Bundesheer Bundesheer Hoheitszeichen

Instagram
flickr
YouTube
facebook-button

Die österreichisch-ungarischen Arktis-Expeditionen 1871 - 1863 und das Internationale Polarjahr

Heuer begann das 3. Internationale Polarjahr. Grund genug, auf die beträchtlichen Leistungen Österreich-Ungarns bei der Erforschung der Arktis zurückzublicken, z. B. auf die Nordpol-Expedition von Payer und Weyprecht. Diese erreichte zwar nicht den Pol, bewirkte aber eine geografische Sensation: Die Forscher entdeckten eine riesige, bislang unbekannte Landmasse - das Franz Josef Land.

Der Geograf August Petermann begründete 1865 bei der deutschen Geografentagung in Frankfurt die deutsche Arktisforschung. An dieser Tagung hatte auch Carl Weyprecht teilgenommen. Petermann vermutete aufgrund der Meeresströmungen ostwärts von Novaja Semlja offenes Meer und nahm an, dass es - zumindest während des arktischen Sommers - eine direkte Zufahrtsmöglichkeit zum Nordpol gäbe. 1868 und 1869/70 unternahm Carl Koldeway zwei Expeditionen nach Ostgrönland, Julius Payer beteiligte sich an der zweiten als Kartograf und Schlittenführer.

Julius von Payer und Carl Weyprecht waren als begeisterte, erfahrene Alpinisten und Arktisfahrer, die Publikum und Geldgeber für die Arktisforschung gewinnen konnten, geradezu die Idealbesetzung für eine österreichisch-ungarische Polarexpedition. Die vorgegebenen Ziele der österreichisch-ungarischen Polarforschung waren - die Erforschung der Arktis, - das Überschreiten von 82°45’ nördlicher Breite (1827 erreicht von Captain William E. Parry) mit dem Endziel Nordpol und - die Erschließung der Nordost-Passage.

Letztere hatte als Handelsweg für Österreich-Ungarn allerdings höchstens Prestigewert. Gegenüber dem bereits 1869 eröffneten Suezkanal wäre sie unsicherer und gefährlicher - und überdies ein Umweg gewesen. Wirtschaftlich notwendig war der Weg nach dem Hohen Norden de facto nur für Fischer, Robbenjäger und Walfänger, die neue Jagdgründe suchten.

Im Vordergrund standen demnach Prestigegründe, insbesondere gegenüber dem Deutschen Reich, das, wenn auch nicht gerade erfolgreich, bereits zwei Arktisreisen bestritten hatte. Dazu kamen wissenschaftliche Neugier und der Tatendrang der Kriegsmarine. An und für sich waren ein "Flagge zeigen" auf den Weltmeeren sowie Freundschaftsbesuche in fremden Häfen ein Teil des Ausbildungsprogrammes. Aber galt das auch für "da oben"? Entscheidend waren letztlich die Geldgeber, Graf Zichy und der begeisterte Nordlandfahrer Graf Wilczek.

Das internationale Umfeld

Die politische Entwicklung dieser Zeit war geprägt von der Ausweitung von Navalismus (auf Seemacht ausgerichteter Militarismus) und Kolonialismus. Nach dem Sieg in der Seeschlacht bei Lissa über Italien 1866 galt Österreich-Ungarn als anerkannte Seemacht. 1867 erfolgte der Ausgleich mit Ungarn und die Bildung der Doppelmonarchie; 1871 wurde in Versailles das Deutsche Reich proklamiert. 1878 marschierten österreichisch-ungarische Truppen in Bosnien ein und 1879 wurde der so genannte Zweibund des Deutschen Reiches mit Österreich-Ungarn geschlossen. Die Jahre 1884 und 1885 gelten als Beginn des deutschen Kolonialismus.

Aus der Sicht der Technik handelte es sich um ein Zeitalter folgenreicher Erfindungen mit dem Beginn der Industrialisierung sowie der Erschließung der Welt durch Verkehr und Kommunikation. 1864 bis 1895 entwickelten z. B. von Luppis, Whitehead und Obry den Torpedo, das Dynamit wurde 1866 erfunden und der Suezkanal 1869 eröffnet. Swan konstruierte 1871 die fotografischen Trockenplatten und Graham Bell 1876 ein industriell erzeugbares Telefon.

Die Arktiserforschung und der österreichische Beitrag

Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts zeigte die Weltkarte noch viele weiße Flecken. Dennoch ging es im arktischen Bereich nicht primär um Landgewinn, sondern um neue Walfang- und Robbenjagdgebiete, Basen und Verkehrswege.

