Bundesheer Bundesheer Hoheitszeichen

Instagram
flickr
YouTube
facebook-button
Bundesheer auf Twitter

Gebirgsjäger als Waffengattung?

Offiziell hat sich in der Zweiten Republik nie jemand klar dazu bekannt, den Gebirgsjägern den Status einer eigenen Waffengattung zuzuerkennen. Heute, in Zeiten von Globalisierung und "Going International" wäre die Einführung dieser Waffengattung notwendiger denn je.

Im Österreichischen Bundesheer der Zweiten Republik wurden mit Ausnahme der Zeit der Heeresgliederung 1956 keine Gebirgsverbände geführt. In dieser Zeit (1956 bis 1962) war das Bundesheer in drei Gruppen mit acht bzw. neun Brigaden gegliedert. Vier dieser Brigaden (die 4. in Linz, die 6. in Innsbruck, die 7. in Klagenfurt und die 8. in Salzburg) wurden Gebirgsbrigaden genannt. In den sechziger Jahren gab es zusätzlich die Hochgebirgskompanie 6, welche später aufgelöst und mit der Heeresgliederung 92/Strukturanpassung 98 wieder aufgestellt wurde.

In allen anderen Zeiträumen und Reformschritten fehlten Gebirgstruppen bzw. Gebirgsjäger im Bundesheer, obwohl es immer wieder Infanterieverbände gegeben hat, deren Haupteinsatzraum vorwiegend das Gebirge war. Diese Verbände unterschieden sich auch in ihrer Ausrüstung kaum von anderen Jägerverbänden, abgesehen von einem höheren Anteil an Schiausrüstungen und mehr Alpingerät wie Seilen, Karabinern oder Ähnlichem. Die Ausbildung unterschied sich durch die spezialisierte Alpinausbildung während des Grundwehrdienstes an Stelle der kürzeren allgemeinen Alpinausbildung bei den restlichen Verbänden.

Mit der Einnahme der Heeresgliederung 92/Strukturanpassung 98 wurden erstmals drei Bataillone (die Jägerbataillone 23, 24 und 26) als hochgebirgsbeweglich bezeichnet und mit wenigen, speziell für den Gebirgseinsatz vorgesehenen Ausrüstungs- und Bekleidungsgegenständen (Alpinüberanzug, Kunststoffschalenschuh, Truppzelt etc.) ausgestattet. Es unterblieben jedoch weiterhin die Einführung der Bezeichnung "Gebirgsjäger", die Ausstattung mit auf den Gebirgseinsatz abgestimmten Fahrzeugen und Waffen sowie eine entsprechende Gliederung.

Mit der Ausbildungsrichtlinie des II. Korps "Der Kampf im Gebirge" im Dezember 1999 gab es erstmals so etwas wie eine Gebirgskampfvorschrift im Bundesheer der Zweiten Republik, und erst mit dem Organisationsplan 2004/05 wurde mit dem Erkundungstrupp in der Jägerkompanie auch eine personelle Anpassung an Gebirgsaufgaben vorgenommen.

Das Österreichische Bundesheer der Zweiten Republik hat den Schritt zur Aufstellung von Gebirgsverbänden und deren eindeutige Bezeichnung nie richtig vollzogen. Ist nun für das Bundesheer eine Waffengattung Gebirgstruppe in der Gegenwart und der planbaren Zukunft nicht notwendig? Oder wird es heute oder morgen Einsatzszenarien geben, welche die Verfügbarkeit von Gebirgstruppen erfordern werden?

