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1938: Nicht alle schworen den Treueid

Die Übernahme von Soldaten der Ersten Republik in die Wehrmacht

Die Eingliederung des Bundesheeres in die Deutsche Wehrmacht brachte einigen vormals österreichischen Kadersoldaten Vorteile, vielen hingegen Nachteile, die - schon vor dem Krieg - bis zur Gefährdung ihrer Existenz reichten.

Der Ist-Stand des Bundesheeres betrug Anfang März 1938 rund 60 000 Mann, etwa ein Drittel davon waren Berufssoldaten. Als Mobilmachungsstärke waren 125 000 Soldaten vorgesehen.

Wirksame Hilfe gegen Deutschland war von keinem Staat zu erwarten. Trotzdem gab es im Bundesheer der Ersten Republik Persönlichkeiten, die die Ausgleichspolitik mit dem Deutschen Reich (Stichwort Juli-Abkommen 1936) ablehnten. Eine strikte Anti-Deutschland-Linie vertrat - entgegen der offiziellen Regierungspolitik - vor allem der Generalstabschef Feldmarschallleutnant Alfred Jansa. Nach dem so genannten Jansa-Plan sollte im Falle eines deutschen Angriffes das Land mit allen Mitteln verteidigt werden. Allerdings waren die entsprechenden Verteidigungsplanungen auf 1940 ausgerichtet und somit war die Schlagkraft des Bundesheeres 1938 personell wie materiell bei weitem nicht ausreichend.

Wie viele österreichische Offiziere tatsächlich gegen die Deutsche Wehrmacht gekämpft hätten, kann nur vermutet werden. Der auf Österreich geschworene Eid hätte allerdings mit Sicherheit selbst viele Sympathisanten des NS-Regimes - trotz persönlicher Vorbehalte - an Österreich gebunden.

Bundeskanzler Schuschnigg ordnete erst am 11. März 1938 die Mobilisierung des Bundesheeres an. Als danach die Abwehrmaßnahmen anliefen, waren sie durch politische Entscheidungen bereits überholt - und somit hinfällig.

Die Übernahme in die Wehrmacht

Die deutsche Führung erkannte bereits früh, dass mit dem Staatssekretär General der Infanterie Wilhelm Zehner und dem Generalstabschef Feldmarschallleutnant Alfred Jansa eine Zusammenarbeit auf militärischer Ebene nicht möglich war. So war es kein Zufall, dass Hitler beim Treffen mit Schuschnigg am 12. Februar 1938 (Berchtesgadener Abkommen) Änderungen an der Spitze des Bundesheeres durchsetzte. Anstelle von Jansa wurde so der pro-nationalsozialistische General Franz Böhme neuer Chef des Generalstabes. Jansa erlebte den Einmarsch bereits als Pensionist (später mit gekürzter Pension) und wurde danach nach Erfurt ausgewiesen.

Am 12. März 1938 waren die deutschen Truppen einmarschiert und am 13. März hatte Adolf Hitler verkündet: "Das Österreichische Bundesheer tritt als Bestandteil der Deutschen Wehrmacht mit dem heutigen Tag unter meinen Befehl." Eine Folge davon war die sofortige Pensionierung von General Wilhelm Zehner, der bereits mit dem Rücktritt der Regierung Schuschnigg seinen Posten als Staatssekretär für Landesverteidigung verloren hatte. Der am 13. März 1938 zum Generalmajor beförderte Maximilian de Angelis löste Zehner als Staatssekretär ab. Am 11. April 1938 kam Zehner in seiner Wohnung während einer GESTAPO-Aktion unter mysteriösen Umständen ums Leben.

Die Muff-Kommission

Der oben genannte Generalmajor de Angelis, Führer des 1936 gegründeten (illegalen) Nationalsozialistischen Soldatenringes (NSR), arbeitete auch in der für Personalfragen verantwortlichen Muff-Kommission. Benannt war diese nach ihrem Vorsitzenden, Generalleutnant Muff, vormals deutscher Militärattaché in Wien. Die Kommission

  • prüfte die österreichischen Offiziere und Militärbeamten auf militärische Tauglichkeit sowie - vor allem - auf deren politische Gesinnung und
  • veranlasste danach deren Übernahme in die Deutsche Wehrmacht bzw. deren Pensionierung.

