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Das aktuelle ABC-Bedrohungsbild

Anthrax, Sarin, "Schmutzige Bomben", Sabotage in Kernkraftwerken und chemischen Betrieben ... ABC-Bedrohungen können derzeit sowohl von staatlichen wie von nichtstaatlichen Akteuren ausgehen. Darüber hinaus können ABC-Gefährdungen auch durch technische und Umweltkatastrophen verursacht werden, selbst wenn diese in keinem Zusammenhang mit militärischen Konflikten oder Terroranschlägen stehen.

Mit dem Ende des Kalten Krieges verloren zwar die Bedrohungsanalysen des Ost-West-Konfliktes ihre Gültigkeit. Doch an die Stelle von klar erkennbaren, militärisch dominierten Bedrohungen sind neue, unterschiedlichste Bedrohungen getreten - viele davon liegen im ABC-Bereich.

Bedrohung durch staatliche Akteure

Eines der gewichtigsten Probleme ist die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen, und dieses Problem wird durch die zunehmende Proliferation von weitreichenden Einsatzmitteln, vornehmlich ballistischen Flugkörpern, noch verschärft. Trotz einer Reihe von die ABC-Waffen betreffenden, internationalen Abrüstungsverträgen besitzen derzeit vermutlich mehr als zwei Dutzend Staaten nukleare, biologische oder chemische Waffen sowie entsprechende Trägersysteme oder entwickeln Waffen dieser Art. Manche Staaten betrachten ABC-Waffen als Mittel - zum Ausgleich ihrer konventionellen Unterlegenheit, - zur Erringung einer regionalen Vormachtstellung oder - gegen eine tatsächliche bzw. subjektiv wahrgenommene Bedrohung.

Die ABC-Waffen in Staaten mit autoritären Regimes sind nicht nur für deren unmittelbare Nachbarn eine Bedrohung. Aufgrund der stetig steigenden technologischen Fähigkeiten dieser Länder bilden sie mittel- bis langfristig sogar ein globales Risikopotential. Bis zum Jahr 2010 wird nahezu ganz Europa innerhalb der Reichweite von ballistischen Flugkörpern außereuropäischer Länder liegen.

ABC-Waffen können das militärische Kräftegleichgewicht in einer Region nachhaltig verändern. Vor allem Staaten, die nur bedingte Schutzvorkehrungen bzw. Vorbereitungen für eine Kampfführung unter ABC-Bedingungen getroffen haben, wären davon betroffen.

Besonders verwundbar sind Einrichtungen, die dem Truppenaufmarsch dienen (Luftwaffenbasen, Häfen), Versorgungseinrichtungen und Ballungszentren. ABC-Waffen können den Aufmarsch am Konfliktschauplatz wesentlich verlangsamen bzw. behindern sowie Truppen (z. B. zum Schutz von Versorgungseinrichtungen und Ballungszentren) binden.

Schon ein möglicher Einsatz von ABC-Waffen auf dem Gefechtsfeld würde die solcherart bedrohten Kräfte zu umfangreichen Abwehr- und Schutzmaßnahmen zwingen. Das hätte eine wesentliche Herabsetzung ihrer Kampfkraft zur Folge. Auch durch Dekontaminationsmaßnahmen nach dem Einsatz von ABC-Waffen wären diese Kräfte zeitweilig nicht verfügbar. Eine weitere Folge wären massive Auswirkungen auf die Logistik und die Sanitätsversorgung.

Der Einsatz von ABC-Waffen, ja schon die Drohung damit, hätte auch nachhaltige Auswirkungen auf die Zivilbevölkerung. Deren Massenflucht sowie die Zerstörung oder Kontamination von wichtigen Teilen der zivilen Infrastruktur könnte wiederum militärische Operationen massiv beeinflussen, ebenso die erforderlichen Maßnahmen zum Schutz der Bevölkerung.

A-Bedrohung

Trotz einer gewissen Reduktion von strategischen und taktischen (substrategischen) A-Waffen existieren - weltweit gesehen - nach wie vor enorme Bestände, vor allem in den USA und in Russland. Beunruhigend ist auch die steigende Anzahl an Nationen, welche bereits im Besitz von Nuklearwaffen sind oder deren Besitz anstreben.