1594 - 1597 entdeckte der Niederländer Willem Barents (auch Barentsz, abgeleitet von Barentszoon - "Barents Sohn" - da es damals noch keine Familiennamen im heutigen Sinne gab) die Westküste von Novaja Semlja, die Bäreninsel und Spitzbergen. Der Brite John Hudson entdeckte 1607 erneut die in Vergessenheit geratene arktische Vulkaninsel Jan Mayen. Die österreichische Fregatte "Novara" umsegelte unter Linienschiffsleutnant Bernhard von Wüllersdorf und Urbair von 1857 bis 1859 die Erde. Der britische Captain (und spätere Admiral) William E. Parry erreichte 1827 nordöstlich von Spitzbergen 82°45’ nördliche Breite. 1845 bis 1848 erfolgte die tragisch endende britische Expedition von Sir John Franklin mit der "Erebus" und der "Terror" auf der Suche nach der Nordwestpassage. Der norwegische Eislotse Elling O. Carlsen umsegelte im Jahre 1863 Spitzbergen mit der "Jan Mayen" und erweiterte 1867 den norwegischen Walrossfang mit der "Solid" bis Novaja Semlja. 1868 sowie 1869/70 erfolgten - initiiert vom Geografen Petermann - zwei deutsche Arktisexpeditionen unter Kapitän Koldeway auf der "Grönland" und der "Germania" (mit Julius Payer als Teilnehmer). 1871 wurde der niederländische Robbenfänger "Haabet" mit 45 Mann Opfer des Eises. Die Österreicher Payer und Weyprecht entdeckten 1873 nach Erkundungsfahrten in der Barentssee das Kaiser Franz Josef Land (höchste nördliche Breite 82°05’ bei 59°12’ östlicher Länge). 1878/79 erschloss der Norweger Adolf E. Nordenskjöld die Nordostpassage mit der "Vega" und 1903 bis 1906 entdeckte und erforschte Roald Amundsen, ebenfalls Norweger, die Nordwestpassage mit der "Gjøa". Die Briten Frederick Cook und Robert E. Peary erreichten 1908/09 voneinander unabhängig den Nordpol.

Die erste "Isbjørn"-Expedition (1871)

Die damals neue 50-Tonnen-Schute "Isbjørn" (ein verstärkter Hafen-Segelkutter) war vom österreichischen Konsul Aagard in Tromsø gechartert worden. Sie war mit zwei Beibooten sowie mit einem Fangboot ausgestattet und verfügte über eine Eisenblecharmierung oberhalb und unter der Wasserlinie. Ihre Länge betrug 17,38 m, ihre Breite 5,37 m und ihr Tiefgang 1,90 m. Die Instrumente und die Messgeräte stammten von der k.u.k. Kriegsmarine und vom k.u.k. Militärgeografischen Institut. Die Besatzung bestand aus Kapitän Kjelsen, sieben Matrosen sowie einem Harpunier, die Expeditionsteilnehmer waren Linienschiffsleutnant Carl Weyprecht und Leutnant Julius von Payer.

Die "Isbjørn" sollte Aufklärungsfahrten zur Untersuchung der Meeresströmungen, des Eises, seiner Drift und der meteorologischen Verhältnisse zwischen Svalbard und Novaja Semlja mit Hinblick auf die Erreichung des Nordpols durchführen. Proviant wurde für vier Monate gefasst, die Kosten von 2 000 Gulden trug Graf Wilczek.

Einige Daten der ersten Expedition: - 20. Juni 1871 - Auslaufen von Tromsø; - 30. Juni bis 10. Juli - vom Eis eingeschlossen, danach Westkurs entlang der Eisgrenze auf der Suche nach dem so genannten Gillisland (vergeblich, denn es existiert nicht!); - 29. Juli - Sichtung des Südwestkaps von Hope Island; - 4. August - Sichtung des Südkaps von Svalbard, Landgang; - 16. August - Erreichen der Whales Bay im Storfjord (Westspitzbergen); - 18. August - Landgang auf Hope Island; - 21. August - weiteres Eindringen ins Packeis; - 30. August - Überquerung von 78° N bei 42° O; - 1. September - höchste erreichte Breite 78°38’ N; - 14. September - weiter auf Ostkurs, 73°30’ N, 59° O; - 16. September - Wechsel auf Westkurs, 73° N, 46° O; - 20. September - Einlaufen im Tanafjord (Lappland); Payer reist auf dem Landweg nach Tromsø; - 4. Oktober - die "Isbjørn" mit Weyprecht an Bord erreicht Tromsø.

Die zweite "Isbjørn"-Expedition (1872)

Die Expeditionsteilnehmer waren Graf Johann N. Wilczek, Konteradmiral Max Freiherr von Sterneck, der Geologe Professor Hans Höfer, der Hoffotograf Wilhelm Burger sowie die Gebirgsjäger Georg Bäuerle und Ferdinand Mühlbacher. Zusätzlich zu den Aufgaben der ersten Expedition sollten möglichst weit im Osten von Novaja Semlja Kohle- und Proviantdepots für die Rückreise der geplanten Nordpolexpedition angelegt werden.