Die Muff-Kommission hatte das Offiziers- und Beamtenkorps zu "säubern" und stützte sich dabei auch auf (illegal) angelegte Dossiers des Nationalsozialistischen Soldatenringes. Auf Vorschlag von Mitgliedern des NSR kam es zu Entlassungen innerhalb der österreichischen Militärelite. Soldaten, die den Eid auf den Führer verweigerten bzw. unter die Bestimmungen des "Arierparagraphen" fielen (z. B. Juden und so genannte Halbjuden), wurden sogar sofort entlassen - ohne Tätigwerden der Kommission.

Den Offizieren stand es offen, den Eid auf den Führer (siehe Kasten rechts) zu leisten. Dieser war bereits am 14. März 1938 von den Soldaten des Bundesheeres abzulegen. Eidverweigerer wurden jedoch unverzüglich entlassen und verloren damit in einer ohnedies schwierigen Zeit ihre berufliche Existenzgrundlage.

126 Berufssoldaten und Beamte legten den neuen Eid nicht ab, 123 davon waren nach den Nürnberger Rassengesetzen "Nichtarier". Generalmajor Rudolf Towarek, Kommandant der Militärakademie, verweigerte den Eid auf den Führer ebenso wie z. B. Oberleutnant Karl Serschen. Für beide endete damit ihre militärische Karriere.

Aus rassischen und politischen Gründen wurden bis Ende 1938 mindestens 238 Heeresangehörige und 440 Offiziere entlassen (letztere meist aus politischen Gründen).

Was sie am 14. März 1938 schworen

Der Treueid, der Soldaten allein auf die Person Adolf Hitler verpflichtete, hatte nichts mehr mit Österreich zu tun: "Ich schwöre bei Gott diesen heiligen Eid, dass ich dem Führer des Deutschen Reiches und Volkes, Adolf Hitler, dem Obersten Befehlshaber der Wehrmacht, unbedingten Gehorsam leisten und als tapferer Soldat bereit sein will, jederzeit für diesen Eid mein Leben einzusetzen." Zum Vergleich der Treueid der Ersten Republik: "Ich schwöre als Mann, als Bürger der Republik Österreich und als Soldat, dass ich zu jeder Zeit und an jedem Orte das Vaterland verteidigen, dass ich den von der Nationalversammlung und den Landtagen beschlossenen Gesetzen und den gesetzmäßigen Behörden, insbesondere der von der Nationalversammlung bestellten Regierung, Treue und Gehorsam leisten, dass ich alle Befehle meiner Vorgesetzten pünktlich und genau befolgen, allen ihren Weisungen gehorchen und im Interesse des Wohles und der Sicherheit meiner Mitbürger nach bestem Wissen und Gewissen mit allen meinen Kräften der Republik Österreich und dem österreichischen Volke dienen werde."

Deutliche Schlechterstellungen

Wie erging es nun den in die Wehrmacht übernommen Soldaten? Für sie ergaben sich teilweise erhebliche Nachteile bzw. dienstrechtliche Schlechterstellungen. Aufgrund des höheren Dienstalters der österreichischen Kaderangehörigen hätten diese vor dienstjüngeren Reichsdeutschen gereiht werden müssen. Besonders höherrangige Unteroffiziere, ältere Offiziere und Generalstabsoffiziere wurden aber - mit wenigen Ausnahmen - zurückgereiht. So wurden Stabsoffiziere meist nur auf Probe übernommen und viele österreichische Generalstabsoffiziere nicht in den deutschen Generalstab übergeführt. Dies bedeutete oft erhebliche Nachteile in der Besoldung und geringere militärische Aufstiegsmöglichkeiten Ein Beispiel für das Schicksal der nicht in den Generalstab der Deutschen Wehrmacht übernommenen österreichischen Generalstabsoffiziere ist Oberst dG Karl Peyerl. Dieser war österreichischer Militärattaché in Belgrad und zuvor Adjutant des Bundesministers für Heereswesen Carl Vaugoin gewesen. Peyerl wurde "nur" als Oberst im Truppendienst in die Deutsche Wehrmacht übernommen und im Laufe des Krieges nicht befördert.

Für ältere, vorwiegend noch von der k.u.k. Armee und dem Bundesheer der Ersten Republik geprägte Offiziere hatte man in der Wehrmacht (mit einigen Ausnahmen) nur bedingt Verwendung.

