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Auslandseinsätze des Bundesheeres: zurückhaltende Akzeptanz im Offizierskorps

Eine vom Heerespsychologischen Dienst im Auftrag des Führungsstabes durchgeführte Studie bringt es an den Tag: Die Bereitschaft der Offiziere des Bundesheeres, an einem Auslandseinsatz teilzunehmen, ist - mit Einschränkungen - gegeben. Die Tendenz ist jedoch abnehmend. Die größten Hemmschwellen für die Teilnahme an Auslandseinsätzen sind neben der Trennung von der Familie vor allem die dienstliche Unabkömmlichkeit und Nachteile, welche die Betroffenen befürchten, wenn sie während des derzeitigen Reformprozesses nicht an ihrer Dienststelle anwesend sind.

Der Heerespsychologische Dienst des Heerespersonalamtes hat in enger Zusammenarbeit mit der Abteilung Marketing eine anonyme Befragung der Offiziere des Aktivstandes - ausgenommen Offiziere des Generalstabsdienstes - durchgeführt. Ziel dieser Befragung war es, festzustellen, wie das Offizierskorps dem Thema Einsatz bzw. Verwendung im Ausland grundsätzlich gegenübersteht und wie die damit verbundenen Rahmenbedingungen beurteilt werden. Die Befragten hatten dabei die Möglichkeit, ehrlich und ungeschminkt zu berichten, wo sie "der Schuh drückt". Dies ist insbesondere deswegen von Bedeutung, da die Bereitschaft der Offiziere, sich für einen Auslandseinsatz oder eine sonstige Auslandsverwendung zu melden, tendenziell abnimmt. Am stärksten ist dieser Trend bei Offizieren in höheren Kommandanten- und Stabsfunktionen zu beobachten. Grund für die Befragung war die Absicht des Führungsstabes, die Personalaufbringung für Auslandsverwendungen zu erhöhen beziehungsweise zu optimieren.

Als Mitglied der Europäischen Union ist Österreich auch an der Gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik (GASP) der EU beteiligt. Daraus resultieren entsprechende Forderungen, wie die vermehrte Beteiligung österreichischer Soldaten in Führungsstäben und Hauptquartieren sowie die notwendige Weiterentwicklung der Kräfte in Internationalen Operationen/Kaderpräsenzeinheiten (KIOP-KPE). Um nun die Rahmenbedingungen der Personalaufbringung im Offiziersbereich zu optimieren, muss angesichts der Ergebnisse der Offiziersbefragung auf diese Entwicklung reagiert werden.

Statistische Eckdaten der Befragung

An der Befragung beteiligten sich 1 044 Offiziere, von denen 1 035 gültige Rückmeldungen kamen. Die Zusammensetzung hinsichtlich der Altersstruktur kann weitgehend als repräsentativ angesehen werden.

Um für den Vergleich von Altersgruppen brauchbare Stichprobengrößen zu erhalten, wurden für die Auswertung lediglich drei Alterskategorien unterschieden: - Offiziere bis 35 Jahre; - Offiziere von 36 bis 45 Jahre; - Offiziere über 45 Jahre.

Mehr als die Hälfte der Angaben in den Fragebögen stammen von Offizieren, die zumindest an einem Auslandseinsatz teilgenommen haben.

Grundsätzliche Einstellung zum Thema Auslandseinsätze

Aus den Rückmeldungen der 1 044 Offiziere - dies entspricht einer Rücklaufquote von 43,5 Prozent - liegen folgende Erkenntnisse vor: Hinsichtlich der Einsatzspektren sind sowohl humanitäre Einsätze als auch Einsätze in Europa kaum umstritten. Von den befragten Offizieren werden Beobachter-Einsätze häufiger befürwortet als friedenssichernde Einsätze des Bundesheeres außerhalb Europas, wobei unter den außereuropäischen Gebieten am ehesten noch der Nahe Osten und Nordafrika akzeptiert werden. Etwas weniger als die Hälfte der befragten Offiziere stimmen auch der Teilnahme an friedenserzwingenden Einsätzen zu. Die Teilnahme an allen Arten von internationalen Einsätzen befürworten nur noch knapp 40 Prozent der Offiziere. Rund drei Viertel der Offiziere, die einen Auslandseinsatz anstreben, befürworten eine Beschränkung der Einsätze auf solche, die in einem unmittelbar erkennbaren Zusammenhang mit der Sicherheit Europas stehen. Am häufigsten wird eine Beteiligung an Einsätzen insbesondere in Zentral- und Ostafrika ausgeschlossen.

Neben den zahlreichen im Fragebogen präsentierten Einsatzspektren wurde auch die grundsätzliche Frage gestellt, ob das Österreichische Bundesheer (ÖBH) an überhaupt keinen internationalen Einsätzen teilnehmen sollte. 35 von 946 Offizieren, die zu diesem Punkt Stellung genommen hatten, befürworten dies. Damit sind lediglich 3,7 Prozent der Offiziere, von denen diesbezügliche Rückmeldungen vorliegen, der Meinung, dass das Bundesheer an überhaupt keinen internationalen Einsätzen teilnehmen sollte.