Einige Daten der zweiten Expedition: - 20. Juni - Auslaufen aus Tromsø, Passieren der Bäreninsel; - 30. Juni - Einlaufen im Hornsund bei Svalbard, Landgang, Versuch einer Bergbesteigung durch Graf Wilczek; - 9. Juli - nördlichster Punkt 77°07’ N, danach vor Hope Island zwei Tage im Eis eingeschlossen, anschließend Kurs Ost, um die "Admiral Tegetthoff" vor Novaja Semlja zu treffen; - 29. Juli - Ankern vor Matotschkin-Scharr; - 30. Juli - topografische Aufnahmen und meteorologische Untersuchungen für den deutschen Geografen Petermann; - 12. August - Treffen der "Isbjørn" mit der "Admiral Tegetthoff"; - 15. August - Anlage von Lebensmittel- und Kohledepots auf den Barentsinseln; - 18. August - Feier des Geburtstages des Kaisers auf der "Admiral Tegetthoff"; - 20. August - Trennung der beiden Schiffe; - 2. September - die "Isbjørn" setzt in der Petschora-Mündung im Fangboot alle Expeditionsteilnehmer mit Ausnahme von Burger an Land; diese erreichen Wien am 9. November via Kazan, Moskau und St. Petersburg; - 1. Oktober - Burger erreicht Tromsø mit 120 fotografischen Platten.

Das Ergebnis der Fahrt: Die geplanten Depots wurden angelegt und eine bemerkenswerte topografische, geologische und biologische Dokumentation entstand.

Die österreichisch-ungarische Nordpolexpedition (1872 - 1874)

Das von Carl Weyprecht entworfene 300-Tonnen-Forschungsschiff S.M.S. "Admiral Tegetthoff" - eine Dreimast-Bark mit ca. 480 m2 Segelfläche und Eisarmierung - war erst im Juni 1872 vom Stapel gelaufen. Ihre Länge betrug 38,40 m, ihre Breite 7,30 m und ihr Tiefgang 3,47 m. Die mit der Dampfmaschine erreichbare Geschwindigkeit lag bei 6 Knoten. Die Besatzung bestand aus 24 Mann. An der Expedition nahmen Linienschiffsleutnant Carl Weyprecht, Leutnant Julius von Payer, der norwegische Eislotse Elling O. Carlsen sowie 21 Offiziere und Mannschaften teil. Expeditionsziel war die Erforschung der Arktis, eventuell das Erreichen des Nordpols sowie die Erschließung der Nordostpassage.

Die Gesamtkosten beliefen sich auf ca. 175 000 Gulden, 40 000 davon steuerte Graf Wilczek bei.

Einige Daten der Nordpolexpedition: - 13. Juni 1872 - die "Tegetthoff" verlässt Bremerhaven; - 3. Juli - Ankunft in Tromsø; - 14. Juli - Auslaufen nach der Einschiffung von Elling O. Carlsen; - 30. Juli - im Eis; - 12. August - Treffen mit der "Isbjørn" vor Novaja Semlja; - 15. August - Anlegen eines Lebensmitteldepots auf den Barentsinseln, das später allerdings ungenutzt bleibt; - 21. August - nördlich von Novaja Semlja auf 76°22’ N und 62°03’ O im Packeis eingeschlossen; - 13. Oktober - Eispressungen, Drift mit dem Packeis; - 4. Februar 1873 - im Drift 78°42’ N und 73°18’ O erreicht; - 30. August - Sichtung von Land auf 79°42,5’ N und 59°34,1’ O; Benennung des neuentdeckten Gebietes "Kaiser Franz Josef Land"; - 2. November - Landnahme von Kaiser Franz Josef Land; - 10. bis 16. März 1874 - erste Schlittenreise (zur Insel Hall); - 26. März bis 22. April - zweite Schlittenreise (nach Norden); - 12. April - Payer erreicht mit 82°05’ nördlicher Breite Cap Fligely, den nördlichsten Punkt der Reise; - 29. April bis 3. Mai - dritte Schlittenreise (nach Westen zur Mac Clintock Insel); insgesamt wurden 840 km mit den Schlitten zurückgelegt, eine weitere Überwinterung wurde ausgeschlossen; - 20. Mai - Aufgabe der "Admiral Tegetthoff", Rückmarsch mit drei Booten bzw. Schlitten; - 28. Mai - Entdeckung der Insel Lamont; - 4. bis 7. Juni - Rückkehr von Weyprecht zur "Admiral Tegetthoff", um das vierte Boot zu holen; - 15. Juli - tatsächliche Entfernung nur 22 km Luftlinie von der "Admiral Tegetthoff"; - 14. August - bei 77°40’ N und 61° O endlich offene See; auf dem Eis wurden 556 km zurückgelegt, in Luftlinie aber nur 242 km; - 18. August - Landung auf Novaja Semlja; - 23. August - Aufnahme und Rettung durch den russischen Schoner "Nikolaj" unter Kapitän Voronin; - 3. September - die "Nikolaj" läuft Vardø an, Elling O. Carlsen fährt mit dem Postdampfer nach Tromsø; - 22. September - Ankunft in Hamburg; - 25. September - Eintreffen in Wien.