Die österreichischen Berufsunteroffiziere wurden - meist deutlich unter ihrem ehemaligen Rang - vorerst als Oberfeldwebel eingestuft.

Bei der Übernahme von Chargen und zeitverpflichteten Unteroffizieren ergaben sich ähnliche Probleme. Der österreichische Dienstgrad Gefreiter war z. B. mit dem gleich lautenden deutschen Rang nicht vergleichbar. In der ehemaligen Deutschen Wehrmacht war der Gefreitenrang eine Frage des Dienstalters, und man wurde vom Kommandanten dazu ernannt. Im Österreichischen Bundesheer hingegen hatten die Gefreiten so genannte, nur in begrenzter Zahl vorhandene Chargenplanstellen inne. Auf diese wurde man aufgrund der Leistung bzw. von Prüfungen vom Kommandanten des Truppenkörpers befördert. Der österreichische Gefreite war daher - militärisch gesehen - höherwertiger als der deutsche.

Neben der Unsicherheit, ob man weiter Verwendung in der Wehrmacht finden würde, änderten sich für die ehemaligen österreichischen Soldaten auch der Umgangston und die Umgangsformen. Die Muff-Kommission gliederte Personal aus, um und ein, aber auch der tägliche Umgang mit den neuen "reichsdeutschen Kameraden" stellte die ehemaligen Bundesheersoldaten vor unübersehbare Schwierigkeiten. Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften - egal welcher politischen Einstellung - berichteten einhellig von der Verschärfung des Tones im täglichen Dienst sowie über die rauere Behandlung durch die deutschen Kader.

Nach der Besetzung der österreichischen Garnisonen durch die Deutsche Wehrmacht waren zwar beide Seiten spürbar erleichtert, weil es zu keiner bewaffneten Auseinandersetzung gekommen war, Irritationen ergaben sich jedoch, weil die Wehrmacht die Lebensmittelvorräte einiger Garnisonen sofort abtransportierte: "Der nächste Morgen brachte uns Österreichern eine Riesenüberraschung: Unsere reich bestückte Kantine hatte fast nichts mehr zu verkaufen, weder Wurst noch Butter. Diese guten Sachen waren bereits verpackt auf dem Weg in das so genannte ‚Altreich‘ in die verschiedenen Heimatorte der deutschen Besatzungstruppen." berichtete z. B. Rudolf Miska, damals Zugsführer in Wels.

Unsicherheit machte sich auch bei den jungen, noch nicht ausgemusterten Offizieren breit. "Für uns stellte sich nun die Frage, wohin es ging? Früher war das kein Problem, Österreich war nicht so groß. […] Schon bei der Ausmusterung des Dritten Jahrganges merkten wir, wie die neuen Leutnante in ganz Deutschland - von Ostpreußen bis Bayern - zerstreut wurden. Die wenigsten kamen in das alte Ostmark-Gebiet." erinnerte sich der damalige Fähnrich Erich Zanzinger.

Am Beispiel eines Regimentes

Der Historiker Erwin Steinböck nennt bei der Beurteilung der Personalsituation des Flakregiments Kagran z. B. folgende Zahlen:

"Bis zum 2. Juni 1938 sind 189 zeitverpflichtete Soldaten freiwillig und unfreiwillig entlassen oder in geringer Zahl auch versetzt worden. Zum genannten Zeitpunkt waren noch 1 022 im Befehlsbereich. Von diesen wurden 24 Wehrmänner als Gefreite und 107 Gefreite als Gefreite oder Obergefreite übernommen, die letzteren also praktisch degradiert.

Von 88 Korporälen wurden 33, von 73 Zugsführern 62, von 40 Wachtmeistern zehn, von 15 Stabswachtmeistern acht, der einzige Offiziersstellvertreter und alle vier Vizeleutnante unter ihrem Rang eingestuft und damit praktisch ebenfalls degradiert.

