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Fallujah - Kampf um eine irakische Stadt (I)

Am 7. Juni 2006 gelang den amerikanischen Truppen im Irak ein wichtiger Erfolg in ihrem Kampf gegen die irakischen Aufständischen: Abu Musab Al-Zarqawi, einer der grausamsten Anführer der irakischen Widerstandsbewegung, konnte mit einem gezielten Bombenangriff ausgeschaltet werden. Damit fand der Mythos um einen Mann ein Ende, dessen Name eng mit dem der irakischen Stadt Fallujah verbunden ist - Fallujah, Ausgangspunkt seiner extremistischen Bewegung und Basis für seine brutalen Entführungen und Anschläge. Doch wie konnte diese Stadt, deren Namen zuvor völlig unbekannt war, zu einer Hochburg des irakischen Widerstandes werden, und warum gelang es den amerikanischen Truppen nicht, dies zu unterbinden?

Die Stadt Fallujah mit einer Ausdehnung von zirka 5 x 4 Kilometern liegt westlich von Bagdad in der sunnitisch dominierten Provinz Al-Anbar am ostseitigen Ufer des Euphrat. Durch die Stadt führt eine der wichtigsten Verbindungsrouten des Irak: Der sechsspurige Highway 10, der von Bagdad bis an die westirakische Grenze zu Jordanien reicht.

Zwei wichtige Brücken verbinden Fallujah mit dem Westufer des Flusses. Die Bausubstanz von Fallujah entspricht jener der rasch wachsenden Städte des Nahen und Mittleren Ostens: Schachbrettartig angelegte Straßenzüge und dazwischen eng verbaut, maximal zwei- bis dreigeschossige Häuserblocks mit Flachdächern und ummauerten Vorgärten.

In Fallujah leben ca. 280 000 Iraker, welche vor allem der sunnitischen Glaubensrichtung des Islam angehören. Extremistische Anhänger der Sufisten, Salafisten und der Moslembruderschaft stellen die geistlichen Führer der Stadt. Imame wie Abdullah Al-Janabi und Zafir Al-Obeidi bilden die religiöse Elite der Stadt. Auf der weltlichen Seite wird Fallujah von vier mächtigen sunnitischen Familien regiert: Zawbaa, Al-Jamilat, Bu Eisa und Al-Mahameda. Daneben gibt es einige kleinere Klans wie Tamim, Bani Kabis, Al-Fayad, Al-Aneen und Al-Raween.

Der Übergang zwischen dem islamischen Glauben und dem traditionellen Klansystem ist fließend. Haben Imame und Klanführer eine Entscheidung getroffen, ist diese für das einfache Volk bindend. Die Stadt Fallujah ist übersät mit 47 Moscheen und weiteren rund 50 islamischen Glaubenshäusern in den umliegenden Dörfern und Außenbezirken. Dieser Umstand gab Fallujah den Namen "Stadt der hundert Moscheen".

Fallujah und seine Einwohner sollten der Nährboden für die zukünftige irakische Aufstandsbewegung in diesem Raum sein. Doch vorerst, im April 2003, beim Einmarsch der von den Amerikanern geführten Koalition im Irak, schienen sich die religiösen und weltlichen Führer der Stadt Fallujah dafür entschieden zu haben, sich mit den neuen Besatzern zu arrangieren.

Einmarsch in Fallujah

Die Stadt Fallujah und die umliegenden Orte wurden Ende April 2003 von amerikanischen Fallschirmjägern einer Brigade der 82nd Airborne Division eingenommen. Die Kämpfe in der Stadt selbst hielten sich in Grenzen und erste Kontaktaufnahmen der Amerikaner mit den dort ansässigen Irakern ließen erkennen, dass man von irakischer Seite - zwar mit Widerwillen, aber doch - die Besatzer dulden würde.