August Petermanns Annahme, im arktischen Sommer den Nordpol mit dem Schiff erreichen zu können, hatte sich als unrichtig erwiesen. (Aufgrund der fortschreitenden Klimaerwärmung wird dies in wenigen Jahrzehnten vielleicht möglich sein.) Payer und Weyprecht waren allerdings davon überzeugt, dass das Kaiser Franz Josef Land zu einer Art Kontinent ähnlich der Antarktis gehören würde.

Polarkonferenzen und Polarjahre

K.u.k. Linienschiffsleutnant Carl Weyprecht, der Co-Kommandant bei der Entdeckung des Kaiser Franz Josef Landes (1873) und damit ein weltweit angesehener Polarforscher, schlug nach seinen ersten Polarfahrten eine internationale Erforschung der beiden Erdpole vor. Wissenschaftliche Erkenntnisse sollten Vorrang vor Entdeckungen neuer Landgebiete und politischem Nutzen haben. Weyprecht, selbst ebenfalls Wissenschafter, hatte schon damals erkannt, dass fundamentale Probleme der Geophysik und Meteorologie ihren Ursprung im Eis der Pole haben. Seiner Ansicht nach konnten nur international koordinierte wissenschaftliche Expeditionen zu allgemeingültigen Erkenntnissen führen.

Im Oktober 1879 kam die 1. Internationale Polarkonferenz in Hamburg zustande, die alle Seefahrernationen umfasste, darunter auch Österreich-Ungarn, aber auch Norwegen, das damals noch ein Teil Schwedens war.

Die 2. Polarkonferenz im August 1880 in Bern brachte bereits konkretere Beschlüsse, sodass auf der 3. Polarkonferenz im August 1881 in St. Petersburg die Beobachtungs- und Forschungsstationen für die 14 Teilnehmerstaaten festgelegt werden konnten. Im 1. Internationalen Polarjahr (1882/83) sollten in der Arktis und Antarktis insgesamt 49 Forschungsstationen entstehen, bemannt mit rund 700 Personen. Tatsächlich errichtet wurden aber nur 14 Stationen.

Norwegen errichtete in Bossekop (Alta) eine meteorologische Station auf Staatskosten. Dänemark betrieb in Godthaab (Westgrönland) eine Forschungsstation und Schweden auf Cap Thordsen im Eisfjord auf Svalbard (Spitzbergen). Deutschland baute Stationen auf Baffin Island (Kanada) und auf South Georgia (Antarktis).

Der k.u.k. Kriegsmarine wurde die Erforschung Jan Mayens zugeteilt, einer 377 km² großen Insel zwischen Island und Spitzbergen, Grönland und Nordnorwegen auf 71° N und 8°30’ W.

Unter der Leitung von Linienschiffsleutnant Emil von Wohlgemuth und Graf Hans von Wilczek, der auch die Kosten trug, nahmen an dem Unternehmen 14 Marineoffiziere und Mannschaften aus der gesamten Monarchie, insbesondere von der Adria, teil. (Details dazu siehe TRUPPENDIENST, Heft 3/2005, "Die Österreichische Jan Mayen-Expedition".) Das k.u.k. Marinearsenal in Pola konstruierte modulare Unterkunfts- und Arbeitsbaracken aus Holz für den Zusammenbau auf Jan Mayen. Vorräte für zwei Jahre, Werkzeug, Ausrüstungsgegenstände, Waffen und wissenschaftliche Instrumente wurden an Bord des Marinefrachters S.M.S. "Pola", eines kombinierten Segel- und Dampfschiffes, gebracht.