Grundsätzlich bedarf die Produktion von A-Waffen - neben einer entsprechenden industriellen Infrastruktur, die meist auf ein ziviles Nuklear-Programm aufbaut - großer technischer Kenntnisse und Fertigkeiten (Expertenwissen). Die erfolgreiche Herstellung einer A-Waffe ist demnach, trotz des oftmals gewaltigen finanziellen Aufwandes, nach wie vor für viele Staaten ohne Rückgriff auf ausländisches Wissen nicht bewältigbar.

Das verstärkt das Problem des "Brain drain": Staaten, die an der Schaffung eines eigenen Massenvernichtungspotentials interessiert sind, werben Wissenschafter und Techniker, die in früheren ABC-Waffenprogrammen vor allem der ehemaligen Sowjetunion tätig waren, gezielt an. Trotz der tristen sozialen und ökonomischen Bedingungen im heutigen Russland dürfte jedoch der gefürchtete Massenexodus russischer Spezialisten bis dato nicht stattgefunden haben; dies nicht zuletzt dank westlicher Kooperationsprogramme mit den einschlägigen russischen Forschungseinrichtungen.

Unwägbar - und deshalb umso bedrohlicher - ist aber auch die Gefahr der unkontrollierten Weitergabe taktischer (substrategischer) A-Waffen aus Beständen der ehemaligen Sowjetunion, denn diese unterliegen, anders als die strategischen A-Waffen, wesentlich geringeren Sicherungs- und Kontrollmaßnahmen. Insbesondere beim Transport von A-Waffen zur Instandsetzung oder zur Delaborierung (dem Unbrauchbarmachen) besteht ein erhöhtes Risiko, weil dabei nicht die gleichen Sicherheitsstandards gelten, wie bei der Lagerung der Waffen. Internationale Experten äußern ihre Besorgnis darüber, dass in Russland Hunderte Tonnen hochangereichertes Uran und waffenfähiges Plutonium mitunter nur unzureichend gesichert sind. Deren möglicher Diebstahl und allfällige Weitergabe an Staaten, die den Besitz von Kernwaffen anstreben, stellt eine nicht zu unterschätzende Gefahr dar.

Entwicklungstendenz: Der Entwicklungstrend im Bereich der A-Waffen geht derzeit in Richtung kleinerer Sprengkörper mit geringerer Sprengkraft bei gleichzeitig höherer Zielgenauigkeit und größerer Eindringtiefe.

B-Bedrohung

Immer mehr Nationen stehen im Verdacht, an offensiven B-Waffenprogrammen zu arbeiten. Nach verschiedenen Beurteilungen sind es mehr als zehn Staaten. Das Vorhandensein einer zivilen pharmazeutischen oder biochemischen Industrie erleichtert dabei den Aufbau nationaler B-Waffenprogramme.

Neue Forschungsergebnisse im Bereich der Biotechnologie können, neben ihren positiven Einsatzmöglichkeiten, zur Entwicklung und Herstellung biologischer Waffen missbraucht werden. Zudem läuft die Weiterentwicklung von B-Waffen oftmals unter dem Deckmantel der erlaubten "defensiven B-Waffenforschung zu Schutzzwecken".

Doch nicht nur der B-Waffeneinsatz auf dem Gefechtsfeld ist derzeit eine Gefahr, sondern auch eine mögliche verdeckte B-Kriegführung in der Vorphase eines militärischen Konfliktes, etwa zum gezielten Verbreiten von Krankheiten oder zum Ungenießbarmachen von Trinkwasser und Lebensmittelvorräten. B-Waffen eignen sich vor allem im Rahmen von verdeckten Aktionen in der Vorphase eines militärischen Konfliktes für subversive Zwecke. Möglich erscheint ein massiver Einsatz von biologischen Kampfstoffen gegen die Zivilbevölkerung in Ballungsräumen oder zur räumlich begrenzten Vernichtung der Ernährungsbasis (Fauna, Flora). Der offene B-Kampfstoffeinsatz könnte in Form eines direkten Angriffes im Zielgebiet oder eines indirekten Angriffes abseits des Zielgebietes durch großflächiges Absprühen aus Flugzeugen oder Abblasen aus Aerosolgeneratoren erfolgen.