Dann geschah etwas, das für die weitere Entwicklung in der Stadt entscheidend sein sollte: In den Abendstunden des 28. April 2003 demonstrierte eine irakische Menschenmenge von einigen Hundert Personen vor dem neu errichteten Hauptquartier der Amerikaner in Fallujah. Der Grund für die Demonstration: Amerikanische Truppen waren unter anderem in einem Schulgebäude untergebracht worden, und die Menge forderte, dass dieses wieder freigemacht werde, um den Kindern den Schulbesuch zu ermöglichen. Als einige Iraker begannen, mit automatischen Waffen in die Luft zu schießen, eskalierte die Situation. Während des folgenden Schusswechsels wurden 15 irakische Männer, Frauen und Kinder von den Amerikanern erschossen, weil sie glaubten, sie würden angegriffen.

Damit hatten die Amerikaner die "Hearts and Minds" der Einwohner Fallujahs mit einem Schlag verloren. Nun kam ein weiterer Aspekt hinzu, der sich äußerst negativ auswirken sollte. Schon bald nach dem Einmarsch im Irak begann der Zustrom von ausländischen Kämpfern in das Zweistromland. Arabische Extremisten aus dem Jemen, aus Ägypten, Syrien, Tunesien, Saudi-Arabien und Jordanien kamen in den Irak, um dort den Jihad, also den "Heiligen Krieg" zu führen. Erster Anlaufpunkt all jener, die über die jordanische, syrische und saudische Grenze im Westen des Irak kamen, war die Stadt Fallujah. Dort fanden sie nach den Ereignissen des 28. April leicht Unterschlupf. Fallujah begann sich langsam, aber stetig zur Basis der Widerstandskämpfer im Westirak zu entwickeln.

Entstehung der Widerstandsbewegung

Für die Einwohner und vor allem für die religiösen und weltlichen Führer von Fallujah war nach ihrem Rechtsverständnis klar, dass der Tod ihrer Mitbürger mit allen Mitteln gesühnt werden musste. Der damalige Bürgermeister von Fallujah, Teha Bedawi, sprach gegenüber den Amerikanern die Warnung aus, dass diese von nun an mit massiven Vergeltungsschlägen zu rechnen hätten. Die Amerikaner maßen diesen Entwicklungen vorerst keine Bedeutung zu. Die Verbände der 82nd Airborne Division wurden im Mai durch das 3rd Armored Cavalry Regiment und danach durch die 2nd Brigade der 3rd Infantry Division ersetzt. In der Stadt Fallujah wurden dabei vorerst immer nur Kräfte in der Stärke eines Bataillons eingesetzt. Diese Verbände beschränkten sich auf die übliche Vorgehensweise: Errichten und Betreiben von Checkpoints, Durchführen von Patrouillen und Hausdurchsuchungen. Doch jede eingeschlagene Türe, jede verängstigte, aus dem Schlaf gerissene Familie steigerte die Wut der Iraker auf die Amerikaner. Eine zunehmende Zahl von Anschlägen, vorrangig ausgeführt mit Hilfe von "Improvised Explosive Devices" (IEDs oder auch Roadside Bombs), war die Antwort der Iraker.

Die Amerikaner versuchten nun schrittweise, die Verantwortung an neu aufgestellte irakische Polizeieinheiten zu übergeben und durch den massiven Einsatz von Spendengeldern den Rückhalt der Bevölkerung wiederzufinden.

Im September 2004 sollten im Zuge des Rotationswechsels der amerikanischen Truppen erneut Einheiten der 82nd Airborne Division nach Fallujah zurückkommen. Einheiten jener Division, welche im April das Massaker verursacht hatten. Für die Einwohner von Fallujah war dies ein Schlag ins Gesicht. Erneut kam es zu einem Ereignis, welches sich negativ auswirken sollte. Bei einem "Friendly Fire"-Zwischenfall zwischen US-Einheiten und der irakischen Polizei vor dem Spital in Fallujah wurden sieben irakische Polizisten und ein Wachmann - jedoch kein amerikanischer Soldat - getötet. Dieser Vorfall führte dazu, dass viele irakische Polizisten, welche auch so schon schwer damit zu kämpfen hatten, das Vertrauen der irakischen Bevölkerung zu erlangen, sich nun der im Entstehen begriffenen Widerstandsbewegung anschlossen.