Am 2. April 1882 begann die Fahrt, am 11. Mai landete man in Bergen, wo Brennstoff und Proviant ergänzt wurden. Nach einem gefährlichen Zick-Zack-Kurs entlang der Packeisgrenze warf die "Pola" am 13. Juli in der Marie Muss Bucht Anker, die Expeditionsmannschaft ging von Bord und die Vorräte wurden entladen. Die Barackenmodule wurden zusammengebaut und auf den kommenden arktischen Winter vorbereitet. (Im Zuge einer österreichisch-französischen Folgeexpedition des Geografen Charles Rabot landete k.u.k. Linienschiffsleutnant August Gratzl, ein Mitglied der obigen Expedition, mit dem französischen Aviso "La Manche" 1892 in der Marie Muss Bucht auf Jan Mayen, um das ursprüngliche wissenschaftliche Material zu ergänzen. Er fand die Station noch intakt vor.) Die S.M.S. "Pola" fuhr nach Pola zurück. Das Expeditionsteam verbrachte den Aufenthalt mit wissenschaftlichen Unternehmungen und Arbeiten, dem Sammeln von Treibholz, der Beschaffung von Trinkwasser und der Instandhaltung der Unterkünfte und Arbeitsräume. Drei hochseetüchtige Fangboote dienten nicht nur der Erforschung der Strände der Insel, sondern stellten auch für alle eine gewisse Überlebensgarantie dar. Eissegeln, Jagen und das Sammeln biologischer, botanischer und mineralogischer Präparate waren sowohl Arbeit als auch Freizeitbeschäftigung. Emil von Wohlgemuth fasste die Ergebnisse der Beobachtungen und der wissenschaftlichen Forschung in drei großen Bänden, die sich heute im Kriegsarchiv Wien befinden, zusammen: - Band I "Beobachtungen in Astronomie, Topographie, Glaziologie, Meteorologie und Ozeanographie", - Band II "Beobachtungen der aurora borealis, Spektrographie und Erdmagnetismus" und - Band III "Beobachtungen in Zoologie, Botanik und Mineralogie".

Am 26. Oktober 1883 kehrten alle Teilnehmer der Expedition gesund, sicher und mit einer Fülle von wertvollen Präparaten sowie wissenschaftlichen Daten an Bord der "Pola" zurück in die Heimat.

Ursprünglich war Carl Weyprecht, der Initiator dieser Forschungsaktivitäten, als Leiter der Expedition vorgesehen. Er konnte diesen Triumph aber nicht mehr erleben, denn er starb an den Folgen der Strapazen der früheren Expeditionen bereits am 29. März 1881 im Alter von nur 42 Jahren.

Die 4. Internationale Polarkonferenz fand im April 1884 in Wien statt. Auf ihr wurden die Ergebnisse des 1. Internationalen Polarjahres präsentiert. Dieses hatte - neben zahlreichen Forschungsergebnissen - erstmals zu einer breiten internationalen Zusammenarbeit im Bereich der Wissenschaft geführt. Heute ist dies eine Selbstverständlichkeit.

Das 2. Internationale Polarjahr wurde 1928 bei einer internationalen Konferenz der meteorologischen Direktoren beschlossen. Es wurde für 1932/33 festgesetzt, 50 Jahre nach dem 1. Polarjahr. Österreich entsandte die Wissenschafter Dr. Hanns Tollner, Dr. Rudolf Kanitscheider und Ing. Fritz Kopf nach Jan Mayen, das seit 1930 zu Norwegen gehörte. Sie kehrten nach vierzehnmonatiger Forschungstätigkeit mit wertvollen Daten zurück. Teile der Unterkünfte, die ihre Vorgänger 1882 aufgestellt hatten, konnten von ihnen noch verwendet werden. Aufgrund der weltweiten Depression war dem 2. Internationalen Polarjahr allerdings nicht der erwartete Erfolg beschieden.

Das 3. Internationale Polarjahr (2007/09) begann am 1. März 2007. Es ist vermutlich die größte internationale Forschungskampagne dieser Art der letzten 50 Jahre - rund 50 000 Wissenschafter aus über 60 Ländern sind daran beteiligt. Zu den Forschungsschwerpunkten zählen groß angelegte Messkampagnen und Feldarbeiten, die helfen sollen, den Einfluss der arktischen Gebiete auf das Erdklima besser zu verstehen. Das 3. Internationale Polarjahr wird bis 1. März 2009 (!) dauern.

Was wurde bewirkt? Was blieb?

Beide "Isbjørn"-Expeditionen erreichten ihre Ziele: Aufklärungsfahrten, Information über die Nordostpassage und über das nördliche Eismeer, fotografische und wissenschaftliche Dokumentation sowie die Vorbereitung und die Anlage von Depots für die geplante große Expedition.

Die Nordpolexpedition der "Admiral Tegetthoff" erreichte zumindest eines ihrer Ziele, die Erforschung der Arktis. Sie entdeckte unerwartet Neuland - das 20 720 km2 umfassende Kaiser Franz Josef Land, die letzte unbekannte Landmasse mit einem Archipel von rund 160 Inseln.