Gemäß der Dienstvorschrift für das Bundesheer "Militärische Begriffe" (Randnummer 711) ist Waffengattung "die Bezeichnung für die Einordnung der Truppen nach der Eigenart ihrer Verwendung sowie ihrer Hauptwaffen oder Geräte, in der Regel für Einheiten, ausnahmsweise für Teileinheiten. Waffengattungen sind: … Jägertruppe, Jagdkampftruppe, Jagdkommandotruppe, …". Die Gebirgstruppe gilt nach österreichischer Definition nicht als Waffengattung. Gemäß der Definition (Eigenart ihrer Verwendung, Geräte) und im Vergleich mit den oben angeführten Waffengattungen stünde auch der Gebirgstruppe die Bezeichnung Waffengattung zu. Die Deutsche Bundeswehr unterscheidet in ihrer Heeresdienstvorschrift (HDv) 341/100, Pkt. 4011 ff. sehr wohl unter anderem Jägertruppe, Gebirgsjägertruppe und Fallschirmjägertruppe.

Gebirgskampf, Einsatz im Gebirge

Der Begriff Gebirgskampf wird in den verschiedenen Armeen unterschiedlich definiert, abhängig von der Geomorphologie des eigenen Staatsgebietes und den Aufgaben für die jeweiligen Streitkräfte. Dazu einige Definitionen: "Soweit der Kampf im Gebirge nicht der Behauptung bzw. Sicherung von (Grenz)räumen dient, ist er in erster Linie ein Kampf um Bewegungslinien. Diese sind entweder in Besitz zu nehmen und offen zu halten, oder ihre Nutzung durch den Gegner ist zu verhindern bzw. zu erschweren." (II. Korps/Österreich, 1999) "Einsatz in gebirgigem Gelände ist Einsatz in einem Raum, der in großen Teilen Bewegungen abseits der Wege nur zu Fuß zulässt. Gelände, Wetter, Höhe, Vegetation und Gefahren im Gebirge beeinflussen und erschweren den Einsatz in gebirgigem Gelände." (Jägerschule/Österreich, 2005) "Gebirgskampf ist die Spezialisierung des infanteristischen Kampfes auch in steilem, felsigem, wenig Schutz bietendem Mittel- und Hochgebirgsgelände, meist abseits jeglicher Infrastruktur. Der Kampf im Gebirge ist häufig ein Kampf um Übergänge und Engstellen." (Sahm und Sollfrank/Deutschland, Truppenpraxis, 1998) Aus diesen Definitionen lassen sich als allgemein gültige Charakteristika für den Einsatz im Gebirge und den Gebirgskampf ableiten: - Behauptung und Sicherung von Grenzräumen; - Kampf um Bewegungslinien, Übergänge und Engstellen; - Einsatz in einem Raum, bei dem in großen Teilen Bewegungen abseits der Wege nur zu Fuß möglich sind; - Einsatz in steilem, felsigem Gelände mit keiner oder nur wenig Infrastruktur; - Gelände, Wetter, Höhe, Vegetation und alpine Gefahren üben einen besonderen Einfluss auf den Einsatz aus.

"Gebirge ist jenes Gelände, das eine absolute Höhe von über 800 Metern über dem Meer aufweist, eine relative Höhe von mehr als 400 Metern erreicht und sich deutlich von einer tieferen Umgebung absetzt." (Jägerschule/Österreich, 2006) "Mountains are generally classified as low (600 to 1 500 meters), medium (from 1 500 to 3 500 meters) and high-altitude mountains (above 3 600 meters)." (Grau/USA und Vasquez/Argentinien, Military Review, 2002).

Eine ähnliche Einteilung in drei Stufen (Mittelgebirge - Almgebirge - Hochgebirge) ist weit verbreitet, es gibt jedoch unterschiedliche Höhenbereiche.

Abhängig ist diese Einteilung von der jeweiligen Region und damit von den klimatischen Bedingungen, in der sich das betreffende Gebirge befindet. Während das Mittelgebirge noch infrastrukturell einigermaßen erschlossen, besiedelt und meist auch noch bewaldet ist, findet man im Almgebirge nur mehr vereinzelt eine Infrastruktur und Besiedlung, höherer Bewuchs ist nur mehr teilweise vorhanden. Das jeweilige Hochgebirge liegt außerhalb der Infrastruktur, ist nicht mehr besiedelt und die Vegetation beschränkt sich im unteren Bereich auf Buschwerk sowie Gräser. Die höheren Regionen des Hochgebirges sind ganzjährig mit Schnee und/oder Eis bedeckt. Daraus ergibt sich grob: - Mittelgebirge: teilweise befahrbares Gelände; - Alm- bzw. Alpengebirge: begehbares Gelände; - Hochgebirge: begehbares Gelände und Klettergelände.