35 Korporäle und 17 Zugsführer wurden als Gefreite oder Obergefreite übernommen!"

Gefragt: junge qualifizierte Offiziere

Im Gegensatz zu den älteren Offizieren förderte die Deutsche Wehrmacht die jungen, noch "formbaren" Offiziere. Leutnante und Oberleutnante konnten - dank ihrer längeren Ausbildungszeit gegenüber den gleichaltrigen reichsdeutschen Offizieren - bereits unmittelbar nach ihrer Übernahme in die Wehrmacht mit einer Beförderung rechnen. Die Wehrmacht brauchte diese jungen, qualifizierten, österreichischen Offiziere. Das zeigt das Beispiel des Hauptmanns Edwin Liwa: Getreu seinem österreichischen Fahneneid hatte Liwa als Kommandant einer Alarmabteilung auf dem Fernpass in Tirol am 12. März 1938 deutsche Truppen vom Einmarsch in Österreich abgehalten und erst auf Befehl seines vorgesetzten Kommandos die Stellung geräumt. Dieses Verhalten brachte ihm eine Anzeige bei der NSDAP und die vorläufige Dienstenthebung ein. Liwas Beurteilung durch die Deutsche Wehrmacht lautete: "38 Jahre alt, hat Hochschullager geleitet, war im Schuschnigg-Kurs für vaterländische Vorträge. Hat sich in diesem Sinne hundertprozentig eingesetzt, aber kein Verfolger des Deutschtums. Das Ergebnis der kommissionellen Untersuchung ist erheblich belastend: Schädigungsabsicht gegenüber Nationalsozialismus, Verächtlichmachung Deutschlands. Scharfe Prüfung nötig. […] Dienstlich weit über Durchschnitt, strebt Verwendung in Kraftfahr MG-Kompanie an. Nicht gebirgsgeübt, menschlich einwandfrei." Dennoch wurde er im November 1938 als Hauptmann übernommen und erreichte später, trotz seiner oppositionellen Haltung während des Einmarsches, den Rang eines Obersten.

Die Auswahlkriterien

Über das Personal und Material des ehemaligen Bundesheeres verfügte nach dem Einmarsch das Heeresgruppenkommando 5 (Wien) mit den Wehrkreisen XVII (Wien, zuständig für Ostösterreich) und XVIII (Salzburg, zuständig für Westösterreich). Die Muff-Kommission sollte, wie oben beschrieben, dafür sorgen, dass nur Personen in die Deutsche Wehrmacht überführt werden, die geeignet bzw. politisch korrekt erschienen. Unter der engagierten Mitarbeit ehemaliger österreichischer Offiziere und auf Basis von Denunzierungen wurden Argumente gesucht (und gefunden), um vermeintliche Regimegegner aber auch unliebsame Kameraden aus dem Militär zu entfernen. Die Muff-Kommission teilte z. B. die zu entfernenden Offiziere in drei Gruppen ein:

Gruppe I "Stark belastet":

Diese Gruppe wurde mit einem Uniformtrageverbot belegt und zur sofortigen Entlassung vorgeschlagen. Die Obersten dG Regele und Neugebauer waren z. B. in diese Kategorie eingestuft. Die Begründungen lauteten u. a.: "Ausgesprochener Günstling Vaugoins. Dadurch hochgekommen. Nach Gesinnung und ganzer Führung für Wehrmacht untragbar." und bei Regele: "Hat einen Kameraden wegen nationaler Äußerungen angezeigt. Wirkte als Militärattaché (Budapest) gegen die Interessen des deutschen Volkes (Muff fragen!). Für Wehrmacht untragbar." (Beide spielten beim Aufbau des Bundesheeres der Zweiten Republik eine gewichtige Rolle.) Alle Offiziere dieser Gruppe standen in Folge unter Beobachtung.

Gruppe II "Mittelmäßig belastetet":

Die Entlassung dieser Offiziere sollte grundsätzlich möglichst bald erfolgen. Dennoch wurde ihnen die Erlaubnis zum Tragen der österreichischen Uniform erteilt.