Anschläge und Vergeltungsschläge

Schon im Oktober 2003 begannen sich die Anschläge zu häufen. Am 2. November 2003 wurde ein amerikanischer Hubschrauber vom Typ CH-47 "Chinook" bei Fallujah von zwei Fliegerabwehrlenkwaffen SA-7 (GRAIL) getroffen. Der Hubschrauber stürzte ab und 15 amerikanische Soldaten starben - seit dem Einmarsch 2003 waren dies die höchsten Verluste an einem Tag. Der Abschuss des Hubschraubers wurde von den Einwohnern Fallujahs auf den Straßen gefeiert; die Situation in Fallujah begann zu eskalieren.

Die Angriffe der Aufständischen auf amerikanische Patrouillen durch IEDs verdoppelten sich. Diesen Attacken der Aufständischen und dem Beschuss mit Granatwerfern begegneten die Amerikaner mit gezielten Luftschlägen gegen vermutete Hinterhalte sowie mit Artilleriegegenfeuer auf die Granatwerferstellungen. Die amerikanischen Vergeltungsangriffe richteten sich jedoch auch gegen Ziele innerhalb des verbauten Gebietes und verursachten zunehmend Zerstörungen der Infrastruktur und Opfer unter der Zivilbevölkerung.

Zum Jahreswechsel war es den Amerikanern schließlich nicht mehr möglich, sich in der Stadt zu bewegen, ohne angegriffen zu werden. Mit zielgerichteten Einsätzen, durchgeführt von "Special Forces"-Einheiten (Task-Forces 6-26 und 1-21), versuchten die US-Streitkräfte nun, der Führer der Widerstandsbewegung habhaft zu werden. Doch die Bewegung, welche sich in Fallujah erfolgreich etabliert hatte, begann nun auch auf andere Städte in der Provinz Al-Anbar, wie auf Ramadi, überzugreifen, und erstmals tauchte in Fallujah eine Organisation namens "Al-Tawhid wal-Jihad" ("Einigkeit und Heiliger Krieg") auf. Der Name ihres aus Jordanien stammenden radikalen Führers: Abu Musab Al-Zarqawi.

Einsatz des USMC

Im Februar 2004 wurden zwei Bataillone der neu aufgestellten irakischen Nationalgarde (ING) nach Fallujah verlegt. Sie sollten die auf verlorenem Posten stehende irakische Polizei unterstützen und die Amerikaner entlasten. Die Aufständischen reagierten auf die Entsendung in ihrer eigenen Art: Sie griffen das Hauptquartier der irakischen Polizei an, töteten 23 irakische Polizisten und befreiten 75 ihrer Mitkämpfer aus dem Gefängnis. Die beiden ING-Bataillone wurden wieder abgezogen und vorerst in der Umgebung von Fallujah stationiert.

Anfang März wurden die Einheiten der US Army schließlich abgezogen. Das zuletzt eingesetzte Bataillon der 82nd Airborne Division hatte in Fallujah während seines siebenmonatigen Einsatzes 94 Mann durch Tod oder Verwundung verloren. Nun erschien das United States Marine Corps (USMC) auf der Bildfläche. Die Verbände der 1st Marine Division (MajGen James N. Mattis) der 1st Marine Expeditionary Force (LtGen James T. Conway) sollten die Situation in Fallujah unter Kontrolle bringen.