Doch die effiziente Ausbringung von B-Kampfstoffen ist technisch anspruchsvoll und deshalb eine wesentliche Hürde für einen effizienten Einsatz. Biologische Kampfstoffe gibt es in flüssiger (sicherere Handhabung und einfachere Herstellung; schwierigere effiziente Ausbringung) oder fester, "staubartiger" Form (schwierigere Herstellung und riskanterer Umgang; einfachere effiziente Ausbringung). Ihre Verbreitung kann sowohl mittels selbstzerlegender Munition (z. B. Bomben, Bomblets, Granaten, Raketen) wie durch Absprühen aus Luftfahrzeugen oder unbemannten Flugkörpern (UAVs), aber auch durch Abblasen aus Aerosolgeneratoren erfolgen.

Entwicklungstendenz: Die Entwicklung im Bereich der B-Waffen läuft derzeit in Richtung genetisch modifizierter B-Kampfstoffe. Diese sollen vorbeugende Schutzmaßnahmen wie z. B. Impfungen wirkungslos machen.

C-Bedrohung

Die meisten jener Staaten, die über Massenvernichtungswaffen verfügen, besitzen vor allem C-Waffen oder arbeiten aktiv an der Schaffung eines C-Waffenpotentials. Nach derzeitigen Schätzungen arbeiten etwa zwei Dutzend Staaten aktiv an C-Waffenprogrammen.

1997 sind die Verifikationsmaßnahmen zur Implementierung der Chemiewaffenkonvention angelaufen. Seitdem haben 151 Staaten (Stand: März 2003) diesen Vertrag ratifiziert. Von den insgesamt 70 000 Tonnen der weltweit deklarierten C-Kampfstoffe wurden bislang allerdings nur knapp 7 000 Tonnen vernichtet. Beunruhigend ist vor allem die aufgrund der unzureichenden Finanzierung äußerst schleppende Vernichtung der (rund 40 000 Tonnen) C-Waffen in Russland. Sie wird wahrscheinlich nicht vor 2012 abgeschlossen sein.

Zudem haben manche Staaten im Nahen Osten, in Nordafrika als auch in Zentral- und Südostasien, bei denen ein C-Waffenpotential vermutet wird, die Chemiewaffenkonvention bisher nicht einmal unterzeichnet bzw. ratifiziert!

Ein weiteres Problem im B- und C-Bereich bildet der Transfer von "Dualuse"-Gütern. Diese dienen meist legitimen Zwecken in der Industrie, sie können jedoch auch zur Entwicklung, Herstellung oder Ausbringung von C-Kampfstoffen missbraucht werden.

Der Einsatz von C-Kampfstoffen erfolgt - je nach Einsatzzweck und Kampfstoff - entweder in flüchtiger oder sesshafter Form. Man unterscheidet unitäre Kampfstoffe (sind bereits fertig) und binäre Kampfstoffe (der fertige Kampfstoff entsteht erst beim Einsatz durch die Vermischung von zwei für sich relativ ungefährlichen Komponenten). Die Art der Ausbringung eines einzelnen Kampfstoffes oder eines Kampfstoffgemisches (z. B. Sarin/Cyclosarin; S-Lost/Lewisit) richtet sich nach taktischen und meteorologischen Überlegungen. Mögliche Einsatzmittel sind Handgranaten, Minen, Artilleriegeschosse, Raketen, Bomben, Sprühtanks, ballistische Flugkörper oder unbemannte Luftfahrzeuge.

Entwicklungstendenz: Die Tendenz der derzeitigen Forschung an neuen C-Kampfstoffen (v. a. Nervenkampfstoffe) geht hin zum Gebrauch von Vorläufersubstanzen (precursors), die nicht unter die deklarationspflichtigen Chemikalien der Chemiewaffenkonvention fallen.