Von dieser Regelung waren u. a. der Generaltruppeninspektor des Bundesheeres, General der Infanterie Sigismund Schilhawsky, der Militärkommandant von Oberösterreich, Generalmajor Anton Kienbauer, sowie der Militärkommandant von Kärnten, Generalmajor Eduard Barger, betroffen; ebenso der spätere erste General des Bundesheeres der Zweiten Republik, Dr. Emil Liebitzky. Die Begründung für dessen Pensionierung lautete: "Hat seine Tätigkeit als Militärattaché in Rom in deutschfeindlichem Sinn ausgeübt. Auch von früher als Adjutant Vaugoins belastet. Für Wehrmacht nicht tragbar." (Auch Liebitzky spielte später beim Aufbau des Bundesheeres der Zweiten Republik eine wesentliche Rolle.) Dem letzten Generaltruppeninspektor des Bundesheeres, General der Infanterie Schilhawsky, sowie Generalmajor Eduard Barger, zuletzt Kommandant der 7. Division, und dem Kommandanten der Militärakademie, Towarek, wurde nach ihrer Pensionierung zumindest das Recht zum Tragen der ehemals österreichischen Uniform zugestanden. Ein zweifelhaftes Privileg, war doch ihre Stellung und ihr Einfluss verloren. Alle drei waren am 15. März 1938 zwangspensioniert worden.

Manche "Mittelmäßig Belastete" wurden in die Deutsche Wehrmacht übernommen bzw. zu einem fortgeschrittenen Zeitpunkt des Krieges reaktiviert (von den in diesem Kapitel namentlich genannten Offizieren jedoch kein einziger).

Gruppe III "Nicht oder nur wenig belastet":

Diese Offiziere waren mit 30. September 1938 zu pensionieren, durften die deutsche Uniform tragen und hatten eine z.V.-Stellung (das heißt, sie wurden "zur Verfügung" gehalten). Hauptsächlich betraf das Offiziere, die altersmäßig der Pensionierung nahe standen. Als Ersatz für die hohen Verluste während des Krieges wurden jedoch viele davon reaktiviert.

"Politisch Belastete" mussten gehen

Als "politisch belastet" galten grundsätzlich all jene Offiziere, die dem alten Regime treu ergeben und gegen den Nationalsozialismus eingestellt gewesen waren. Genaue Richtlinien für eine Beurteilung des Tatbestandes der "politischen Belastung" gab es nicht. Man verließ sich auf die Anzeigen einzelner Offiziere und des Nationalsozialistischen Soldatenringes. Oft standen dabei Rachegedanken im Vordergrund, aber auch persönliche Ressentiments.

Rund 50 Offiziere, die wegen nationalsozialistischer Betätigung aus dem Bundesheer verabschiedet worden waren, wurden wieder eingestellt. Mit 15. März 1938 wurden hingegen entlassen:

  • zwölf Generale;
  • neun Oberste;
  • 29 weitere Stabsoffiziere (Oberstleutnante und Majore);
  • fünf Hauptleute;
  • zwei Generalärzte;
  • zehn Oberst- und Oberstleutnantärzte.

Nicht in die Wehrmacht übernommen wurden u. a. insgesamt

  • 55 Prozent aller Generale,
  • 40 Prozent aller Obersten und
  • 14 Prozent der Dienstgrade Oberstleutnant bis Leutnant.

Des Weiteren erfolgten für die zwangspensionierten "politisch belasteten" Offiziere Pensionskürzungen zwischen 30 und 100 (!) Prozent - und damit verbunden eine Gefährdung ihrer Existenz.

Zwölf Offiziere wurden unmittelbar nach dem Einmarsch in Konzentrationslager verbracht, sieben davon überlebten die Lager nicht. Sechzehn Offiziere kamen in Gefängnisse und zahlreiche Soldaten aller Dienstgrade wurden in den Freitod getrieben.

Die "Säuberung" beim Anschluss und unmittelbar danach betraf mit Masse die österreichische militärische Führung. Diese sollte "geköpft" werden, um so einen etwaigen Widerstand gegen das neue Regime bereits im Keim zu ersticken.

Die Ausnahmen

Neben den vielen Pensionierungen erfolgten allerdings auch Beförderungen hoher österreichischer Offiziere.

So stieg etwa Feldmarschallleutnant Eugen Beyer im März 1938 zum Kommandierenden General im neu gebildeten XVIII. Armeekorps auf und Generalmajor Alexander Löhr wurde Generalleutnant sowie Kommandeur der Luftstreitkräfte in Österreich. Oberst de Angelis wurde Generalmajor und kurzzeitig Staatssekretär im (Anschluss-)Kabinett Seyß-Inquart. Oberst dG Lothar Rendulic - aufgrund seiner Mitgliedschaft in der Nationalsozialistischen Partei Österreichs 1936 zwangspensioniert - wurde reaktiviert und erreichte, ebenso wie Löhr, im Verlaufe des Krieges den Rang eines Generalobersten. Rendulic steht exemplarisch für die Praxis des neuen Regimes, dem Nationalsozialismus nahestehende Offiziere, die aufgrund ihrer politischen Einstellung aus dem Bundesheer ausscheiden mussten, wieder in die Streitkräfte aufzunehmen.