Bei Betrachtung der geomorphologischen Weltkarte (unten) ist der hohe Anteil an Gebirgsregionen weltweit, besonders aber in Asien, Amerika und Afrika erkennbar.

Ableitungen

Gebirgskampf und Einsatz im Gebirge finden statt, wenn militärische Kräfte Gebiete ab einer absoluten Höhe von 600 bis 800 Metern, mit relativen Höhenunterschieden von mindestens 400 Metern sowie mit anfänglich noch befahrbarem Straßen- und Wegenetz für ihre Auftragserfüllungen nützen (müssen). DSomit sind diese Kräfte auch - den besonderen klimatischen Bedingungen (Stürme, Kälte und Hitze, Schnee und Eis), - einer charakteristischen Vegetation, - alpinen Gefahren (Gletscherspalten, Lawinen, Steinschlag, Hitzschlag und Sonnenstich etc.), - schwer passierbaren Geländeabschnitten sowie - einer verminderten Infrastruktur ausgesetzt.

Im Extremfall haben sich die eingesetzten Soldaten sogar einer langwierigen und individuell unterschiedlich wirkenden Höhenanpassung (ab einem Einsatz über 2 000 Metern Seehöhe) zu unterziehen.

Es gibt allerdings Regionen auf der Erde, die gemäß der Definition nicht zum Gebirge zu zählen, aber aufgrund sonstiger Parameter den Gebirgsregionen gleichzusetzen sind. Darunter fallen arktische Regionen und auch die arktische Tundra (besondere klimatische Bedingungen mit tiefen Temperaturen, Schnee und Eis, starken Winden, geringer Vegetation, schwer passierbaren Geländeabschnitten, geringer bis fehlender Infrastruktur und alpinen Gefahren wie Gletscherspalten). Auch Hochebenen, wie sie zum Teil in Zentralasien und Südamerika anzutreffen sind, und Wüstengebiete in Afrika, Asien und Australien erfüllen weitgehend die für Gebirgsregionen zutreffenden Charakteristika. In einer extremen Auslegung könnten auch Dschungelgebiete (besondere klimatische Bedingungen, fehlende Infrastruktur, charakteristische Vegetation, schwer passierbare Geländeabschnitte und anstelle der alpinen eben andere Gefahren) den Gebirgsregionen gleichgesetzt werden, da auch hier die eingesetzten Truppen extremen Umfeldbedingungen ausgesetzt sind, was die Erfüllung des Auftrages anspruchsvoller macht.

Da mehr als 50 Prozent der Erdoberfläche diese Charakteristika aufweisen, ergibt sich eine hohe Einsatzwahrscheinlichkeit für militärische Kräfte in solchen Regionen.

Aufgaben und Leistungen von Gebirgstruppen/Gebirgsjägern

Jeder Staat, jede Armee hat einen anderen Zugang zu dieser Thematik und vertritt eine eigene Sichtweise: Deutschland

"Die Auseinandersetzung mit dem Gelände und dem Wetter hat im Gebirge oft das gleiche Gewicht wie der Kampf mit dem Feind. … Vorteile im Gefecht gewinnt die Truppe, die es versteht, die Besonderheiten des Geländes und des Wetters für sich zu nutzen. Die Kampfkraft des Gebirgsjägerbataillons wird im Gebirge maßgeblich bestimmt durch - das körperliche Leistungsvermögen der Gebirgsjäger, - die Geschicklichkeit im militärischen Bergsteigen und im militärischen Schilauf und - die Fähigkeit, bei extremen Witterungsbedingungen zu überleben und zu kämpfen.