Die Marines waren nach ihrem erfolgreichen Vormarsch auf Bagdad im März und April 2003 zur Recreation wieder nach Amerika verlegt worden. Nun, bei ihrer erneuten Rückkehr in den Irak, sollten sie als Auftakt das Problem Fallujah lösen. LtGen Conway und MajGen Mattis hatten sich für Fallujah einen besonderen Kampfplan zurechtgelegt. Nicht offensive Operationen wie "Sweeps and Raids", wie zuvor von der US Army angewandt, sollten zum Ziel führen, sondern ein Konzept, das sich bereits in Vietnam bewährt hatte: das "Combined Action Platoon Program" (CAP-Program). Das Ziel war, die Kräfte nicht in Basen zu konzentrieren, sondern in Gruppenstärke unmittelbar bei der Bevölkerung unterzubringen. So konnte man einerseits das Vertrauen der Einheimischen gewinnen und andererseits einen großen Raum erfolgreich überwachen. "An die Türe klopfen und diese nicht eintreten" sollte das Motto der Marines sein. Ende März 2004 übernahm das 2nd Battalion des 1st Marine Regiment (Bn 2-1) das Kommando in Fallujah.

Operation "VIGILANT RESOLVE"

Am 31. März 2004 fuhren vier Angehörige der privaten Sicherheitsfirma "Blackwater" auf dem Highway 10 durch Fallujah. Sie begleiteten in zwei zivilen Mitsubishi "Pajero"-Geländewagen einen Versorgungstransport. Unmittelbar vor der Brücke über den Euphrat wurden die Amerikaner von Widerstandskämpfern mit automatischen Waffen angegriffen. Ungeschützt in den ungepanzerten Fahrzeugen wurden sie von den Kugeln getroffen. Die Körper der Männer wurden aus dem Wagen gezerrt, verstümmelt, mit Benzin übergossen und angezündet. Danach wurden die vier misshandelten Leichen an der Brücke über den Euphrat aufgehängt.

Als die Bilder über die Fernsehschirme in den Vereinigten Staaten liefen, wurden die bestürzten Amerikaner an die Szenen in der somalischen Hauptstadt Mogadischu erinnert, wo 1993 die Leichen der Besatzung eines abgeschossenen "Black Hawk"-Hubschraubers in ähnlicher Weise einem Mob zum Opfer fielen. Die amerikanische Öffentlichkeit war geschockt. Gen John P. Abizaid, Kommandant des "Central Command" (CENTCOM), und LtGen Ricardo S. Sanchez, der Kommandant der "Joint Task Force" (JTF) und somit der Kommandant aller alliierten Truppen im Irak, standen unter Druck aus Washington. Der amerikanische Präsident George W. Bush zeigte sich über die Bilder erbost. Er verlangte ein rasches und entschlossenes Handeln seiner Streitkräfte. Botschafter L. Paul Bremer, der Leiter der "Coalition Provisional Authority" (CPA) im Irak, trat vor das irakische Fernsehen und versprach: "…dass die Schuldigen zur Rechenschaft gezogen werden." Am 2. April 2004 erhielt die 1st Marine Expeditionary Force (1st MEF) von der JTF den Auftrag, unverzüglich mit offensiven Operationen in Fallujah zu beginnen. Der Einwand von LtGen Conway, der 1st MEF mehr Zeit zu geben, die Verantwortlichen für den Vorfall zu finden, blieb ungehört. Auch die Frage, wie man denn mit den zur Verfügung stehenden Kräften eine Stadt mit 280 000 Einwohnern angreifen sollte, blieb unbeantwortet.