Zusammenfassende Beurteilung

Nach wie vor sehen manche Staaten in ABC-Waffen ein geeignetes Mittel, um militärische Defizite im konventionellen Bereich auszugleichen oder politischen Forderungen massiv Nachdruck zu verleihen und damit eine Position der Stärke zu erlangen. Eine punktuelle Bedrohung bzw. die regional begrenzte Anwendung von ABC-Waffen in einem militärischen Konflikt kann daher trotz des Verbotes derartiger Waffen grundsätzlich nicht ausgeschlossen werden.

Ein Einsatz von ABC-Waffen in einem militärischen Konflikt in der unmittelbaren Nachbarschaft Österreichs ist zur Zeit äußerst unwahrscheinlich.

Bei Einsätzen österreichischer Soldaten in Konfliktregionen, in denen Massenvernichtungswaffen vorhanden sind oder vermutet werden, ist einer möglichen ABC-Bedrohung allerdings Rechnung zu tragen. Des Weiteren sind militärische Kräfte bei internationalen Operationen fallweise durch toxische Substanzen aus zivilen ABC-Gefahrenquellen (chemische Betriebe, Chemielagerstätten usw.) gefährdet.

Geeignete ABC-Schutz- und Vorsorgemaßnahmen sind daher ebenso unumgänglich wie eine effiziente ABC-Abwehr im Österreichischen Bundesheer. Um heutigen und zukünftigen Herausforderungen gerecht zu werden, sind sowohl eine profunde Ausbildung als auch eine moderne Ausrüstung unverzichtbar.

ABC-Bedrohung durch nichtstaatliche Akteure

Neben dem Bedrohungspotential durch staatliche Akteure existiert jedoch auch eine latente ABC-Bedrohung durch nichtstaatliche Akteure. Der terroristische Einsatz von C-Kampfstoffen in Japan in den Jahren 1994 und 1995 zeigt, dass Terroristen auch in Massenvernichtungswaffen ein Einsatzmittel ihrer Wahl sehen - und diese auch herstellen können. Spätestens seit den Anthrax-Attentaten in den USA 2002 wird diese Bedrohung auch von großen Teilen der Bevölkerung verstärkt wahrgenommen.

Ob mit den bereits erfolgten Terroranschlägen eine Hemmschwelle überschritten wurde und deren Einsatz nun wahrscheinlicher geworden ist, bleibt aber offen. Denn neben dem Willen, solche Mittel einzusetzen, muss der Terrorist diese Mittel auch haben und fähig sein, sie effizient auszubringen (insbesondere, wenn er dadurch massenhaft Menschen töten will).

Ein ernstes Problem sind auch die so genannten "Trittbrettfahrer". Bereits vor dem Auftauchen von Anthrax-Sporen in den USA mehrten sich weltweit Fälle, bei denen der Einsatz von ABC-Kampfmitteln angedroht wurde. Es wird zunehmend schwieriger, reale Drohungen von leeren zu unterscheiden. Viele ABC-Fachinformationen sind frei zugänglich (Fachbücher, Internet usw.), und deshalb können auch leere Drohungen durchaus authentisch wirken.

Es sollte jedenfalls bedacht werden: Der Einsatz von ABC-Waffen ist nicht nur in einem militärischen Konflikt möglich, ABC-Waffen können durchaus auch von Terroristen eingesetzt werden. Zweifellos stellt diese Form der asymmetrischen Bedrohung ein strategisches Mittel zur Destabilisierung von Staaten und deren Gesellschaften dar.

Potentielle Tätergruppen

Zu den terroristischen Vereinigungen mit dem Willen zum Einsatz von ABC-Waffen zählen vor allem ethnische bzw. fundamentalistischreligiöse sowie politisch motivierte Gruppierungen, aber auch Kleinstgruppen und Einzeltäter mit unterschiedlichen Motiven.