Die Fähigkeit zum Überleben ist die Grundlage zum Kampf. Die Gebirgsjäger werden durch die Überlebensausbildung in die Lage versetzt, extreme Witterungs- und Geländebedingungen aktiv auszunutzen, um sich Vorteile im Gefecht zu verschaffen. Mit Zusatzausstattung und nach kurzer Vorbereitung ist das Gebirgsjägerbataillon auch in der Lage, in arktischen, subtropischen oder tropischen Gebieten Aufträge zu erfüllen." (HDv 340/100, HDv 341/100) Frankreich

"The 27th Brigade d’Infanterie de Montagne or 27th BIM, no longer limits itself to defence of France’s Alpine bow frontier, but is committed to land forces roles that can see it fighting in any climatic conditions, yet their specific expertise in mountain fighting gives them an unmistakeable advantage over ordinary infantry troops. … As these Alpine soldiers will readily tell you, when one is used to suffering in the cold and at high altitude, one learns very fast how to adapt to fighting in heat and sand." (Debay Yves: French Alpine Elite, Combat and Survival 7/2004, S. 16, Huddersfield/GB) USA

Das Center for Army Lessons Learned (CALL) analysiert die Einsätze der US Army, wie beispielsweise jene in Afghanistan und im Irak. Dabei wurde festgestellt: "Derzeitige Operationen der US- und anderer alliierter Streitkräfte bestätigen die Notwendigkeit eines spezialisierten Gebirgskampftrainings. Soldaten mit Gebirgserfahrung zeigen außergewöhnliche Moral, körperliche Widerstandskraft und technische Kompetenz in entscheidenden Kampfsituationen." Es wurde darüber hinaus festgestellt, dass ausgebildete Gebirgstruppen (forces specially trained in mountainous environments) verbündeter Streitkräfte gesamtheitlich besser ausgebildet waren. (Malik Asim, Major: Mountain Warfare - the Need for Specialized Training, Military Review 5/2004, S. 98 f, Fort Leavenworth/USA) Österreich

Wie bereits anfangs festgestellt, werden Gebirgsjäger im Österreichischen Bundesheer eher stiefmütterlich behandelt. 1999 wurden vom II. Korps in der Ausbildungsrichtlinie "Der Kampf im Gebirge" erstmals die Unterschiede des Einsatzes eines Jägerbataillons im Flachland zu einem solchen im Gebirge aufgezeigt.

Erst im August 2005 wurde von der Jägerschule der Lehrbehelf "Einsatz in gebirgigem Gelände" herausgegeben. Darin wird - im Unterschied zu den Vorschriften anderer Armeen - nicht auf die Aufgaben und Leistungen von Gebirgstruppen eingegangen, sondern es scheint so, als ob das Beherrschen der Einsatzaufgaben im Gebirge von allen Truppen erwartet wird. Lediglich die Einsatzgrundsätze und ein Kapitel über die Durchhaltefähigkeit von Soldaten weisen auf die besonderen Anforderungen hin, die an jene Truppen gestellt werden, die im Gebirge zum Einsatz kommen.

Mit ein Grund für diese "Selbstverständlichkeit", mit der die Fähigkeiten und Fertigkeiten von Gebirgstruppen von manchen Jägerbataillonen in Österreich erwartet werden, sind das jahrelange Engagement der Kommandanten, die hohe Anzahl an alpinqualifiziertem Kaderpersonal und auch die Tradition dieser Verbände.

Anforderungen an Gebirgstruppen/Gebirgsjäger

Ausbildung

Um im Gebirge Aufträge erfüllen zu können, sind im Wesentlichen folgende spezielle Themen Inhalt der Ausbildung: - Marsch im Hochgebirge (Winter und Sommer); - Leben im Hochgebirge (Winter und Sommer); - Handhabung der Alpinausrüstung; - Überwinden schwieriger Geländeteile; - Orientieren im Hochgebirge; - Gefahren des Hochgebirges; - Lawineneinsatz; - Selbst- und Kameradenhilfe im Hochgebirge; - Transport im Hochgebirge.