In der nun folgenden Operation "VIGILANT RESOLVE" sollten, beginnend mit dem 4. April 2004, zwei Bataillone des USMC die Stadt einnehmen. Die 1st Marine Division beauftragte dazu das Regimental Combat Team 1 (RCT-1) unter Col John Toolan. Das 2nd Battalion des 1st Marine Regiment (Bn 2-1) unter LtCol Gregg Olsen hatte den Auftrag, die Stadt von Nordwesten her einzunehmen, während das 1st Battalion des 5th Marine Regiment (Bn 1-5) unter Col Brennan T. Byrne von Südosten vorrücken sollte. Bei dieser Zangenbewegung würden sie von weiteren USMC-Verbänden (drei Bataillonen, darunter das 1st Light Armored Reconnaissance Battalion), welche einen Ring um die Stadt ziehen sollten, unterstützt werden. Zusätzlich sollte von irakischen Einheiten, dem 36th Commando Battailon, gestellt von hauptsächlich kurdischen Soldaten, sowie Teilen der beiden im Raum Fallujah stationierten Bataillone der irakischen Nationalgarde Unterstützung kommen. Am Abend des 4. April war der Umfassungsring geschlossen, und die Einheiten der beiden Bataillone begannen mit ihrem Vormarsch ins Stadtzentrum. Der Angriff auf Fallujah sollte bei Dunkelheit erfolgen, da zu diesem Zeitpunkt die amerikanischen Soldaten mit ihren Nachtsichtgeräten überlegen waren.

Heftige Gegenwehr

Die Widerstandsbewegung in Fallujah war zum Zeitpunkt der ersten Offensive in unterschiedliche Personengruppen gegliedert. Rund 20 informelle Führer kontrollierten einen Kern von etwa 1 600 Kämpfern. Eine Mischung aus einheimischen ehemaligen Angehörigen des Baath-Regimes und der Armee, Jugendlichen und Kriminellen sowie ausländischen selbsternannten "Heiligen Kriegern", Mujaheddin und Terroristen. Was sie alle gemeinsam hatten, war der unbändige Hass auf die Besatzer.

Als die Amerikaner nun in die Stadt vordrangen, trafen sie auf die geballte Abwehr dieser Kräfte. Bereits am Morgen des 5. April gerieten die Bewegungen der beiden Bataillone ins Stocken. Das Bn 2-1, begleitet von einer Kompanie des irakischen 36th Commando Battalion, steckte im Nordwesten im Bereich des Jolan-Friedhofes fest, während das Bn 1-5 im Industriegebiet südostwärts des Highway 10 zum Stehen gekommen war. Beide Verbände stießen auf heftige Gegenwehr. Die Aufständischen hatten die vorrückenden Kompanien gezielt mit automatischen Waffen vom Typ AK-47 und RPK sowie Panzerabwehrrohren vom Typ RPG angegriffen.

Bei den Marines gab es die ersten Toten und Verwundeten. Col Toolan entschloss sich, ein weiteres Bataillon des RCT-1 einzusetzen. Das 3rd Battalion des 4th Marine Regiment (Bn 3-4) unter Col McCoy sollte - beginnend mit 6. April - nördlich des Bn 1-5 in die nordostwärtigen Stadtbezirke von Fallujah vorstoßen. Das Bn 2-1 sollte seine Stellungen als "Amboss" im Raum Jolan halten, während die beiden Bataillone Bn 1-5 und Bn 3-4 die Aufständischen als "Hammer" in diesen Raum drücken würden.

Zusätzlich sollte auch das 2nd Battalion der neu gebildeten 1st Brigade der ING eingesetzt werden. Dies erwies sich jedoch als gänzlicher Fehlschlag. Als der irakische Verband, begleitet von amerikanischen Beratern und Ausbildern der "Special Forces" am 5. April nach Fallujah nachgeführt wurde, griffen Aufständische den Konvoi sofort an. Das Gefecht endete in einem Chaos. Erst der Einsatz von zwei Kampfhubschraubern vom Typ AH-64 "Apache" konnte verhindern, dass der Konvoi aufgerieben wurde. Von den 700 irakischen Soldaten der Nationalgarde waren Dutzende verletzt, über 100 hatten sich zu den Aufständischen abgesetzt, und der Rest weigerte sich, weiter vorzugehen.