Vernichtung der österreichischen militärischen Identität

Die Ringstraßenparade der Deutschen Wehrmacht (mit Einheiten des ehemaligen Österreichischen Bundesheeres) am 15. März zeigte der Bevölkerung, was dem Heer bevorstand: die Auflösung sowie die personelle und materielle Eingliederung in die Wehrmacht. Zeitgleich mit dieser Parade wirkte bereits die erste große Pensionierungs- und Entlassungswelle. Damit sollte die österreichische militärische Identität vernichtet werden.

Nach der ersten personellen "Säuberung" des Bundesheeres im März 1938 begann unter dem Heeresgruppenkommando 5 (Wien) die organisatorische Umwandlung der bisherigen Verbände des Bundesheeres. Weitere Pensionierungswellen folgten vom Oktober 1938 bis Jänner 1939.

Bei der Besetzung von Kommandoposten der neu geschaffenen Wehrkreiskommanden XVII (Ostösterreich) und XVIII (Westösterreich) wurde darauf geachtet, dass ein Ausgleich zwischen Generälen aus dem "Altreich" und dem ehemaligen Bundesheer eingehalten wurde: Bis Jahresende 1938 waren von 1 415 "österreichischen" Offizieren nur noch 650 bei ihren ursprünglichen Verbänden.

Das Bundesheer als geschlossene Organisation hatte de facto aufgehört zu existieren: ein Bruch in der dreihundertjährigen Geschichte der österreichischen Armee.


Für TRUPPENDIENST bearbeiteter Auszug aus dem 2008 verfassten Beitrag des Autors "Die Übernahme von Offizieren, Unteroffizieren und Mannschaften des Bundesheeres in die Deutsche Wehrmacht im März 1938" in "Anschluss und Übernahme - militärische Aspekte des 12. März 1938", Heeresgeschichtliches Museum, Wien. Erhältlich über den Museumsshop des Heeresgeschichtlichen Museums.

Autor: Hauptmann Mag. phil. Peter Barthou, Jahrgang 1975. 1998 Ausmusterung zum Panzergrenadierbataillon 13, dort Verwendung als Zugskommandant, stellvertretender Kompaniekommandant und in Stabsfunktionen; Ausbildung zum Informationsoffizier und Presseoffizier; ab 2003 Projektoffizier in der Bundesheerreformkommission ÖBH 2010; ab 2004 Leiter Referat Information sowie Projektoffizier Referat Planung Management ÖBH 2010/BMLV; ab 2006 Projektoffizier im Heeresgeschichtlichen Museum; 2007 Sponsion zum Magister. phil. an der Universität Wien (Diplomstudium Geschichte), seit 2008 dienstzugeteilt zum BMLV/Führungsstab, Verwendung als Referent Militärhistorie.

Literatur und Quellen (Auszug):

Angetter, Daniela (2006), Gott schütze Österreich. Wilhelm Zehner 1883 - 1938. Portrait eines Soldaten. Wien.

Blasi, Walter (2002), General der Artillerie Ing. Dr. Emil Liebitzky - Österreichs "Heusinger"? Bonn.

Höbelt, Lothar (1989), Österreicher in der Deutschen Wehrmacht 1938 - 1945. In TRUPPENDIENST 5/1989, Wien.

Förster, Jürgen (2007), Die Wehrmacht im NS-Staat. Eine strukturgeschichtliche Analyse. München.

Jedlicka, Ludwig (1955), Ein Heer im Schatten der Parteien. Die militärpolitische Lage Österreichs 1918 - 1938. Graz, Köln.

Schausberger, Norbert (1978), Der Griff nach Österreich. Wien, München.

Schmidl, Erwin (1988), März 38. Der deutsche Einmarsch in Österreich. Wien.

Stein, Marcel (2002), Österreichs Generale im Deutschen Heer 1938 - 1945. Bissendorf.

Steinböck, Erwin (1988), Österreichs militärisches Potential im März 1938. Oldenburg.

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