Werbemaßnahmen: geringe Wirkung

Die Werbemaßnahmen für den Auslandseinsatz werden von weniger als einem Viertel aller befragten Offiziere positiv wahrgenommen. Mehr als die Hälfte der befragten Offiziere fühlt sich entweder nicht imstande, den Informationsgehalt der Werbung für den Auslandseinsatz zu beurteilen, oder findet diese wenig bis gar nicht informativ.

Obwohl fast alle Offiziere die regelmäßige Information über den bevorstehenden Auslandseinsatz als wichtig oder sehr wichtig betrachten, haben die meisten den Eindruck, dass sie nach einer freiwilligen Meldung nicht ausreichend über alle wichtigen Aspekte informiert worden sind. Eine derartige Diskrepanz ist als höchst problematisch zu betrachten und kann sich auf die Motivation außerordentlich ungünstig auswirken!

Auslandseinsatz: Teilnahme ja, aber …

Die Bereitschaft der befragten Offiziere, an einem Auslandseinsatz teilzunehmen, ist - mit Einschränkungen - gegeben: Immerhin gut ein Viertel der Befragten strebt explizit in näherer Zukunft einen Auslandseinsatz an und für knapp die Hälfte der Offiziere ist ein Auslandseinsatz zwar grundsätzlich vorstellbar, aber derzeit nicht möglich. Die Beweggründe, welche sich als Hindernis für die Teilnahme an einem Auslandseinsatz erweisen, wurden in der Befragung erfasst.

Nur ein Viertel der Befragten lehnt eine Teilnahme an Auslandseinsätzen prinzipiell ab.

Hinderungsgründe für einen Auslandseinsatz

Die Trennung von der Familie und die damit verbundenen Begleitumstände gehören zu den primären Hinderungsgründen, die von den Befragten gegen die Teilnahme an einem Auslandseinsatz angegeben werden. Außerdem wird die derzeitige Betreuungssituation von einer deutlichen Mehrheit der Offiziere eher negativ und somit als ungünstig für die persönliche Bereitschaft, für internationale Einsätze zur Verfügung zu stehen, erachtet. Der deutlichste diesbezügliche Mangel liegt bei der Betreuung der Angehörigen. Der Wunsch nach einer vermehrten beziehungsweise besseren Betreuung der Angehörigen in Verbindung mit der bereits erwähnten Wichtigkeit des Trennungsaspektes und den weiteren Bereichen betreffend die Möglichkeit der Zusammenführung mit der Familie, zeigen den Kernaspekt für die unzureichende Bereitschaft, in einen Auslandseinsatz zu gehen. Eine Verbesserung diverser Betreuungsleistungen wäre insbesondere notwendig, um die Motivation der Gruppe der jüngeren Offiziere, die grundsätzlich eine höhere Bereitschaft zum Auslandseinsatz aufweisen, möglichst lang zu erhalten.

Einen weiteren wesentlichen Anteil an der zurückhaltenden Bereitschaft, einen Auslandseinsatz anzustreben, haben die dienstlichen Rahmenbedingungen: Unter jenen Offizieren, die derzeit keinen Auslandseinsatz anstreben, gibt gut die Hälfte dienstliche Unabkömmlichkeit als wesentlichen Grund an, und etwa gleich viele befürchten bei einer längeren Abwesenheit von der Dienststelle Nachteile im Zusammenhang mit dem derzeitigen Reformprozess. Eine längere Phase der Konsolidierung nach dem nun schon mehrere Jahre andauernden Reformprozess würde hier sicherlich zur Entspannung beitragen.

Unzureichende Kenntnisse sowie fehlende, dem Rang entsprechende Vorerfahrung im Auslandseinsatz, werden insbesondere von älteren Offizieren als Problem betrachtet. Von der Mehrheit der befragten Offiziere wird eine zusätzliche Ausbildung für den Auslandseinsatz in Bezug auf Aspekte der interkulturellen Kompetenz sowie in Verbindung mit auslandsspezifischem Gerät als notwendig erachtet. Außerdem sind fast zwei Drittel der Offiziere der Meinung, dass eine weitere Ausbildung im Bereich der Fremdsprachenkenntnisse für die Einsatzfunktion erforderlich sei. Eventuell wären verstärkte Fördermaßnahmen bei den Fremdsprachenkenntnissen ein Ansatzpunkt, um die Bereitschaft, an internationalen Einsätzen teilzunehmen, etwas zu erhöhen.

Funktionen und Verwendungen im Auslandseinsatz

Die bei Auslandseinsätzen von Offizieren am häufigsten angestrebten Funktionen und Verwendungen sind stark altersabhängig: Während eine Verwendung im Kontingent eher bis zum 35. Lebensjahr erfolgen sollte, wird als ideales Alter für eine Entsendung als Beobachter die nachfolgende Spanne bis zum 45. Lebensjahr angesehen. Ähnlich verhält es sich mit Entsendungen in ein Hauptquartier, wobei hier die Altersgrenze für diese Verwendung etwa um fünf Jahre höher liegt. Für eine Verwendung bei der Militärvertretung Brüssel beziehungsweise als Militärberater bevorzugen die meisten Befragten die Zeitspanne vom 46. bis zum 50. Lebensjahr, wobei für diese Verwendungen auch ein Alter von mehr als 50 Jahren als sinnvoll angesehen wird.