Selbstverständlich sind alle diese Ausbildungsthemen auf den Ebenen Teileinheit, Einheit bzw. Verband überwiegend im Gebirge zu schulen und zu üben.

Der erhebliche Umfang, der Zeitaufwand und die notwendige Verfügbarkeit von Ausbildungspersonal sowie dem geeigneten Gelände zur Ausbildung dieser Fähigkeiten lassen erkennen, dass nicht alle Truppen dieser Ausbildung unterzogen werden können, sondern dass es Spezialisten geben muss.

Persönliche Ausrüstung

Der Einsatz im Gebirge mit seinen besonderen klimatischen Bedingungen erfordert spezielle Bekleidung, die einerseits der körperlichen Anstrengung und andererseits den rasch wechselnden Wettersituationen (Kälte, Niederschlag, intensive Strahlung etc.) gerecht wird. Die Mannesausrüstung hat den Einsatzbedingungen angepasst zu sein und umfasst neben der herkömmlichen "Jägerausstattung" Ausrüstungsgegenstände zum Überleben (Truppzelte, Kocher, …) sowie zur Fortbewegung (Schi, Steigeisen, Schneeteller, …).

Alpintechnische Ausrüstung

Die ohnehin umfangreiche Ausrüstung wird durch das Anseilgeschirr, die Seile und Reepschnüre, die Karabiner, Eispickel, Verschüttetensuchgeräte, Lawinensonden, Lawinenschaufeln und vieles mehr ergänzt.

Bewaffnung

Leichte, weitreichende Waffen erhöhen die Einsatzbereitschaft von Truppen im Gebirgskampf entscheidend.

Einsatz

Gebirgstruppen/Gebirgsjäger müssen alle Einsatzaufgaben von Infanteriekräften auch im (Hoch-)Gebirge und unter extremen klimatischen Bedingungen erfüllen können. Wie bereits dargestellt, können bei internationalen Einsätzen auch arktische, subtropische und tropische Gebiete eingeschlossen sein.

Wesentliche Unterschiede zu Jägerverbänden

Im Gebirge sind die ersten Feinde die Umgebung und die Witterung.

Die Kommandanten bis auf die Truppebene sind aufgrund des unübersichtlichen, stark gegliederten Geländes sowie der nicht immer aufrechtzuerhaltenden Verbindung stärker zur Selbstständigkeit und zu selbstständigem Handeln auszubilden. Durch Nebel, Schneefall mit Lawinengefahr etc. kann die Verbindung verloren gehen und der Anschluss ist schwierig zu halten. Der Zeitaufwand, bis Entschlüsse umgesetzt werden, ist ungleich höher, was ebenfalls mehr selbstständiges Handeln erfordert.

Das Bewältigen der alpinen Gefahren, der besonderen klimatischen Bedingungen und der Höhenlagen erfordert - besonders trainierte und körperlich widerstandsfähige sowie psychisch stark belastbare Soldaten aller Dienstgrade, - auf allen Kommandoebenen Alpinfachpersonal, um das Sicherheitsmanagement innerhalb eines Verbandes zu gewährleisten, sowie - die laufende Analyse und Beurteilung der alpinen Gefahren und die daraus folgende Festlegung von Einschränkungen für die Truppe.

Eine funktionierende Einsatzunterstützung nimmt einen entscheidenden Platz bei der Erfüllung des Auftrages ein. Neben der aufwändigeren Verpflegung, der besonderen Bekleidung und Ausrüstung sowie der Aufrechterhaltung des Munitionsnachschubes sind auch die Versorgung mit Heizmaterial, Wasser und vor allem die Sicherstellung der sanitätsdienstlichen Hilfe entscheidend. Der Aufwand für alle Versorgungsmaßnahmen ist ungleich höher als bei konventionellen Truppen. Und zwar deshalb, weil ein Lufttransport zeitweise unmöglich sein kann, was den mehrmaligen Umschlag der Güter sowie den Wechsel der Transportmittel bis letztendlich hin zur Aufteilung auf Traglasten für den einzelnen Soldaten erforderlich machen kann.

