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Tragtiere für Einsatzaufgaben der Zukunft

Das neue Tragtierzentrum der "Sechsten"

Die Technik verdrängte zwar die Pferde als Träger des Gefechtes, als Transportmittel im unwegsamen Gebirgsgelände konnten sie jedoch nie vollkommen ersetzt werden. Das neue Tragtierzentrum der 6. Jägerbrigade in Hochfilzen stellt die Transportunterstützung von Soldaten im Gebirge sicher - in Zukunft auch bei Auslandseinsätzen.

Friedensunterstützende Einsätze im Ausland sind aufgrund der gravierenden sicherheitspolitischen Veränderungen derzeit eine Hauptaufgabe der Einsatzverbände. Bewaffnete Konflikte - mit Beteiligung irregulärer Kräfte - finden häufig in Gebirgsregionen statt. Vor allem konventionell unterlegene Konfliktparteien nutzen schwieriges Gelände in asymmetrischer Kampfweise zum Vorteil gegenüber technisch überlegenen modernen Streitkräften. Zum Beispiel wurde der Krieg in Afghanistan über weite Strecken im Gebirge geführt. Auch auf dem Balkan, im Kaukasus und kürzlich wieder im Norden des Irak fanden zahlreiche Kämpfe in Gebirgslandschaften statt. Gebirgsregionen kommen deshalb auch als potenzielle Einsatzräume für militärische Einsätze der EU in Betracht.

Notwendige Fähigkeiten für Hochgebirgseinsätze

Im Bericht der Bundesheer-Reformkommission wurden für Inlands- und Auslandsaufgaben weitgehend einheitliche militärische Strukturen empfohlen, deren Parameter sich an den anspruchsvolleren Aufgaben des Auslandseinsatzes orientieren. Die Jägertruppe ist demnach besonders zum Kampf im bebauten und bewaldeten Gelände sowie im Gebirge zu befähigen. Der mögliche Einsatz in Hochgebirgsregionen zwingt zur teilweisen Spezialisierung. Verbände einer Jägerbrigade müssen - so verlangt es auch das militärstrategische Konzept des Bundesheeres - für Einsätze im Hochgebirge qualifiziert sein.

Zur Erreichung dieser zusätzlichen Spezialisierung für Gebirgseinsätze muss vorrangig die Fähigkeit zu hoher Beweglichkeit unter extremen Umfeldbedingungen gewährleistet sein bzw. geschaffen werden.

Entscheidend: Beweglichkeit im unwegsamen Gelände

Viele Gebirgsregionen der Welt sind weit geringer erschlossen als unsere Alpen. Bewegungen mit Fahrzeugen - selbst mit geländegängigen Militärfahrzeugen - und damit auch die Versorgung sind dort an wenige Verkehrswege gebunden. Abseits davon sind Transporte nur zu Fuß, mit Tragtieren oder mit Luftfahrzeugen möglich, wobei schlechtes Wetter - etwa Schneefall oder dichter Nebel - den Einsatz von Transporthubschraubern über längere Zeiträume verhindern kann.

In Afghanistan nutzten die Mujaheddin mit ihren Ponys die gebirgige, wüste Landschaft hauptsächlich für Hinterhalte und Überfälle. Tragtiere verschafften ihnen eine Beweglichkeit in schwierigem Gelände, die ihren "gepanzerten" Feinden versagt war. Doch nicht nur die Mujaheddin verwendeten in Afghanistan Pferde, auch Einheiten der US Special Forces benutzten Tragtiere zum Transport ihrer Ausrüstung.

Im Unterschied zum - eher statischen - klassischen Peacekeeping, wie etwa auf den Golan-Höhen, fordern Auslandseinsätze mit Aufträgen zur Überwachung großer Einsatzräume, wie z. B. im Kosovo, eine weit höhere Beweglichkeit. Das zeigen eigene Erfahrungen: Im Jahr 2001 brachen in der ehemaligen jugoslawischen Republik Mazedonien (FYROM) Kämpfe zwischen der albanischen und der slawisch-mazedonischen Volksgruppe aus. Bewaffnete Schmuggler versorgten irreguläre albanische Kämpfer mittels Tragtierkolonnen über das Sar Planina-Gebirge (ein Grenzgebirge im Dreiländereck Albanien - Kosovo - FYROM) mit Waffen und Munition, Nachtsichtgeräten, Scharfschützenoptiken und anderen Gütern.