Terroristische Vereinigungen, die ein ABC-Potential anstreben und einen Einsatz von ABC-Waffen erfolgreich bewerkstelligen könnten, haben meist charismatische Führer, oftmals eine ideologische Ausrichtung gegen die westliche Wertegemeinschaft sowie eine vage, paranoide und apokalyptische Ideologie. Weitere Kennzeichen sind ihre hohe Risikobereitschaft beim Umgang mit ABC-Kampfstoffen als auch die Ignoranz der öffentlichen Meinung hinsichtlich der Folgen des Einsatzes von ABC-Waffen.

Inbesitznahme von ABC-Waffen

Ein Hauptproblem der Terroristen ist nach wie vor die Erlangung eines ABC-Potentials, denn die Entwicklung, Herstellung, Ausbringung usw. sind technisch und logistisch sehr komplex. So scheinen selbst enorm "reiche" Terrorgruppen die eigenständige Entwicklung von nuklearen Waffen noch nicht bewerkstelligen zu können. Eine "Terroristen-Atombombe" ist daher derzeit äußerst unwahrscheinlich. Möglich sind allerdings Anschläge bzw. Sabotageaktionen in und an nuklearen Einrichtungen (Kernkraftwerke, Wiederaufbereitungsanlagen, Zwischenlager usw.) zur großflächigen Freisetzung von Radioaktivität, ebenso "Schmutzige Bomben" (radioaktives Material wird durch konventionellen Sprengstoff verteilt). Die eigenständige Herstellung von B- oder C-Kampfstoffen durch Terroristen ist im Gegensatz dazu wesentlich einfacher als die Herstellung einer Atombombe - und damit auch viel wahrscheinlicher.

Ein effizienter und großflächiger Anschlag mit B- und C-Waffen ist aufgrund technischer Hürden nach wie vor eher unwahrscheinlich. Vielmehr ist hingegen von einem punktuellen, räumlich begrenzten Einsatz von B- und C-Kampfstoffen auszugehen.

Eine weitere Möglichkeit, an ABC-Waffen zu kommen, ist der Diebstahl aus einem Depot oder einer Forschungseinrichtung. Aufgrund der Sicherheitsstandards in ABC-Waffenlagern ist dies jedoch nur mit massiver Unterstützung durch Personal vor Ort möglich.

Aber auch ein staatliches Regime könnte Terroristen ABC-Waffen liefern bzw. technologische Entwicklungshilfe zu deren Herstellung geben. Dagegen sprechen aber sowohl die Gefahr eines massiven Vergeltungsschlages gegen dieses Regime (wenn die Unterstützung von Terroristen bekannt wird) als auch das Fehlen der unmittelbaren Kontrolle über die Terrororganisation.

Wahrscheinlicher ist die Androhung eines ABC-Waffeneinsatzes zur Erpressung (ohne dass die Terroristen wirklich über Massenvernichtungswaffen verfügen). Schon das könnte zu Panik und Hysterie unter der Bevölkerung führen und weitreichende Auswirkungen auf Staat und Wirtschaft haben.

Mögliche Ziele

Die Ziele für Terroranschläge lassen sich nur schwer einschränken. Sie sind meist von den Zielsetzungen und den vorhandenen Einsatzmitteln der Terroristen abhängig. Neben dem wahllosen Einsatz von ABC-Waffen zur Kontamination einer größeren Menschenmenge ist auch der gezielte Einsatz gegen Einzelpersonen des öffentlichen Lebens denkbar. Als mögliche Angriffsziele, vor allem für den Einsatz von B- und C-Waffen, gelten:

- Gebäude und Einrichtungen, wo mit einem Massenanfall von Opfern im Falle eines Anschlages zu rechnen ist (z. B. Flughäfen, Bahnhöfe, U-Bahnstationen, Hochhäuser, Sportstätten, Konzertsäle), - Einrichtungen mit Symbolcharakter bzw. von nationaler und internationaler politischer Bedeutung (z. B. staatliche Einrichtungen, internationale Organisationen, Gebäude multinationaler Konzerne), - Gebäude, wo umstrittene Produkte hergestellt werden, - der Sitz von Entscheidungsträgern, die umstrittene Projekte unterstützen.