Die Rückführung der gesamten Mannschaft, die nahe am Desaster vorbei schlitterte, war eine Meisterleistung des Führungsteams und zeugt von den Fähigkeiten und der Disziplin in der k.u.k. Kriegsmarine.

Die Aufzeichnungen Payers, Weyprechts und des Maschinisten Otto Krisch bildeten wertvolles Quellenmaterial über die Arktis.

Auch schien es, als hätte diese Expedition eine Art "Polarfieber" ausgelöst und die Polarforschung, an der das Interesse verloren gegangen war, neu belebt, denn es folgten u. a. die Arktis-Unternehmen der großen Norweger Fridtjof Nansen und Roald Amundsen.

Nordenskjöld stützte sich bei seiner Entdeckungsfahrt zur Nordostpassage 1878/79 laut "Vegas Reise omkring Asia og Europa" auf Weyprechts Erfahrungen. Payers Buch diente auch zur Vorbereitung der österreichisch-ungarischen Jan Mayen-Expedition, vor allem bei der Bereitstellung der Ausrüstung und Verpflegung.

Eine weitere Folge waren die drei Internationalen Polarkonferenzen, initiiert von Carl Weyprecht, sowie das 1. Internationale Polarjahr, in dem erstmals eine internationale wissenschaftliche Zusammenarbeit stattfand. Gleichsam eine Spätfolge der Nordpolexpedition waren auch die Erkenntnisse der Jan Mayen-Expedition 1882/83. Letztere bestach durch ihre wissenschaftlichen Leistungen. Ein Jahr hindurch wurden täglich alle meteorologischen und ozeanografischen Daten der Umwelt erfasst und dokumentiert. Die Insel wurde zur Gänze erforscht und kartografiert - die damals erstellten Karten standen noch 1956 in Verwendung!

Die k.u.k. Kriegsmarine war als Seemacht bereits anerkannt und zeigte auf allen Meeren Flagge - nun hatte sie auch eine führende Stellung in der Polarforschung erworben. Viele topografische Bezeichnungen auf Jan Mayen, Spitzbergen, Grönland und auf Kaiser Franz Josef Land sind bis heute erhalten.

Wissenschaftliche Dokumente, wertvolle Funde, Erinnerungsstücke und naturhistorische Präparate befinden sich u. a. im Staatsarchiv sowie im Heeresgeschichtlichen und im Naturhistorischen Museum.

Auf dem Zentralfriedhof in Wien erinnern Ehrengräber an Julius von Payer und Emil von Wohlgemuth. In Pola (jetzt Pula) befindet sich noch heute in der Marinekirche Maria del Mare die von Graf von Wilczek gestiftete Gedenktafel.

Die Aufzeichnungen von Payer, Weyprecht und Krisch wurden publiziert und somit zum Allgemeingut.

All das erinnert bis heute an zwei historische Großtaten: - an die unerwartete Landnahme von Kaiser Franz Josef Land durch Seeleute, die aus allen Teilen der Monarchie kamen und denen man eher Tropentauglichkeit als arktische Eignung zugetraut hätte, sowie - an deren nahezu unbeschadete Rückkehr, trotz großer Strapazen, beladen mit Aufzeichnungen und ca. 120 wissenschaftlichen Proben.

Die Grundlage dazu bildeten die gute Planung, Vorbereitung, Ausrüstung und Versorgung der Expedition, eine flexible Führung, Anpassungsfähigkeit und die großartige Disziplin der Mannschaft.

Kurzportraits

Graf Hans von Wilczek

* 7. Dezember 1837 in Wien † 27. Jänner 1922 in Wien Großgrundbesitzer, Sammler, Förderer von Kunst und Wissenschaft und Forschungsreisender; entstammte einem polnisch-schlesischen Adelsgeschlecht.

1855/56 juristische Studien an der Universität Wien 1858 Kämmerer am Wiener Hof 1861 - 1918 wird Mitglied des Herrenhauses, Ehrenmitglied der Akademie der Wissenschaften in Wien und Ritter des Ordens vom Goldenen Vlies 1870 arrangiert ein Treffen von Payer und Weyprecht 1871/72 rüstet die Vorexpeditionen in das Novaja-Semlja-Meer aus und nimmt an der zweiten Isbjørn-Expedition teil 1872/74 unterstützt die österreichisch-ungarische Nordpolexpedition 1872 verfasst "Ein Eisbär auf Novaja Semlja" 1874 - 1908 baut die Burg Kreuzenstein (als Museum) 1875 Präsident der Geografischen Gesellschaft 1879 arrangiert mit Hans Makart dessen Festzug in Wien 1881 Mitbegründer der "Wiener freiwilligen Rettungsgesellschaft" nach dem Ringtheaterbrand 1882 richtet aus eigenen Mitteln die österreichische Station auf der Insel Jan Mayen ein 1894 - 1918 Sitz im Kuratorium des Heeresgeschichtlichen Museums in Wien 1900 gründet die "Gesellschaft der Wiener Kunstfreunde" und mit Dr. Billroth das "Rudolfinerhaus" ab 1914 Führer eines Lazarettzuges im Ersten Weltkrieg Julius Ritter von Payer