Landesweite Unruhen

Neben dem ins Stocken geratenen Vormarsch in Fallujah kam es in anderen Städten zu weiteren Problemen. In Ramadi, einer Stadt mit 400 000 Einwohnern westlich von Fallujah, hatten dortige Widerstandskämpfer ebenfalls begonnen, die amerikanischen Truppen anzugreifen; offensichtlich, um den Druck der Amerikaner auf ihre Brüder in Fallujah herabzusetzen. Das in Ramadi stationierte 2nd Battalion des 4th Marine Regiment (Bn 2-4) unter LtCol Paul Kennedy war ebenfalls nach dem CAP-Program eingesetzt worden. Eine Vielzahl von kleinen gruppenstarken Patrouillen war in der Stadt unterwegs. Ein Umstand, der sich nun als tödliche Falle herausstellte. Das Konzept des "Satellite Patrolling", erfolgreich von den Briten in Nordirland eingesetzt, beruht darauf, dass eine angegriffene Patrouille rasch Hilfe von benachbarten Patrouillen bekommen sollte.

Dieses System funktioniert jedoch nicht, wenn nahezu zeitgleich alle Patrouillen in Hinterhalte geraten oder angegriffen werden. Dies geschah am 6. April 2004 in Ramadi. An diesem Tag starben bei heftigen Gefechten zwölf Marines und mehrere Dutzend wurden verletzt. Die Echo-Company des Bn 2-4, bei der eine Gruppe Marines von den Aufständischen in einem Hinterhalt an einer Straßenkreuzung zur Gänze aufgerieben worden war, hatte acht Tote zu beklagen.

Doch nicht nur in Fallujah und Ramadi war die Situation eskaliert. Nachdem Anfang April die Zeitung "Hawza" des radikalen Schiitenführers Moqtada Al-Sadr verboten und einer seiner Getreuen verhaftet worden war, rief Al-Sadr zum Aufstand. Tausende Angehörige seiner Sadr-Milizen griffen daraufhin die Koalitionstruppen in den Städten Bagdad, Kufa, Kerbala, Najaf, Nasiriya, Kut und Basra an. Nicht nur die Amerikaner in Fallujah und Ramadi, auch ihre Alliierten waren nun den Attacken Aufständischer ausgesetzt. In Kut zogen sich die Bulgaren und in Najaf die Spanier umgehend in ihre Camps zurück. Die Ukrainer in Kut wurden sogar in ihrem Camp belagert. Es schien, als wäre ein landesweiter Aufstand ausgebrochen.

Die Medien tatan das ihre dazu, diesen Eindruck zu verstärken. Nach Fallujah waren von den dortigen Aufständischen zu diesem Zweck eigens Fernsehteams der arabischen Sender "Al-Jazeera" und "Al-Arabiya" eingeladen worden. Mit den Angriffen der Amerikaner begannen die Berichterstattungen aus dem Spital von Fallujah, wo nun vor laufenden Kameras Schwerverletzte eingeliefert wurden. Weiters berichteten die Medien über Luftangriffe auf Moscheen und von Hunderten getöteten Zivilisten.

In Bagdad riefen die Mullahs die Gläubigen dazu auf, für die verletzten Brüder in Fallujah Blut zu spenden, und in den Medien der arabischen Welt sprach man gar von einer "Intifada" im Irak, wie jener in den Palästinenser-Gebieten.

Vom 7. bis zum 9. April versuchten die Einheiten des USMC vergebens, in Fallujah weiter voranzukommen. Der Einsatz eines dritten Bataillons hatte sich als nicht ausreichend erwiesen. Dem Bn 1-5 war es zwar gelungen, das Industrieviertel im Südosten von Fallujah einzunehmen, doch von hier schien es kein Weiterkommen zu geben. Die Angriffe der Aufständischen waren zu heftig und die eigenen Kräfte zu gering, um erfolgreich weiter anzugreifen. Das Bn 2-1 hatte sich im Raum Jolan festgesetzt, während dem Bn 3-4 vorerst am ostwärtigen Stadtrand das Halten befohlen wurde, da ein gleichzeitiger Ansatz mit dem Bn 1-5 im Süden nicht möglich schien. Über 75 Prozent der Stadt Fallujah waren noch immer in den Händen der Aufständischen. Der geplante "offensive" Einsatz der Amerikaner beschränkte sich von nun an auf das Anfordern von Artillerie- und Luftunterstützung auf aufgeklärte Ziele vor den eigenen Stellungen oder innerhalb der Stadt.