Einsatzszenarien und Einsatzmöglichkeiten

Die zukünftigen Aufgaben des Bundesheeres wurden aufgrund internationaler Verpflichtungen Österreichs als Mitgliedsland der Europäischen Union sowie als Mitglied in verschiedenen internationalen Organisationen durch das Management ÖBH 2010 definiert: "Für das Österreichische Bundesheer bedeutet dies, dass es sich bei der Wahrnehmung seiner Aufgaben im Inland künftig grundsätzlich und hauptsächlich auf die Aufrechterhaltung der staatlichen Souveränität und Assistenzen zu konzentrieren hat. … Selbstverständlich wird Österreich auch einen angemessenen militärischen und zivilen Beitrag zur Europäischen Sicherheits- und Verteidigungspolitik zu leisten haben. Für das Österreichsche Bundesheer bedeutet dies, dass die Fähigkeit zur Teilnahme an anspruchsvollen Einsätzen des europäischen Krisenmanagements, wie sie einerseits durch das erweiterte Spektrum der Petersberg-Aufgaben, andererseits durch mögliche Weiterentwicklungen definiert werden, der bestimmende Faktor für die Entwicklung seiner Kapazitäten zur Wahrnehmung internationaler Aufgaben ist." Daraus folgt, dass das Bundesheer in Zukunft sowohl Aufgaben im Inland als auch im Ausland zu erfüllen hat. Aufgrund der derzeit eingeschränkten Bedrohungsszenarien für die Staaten in Europa wird das Schwergewicht der Aufträge für das Bundesheer mittelfristig in Auslandseinsätzen zu finden sein.

Aufgaben im Inland

Für die Aufrechterhaltung der staatlichen Souveränität sind Einsätze von Teilen des Bundesheeres zum Schutz staatlicher und infrastruktureller Einrichtungen vorgesehen. Durch subversive bzw. terroristische Anschläge können unter anderem Anlagen der Energieversorgung (Kraftwerksbauten), Straßen- und Bahnverbindungen, Anlagen der Trinkwasserversorgung, Pipelines oder Ähnliches bedroht sein. Ein beträchtlicher Anteil davon liegt, topografisch gesehen, im Gebirge.

Die Leistung von Assistenzen, z. B. die Hilfeleistung bei Naturereignissen außergewöhnlichen Umfanges, ist ebenfalls zu einem erheblichen Teil in den gebirgigen Regionen Österreichs zu erwarten.

Aufgaben im Ausland

Von humanitären Einsätzen und präventiver Konfliktverhütung über das von Österreich seit Jahrzehnten bereits angewandte Peace-Keeping bis hin zum Peace Enforcement reicht das Spektrum der Petersberg-Aufgaben. Hiebei sind Einsätze zum Schutz und zur Versorgung der Bevölkerung des jeweiligen Landes bis zur Trennung von Konfliktparteien denkbar. Wenn man von einem Interessenbereich der Europäischen Union (EU) von etwa 4 000 Kilometern (gemäß EU-Strategic Planning Assumption) um Europa ausgeht, befinden sich folgende konfliktträchtige Regionen in dieser Zone: - Südosteuropa/Balkan; - Nordafrika; - das Kaukasusgebiet; - der Nahe und Mittlere Osten mit der arabischen Halbinsel; - ein Teil des zentralasiatischen Raumes zwischen der Russischen Föderation, China, Indien und dem Kaspischen Meer.

In all diesen Regionen kommt es zu ethnischen, religiösen, wirtschaftlichen und/oder politischen Auseinandersetzungen und in Teilen davon (Balkan, Afghanistan) ist die EU bereits mit militärischen Kräften engagiert.