* 1. September 1842 in Schönau (Böhmen) † 29. August 1915 in Veldes (Krain) Offizierssohn; besuchte die Theresianische Militärakademie in Wiener Neustadt, war in Mainz, Frankfurt, Verona und Venedig stationiert, Topograf, Kartograf, Alpen- und Polarforscher, lehrte an der Militärakademie.

ab 1862 Erschließungstouren in den Alpen, 52 Erstbesteigungen, wirkt durch seine kartografischen Pionierarbeiten sowie durch seine geologischen, glaziologischen und meteorologischen Studien bahnbrechend in der wissenschaftlichen Erschließung der damals noch wenig bekannten Teile der Ostalpen.

ab 1868 Arbeit für das Militärgeografische Institut 1869/70 Teilnahme an der zweiten deutschen Polarexpedition nach Ostgrönland 1871 leitet mit Carl Weyprecht eine österreichisch-ungarische Vorexpedition in die Arktis 1872 - 1874 führt die österreichisch-ungarische Nordpolexpedition, die das Kaiser Franz Josef Land entdeckte 1875 verfasst "Die Österreichisch-ungarische Nordpol-Expedition in den Jahren 1872 - 1874" 1884 - 1890 Aufenthalt in Paris, Anfertigung von Skizzen und Karten zu seinen Expeditionen, quittiert den Dienst als Offizier und studiert Malerei in Frankfurt und München 1890 gründet eine Malschule für junge Damen in Wien, schafft mehrere Gemälde mit arktischer Thematik Carl Weyprecht

* 8. September 1838 bei Darmstadt (Hessen) † 29. März 1881 in Michelstadt (Hessen) Wahlösterreicher. Marineoffizier und Polarforscher; die Internationalen Polarjahre gehen vor allem auf seine Initiative zurück.

1856 tritt nach dem Gymnasium in die österreichische Kriegsmarine in Triest als Provisorischer Seekadett ein 1859 Teilnahme am Italien-Krieg 1861 Ernennung zum Linienschiffsfähnrich 1863 - 1865 Instruktionsoffizier auf dem Schulschiff "Hussar" 1866 Teilnahme an der Seeschlacht bei Lissa auf der Panzerfregatte "Drache" 1869/70 topografische Küstenaufnahme an der Adria 1871 Vorexpedition nach Spitzbergen und Novaja Semlja mit Julius von Payer 1872 erhält die österreichische Staatsbürgerschaft 1872 - 1874 führt mit Payer die österreichisch-ungarische Nordpolexpedition, die das Kaiser Franz Josef Land entdeckte 1874 erhält das Ritterkreuz des Kaiserlichen Leopold-Ordens, seine Vorträge in Wien und Graz führen zu den Polarkonferenzen, dem Polarjahr und zur Errichtung der internationalen Forschungsstationen im Polargebiet, verfasst "Die Metamorphosen des Polareises" und erhält die Goldmedaille der Royal Geographical Society 1875 wissenschaftliche Studien in Triest und Wien 1879 Studien an der Meteorologischen Anstalt Wien 1881 vorgesehen als Leiter der österreichisch-ungarischen Jan Mayen-Expedition, stirbt aber zuvor an einem Leiden, das er sich in der Arktis zugezogen hat Emil Edler von Wohlgemuth

* 2. Mai 1843 in Lemberg (Galizien), † 28. Jänner 1896 in Wien Sohn eines k.u.k. Obristen, Marineoffizier und Forscher.

1859 wird Provisorischer Marinekadett in Fiume (Rijeka) 1859 - 1866 Dienst auf der "Bellona", der "Elisabeth" und der "Fantasie" 1866 Zweiter Offizier auf der "Möwe", Artillerieoffiziers-Kurs 1870 Ernennung zum Linienschiffsleutnant 2. Klasse 1871 - 1873 Teilnahme an der ersten Ostasienreise der Korvette "Fasana" 1873 Ernennung zum Linienschiffsleutnant 1. Klasse 1876 - 1881 Dienst auf der "Adria", der "Custozza", der "Greif" und der "Andreas Hofer" 1881 beurlaubt und mit Leitung der österreichischen Beobachtungsstation Jan Mayen beauftragt 1884 Ernennung zum Korvettenkapitän 1886 Ernennung zum Fregattenkapitän 1885 - 1887 Flügeladjutant bei Kronprinz Rudolph 1886 sein dreibändiges Werk "Die Österreichische Polarstation Jan Mayen" wird veröffentlicht 1887 - 1889 Teilnahme an der zweiten Ostasienreise der Korvette "Fasana" (21 400 Seemeilen) 1891 Ernennung zum Linienschiffskapitän 1894 Eintritt in den Ruhestand