Die Offensive wird gestoppt

Die Amerikaner saßen in der Zwickmühle. Ihre Offensive in Fallujah hatte sich festgefahren, und die Medien der arabischen, aber auch der westlichen Welt überschlugen sich mit negativen Meldungen. Innerhalb von nur einer Woche waren in Fallujah und Ramadi 33 Marines getötet und Hunderte verletzt worden. Selbst die von den Amerikanern eingesetzte irakische Übergangsregierung begann zunehmend das "unangemessene" amerikanische Vorgehen zu kritisieren.

Die amerikanische Offensive in Fallujah begann die schon zuvor kaum vorhandene politische Stabilität des Irak zu gefährden. Sogar die britischen Verbündeten gaben den Amerikanern zu verstehen, dass sie mit der Art und Weise ihres Vorgehens in Fallujah nicht einverstanden waren.

Nun war die Offensive zu einem politischen Problem geworden. Die Telefone zwischen Bagdad und Washington liefen heiß und am 10. April erhielt schließlich die 1st MEF von der JTF den Befehl, alle offensiven Operationen zu stoppen. Nur mehr Einsätze zur "… Anpassung der Stellungen an den taktischen Einsatz" waren erlaubt. Die Operation "VIGILANT RESOLVE" war gescheitert.

Von General Abizaid und Botschafter Bremer wurde ein einseitiger Waffenstillstand erklärt, doch die Gefechte in Fallujah gingen unvermindert weiter. Die Aufständischen griffen ab nun die bedrängten Marines an. Es dauerte schließlich bis zum 13. April, bis die Masse der Angriffe abgewehrt worden war. Die Verluste bei den Marines stiegen von 33 auf 42. Das Bn 3-4, welchem am ostwärtigen Stadtrand das Halten befohlen war, litt unter zunehmendem Granatwerferfeuer. Col Toolan befahl dem Bataillon daraufhin am 11. April, die nordostwärtigen Stadtbezirke Fallujahs einzunehmen. Dies gelang, und sofort ließ das Granatwerferfeuer nach. Im Gegenzug war man nun, wie die beiden anderen Bataillone in Fallujah, in heftige Straßenkämpfe verwickelt.

Pattsituation

In den nächsten Tagen begannen die Amerikaner damit, mit Vertretern der Widerstandsbewegung Verhandlungen zu führen. Dazu wurde ein eigenes "Fallujah Liaison Center" außerhalb der Stadt eingerichtet. Ibrahim Al-Juraissey, der neue Bürgermeister von Fallujah, betonte, dass es die Absicht der Einwohner von Fallujah sei, sich gegen die fremden Eindringlinge zu wehren. Würde die Stadt unter eigener Verwaltung stehen, wäre man aber dazu bereit, Angriffe auf die amerikanischen Truppen außerhalb der Stadt einzustellen.

Die Aufständischen in Fallujah rühmten sich, erstmals mehrere internationale Geiseln, darunter den Amerikaner Nicholas Berg, in ihrer Gewalt zu haben. Es häuften sich auch Überfälle auf Konvois in der Umgebung von Fallujah. MajGen Mattis entschied daraufhin, Verbände des Regimental Combat Team 7 (RCT-7) unter Col Craig Tucker für verstärkte Einsätze rund um Fallujah heranzuziehen. Dazu wurden das Bn 2-7 sowie das 3rd Light Armored Reconnaissance Battalion (3st LAR) eingesetzt.