Das österreichische Jägerbataillon (AUCON 4/KFOR) erhielt den Auftrag zur Überwachung des Grenzraumes gegen den illegalen Waffenschmuggel. Zum Beziehen des beinahe wegelosen Einsatzraumes mieteten die eingesetzten gepanzerten Jägerkompanien einheimische Tragtiere an, u. a. weil Hubschrauber aufgrund von Schlechtwetter und des Verbotes zum Anlanden auf "ungecheckten" Landeplätzen (Minengefahr) nicht eingesetzt werden durften.

Die Initiative, alle verfügbaren Transportmittel zur Steigerung der Beweglichkeit flexibel einzusetzen, war letztendlich der Schlüssel zu einem vielbeachteten Erfolg: Beiden gepanzerten Jägerkompanien gelang es, große Schmugglerkolonnen zu stellen - eine davon erst nach einem längeren Schusswechsel.

Die militärischen Aufgaben in den neuen Einsatzräumen erfordern vorrangig starke, hochbewegliche Infanteriekräfte - und diese Beweglichkeit muss mit geeigneten Transportmitteln hergestellt werden. Vor allem Einsätze gegen unkonventionell kämpfende Kräfte im Gebirge können nur mit überlegener Beweglichkeit und Flexibilität erfolgreich geführt werden. Bei der Gegenjagd im Gebirge bewähren sich deshalb auch - so anachronistisch das klingen mag - berittene Jägerzüge.

Verfügbarkeit und flexibler Einsatz geeigneter Transportmittel

Im Zweiten Weltkrieg führte vor allem die mangelnde Transportfähigkeit zum Scheitern der deutschen militärischen Operation im Kaukasusgebirge. Die Möglichkeiten, Hochgebirgstruppen beweglicher zu machen, sind

  • geländegängige Räderfahrzeuge verschiedener Größe,
  • spezielle Kettenfahrzeuge für verschneites Gelände (Überschneefahrzeuge),
  • Hubschrauber sowie
  • Tragtiere,

angepasst an die unterschiedlichen Geländearten, Wegeverhältnisse und Witterungsbedingungen. Tragtiere sind in schwierigem Gelände durch kein anderes Transportmittel ersetzbar - außer durch Menschen als Träger. Eine genaue Planung und eine flexible Transportorganisation müssen deshalb den jeweils optimalen Einsatz der verschiedenen Transportmittel sicherstellen.

Aufgrund ihrer besonderen Bedeutung wurde 1998 der Einsatz von Tragtieren in der US Army mit einer eigenen Vorschrift neu geregelt, in der auch auf die Unterstützung von Spezialoperationen durch Tragtiere besonders hingewiesen wird:

"The mission of animal pack transport systems is to extend or replace other transport means in the support of special operations missions (tactical or strategic). Animal transport systems can greatly increase mission success when hostile elements and conditions require the movement of combat troops and equipment by foot. The animal’s capabilities allow the unit to move quicker and with less personnel fatigue." (Pack Animals in Support of Special Operations, Initial Draft, March 1998.)

Tragtiere im Österreichischen Bundesheer

Die Aufstellung der Tragtierkompanie der damaligen 6. Gebirgsbrigade erfolgte 1957 in Landeck. Zwei weitere Tragtierkompanien entstanden in Saalfelden und in Spittal a. d. Drau. Ab 1972 wurden die Tragtierkompanien auf vier Tragtierstaffeln reduziert (Standorte Landeck, Lienz, Spittal a. d. Drau und Hochfilzen).

Die Tragtierstaffeln der 6. Jägerbrigade waren den Hochgebirgs-Jägerbataillonen 23, 24 und 26 zugeordnet. Die Pferde dienten außer für Transportaufgaben auch jahrelang für berittene Patrouillen bei der Grenzraumüberwachung im Burgenland.

Im Jahr 2007 wurden alle Tragtierstaffeln im Tragtierzentrum in Hochfilzen zusammengeführt. Dieses Zentrum ist ein Teil des Stabsbataillons der 6. Jägerbrigade.

Auftrag und Gliederung des Tragtierzentrums

Das Tragtierzentrum (TTZ) unterstützt die 6. Jägerbrigade (Gebirgsbrigade) sowie Sondereinsatzkräfte in unbefahrbarem, schwierigem Gelände beim Transport von Versorgungsgütern, Waffen, Gerät sowie von Soldaten, weiters dient es der Überwachung von Bewegungslinien und Räumen.

Zu den Besonderheiten der Gliederung des Tragtierzentrums zählen zusätzlich zum Norm-Organisationsplan einer Kompanie u. a.

  • der Futtermeister-Unteroffizier und der Beschlags- und Veterinär-Unteroffizier (Doppelfunktion; Anm.) in der Führungs- und Verwaltungsgruppe, sowie
  • der Beschlags- und Veterinär-Unteroffizier im Zugtrupp des Tragtierzuges.