Die Kontamination von Lebensmitteln oder von Trinkwasser mit biologischen Krankheitserregern bzw. kommerziellen Chemikalien ist gleichfalls möglich, ebenso die Freisetzung von Giftstoffen und Krankheitserregern zur Vernichtung landwirtschaftlicher Produkte oder des Viehbestandes.

Auch Sabotageaktionen in Lagerstätten von Chemikalien, chemischen Produktionsstätten oder anderen störfallgeneigten Betrieben sind Szenarien, die ähnliche Auswirkungen haben können, wie ein ABC-Waffeneinsatz. Die Ursache ist verschieden, aber die Wirkung ist ähnlich!

Einsatzmittel

Man kann davon ausgehen, dass Terroristen ABC-Waffen mit behelfsmäßigen Mitteln ausbringen werden. Die Art der Ausbringung beeinflusst jedoch die Wirkung der Kampfmittel erheblich. Deshalb zählt die Sicherstellung der effizienten Ausbringung nach wie vor zu den wesentlichsten Hürden bei einem "erfolgreichen" terroristischen Anschlag. Der Einsatz von dafür vorgesehenen Artillerie- und Raketensystemen oder gar Cruise Missiles ist zumeist an staatliche Unterstützung gebunden und nicht zuletzt aufgrund der leichten Nachvollziehbarkeit der Herkunft eher unwahrscheinlich.

Bei den improvisierten Ausbringungsmöglichkeiten sind in naher Zukunft insbesondere unbemannte Luftfahrzeuge (UAVs) ziviler Bauart zu berücksichtigen. Diese könnten mit relativ geringem Adaptierungsaufwand und technischen Kenntnissen in ziemlich präzise Einsatzmittel umgewandelt werden. Aufgrund ihres geringen Radarrückstrahlquerschnittes, ihrer geringen Geschwindigkeit und der niedrigen Flughöhe wären sie im Anflug nicht oder kaum aufklärbar. Ein ABC-Anschlag wäre damit aus größerer Entfernung möglich, ohne dass sich ein Terrorist dabei selbst exponiert.

Zusammenfassende Beurteilung

Die Gefahr terroristischer Anschläge mit ABC-Waffen (im weitesten Sinne) auf ausgewählte zivile oder militärische Einrichtungen ist latent vorhanden. Weder Zeitpunkt noch Ort sind dabei voraussehbar. Auch in Österreich können solche Anschläge daher nicht generell ausgeschlossen werden. Der Einsatz von ABC-Waffen durch nichtstaatliche Akteure in bzw. gegen Österreich ist allerdings ein Szenario mit derzeit geringer Wahrscheinlichkeit - hätte jedoch enorme Folgen.

Eine realistische Abschätzung der ABC-Bedrohung durch bestimmte Terrororganisationen sollte daher laufend u. a. auf der Basis folgender Parameter erfolgen:

- finanzielle Ressourcen der Terrororganisation; - Überwachung durch die Exekutive; - staatliches Umfeld ("Hilfestellung"); - Anzahl der Sympathisanten bzw. Mitglieder; - vorhandenes Knowhow innerhalb der terroristischen Vereinigung; - politischideologische Ausrichtung; - Gefahr der Aufdeckung bzw. existentielle Bedrohung durch staatliche Organe; - innere Organisation und Zusammenhalt; - Verankerung in der Gesellschaft; - Stellenwert der öffentlichen Meinung über die Organisation nach dem ABC-Einsatz.

Die Hauptlast der Verantwortung für Vorbeugung, Gegen- und Schutzmaßnahmen bei terroristischen ABC-Bedrohungen liegt eindeutig bei der zivilen Gewalt. Nichtsdestotrotz ist die Anforderung von militärischen Kräften zur Assistenz mit hoher Wahrscheinlichkeit zu erwarten. Bestimmte Waffengattungen und Einrichtungen, wie z. B. die ABC-Abwehrtruppe, Sanitätsdienste und militärische Labors, besitzen gerade für diese Szenarien besonderen Stellenwert. Sie wären auf eine dementsprechende Zusammenarbeit vermehrt vorzubereiten.