Der überwiegende Teil dieser angeführten Gebiete besteht aus Gebirgsregionen, Wüsten und wüstenähnlichen sowie steppenartigen Regionen. Wenn man von einem weiteren Engagement der EU und von Einsätzen zur Konfliktprävention bis hin zur Konfliktbeendigung ausgeht und Österreich gemäß seinen derzeitigen Absichten als Truppensteller fungiert, ist die Wahrscheinlichkeit von Einsätzen dieser Truppen in Gebirgs-, Wüsten-, wüstenähnlichen oder steppenartigen Regionen als relativ hoch zu beurteilen.

Die Erfahrungen von Angehörigen der deutschen Gebirgsjägerbrigade 23 belegen dies: "Im Winterhalbjahr sind - gerade im Kosovo - ganz besondere Fähigkeiten gefordert. Das schwierige Gelände mit seinem hochalpinen Charakter diktiert dies. … Hier sind Fertigkeiten und Fähigkeiten gefordert, wie sie nur im Gebirgskampf ausgebildete Spezialisten haben. … Truppen, die über wenig oder keine Gebirgsausbildung verfügen, können die Aufgaben nicht erfüllen, da örtliche Schmuggler und Kriminelle sehr schnell Stärken und Schwächen der Truppe identifizieren und zu ihrem Vorteil ausnutzen." (Wolfhagen Per: Einsatzerfahrungen der Gebirgsjägerbrigade 23, Europäische Sicherheit 2/2004, S. 42 f, Herford/BRD. Siehe dazu auch TRUPPENDIENST, Heft 5/2005, "Tragtiere im Einsatz, S. 424 ff.) Bezeichnend war auch die Situation für die Kräfte der ehemaligen Sowjetunion in Afghanistan von 1979 bis 1989: Trotz der vielfachen Überlegenheit, der hohen Mobilität, Luftüberlegenheit und der effizienten Feuerunterstützung gelang es den sowjetischen Truppen in Afghanistan nicht, die Mujaheddin zu kontrollieren und ihr Kriegsziel zu erreichen. Der Krieg endete mit dem Rückzug der sowjetischen Streitkräfte. Der Einsatz spielte sich zu einem hohen Anteil im Gebirge ab. Einerseits führen die Straßenverbindungen durch das Gebirge und über hochgelegene Pässe, andererseits nutzten die jagdkampfartig vorgehenden Mujaheddin die Gebirgsregionen als Rückzugsgebiete. Die Sowjets setzten vorwiegend mechanisierte Truppen (motSchützen- und Panzerverbände) ein, welche sowohl von der Ausrüstung und der Ausbildung als auch von den Einsatzgrundsätzen her den im Gebirge erfahrenen Mujaheddin wenig entgegensetzen konnten.

Oberst dG Mag. Reiter formulierte es in TRUPPENDIENST, Heft 2/2003, S. 172 ff. folgendermaßen: "Das Ausbildungsniveau der eingesetzten Kräfte, der Mangel an Vorbereitung für spezifische Gebirgsoperationen und die kaum vorhandene Gebirgstauglichkeit führten sehr bald zu empfindlichen Verlusten. Insgesamt standen viel zu wenig gebirgstaugliche Kräfte zur Verfügung."

Zusammenfassung

Die Ausbildung und Ausrüstung, die Gewöhnung an die besonderen Umfeldbedingungen und die spezifischen Unterschiede von Gebirgsjägern im Vergleich zu Jägerverbänden, die Erfahrungen anderer Armeen in Verbindung mit den genannten Besonderheiten des Gebirgskampfes und des Gebirges schlechthin lassen die besondere Eignung dieser Waffengattung für Aufträge nicht nur in Gebirgsregionen sondern auch in arktischen Gebieten, Hochebenen, Wüstengebieten und Dschungelregionen erkennen. Diese "Universalität auf einer anspruchsvollen Ebene" stellt einen entscheidenden Vorteil der Gebirgsjäger dar, der sonst nur noch bei Spezialeinsatzkräften (Jagdkommando) zu finden ist.