Darüber hinaus muss das gesamte Kaderpersonal umfassende Kenntnisse über Trag- und Zugtiere haben.

Das Tragtierzentrum verfügt in Summe über 62 Tiere, davon sind

  • 27 Tragtiere im Tragtierzug,
  • 15 Pferde in der Aufzuchtgruppe (je fünf pro Jahrgang),
  • 5 auszubildende Pferde in der Remontengruppe (eine Remonte ist ein Pferd, das noch in Ausbildung ist) und
  • 15 Tragtiere als Lehrpferde in zwei Ausbildungsgruppen.

Tragtiere im Einsatz

Der Tragtierzug unterstützt in den Einsatzarten Angriff, Verteidigung, Verzögerung, Jagdkampf und Schutz den Transport von Versorgungsgütern, Waffen und Gerät. Zusätzlich unterstützen Tragtierzüge Spezialisten (Jagdkommando, Aufklärer, Fernmeldepersonal, Scharfschützen, …) und überwachen mit Reitergruppen Bewegungslinien und Räume.

Die Aufgaben bei Friedensunterstützenden Einsätzen im Ausland entsprechen den Aufgaben in den Einsatzarten. Die Organisation der Unterstützung ist in drei Varianten vorgesehen:

  • Ankauf von Tragtieren im Einsatzraum;
  • Anmietung von Tragtieren inklusive Tragtierführern im Einsatzraum;
  • Verwendung von Tragtieren aus Österreich.

Die günstigste Variante wird nach der Beurteilung des Einsatzortes, des Auftrages, des Personals, der Geheimhaltung, des Ausbildungsstandes der Tragtierführer, des veterinärmedizinischen Status, der Akklimatisierung, der Fütterungstechnik, der Transportkapazität, der Vorbereitungszeit und der zivil-militärischen Zusammenarbeit festgelegt.

Aufgrund der internationalen Ausrichtung des Tragtierzuges ist es darüber hinaus unumgänglich, eine Fachexpertise in der Verwendung alternativer Trag-, Reit- und Zugtiere (Esel, Maultier, Maulesel, Büffel, Kamel) aufzubauen, um Aufgaben in all den verschiedenen Klimazonen bewältigen zu können.

Zur Unterstützung von Hilfeleistungen gemäß Wehrgesetz § 2 Abs. 1 lit. c (Katastropheneinsatz) gelten Tragtiere nach wie vor als wertvolle Alternative zur Technik, z. B. wenn Straßen und Wege durch ein Hochwasser weggespült wurden. Zusätzlich sind Tragtiere für Unterstützungsleistungen im Rahmen der Ausbildung und bei der militärischen Öffentlichkeitsarbeit ein nicht wegzudenkendes Bindeglied zwischen Heer und Bevölkerung.

Für anspruchsvolle Auslandseinsätze wurde in der 6. Jägerbrigade eine Hochgebirgs-Jägerkompanie als Kaderpräsenzeinheit (KPE) aufgebaut. Zur Unterstützung der Auslandseinsätze werden im Tragtierzug Kadersoldaten der Kaderpräsenzeinheit im Umgang mit Tragtieren ausgebildet. Diese Soldaten können im Einsatzraum mit angemieteten Pferden oder alternativen Tragtieren Transporte durchführen bzw. Aufträge an angemietete Tragtierführer (mit eigenen Tragtieren) geben und diese überwachen.

Im Tragtierzentrum erfolgte 2008 für die Lehrgruppe Umfeldbedingungen der Lehrabteilung des Jagdkommandos erstmals ein Tragtierführer-Grundkurs. Das Ausbildungsschwergewicht und Ausbildungsziel war die Einsatzvorbereitung für einen anspruchsvollen Auslandseinsatz: einen Einsatz beritten mit Packpferd, einen Einsatz zum Ziehen von Lasten mit der Pulka (eine mit Stangen am Zugtier befestigte Gleitwanne) bzw. einen Trageinsatz. Die Soldaten der Lehrgruppe Umfeldbedingungen können nach dem Tragtierführer-Grundkurs u. a. selbstständig Tragtiere (ausschließlich Pferde) auswählen bzw. ankaufen. Sie beherrschen auch unkonventionelle Fütterungstechniken und sind für Erste-Hilfe-Maßnahmen am Pferd geschult.

Berittene Ordnungseinsätze bzw. das Trennen von Konfliktparteien wird seitens des Tragtierzentrums gleichfalls angedacht. Kaderfortbildungen zu diesen Themen werden 2008 im Rahmen der Reitausbildung erfolgen.