Während unter den jüngsten Offizieren am häufigsten die Funktion des stellvertretenden Kompaniekommandanten und Kompaniekommandanten angestrebt wird, dominieren unter den Altersgruppen bis 45 die Stabs- und Fachfunktionen. Die über 45-Jährigen streben neben den Stabsfunktionen auch Verwendungen als Militärattaché, als Verbindungsoffizier und bei der Militärvertretung Brüssel an.

Hinsichtlich der idealen Einsatzdauer würde mehr als ein Drittel der befragten Offiziere bei Verwendungen im Kontingent eine kürzere Zeitspanne bevorzugen. Damit wäre ein solcher Auslandseinsatz auch besser mit der Familie und den damit verbundenen Bedürfnissen und Verpflichtungen vereinbar.

Im Einsatz selbst ist die im Einsatzraum vorhandene Infrastruktur von Bedeutung, wobei insbesondere der Sanitätsversorgung die höchste Wichtigkeit beigemessen wird. Ebenfalls als sehr wichtig werden eine kostengünstige Fernsprechverbindung mit der Heimat und der leichte Zugang zu einer Internetverbindung bei Wahrung der Privatsphäre angesehen. Darüber hinaus sind vornehmlich all jene Aspekte von Bedeutung, die bereits weiter oben bei den Themenbereichen Trennung von der Familie und Betreuung erwähnt wurden.

Auswertung der Ergebnisse

Nach der Auswertung der Ergebnisse wurde durch den Leiter Führungsstab, Generalmajor Mag. Christian Segur-Cabanac, den Teilnehmern das Ergebnis der Befragung mitgeteilt. Damit verbunden war das Angebot, bei Interesse persönlich beim Heerespsychologischen Dienst in die Befragungsunterlagen Einsicht nehmen zu können. Diese Vorgangsweise ist durchaus ungewöhnlich, zumal bisher im Österreichischen Bundesheer nur sehr selten Ergebnisse unmittelbar an die Befragungsteilnehmer übermittelt wurden. Die Maßnahme dient aber nicht nur der Verbesserung des Betriebsklimas, sondern sie ist auch ein sichtbares Zeichen dafür, dass die Führung die Meinung jedes einzelnen Offiziers wertschätzt, ernst nimmt und bemüht ist, notwendige Maßnahmen zu ergreifen, um negativen Entwicklungen entgegenzuwirken.

Die vorliegenden Ergebnisse der Befragung sind eine Grundlage für Diskussionen in der Führung, die "ungeschminkt" und ehrlich zu führen sein werden. Jede Verbesserung des derzeitigen Zustandes ist nur möglich, wenn immer wieder in aller Klarheit die Ist-Situation erhoben und aufgezeigt wird, wozu jeder einzelne Befragungsteilnehmer ganz wesentlich beigetragen hat.

Trotz der zahlreichen Begleitmaßnahmen seitens der Führung ist der derzeitige Reformprozess und die damit einhergehende Verunsicherung der Bediensteten ein wesentlicher Hemmfaktor für die Bereitschaft, an einem Auslandseinsatz teilzunehmen. Zumindest das erkannte Informationsdefizit soll aber umgehend behoben werden, um damit Gerüchte, Befürchtungen, Ängste und Fehlinformationen hintanzuhalten.

___________________________________ ___________________________________ Autor: Oberst dhmfD Mag. Christian Langer, Jahrgang 1966. Ausmusterung 1988 zum damaligen Fernmeldeaufklärungsregiment als Fernmeldeoffizier; 1988 bis 1993 Verwendung als Ausbildungsoffizier und Funkwachoffizier; 1993 bis 1994 stellvertretender Dienststellenleiter des Fernmeldeaufklärungsdienstes B des Heeresnachrichtenamtes. Studium der Psychologie an der Universität Wien 1989 bis 1994, danach Leiter der Fliegerpsychologischen Ambulanz im Heersspital bis 2000; 1996 bis 2002 internationale Ausbildung zum Flieger- und Verkehrspsychologen und Leiter des selbstständigen Referates Fliegerpsychologie des Heerespsychologischen Dienstes (HPD); 2002 bis 2003 stellvertretender Leiter des HPD bzw. der Abteilung Y des Heerespersonalamtes; seit 1. Dezember 2003 Leiter der Abteilung Y und des Referates 6/FGG1/Führungsstab. Ausbildung zum Arbeitspsychologen, Notfallpsychologen und Mediator; verschiedene Einsätze im In- und Ausland wie z. B. ATHUM/ALBA 1999, Kaprun 2000, AFDRU/Sri Lanka 2005 und KFOR 2007.

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