Die rasche Identifizierung von ABC-Kampfstoffen in ortsfesten und mobilen Labors, die Verfügbarkeit von Antidoten (Gegenmittel) und eine unverzügliche medizinische Behandlung können die Folgen eines ABC-Waffeneinsatzes bedeutend herabsetzen. Die Funktionsfähigkeit dieser Einrichtungen und die Sicherstellung der benötigten Mittel wären mit höchstem Nachdruck zu verfolgen.

Die im Rahmen der Assistenzleistung erfolgten "Anthrax"-Einsätze der ABC-Abwehrtruppe in Österreich haben bewiesen, dass militärische Mittel durchaus zivilen Nutzen aufweisen und sogar Vorbildwirkung haben können. Die Koordination und Kooperation der Einsatzkräfte sowie die zivilmilitärische Zusammenarbeit auf der Grundlage des Wehrgesetzes 2001, § 2 Abs. 1 lit. b haben sich bestens bewährt.

Eine hoch qualifizierte Ausbildung und ein weit gefasster Grundauftrag der österreichischen ABC-Abwehrtruppe, der die Bewältigung ziviler Gefahrenquellen einschließt, sind wesentliche Voraussetzungen für die erfolgreiche Auftragserfüllung.

Die ABC-Abwehrtruppe muss mit zivilen Stellen intensiv zusammenarbeiten. Sie muss aber auch modernst ausgerüstet sein, einschließlich der Mittel zu optimaler, kompatibler und störungsresistenter Kommunikation, denn: Gezielte Investitionen in die Streitkräfte bereits in Friedenszeiten sichern deren Einsatzbereitschaft. Einsatzbereite Streitkräfte haben möglicherweise eine höhere Abhaltewirkung gegen Terroranschläge - mit Sicherheit aber können sie deren Auswirkungen vermindern.

Katastrophen

Technische Katastrophen und Umweltkatastrophen müssen in keinem Zusammenhang mit militärischen Konflikten oder Terroranschlägen stehen. Dennoch drohen dabei neben materiellen Schäden auch ABC-Gefahren. Gerade die Bereiche Energiegewinnung, Industrie, Forschung, Weltraumfahrt sowie der Gütertransport bergen oftmals ABC-Gefahrenpotentiale in sich - gekennzeichnet durch geringste Vorwarnzeiten und hohe Eintrittswahrscheinlichkeiten. Schadensszenarien wie technische Katastrophen und Umweltkatastrophen werden zivile Einsatzorganisationen und Behörden oftmals nicht alleine bewältigen können. Insbesondere die ABC-Abwehrtruppe mit ihren technischen Geräten und Experten ist in solchen Fällen zur Assistenzleistung für zivile Behörden prädestiniert.

Die ABC-Abwehrkräfte des Österreichischen Bundesheeres haben sich auch dieser Herausforderung zu stellen - im Zusammenwirken mit nichtmilitärischen Stellen und Einsatzorganisationen, durch vorsorgliche Maßnahmen, vor allem aber durch die entsprechende Vorbereitung auf mögliche Einsätze.

Autor: Hauptmann Mag. Hermann Lampalzer, Jahrgang 1968. 1992 Ausmusterung zur ABC-Abwehrtruppe; dort in verschiedenen Kommandanten- und Lehrfunktionen tätig; 1994 Auslandseinsatz zur Chemiewaffenvernichtung im Rahmen von UNSCOM im Irak; 1998 bis 2000 Chemiewaffeninspektor bei der Organisation for the Prohibition of Chemical Weapons (OPCW) in Den Haag/Niederlande; ab 2000 im Referat ABC-Abwehr & Katastrophenhilfe in der Operationsabteilung des BMLV tätig; seit 2002 Verwendung im Büro für Sicherheitspolitik. Nebenberufliches Studium der Politikwissenschaft an der Universität Wien. Von Österreich als "qualified expert" zur OPCW sowie für den ABC-Waffen-Expertenstab der Europäischen Union eingemeldet.

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