Was kann ein Tragtier leisten?

Die Tragtier-Haflinger des Österreichischen Bundesheeres tragen ca. 100 kg Nettolast bis zu 50 km pro Tag, abhängig vom Gelände, von der Tages- und Jahreszeit, der Kondition des Tieres und des Tragtierführers sowie von der Art bzw. des Volumens der Last. Die Tragtiere überwinden Steigungen bis zu 40 Prozent und bis zu 40 cm hohe Stufen ohne abzulasten, d. h. die Last verbleibt trotz der erheblichen Neigung auf dem Tier. Sie sind hochgebirgstauglich. (Im Zweiten Weltkrieg wurden Haflinger fallweise bis zu 4 500 m Seehöhe eingesetzt - eine Alternative zur Technik in extremen Höhen, die keiner weiteren Diskussion bedarf.) Im Trageinsatz verlastet werden ca. vier Kilometer Wegstrecke pro Stunde bewältigt, im Einsatz beritten inklusive Packpferd ca. zwölf Kilometer pro Stunde.

Mögliche Kostenersparnis

Das deutsche Heereskontingent von KFOR stellte im November 2002 einen Kostenvergleich zwischen Tragtier und Transporthubschrauber bezüglich des laufenden Tragtiereinsatzes bei den Observation Points "Alamo" und "Zitadelle" (auf 2 400 m Seehöhe) im Kosovo an.

Die Tragtiere transportierten in diesem Einsatz vom 16. August bis zum 6. November 13 300 kg Lasten - das entsprach einer Flugleistung von 34 Lifts. Die Berechnungen ergaben eine Kostenersparnis von 9 909.- Euro zugunsten der Tragtiere!

Ein Vergleich mit dem Hägglunds Bv 206 unterblieb, da beide Observation Points mit diesem Fahrzeug nicht erreichbar waren.

Auf einen Blick

Der Einsatz von Pferden und anderen Tragtieren zum Transport von Versorgungsgütern, Waffen und Gerät sowie von Spezialisten im Rahmen von Auslandsoperationen in wenig erschlossenen Gebirgsregionen ist eine verlässliche Alternative zur Technik und das macht diese Tiere unverzichtbar und unersetzlich. Nur eine hohe Beweglichkeit unter extremen Umfeldeinflüssen erhält im Gebirge die eigene Handlungsfreiheit!


Autoren: Brigadier Ernst Konzett, Jahrgang 1955. 1974 Jagdkommando-Grundkurs als Einjährig Freiwilliger; 1975 bis 1978 Offiziersausbildung an der Theresianischen Militärakademie. Ab 1979 Kommandant eines Jagdkommandozuges und eines Fernspähzuges, ab 1982 Kommandant der 1. Jägerkompanie des Jägerbataillons 23 (hochgebirgsbeweglich); ab 1988 verschiedene Stabsverwendungen. Ab 1996 Kommandant des Jägerbataillons 33 (Miliz) und ab 1999 Kommandant des Jägerbataillons 23 (hochgebirgsbeweglich) der 6. Jägerbrigade. Seit 2003 Kommandant der 6. Jägerbrigade. Auslandseinsätze als Kompaniekommandant auf Zypern (1987/88) und als Kommandant des gepanzerten Jägerbataillons AUCON 4/KFOR im Kosovo (2001). Der Autor leitete im Heeresbergführer-Ausbildungskader über 20 Jahre Gebirgskurse im In- und Ausland, ist staatlich geprüfter ziviler Bergführer, hat u. a. die Eigernordwand sowie schwierigste Berge in Südamerika und in Alaska bestiegen und sich besonders für die Neuausrichtung und Modernisierung der Gebirgstruppen des Bundesheeres eingesetzt.

Major Josef Hager, Jahrgang 1968. Nach Matura und Lehre als Schmied ab 1993 Präsenzdiener und Zeitsoldat bei der Tragtier-Ausbildungsstaffel in Hochfilzen. 1994 bis 1997 Theresianische Militärakademie, danach u. a. Kommandant der 1. Jägerkompanie des Jägerregimentes 9 und Wirtschaftsoffizier im Jägerregiment 9 bzw. Jägerbataillon 23; ab 2001 Kommandant der Betriebsversorgungsstelle des Militärkommandos Vorarlberg; seit 2007 Kommandant des Tragtierzentrums in Hochfilzen. Auslandseinsätze bei AUCON 4/KFOR (2001) und AUCON 1/SFOR/EUFOR (2004/05).

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