Das Besondere an Gebirgstruppen ist es, dass sie es gewöhnt sind, unter extremen Umweltbedingungen zu leben und zu überleben, und sie damit ihre Energie voll auf die Erfüllung des Auftrages konzentrieren können. Dazu befähigt sie in erster Linie ihre Ausbildung sowie die optimierte Bekleidung und Ausrüstung.

Einsätze des Bundesheeres im Inland, zumindest zu Assistenzleistungen bei Naturereignissen außergewöhnlichen Umfanges, wird es auch in Zukunft, möglicherweise sogar in verstärktem Ausmaß aufgrund der globalen Klimaveränderungen geben. Ein beträchtlicher Anteil davon wird sich im Gebirge abspielen.

Vergleichbare Einsätze in Gebirgsregionen der Welt, bei denen sich Österreich aus humanitären Gründen mit Hilfstruppen beteiligen wird, sind ebenfalls sehr wahrscheinlich. Darüber hinaus sind auch Einsätze zum Schutz solcher Hilfstruppen denkbar.

Einsätze im Rahmen der Europäischen Union (Petersberg-Aufgaben) unter österreichischer Beteiligung in Gebirgs- und gebirgsähnlichen Regionen sind ebenfalls nicht auszuschließen bzw. sind bereits im Gange (Kosovo).

Gebirgstruppen können nach kurzer Vorbereitung (Spezialtraining) auch in Dschungelgebieten und Wüstengebieten effizienter als andere Infanteriekräfte verwendet werden.

Aufgrund der besonderen Ausbildung und der Anforderungen, die an Soldaten von Gebirgstruppen gestellt werden (Belastbarkeit, körperliche Fitness, Mut …), sind diese auch in herkömmlichen Einsätzen zumeist effektiver verwendbar als eine Infanterie ohne spezialisierte Ausbildung.

Das Österreichische Bundesheer verfügt über ein enormes Potenzial an Wissen, was den Gebirgseinsatz betrifft, sowie über eine große Zahl von qualifiziertem Alpinfachpersonal. Mit dem Konzept ÖBH 2010 und der Aufstellung von Kaderpräsenzeinheiten für die Bewältigung zukünftiger Aufgaben öffnet sich für das Bundesheer eine neue Chance, sich eindeutig zu einer Gebirgstruppe zu bekennen, einer Waffengattung, die heute und in Zukunft wegen der rasanten technologischen Entwicklung unverzichtbar und aufgrund ihrer Spezialisierung unersetzbar ist. Eine Namensgebung wie z. B. Gebirgsjägerbataillone oder Hochgebirgsbataillone wäre ein erster Schritt.

___________________________________ ___________________________________ Autor: Oberstleutnant Johann Zagajsek, MSD, Jahrgang 1960. 1980 bis 1983 Offiziersausbildung an der Theresianischen Militärakademie; 1983 bis 1991 Verwendung als Zugskommandant, stellvertretender Kompaniekommandant und Kompaniekommandant im Landwehrstammregiment 62. 1991 bis 1999 Dienst im Jägerregiment 6 als stellvertretender S3 und ABC-Abwehroffizier sowie als Mobilmachungsoffizier. 1999 bei der Lawinenkatastrophe in Galtür Kommandant der militärischen Lawineneinsatzkräfte und verantwortlich für die Evakuierung von 3 000 Personen. 1999 bis 2003 S3 bzw. S2 der 6. Jägerbrigade. 2003 Verbindungsoffizier beim 21. US Theater Support Command (TSC). Mitarbeit in den Stäben bei zahlreichen NATO-PfP-Übungen. Seit 2003 Kommandant des gebirgsbeweglichen Jägerbataillons 23.

Eigentümer und Herausgeber: Bundesministerium für Landesverteidigung | Roßauer Lände 1, 1090 Wien
Impressum | Kontakt | Datenschutz