Die Situation in Fallujah verbesserte sich in den nächsten Wochen kaum. Ende April befanden sich alle drei Bataillone in Fallujah in einem zermürbenden Stellungskrieg mit den Aufständischen. Zur Entlastung wurde nun im Südwesten von Fallujah ein weiteres Bataillon zum Einsatz gebracht. Das Bn 2-2 unter Col Gyles Kyser sollte bei einem möglichen weiteren Angriff, wie zuvor das Bn 3-4 im Nordosten, das Bn 1-5 beim Angriff Richtung Nordwesten unterstützen. Zu diesem Zweck wurde der südwestliche Stadtrand von Fallujah vom Bn 2-2 Ende April eingenommen. Mit den drei Bataillonen Bn 3-4, Bn 1-5 und Bn 2-2 wollte man die Widerstandskämpfer in Richtung des Jolan-Friedhofes und des dort eingesetzten Bn 2-1 treiben.

Doch ein entsprechender Angriffsbefehl wurde nie erteilt. Im Gegenteil, Präsident George W. Bush erklärte am 23. April: "… der Großteil von Fallujah kehrt zurück zur Normalität". Die politische Führung der USA war offensichtlich wie gelähmt von den Auswirkungen, den die Medienberichte über den katastrophalen Verlauf der Operation "VIGILANT RESOLVE" auf die weltweite öffentliche Meinung gehabt hatten. Noch dazu stand die amerikanische Präsidentenwahl unmittelbar bevor: Präsident George W. Bush und sein Herausforderer Jim Kerry standen mitten im Wahlkampf, und jedes Ansteigen von Verlusten im Irak konnte negative Auswirkungen auf die Wahl haben.

Trotz der Warnungen hoher amerikanischer Offiziere geschah nun genau das, was man eigentlich vermeiden hatte wollen: Durch den vermeintlichen "Sieg" der Widerstandskämpfer in Fallujah erhielten diese immer mehr Zulauf. Unerkannt von den Amerikanern zogen Scharen - vorwiegend ausländische Kämpfer - nach Fallujah, um sich dort auf den bevorstehenden "Endkampf" vorzubereiten. Die Gefechte in und um Fallujah gingen trotz des von den US-Streitkräften einseitig ausgerufenen "Waffenstillstandes" unvermindert weiter. 2004 hatten die Amerikaner im Irak pro Monat ca. 60 gefallene Soldaten zu beklagen. Im April 2004 wurden 136 US-Soldaten (davon 9 bei Unfällen) getötet. 55 davon starben in der Provinz Al-Anbar. Die Zahl an Verwundeten in diesem Monat stieg auf 1 212 Personen an. Über die Hälfte der Soldaten hatte schwere Verletzungen erlitten. Bei mehr als 150 Luftangriffen waren in Fallujah rund 100 Gebäude (darunter zwei Moscheen) zerstört worden, und dabei starben zwischen 600 und 1 000 Iraker, Aufständische wie Zivilisten.

(wird fortgesetzt) ___________________________________ ___________________________________ Autor: Oberleutnant Mag. (FH) Markus Reisner; Jahrgang 1978. 1997 Einjährigen-Freiwilligen-Ausbildung im Stabsbataillon 3 in Amstetten; 1999 bis 2002 Theresianische Militärakademie, Jahrgang Sachsen-Coburg; Ausmusterung zum Aufklärungsbataillon 2 nach Salzburg; Verwendung als Zugskommandant, stellvertretender Kompaniekommandant und Ausbildungsoffizier einer Aufklärungskompanie. 2003 Absolvierung des 34. Jagdkommando-Grundkurses; Auslandseinsatz und Einzelentsendungen nach Bosnien und in das Kosovo. Derzeit Verwendung als stellvertretender Kompaniekommandant und Ausbildungsoffizier der 2. Jagdkommandokompanie.

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