Auf einen Blick

Nach Aufklärungsfahrten mit der "Isbjørn" erfolgte 1872 bis 1874 die österreichisch-ungarische Nordpolexpedition mit der "Admiral Tegetthoff". Was immer das Ziel war - die Nordostpassage, der Nordpol oder die arktische Forschung - entdeckt wurde das Kaiser Franz Josef Land, ein vereister, vulkanischer Inselarchipel - die letzte noch unbekannte Landmasse der Welt.

Diese Entdeckung war eine Sensation. Die k.u.k. Offiziere Julius von Payer und Carl Weyprecht, Ersterer verantwortlicher Offizier für Land-, Letzterer für Seeunternehmen, die mit ihrer Mannschaft nahe an einer Katastrophe vorbeigeschlittert waren, verhalfen damit der jungen Seemacht Österreich zu internationalem wissenschaftlichen Ansehen.

In der Folge kam es zu drei internationalen Polarkonferenzen und 1882/83 zum 1. Internationalen Polarjahr, in dem der Wissenschaft Vorrang vor Entdeckungen gegeben wurde und in dem wissenschaftliche Forschung erstmals international koordiniert erfolgte.

Während des Polarjahres erforschte ein österreichisch-ungarisches Forschungsteam, ausgerüstet nach den bereits gesammelten Erfahrungen, die arktische Insel Jan Mayen (damals noch herrenlos, heute ein Teil Norwegens). Der wissenschaftliche Erfolg dieser Expedition war nachhaltig; u. a. wurde der Einfluss der Pole auf das Klima unseres Planeten nachgewiesen.

___________________________________ ___________________________________ Autor: DI Helmut W. Malnig, Jahrgang 1933. Matura und Ausbildung in Wien und im Ausland. Tätig als Analyst, Systemingenieur und Projekt-Manager auf dem Energiesektor, in der Wehrtechnik und in der Luft- und Raumfahrt im In- und Ausland (Deutschland, Kanada), seit 1997 im Ruhestand. Zahlreiche Veröffentlichungen (Wärmeübertragung) und Patente (Wehrtechnik) sowie Artikel über technisch-kulturhistorische Themen.

Literatur (Auswahl):

Barr, Susan (2003) Jan Mayen, Norges utpost i vest. Oslo CD-ROM der Deutschen Biografischen Enzyklopädie (2001), München Drivenes, E. A./Jølle, H. D. (2005) Norsk Polarhistorie. Oslo Grümmer, Gerhard (Hrsg.) (1989) Nördlich von Europa. Berlin Hartwig, G. (1874) The Polar World, Man and Nature. London Kirwan, L. P. (1959) The White Road. London Koerbel, Hermann (2003) CD-ROM Geschichte der Österreichischen Polarforschung. Wien Krisch, Otto (verfasst 1883, verlegt 1983) Tagebuch des Maschinisten Otto Krisch. Wien Langendorf, Jean-Jaques (1996) Die große Fahrt. Wien Maxtone-Graham, John (1989) Safe Return Doubtful. Chatham Mayer, Horst F./Winkler, Dieter (1991) Als Österreich die Welt entdeckte. Wien Mayer, Horst F./Winkler, Dieter (1998) Rot-Weiß-Rote Weltreisen. Wien Mirsky, Jeannette (1953) Die Erforschung der Arktis. Zürich Malnig, Helmut (2005) Die österreichische Jan Mayen-Expedition 1882/83, in TRUPPENDIENST 3/2005, Wien Mazzoli, Enrico (2003) Dall’Adriatico ai Ghiacci. Triest Nansen, Fridtjof (1897) Fram over Polhavet. Kristiania Nordenskjöld, A. E. (1881) Vegas reise omkring Asia og Europa. Kristiania Payer, Julius (1876) Die Österreichisch-Ungarische Nordpol-Expedition. Wien Sterneck, Max Freiherr von (1901) Erinnerungen aus den Jahren 1847 - 1897. Wien Vaughan, Richard (1994) The Arctic, a History. Phoenix Mill Weyprecht, Karl (1874) Die Metamorphosen des Polareises. Wien Wohlgemuth, M. Edler de (1887) Expedition Autrichienne à l’ile Jan-Mayen. Paris

Eigentümer und Herausgeber: Bundesministerium für Landesverteidigung und Sport | Roßauer Lände 1, 1090 Wien
Impressum | Kontakt