlichkeiten auseinandersetzen. Sie muss mit allen bestimmenden Faktoren glaubwürdig umgehen können.

Glaubwürdigkeit können die Offiziere aufgrund ihres Fachwissens und Könnens erwerben. Über das, was fehlt - ihre adäquate akademische Qualifikation -, soll dieser Beitrag zum Nachdenken anregen.

___________________________________ ___________________________________ Autor: Oberst Siegfried Albel, Jahrgang 1951. 1973 Matura am Bundesrealgymnasium der Theresianischen Militärakademie, 1976 ausgemustert zum Panzergrenadierbataillon 35. Zugskommandant, Kompaniekommandant, S3 und S4. Wechsel als S3 in die 9. Panzergrenadierbrigade, danach Kommandant Panzergrenadierbataillon 35. Referent Elektronische Datenverarbeitung & Informationswesen im Korps III, Kommandant einer Betriebsversorgungsstelle des Militärkommandos Niederösterreich. Danach Leiter des Referates Führungssimulator sowie Projektoffizier der Entwicklungsabteilung an der Theresianischen Militärakademie. Derzeit Leiter der Lehrgänge und Seminare im Institut für Offiziersweiterbildung an der Theresianischen Militärakademie.

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